Grundeinkommen

Arbeit finanziert einen guten Teil der öffentlichen Ausgaben. Was aber, wenn es immer weniger sozialversicherungspflichtige Jobs gibt? Dann brauchen wir ein Grundeinkommen und ein neues Steuersystem, sagt der Ökonom Thomas Straubhaar.





brand eins: Herr Straubhaar, im Jahr 2005 haben wir erstmals über das Grundeinkommen gesprochen, damals war es eher ein Minderheitenthema. Inzwischen wächst die Zustimmung, gerade auch in der Wirtschaft: Haben Sie eine Erklärung?

Thomas Straubhaar: Die Zustimmung wächst vor allem in Unternehmen, die nah an der Digitalisierung dran sind oder die von ihr leben. Denn dort gibt es keinen Zweifel darüber, dass Maschinen immer mehr Arbeit übernehmen und dass die Politik darauf reagieren muss.

Renommierte Wirtschaftsinstitute halten dagegen, dass jede Form der Automatisierung zu mehr Arbeitsplätzen geführt hat.

Das hätte ich bis vor ein, zwei Jahren auch gesagt. Und ich bin immer noch sicher, dass wir auch in Zukunft genug zu tun haben werden. Aber ich glaube nicht mehr, dass es sich dabei für die Massen um Beschäftigungsverhältnisse im herkömmlichen Sinn handeln wird, also 40 Stunden pro Woche, ein ganzes Leben lang.

Seit wann sind Sie unter die Schwarzseher gegangen?

Für mich ist das überhaupt kein Unglück, sondern im Gegenteil ein Riesenglück. Denn wir haben zum ersten Mal als Menschheit die Chance, Arbeit wirklich neu zu denken. Bei vielen Tätigkeiten sind Maschinen klüger, billiger, effektiver und fehlerfreier als der Mensch und sorgen so für gewaltige Produktivitätsfortschritte. Das sollten wir nutzen und uns vom großen Ziel der Industriegesellschaft verabschieden, um jeden Preis Beschäftigung zu generieren.

Und unseren Lebensunterhalt bezahlt dann der Roboter per Maschinensteuer?

Das halte ich für einen Irrweg. Denn eine Maschinensteuer bremst die Digitalisierung, statt sie zu beschleunigen. Wenn jede Maschine den Unternehmer zusätzliches Geld kostet, wird er sich ihren Einsatz überlegen. Und der vermeintlich gerettete Arbeitsplatz geht irgendwann zum Konkurrenten im Ausland, der konsequenter automatisiert hat. Die Idee der Maschinensteuer stammt aus einer Zeit, in der die Digitalisierung nur als Gefahr für Arbeitsplätze gesehen wurde – tatsächlich kann sie helfen, Arbeit menschlicher und gleichzeitig produktiver zu machen.

Ist das nicht Sozialromantik?

Keineswegs. Schon jetzt entlasten Maschinen den Menschen von schweren oder eintönigen Tätigkeiten, und vor allem machen sie ihn leistungsfähiger. Mein Paradebeispiel ist der Bauarbeiter, der eine Grube aushebt: Mit den Händen braucht er ewig, mit der Schaufel geht es etwas schneller – mit dem Bagger ratzfatz.

Und was ist mit seinem Lohn?

Aus der Produktivität leitet sich der Lohn ab, das ist ein Grundgesetz der Ökonomik. Die menschliche Arbeit an sich, also die rein körperliche Arbeit, ist wenig produktiv. Sie wird produktiver, wenn sie durch Maschinen oder – und immer wichtiger – durch Wissen verstärkt wird. Deshalb verdient der Baggerfahrer mehr als der Bauarbeiter und weniger als der Ingenieur.

Mehr Produktivität heißt aber auch: weniger Arbeitsplätze.

Zumindest weniger Arbeitsplätze, wie wir sie heute kennen. Wenn wir uns gleichzeitig dem Gedanken eines Grundeinkommens nähern, haben wir aber die Chance, Arbeit neu zu verteilen. Die sogenannte digitale Elite macht uns das schon vor und legt zum Beispiel nach Großprojekten eine längere Pause ein. Aber auch wer schwer körperlich arbeitet, muss das nicht zwangsläufig 40 Stunden pro Woche tun: Längere Erholungsphasen sind gut für die Motivation, aber auch für die Gesundheit. Zudem eröffnet weniger Erwerbsarbeit die Chance, dazuzulernen, sich um die Familie zu kümmern, sich zu engagieren oder einfach nur herumzuspinnen. Vielleicht kommt dabei ein großer Wurf heraus?

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