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Eine kapitalistische Utopie

Die Digitalisierung wird alles verändern. Kennen wir, wissen wir, haben wir schon gehört. Aber wie soll unsere Gesellschaft damit umgehen? Der Wissenschaftler Dirk Helbing hat dazu viele Ideen.




• Dirk Helbing ist kein Mann für kleine Gedanken. „Ich glaube, wir stehen vor einem fundamentalen gesellschaftlichen Umbruch, der schneller verlaufen wird als die industrielle Revolution“, fasst der 52-jährige Physiker und Soziologe seine Vision der Zukunft zusammen. „Wir werden eine allumfassende Transformation erleben, die sämtliche Bereiche des Lebens und unsere gesamte Gesellschaft grundlegend verändern wird. Damit wir das unbeschadet überstehen, brauchen wir sehr viele öffentliche Debatten über unsere gesellschaftlichen Optionen.“

Das mag für manche übertrieben klingen, doch der Wissenschaftler, der an der ETH Zürich als Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Computational Social Science arbeitet, ist ernster zu nehmen als viele Verkünder und Warner. Immerhin analysiert er seit mehr als 20 Jahren komplexe Systeme – und die menschliche Gesellschaft ist so ein System. Nur wird sie im politischen Alltag selten so gesehen. Da geht es meist um die Lösung von Detailproblemen – hier eine Verordnung, dort eine Förderung –, die nur leider oft nicht funktioniert. Vielleicht gerade deshalb: Die Welt besteht eben nicht nur aus Details, sondern auch aus ihren Beziehungen untereinander. Und wer die überblicken will, muss über viele Grenzen hinweg schauen.

Der 1965 in Aalen geborene Forscher war schon immer an beiden Bereichen der akademischen Welt interessiert, den Natur- und den Geisteswissenschaften. Er hat Physik studiert, nebenbei aber auch Mathematik, Soziologie und Psychologie. In seiner Diplomarbeit arbeitete er interdisziplinär und schuf ein neues Forschungsfeld: Fußgängerdynamik, die Untersuchung von Fußgängerströmen.

Dem fächerübergreifenden Ansatz ist er bis heute treu: Helbing hat Staubildung und Massenpaniken erforscht, in Dresden am Institut für Wirtschaft und Verkehr an neuen Ampelsteuerungs- und Verkehrsassistenz-Systemen gearbeitet, er hat die Fachgebiete Sozio- und Verkehrsphysik mit eta-bliert und sich mit Modellen der Meinungsbildung beschäftigt. Bei seiner aktuellen Forschung an der ETH Zürich geht es unter anderem um das Verständnis von Koordination, Kooperation und kollektiver Intelligenz.

Aber Helbing hat sich immer auch außerhalb der Hochschule engagiert. Am bekanntesten ist die FuturICT-Initiative, die er 2010 mit gründete: Fast 2000 Wissenschaftler aus rund 30 Ländern arbeiteten über mehrere Jahre in selbst organisierten Forschungsgruppen mit neuen Ansätzen wie Data Science und Computational Social Science an zentralen Zukunftsfragen. Das Projekt war gigantisch, die Grundidee aber einfach: „Wir verstehen das Weltall heute besser als das, was auf unserem Planeten passiert. Deshalb brauchen wir Forschungsprojekte, die uns helfen, unsere Gesellschaft besser zu verstehen.“

Die Gesellschaft. Das große Ganze. Helbing betrachtet sie als System, in dem Menschen, die frei handeln dürfen, eine Ordnung schaffen können, die jeder zentralen Steuerung weit überlegen ist. Die vernetzte Welt ist zu kompliziert geworden, um sie zu kontrollieren: „Unter bestimmten Umständen, wenn die Computer komplex genug sind und die Systeme einfach genug, mag eine zentralistische Organisation funktionieren. Aber schon bei der Ampelsteuerung einer Großstadt geht es nicht mehr ohne Vereinfachung. Denn schon da gibt es viel mehr Möglichkeiten, als ein Computer prüfen kann. Man arbeitet an dieser Stelle mit periodischen, sich wiederholenden Lösungen, die optimal für typische Verkehrssituationen funktionieren – die treten jedoch fast nie ein. Nicht periodische Lösungen dagegen, die auf aktuelle, tatsächliche Situationen flexibel reagieren, erwägt man nicht. Wir haben in Dresden deshalb eine Ampelsteuerung entwickelt, die sich lokal dem aktuellen Bedarf anpasst: Jetzt steuern die Verkehrsströme die Ampeln statt umgekehrt.“

Mit solchen Systemen ließe sich auch die menschliche Gemeinschaft organisieren, glaubt Dirk Helbing, und zwar nachhaltiger, effizienter und gerechter. Das klingt technokratisch? Es meint genau das Gegenteil.

Die Big-Data-Sammler aus dem Silicon Valley, meint Helbing, degradierten die Menschen zu Objekten ihrer Algorithmen. Sie haben aus Sicht des Forschers das höchste Maß an Kontrolle zum Ziel. Seine Bestrebungen gehen in eine ganz andere Richtung. Er will die Menschen ermuntern, den Raum und die Möglichkeiten der Digitalisierung selber zu nutzen. Seine Vision ist eine Gesellschaft, die dem Individuum den größtmöglichen Freiraum bietet.

Das passt ebenso zur freien Marktwirtschaft wie zur Grundidee der Demokratie. Und so sind seine hier folgenden Konzepte auch nur Vorschläge, Ansätze, Ideen, aber kein fertiges Regelwerk. Wie auch: Das würde Dirk Helbings Grundidee einer sich selbst steuernden Gemeinschaft komplett widersprechen.

1. Vom Konsumenten zum Produzenten

Traditionell ist die Welt in der Industriegesellschaft über Prozesse organisiert, die standardisiert erledigt werden können.

Darauf basieren unter anderem unsere Organisation der Arbeit und das Ausbildungssystem. Mit der neuen Automatisierungswelle kommen wir nun aber in eine Situation, in der intelligente Algorithmen und Maschinen alles übernehmen können, was nach einfachen, sich wiederholenden Mustern organisiert ist. Das heißt, wir müssen in vielen Jobs mit künstlicher Intelligenz und Robotern konkurrieren – und diesen Wettbewerb können wir nicht gewinnen. Zudem sorgen die Computer für starke Skaleneffekte: Wenn man mit einem Algorithmus tausend Nutzer versorgen kann, kann man mit geringem Mehraufwand oft eine Million Nutzer versorgen. Und man braucht dafür nicht unbedingt mehr Leute.

Das führt dazu, dass die Unternehmen in Zukunft nicht mehr so viele Jobs anbieten können, wie sie es bisher getan haben. Folglich werden viele Menschen gezwungen sein, selbst unternehmerisch tätig zu werden. Das bedeutet zunächst, dass sie sich überlegen müssen, wie sie in Zukunft für die Gesellschaft von Nutzen sein können. Sinnvollerweise werden sie sich dabei auf das konzentrieren, was Menschen besser können als Maschinen: kreative Prozesse, soziale Interaktionen, Pflege der Umwelt.

Sehr wichtig ist in diesem Zusammenhang die Wissensproduktion. In Zukunft werden die Bürger viel stärker an ihr beteiligt sein. Schon heute spricht man von Crowdsourcing, Open Innovation oder Fablabs – und das ist erst der Anfang. Forschung und Innovation werden nicht mehr allein auf wissenschaftliche Institute und Unternehmen beschränkt sein: Sie werden in der gesamten Gesellschaft stattfinden, was zu interessanteren Tätigkeiten für alle und einer wachsenden Welle von Innovationen führen wird.

Das ist auch dringend nötig, denn gerade bei der Digitalisierung entwickelt sich Innovation exponentiell. Und im Moment haben die USA im digitalen Bereich einen riesigen Vorsprung. Den können wir niemals einholen, wenn wir unsere Forschung nicht auf eine deutlich breitere Basis stellen. Deshalb brauchen wir Open Innovation und Citizen Science, also Bürgerwissenschaft, bei der alle mitmachen können.

Doch all das ist für viele Menschen nicht einfach, weil die Mehrheit von ihnen neben der Lohnarbeit bisher vor allem eine eher passive Rolle hatte: die der Konsumenten. Deshalb müssen wir die Menschen befähigen und unterstützen, neue Perspektiven zu entwickeln und neue Rollen zu finden.

2. Aufklärung und Befähigung

Wir brauchen dringend eine digitale Aufklärung. Das bedeutet nicht nur, dass wir transparenter informiert werden müssen, was gesellschaftlich und technisch gerade passiert, sondern auch, dass die Menschen in die Lage versetzt werden müssen, die Entwicklung mitzugestalten. Dafür werden wir eine bessere Ausbildung im digitalen Bereich brauchen, aber auch allgemeine Fähigkeiten fördern müssen, die man benötigt, um in unserer komplexen, globalen, digitalen Welt zurechtzukommen.

Also: Wie und wo finde ich die nötigen Informationen? Wie bewerte ich sie, wie schütze ich mich vor Fake News? Wie gehe ich mit sozialen Plattformen um, mit Cybermobbing oder Hate Speech? Wie nutze ich digitale Ressourcen? Wie erreiche ich, dass ich die Geräte kontrolliere statt umgekehrt? Dafür sind grundlegende Fähigkeiten nötig wie etwa Konzentration und kritisches Denken, damit man sich nicht von jeder Information und jedem digitalen Stups ablenken lässt.

Digitale Aufklärung beginnt am besten im Kindergarten. Ich habe vor Jahren in Japan in einem Technologiemuseum interaktive Videos gesehen. Die Kinder waren begeistert. Sie malten UFOs und Seeungeheuer aus, die dann eingescannt und in die Videos integriert wurden. Das hat sie natürlich fasziniert. Sie haben gelernt, dass sie Einfluss haben können auf das, was auf dem Bildschirm passiert – und wollten sicher nicht mehr Lokführer oder Koch werden. Auch in der Schule wird es in Zukunft weniger auf die Vermittlung von standardisiertem Wissen ankommen, denn das wird überall verfügbar sein. Wir müssen den jungen Menschen kritisches Denken beibringen, Kooperationsfähigkeit und Kreativität. Der Lehrer wird ein Coach sein, der den Kindern hilft, ihre besonderen Talente zu entwickeln und ihre Schwächen zu kompensieren.

Später wird es darum gehen, eigene Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Das kann die Entwicklung einer App sein, eines Bausteins für das Internet of Things, aber auch eine Tasse oder eine Vase, die man auf dem iPad designt und im Fablab der Schule mit dem 3-D-Drucker ausdruckt. Die Kinder werden lernen, dass man nicht mehr große Fabriken und viel Geld braucht, um etwas herzustellen. Das ist heute eine neue Situation, doch in Zukunft wird das zum Alltag gehören. Natürlich wäre es in diesem Zusammenhang auch sinnvoll, den Kindern beizubringen, wie sie ihre Produkte vertreiben und ein Unternehmen gründen können.

Für die Zukunft stelle ich mir vor, dass Städte und Gemeinden Fablabs und Makerspaces betreiben, so wie sie es heute mit Bürgertreffs oder Sportplätzen tun. Dort kann jeder basteln, aber auch von anderen lernen, wie man digitale Hilfsmittel und Maschinen nutzt. So etwas sollte es in jedem Viertel geben, das hätte auch Vorteile in Krisensituationen: Dann könn- ten Bürgerlabore erheblich bei der Krisenbewältigung helfen, vor allem wenn sie energieautonom sind. Das Prinzip wäre gewissermaßen: Helft euch selbst, dann hilft euch Gott.

3. Große Datenmengen freigeben

Im Gegensatz zur materiellen Wirtschaft, in der die Ressourcen begrenzt sind, ist die Basis der digitalen Welt beliebig oft reproduzierbar: Daten kann man so oft nutzen, wie man will, ohne dass sie dadurch an Wert verlieren. Im Gegenteil, es ist genau andersherum: Wenn wir Informationen teilen, werden sie wertvoller für uns. Doch um diesen Wert zu erschließen, müssen wir die digitale Welt anders organisieren als die materielle Welt.

Neue Jobs in der digitalen Ökonomie haben naturgemäß fast alle mit Daten zu tun, aber die heute öffentlich verfüg-baren Datenmengen sind winzig, damit lässt sich wenig Mehrwert erzeugen. Selbst in der Wissenschaft ist der Zugang zu Daten immer noch mühsam. Doch ab Mai 2018 gilt im Rahmen der Datenschutzgrundverordnung das Recht auf Datenportabilität. Das heißt, alle Bürger haben das Recht, persönliche Daten, die Unternehmen über sie gesammelt haben, einzufordern und zu nutzen.

Diese Daten könnten sie zum Beispiel auf eine Plattform ihrer Wahl laden, um so mit anderen eine Datenbasis zu schaffen, auf die alle Zugriff haben. Sie könnten auch weitere Informationen bereitstellen, etwa Daten aus dem Internet der Dinge. Mit der Zeit könnten wir so einen kollektiven Datenschatz erzeugen, gewissermaßen durch Crowdsourcing.

Die Alternative wäre, die Cyber-Giganten zu zwingen, die Daten, die sie über uns gesammelt haben, für jeden zu erschließen. Nach unterschiedlichen Schätzungen werden pro Person und pro Tag ein Megabyte oder sogar ein Gigabyte an Daten gesammelt – also zwischen einer Million und einer Milliarde Ziffern. Es braucht einen neuen Gesellschaftsvertrag, den man mit den Unternehmen aushandeln müsste. Die Voraussetzung dafür wäre öffentlicher Druck. Aber wenn ich mir ansehe, wie stark Facebook und Google momentan kritisiert werden, kann ich mir vorstellen, dass wir bereits auf dem Weg dahin sind.

Und schließlich bräuchten wir eine Software zum Management unserer persönlichen Daten. Wir bekämen die über uns gesammelten Daten automatisch in unsere Datenmailbox gesendet und könnten dort festlegen, wer welche Daten unter welchen Bedingungen wofür und wie lange verwenden darf. Ein digitaler Assistent könnte uns helfen, sie nach unseren Präferenzen zu verwalten: Zugriffe wären für uns transparent, Verstöße gegen unsere Vorgaben würden geahndet.

So entstünde eine digitale Vertrauensgesellschaft: Wer unser Vertrauen verdient hat, bekäme Zugang zu mehr Daten. Bei der wachsenden Datenflut wird man in Zukunft das meiste Geld ohnehin nicht mit Daten verdienen, sondern mit Data Analytics, das heißt mit Algorithmen, die Daten geschickt in Produkte und Services verwandeln.

4. Grundeinkommen, Sharing Economy und Investitionsprämie

Mit der Digitalisierung wird es nicht mehr genug Arbeit für alle geben, jedenfalls nicht so, wie wir sie heute kennen: fest angestellt im Vollzeitjob. Viele Menschen werden sich neu orientieren müssen, neu erfinden, und das können sie nur, wenn sie nicht die ganze Zeit ums Überleben kämpfen müssen. Deshalb brauchen wir eine existenzielle Absicherung, die allen den Rücken freihält und Raum zum Denken und Experimentieren lässt: ein Grundeinkommen.

Ich glaube aber, das allein reicht nicht. Zwei Dinge müssen hinzukommen. Zum einen die Sharing Economy, in der wir Sachen nicht mehr allein besitzen, sondern sie mit anderen teilen. Unser heutiges Gesellschaftssystem und unser Denken sind auf Akkumulation angelegt. Wir suchen Sicherheit und wollen deshalb unseren Besitz, unsere Ressourcen immer weiter vermehren. Doch dann sind unser Konto, unser Keller und Dachboden voll, ohne dass wir das alles wirklich nutzen.

In der Sharing Economy wären die Sachen da, wenn wir sie brauchen. Beispiel Auto: Man geht davon aus, dass mit 20 Prozent der heutigen Fahrzeugflotte alle Menschen mobil sein könnten, wenn wir sie in einem flexiblen Sharing-System nutzen würden. Die Vorteile liegen auf der Hand: eine erhebliche Einsparung von Rohstoffen, größere Nachhaltigkeit und mehr Komfort. Im Ergebnis wäre das billiger und bequemer. Und unsere Städte würden lebenswerter sein.

Mit dem Grundeinkommen und der Sharing Economy wäre die Basisversorgung gesichert, aber das allein aktiviert die Menschen noch nicht – es würden ein Leistungsanreiz und Mitwirkungsmöglichkeiten fehlen. Deshalb schlage ich vor, zusätzlich eine Investitionsprämie auszuzahlen. Die könnten die Empfänger nicht für sich ausgeben, sondern müssten sie an andere verteilen. Sie sollten sie in die besten Ideen und Technologien investieren oder in Projekte im sozialen oder Umweltbereich, in der Medizin, der Bildung oder auch in Nachbarschaftsprojekte: Bäume pflanzen, Straßen ausbessern, Schulen renovieren.

Dafür bräuchte es Plattformen, auf denen jeder seine Projekte vorstellen kann, vom Aufräumen eines Parks in der Nachbarschaft bis zur groß angelegten Entwicklung eines Medikaments. Jeder könnte seine Investitionsprämie für das einsetzen, was er für richtig und wichtig hält. Und wenn ein Projekt genug Geld bekommt, würde es realisiert. Nicht investiertes Geld würde dem System entzogen und in Zukunft wieder ausgezahlt. Es wäre eine Art Massen-Crowdfunding, das ich gerade auf der lokalen Ebene für sehr sinnvoll halte: Die Leute vor Ort wissen in der Regel am besten, was nötig ist.

In unserem heutigen Wirtschaftssystem entscheiden einige wenige Investoren über die Entwicklungen der Zukunft. Diese Menschen haben wenig Zeit, viele gute Ideen gehen verloren, und revolutionäre Business-Modelle, die alte Investitionen gefährden, werden behindert. So entwickelt sich mit der Zeit eine wirtschaftliche Monokultur, in der dringende Probleme ungelöst bleiben.

Die Investitionsprämie würde dieses System ergänzen: Entscheiden wir alle, was wichtig ist, wird das wahrschein-lich zu einer größeren Innovationsvielfalt führen und damit zu einer leistungsfähigeren und nachhaltigeren Wirtschaft. Es wäre ein demokratischer Kapitalismus – die perfekte Ehe zwischen Kapitalismus und Demokratie.

5. Daten besteuern oder die Zentralbank erneuern

Das alles kostet natürlich viel Geld – und das muss irgendwoher kommen. Eine Möglichkeit wäre, Daten zu besteuern. Die gelten heute als geldwerter Vorteil, auf dem das gesamte digitale Zeitalter basiert – sind aber steuerfrei! Mit diesen Einnahmen könnte der Staat die Informations-Infrastruktur für eine moderne digitale Gesellschaft schaffen. Insbesondere könnte er öffentliche Plattformen aufbauen, auf denen demokratische und ökonomische Partizipation stattfindet: also etwa Websites zur Verteilung der Investitionsprämien oder Foren, auf denen über politische Themen diskutiert und subsidiär entschieden wird, also so nahe an den betroffenen Menschen und Bereichen wie möglich. Es wäre eine digitale Version der Volksversammlung im antiken Griechenland.

Ich muss zugeben, dass eine staatliche Finanzierung über Steuern nicht die beste Lösung wäre. Aber Steuern sind ohnehin altes Denken! Wenn wir alles neu erfinden, können wir auch über ein neues Finanzsystem nachdenken. Es wäre zum Beispiel möglich, die Finanzierung über eine neue Zentralbank laufen zu lassen. Diese Zentralbank würde der Gemeinschaft gehören und das Geld erzeugen, das gebraucht würde, um das neue Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu betreiben. Das klingt zwar erst einmal abenteuerlich, ist aber heute im Prinzip nicht anders: Man geht davon aus, dass die Zentralbanken seit der Finanzkrise mehrere Billionen Dollar neues Geld geschaffen haben, um den Kapitalismus alter Prägung mehr schlecht als recht am Leben zu halten.

Die Umsetzung scheint aus heutiger Sicht schwierig, aber die Neuerungen müssten nicht zwangsläufig alle über Nacht kommen. Man könnte sie schrittweise auf den Weg bringen und Neues neben Altem wachsen lassen. Richtig aufgesetzt, könnte im Laufe der Zeit eine selbstverstärkende Eigendynamik entstehen.

6. Städte-Olympiaden

So weit, so gut. Aber der Handlungsbedarf ist dringend, denn wir stehen vor existenziellen Weltproblemen: Klimawandel, mangelnde Nachhaltigkeit, Konflikte und Kriege. Viele glauben, dass die Nationalstaaten nicht in der Lage sind, diese Probleme zu lösen, und die globalen Unternehmen sie auch nicht beseitigen werden – denn Probleme lösen und Geld verdienen sind zwei Paar Schuhe. So kam die Idee auf, dass wir einen dritten Weg brauchen, der sich auf Städte und Regionen stützt, die sich problem- und interessenorientiert weltweit vernetzen.

Alle zwei oder vier Jahre könnten Städte-Olympiaden einen sportlichen Wettbewerb um die besten Lösungen zu unseren Problemen entfachen, ganz im Sinne von „think global, act local“. Mögliche Disziplinen wären etwa nachhaltige Wirtschaft, Energieeffizienz, CO2-Reduktion, Krisenfestigkeit und friedliches Zusammenleben. An diesen Wettbewerben wären alle Bereiche der Gesellschaft beteiligt: Wissenschaftler und Ingenieure würden Forschungs- und Demonstrationsprojekte vorantreiben, Unternehmen neue Produkte entwickeln, die Politik die Bevölkerung mobilisieren, die Medien über Aktivitäten und Fortschritte berichten. So würden alle gesellschaftlichen Kräfte entfesselt, um unsere Probleme gemeinsam anzupacken und bessere Lösungen zu finden. Die Ideen stünden als Open Source und Creative Commons zur Verfügung, sodass sich jede Region die für sie am besten passende Lösung aussuchen kann. Und alle könnten sie kontinuierlich weiterentwickeln, was auch zusätzliche Chancen für neue Unternehmensgründungen böte.

Es heißt heute oft, wir müssten in Zukunft den Gürtel enger schnallen und auf vieles verzichten. Das halte ich für einen problematischen Weg, der zu Unzufriedenheit, Verteilungskämpfen und sozialen Verwerfungen führen wird. Ich glaube eher, dass nur Innovation uns retten kann. Aber wir müssen sie viel stärker fördern und auf eine breitere Basis stellen, damit sie schnellere und vielfältigere Ergebnisse liefert.

Diversität erzeugt Resilienz, die die Gesellschaft krisenfest macht. Im Moment sind wir weit davon entfernt. Sehr wenige Menschen entscheiden heute sehr viel – und das ist riskant. Ich glaube, mit einem Bottom-up-Ansatz, bei dem auch die Regionen und die Zivilgesellschaft ihre Potenziale voll entfalten können, kämen wir schneller voran. Er würde intelligentes Design mit Erfolgsprinzipien der Evolution – Experimentieren, gemeinsamem Lernen, Kooperation – verbinden, also das Beste mit dem Besten. Das wäre mit vielem vereinbar, was uns wichtig ist, mit Selbstbestimmung, Kreativität, Demokratie und Wettbewerb. Und vor allem würde es Spaß machen. //