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Grundeinkommen

Was würdest Du arbeiten, wenn Du nicht musst?



Für manche mag es sich anfühlen, als existierte die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens schon immer, aber tatsächlich ist es ein ausgesprochen modernes Konzept. Zwar gab es früher bereits einige verwandte Vorschläge: Die britische Politikerin Juliet Rhys-Williams entwickelte 1942 das Modell der negativen Einkommensteuer, das der US-Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman 1962 weiter ausarbeitete – beide wollten damit jedem erwachsenen Menschen ein garantiertes monatliches Einkommen sichern. Doch in Fahrt kam die Diskussion erst zur Jahrtausendwende. Wie kam es dazu? Und wie ging es weiter? brand eins war von Anfang an dabei.

2000: Die Idee wird formuliert

Deutschland feiert immer neue Produktivitätsrekorde, der Automatisierungsgrad steigt, der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft schreitet unaufhaltsam voran – doch noch immer finden wir es normal, dass ein existenzsicherndes Einkommen an Lohnarbeit gekoppelt ist. Das ändert sich erst, als die Neue Wirtschaft die Bühne betritt: junge, digitale, wissensbasierte Unternehmen, in denen anders gearbeitet wird und die anders denken. Der Auftritt des Grundeinkommens geht damit einher.


Würden die 1,2 Billionen Mark an Sozialtransferleistungen, mit denen heute noch unter ungeheurem bürokratischen Aufwand vom Kindergeld bis zur Sozialhilfe alles staatlich verwaltet wird, einfach in Form eines Grundeinkommens ausgeschüttet werden, stünden jedem Bundesbürger, vom Baby bis zum Greis, 1220 Mark pro Monat zur Verfügung.“
Wolf Lotter & Matthias Spielkamp, 2000

2005: Die Relevanz nimmt zu

Einige Jahre dümpelt die Idee herum, sie ist ihrer Zeit so weit voraus wie die Szene, mit der sie erblüht. Doch dann betritt ein Befürworter des Grundeinkommens die Bühne, der wie kein anderer die Diskussion in Deutschland voranbringen sollte: Götz Werner, der Gründer der Drogeriekette DM.


Das Geld ist nicht das Problem – das Problem ist, dass wir Geld, also Einkommen, immer mit Arbeit koppeln. Die alten Griechen waren da weiter: Ein normaler Grieche hat nicht gearbeitet – dafür hatte er seine Sklaven. Und unsere Sklaven sind die Methoden und Maschinen, die es uns erlauben, immer mehr Güter herzustellen mit immer weniger Arbeit. Wenn aber die Menschen nicht mehr arbeiten müssen, weil Methoden und Maschinen das zu einem immer größeren Teil erledigen – dann müssen wir sie eben mit Einkommen versorgen.
Unternehmer Götz Werner im Interview, 2005

Im selben Jahr, in dem mit Götz Werner die, wie man heute sagt, humanistische Fraktion auftritt, die ein Grundeinkommen aus ethischen Gründen befürwortet, taucht auch einer der wichtigsten Vertreter der ökonomischen Fraktion auf, die im Grundeinkommen vor allem wirtschaftliche Vorteile sieht: der Ökonom Thomas Straubhaar.


Wir müssen überlegen, wie wir einen sozialen Fußboden einziehen, der klare und verbindliche Grundlagen schafft. Das müssen wir, weil wir kein Interesse daran haben können, dass sich das untere Drittel mit den restlichen zwei Dritteln der Gesellschaft in die Haare gerät. Der Fußboden heißt staatliches Grundeinkommen.
Ökonom Thomas Straubhaar im Interview, 2005

2008: Die Modelle in der Praxis

Dann geht es Schlag auf Schlag: Wie lässt sich ein Grundeinkommen finanzieren? Was würde es für Menschen mit geringen Einkommen bedeuten? Was sagt eigentlich die Politik dazu? brand eins stellt Fragen, ist immer dabei, immer vorneweg. Als in Namibia ein Grundeinkommen erstmals praktisch getestet wird, berichten wir natürlich darüber. Aus nächster Nähe, wie immer.


Der Geschäftsführer Gawaxab tut jede Menge dafür, dass das Grundeinkommen in Otjivero ein Erfolg wird. Gerade ist die Sonne untergegangen, ein paar Straßenlaternen tauchen die Sandwege der Siedlung in gelbes Licht und spiegeln sich in Pfützen. Gawaxab begibt sich auf seine monatliche Ermahnungstour: einmal durch alle acht Kneipen, für ein kurzes Gespräch mit jedem Gastwirt. Morgen wird wieder das Grundeinkommen ausgezahlt, und das Komitee möchte, dass die Shebeens nicht schon mittags anfangen, Schnaps auszuschenken. ‚Wir zwingen sie nicht. Wir reden nur mit ihnen‘, beteuert Gawaxab. Das allerdings in einem sehr bestimmten Ton: ‚Du hast doch davon gehört, dass morgen die Auszahlung ist und Alkohol erst abends verkauft werden soll?‘ Gawaxab trifft an diesem Abend auf keinen nennenswerten Widerstand.“
Asmus Heß, 2008 aus Namibia

2012: Die Volksabstimmung

2016 findet in der Schweiz eine Volksabstimmung über die Einführung eines Grundeinkommens statt. Die Grundsicherung für alle ist ein großes Thema in den Medien – endlich! Die Initiatoren der Volksabstimmung – Daniel Häni und Enno Schmidt – hatten wir allerdings schon vier Jahre zuvor besucht, als es bei ihnen gerade losging.


Hänis Frage „Was würden Sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?“ richtet sich an alle Schweizer, auch an jene, die 10.000 oder 50.000 Franken im Monat verdienen und für die sich durch ein Grundeinkommen nichts ändern würde. So jemand würde ja wegen 2500 Franken im Monat nicht aufhören zu arbeiten. Und was würden Daniel Häni und Enno Schmidt tun, wenn sie nichts tun müssten, weil für ihr Einkommen gesorgt wäre? „Das Gleiche wie bisher“, antwortet Häni. „Aber noch besser“, sagt Schmidt.
Andreas Molitor, 2012 aus Basel

2017: Alte Kritik und neue Visionen

Heute ist die Idee des Grundeinkommens aus dem gesellschaftlichen Diskurs über unsere Zukunft nicht mehr wegzudenken. Allerdings kreist die Kritik seit Jahren um die gleichen Argumente, Ideen und Befürchtungen. Dagegen passiert viel auf der Seite der Befürworter: Es finden weitere Probeläufe für ein Grundeinkommen statt, etwa in Finnland; es gibt sehr viel klarere Vorstellungen davon, wie sich ein Grundeinkommen finanzieren ließe. Es gibt sogar ganz neue Konzepte, wie wir mit dem Reichtum unserer Gesellschaft umgehen können. Und immer wieder nimmt die Diskussion überraschende Wendungen.

Mit dem Grundeinkommen und der Sharing Economy wäre die Basisversorgung gesichert, aber das alleine aktiviert die Menschen noch nicht – es würden ein Leistungsanreiz und Mitwirkungsmöglichkeiten fehlen. Deshalb schlage ich vor, zusätzlich eine Investitionsprämie auszahlen.

2018 – 20??: Ein Gedankenexperiment wird wahr?

Neugierig geworden? Es geht weiter. Was kommen wird, wissen wir zwar nicht. Aber alles, was bisher geschah, erfahren Sie in der ersten edition-Ausgabe zum Thema Grundeinkommen.