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Grafik mit dem Schriftzug "brand eins Agentur für Konstruktive Wirtschaft" in Weiß auf einem Hintergrund aus schrägen, rosa und weißen Streifen. Der Schriftzug ist in zwei Zeilen angeordnet und nimmt den Großteil des Bildes ein.

 30. April 2025 – Ausgabe 01 / Ist die De-Industrialisierung ein Problem – oder die Lösung?

Liebe Leserinnen, liebe Leser,  

Donald Trump scheint die alte Weltordnung zu sprengen, gleichzeitig verliert die deutsche Industrie an Boden und die alte Sicherheit schwindet. Und jetzt? Panzer bauen statt Autos. Oder gibt es bessere Ideen? 

Das Bild zeigt ein sich wiederholendes Muster aus rosa und weißen vertikalen Streifen. Die Streifen sind in einem diagonalen Muster angeordnet, wodurch ein visuell auffälliges und dynamisches Design entsteht. Das Bild ist im Hochformat gehalten, was die vertikale Ausrichtung der Streifen hervorhebt. Das Farbschema ist überwiegend rosa und weiß, wobei die rosa Streifen stärker hervortreten. Das Bild enthält keinen Text oder andere erkennbare Objekte, und die relativen Positionen der Streifen bleiben während des gesamten Musters gleich.

DIE LAGE IN VIER GRAFIKEN

Das Bild ist ein Liniendiagramm, das die Gesamtentwicklungen in Prozent (deutschsprachige Regionen) über die Zeit darstellt. Das Diagramm zeigt den Prozentsatz der Menschen in jeder Region von 1995 bis 2021. Die Regionen werden als Deutschland (deutschsprachige Länder), Italien, Österreich, Schweiz, USA, Frankfurt (UK) und andere Regionen bezeichnet. Das Diagramm ist farblich gekennzeichnet, um die verschiedenen Regionen darzustellen, wobei jede Farbe für eine bestimmte Region steht. Die Grafik trägt den Titel "Antell des Verarbeitenden Gewerbes an der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Prozent" (Antell des Verarbeitenden).
Das Bild ist ein Balkendiagramm mit dem Titel "Antell am Brutonlandsprodkt in Prozent", das die Zahl der Landwirte in verschiedenen Ländern zeigt. Das Diagramm hat einen farbcodierten Balken, der die Anzahl der Landwirte in jedem Land darstellt, wobei grüne Balken für höhere Zahlen und rote Balken für niedrigere Zahlen stehen. Die Grafik trägt den Titel "Dienstleistungen Industrie Landwirtschaft" und ist Teil der Reihe "Quelle: Statista".
Das Bild ist ein Balkendiagramm, das die US-Handselbänke in Billionen US-Dollar darstellt und die Handelsbilanz zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland im Zeitverlauf zeigt. Das Diagramm hat eine rote Linie, die den Export von Waren und Dienstleistungen zwischen den beiden Ländern darstellt, und eine grüne Linie, die den Import von Waren und Dienstleistungen darstellt. Die Grafik ist mit dem Titel "US-Handselbänzen in Milliarden US-Dollar" und den Untertiteln "Dienstellestungsexporte" und "Dienstellestungsimporte" beschriftet. Die Grafik umfasst auch die Jahre 1980-2010 und 2015-2020, die als horizontale Linien in der Grafik dargestellt sind. Die Grafik wurde vom Wall Street Journal / Commerce Department veröffentlicht.
Das Bild zeigt ein sich wiederholendes Muster aus rosa und weißen vertikalen Streifen. Die Streifen sind in einem diagonalen Muster angeordnet, wodurch ein visuell auffälliges und dynamisches Design entsteht. Das Bild ist im Hochformat gehalten, was die vertikale Ausrichtung der Streifen hervorhebt. Das Farbschema ist überwiegend rosa und weiß, wobei die rosa Streifen stärker hervortreten. Das Bild enthält keinen Text oder andere erkennbare Objekte, und die relativen Positionen der Streifen bleiben während des gesamten Musters gleich.

DAS INTERVIEW

Ein Gespräch zwischen Prof. Dr. Stephan A. Jansen und Gabriele Fischer, die Gründungspartner der brand eins Agentur für Konstruktive Wirtschaft (AKW).

Hat der US-Präsident mit seiner Zollpolitik das Ende der Globalisierung eingeläutet?
Nein. Zumindest die Globalisierung, wie wir sie uns insbesondere in Europa seit den 80er, 90er Jahre erzählt haben, ist schon lange vorbei.

Zwar stieg der Anteil des Welthandels am globalen Bruttoinlandsprodukt. Und im Jahr 2001 wurde China als Mitglied der Welthandelsorganisation aufgenommen und  sorgte nochmals – insbesondere auch für Deutschlands Industrie – für einen Wachstumseffekt. Aber der Handel ist nur eine Dimension der geoökonomischen Globalisierung1: So nahm die Globalisierung der Finanzmärkte nach der beginnenden Weltfinanzkrise bereits 2007 sehr deutlich ab. Und auch  die sogenannte geopolitische Einigkeit ging zurück: Chinas anfangs zurückhaltende Außenpolitik veränderte sich schon 2012 mit dem klaren Ziel einer neuen multipolaren Ordnung, unter anderem sichtbar beim Projekt Neue Seidenstraße. Darauf hatte bereits Trumps erste Regierung reagiert. Und nun wieder, mit dem protektionistischen Besteck früherer Jahrhunderte.

Damit ist die Globalisierung als harmonische Friedensidee – die eher eine chinesische wie auch europäische Idee war – wohl spätestens seit 2022 mit dem Angriffskrieg Russlands vorbei, und wir erleben eine geoökonomische Zeitenwende in eine sechste Globalisierungsphase2. Eine, die China strategisch wollte, und die Europa langsam zu verstehen beginnt.

 1 Siehe aktuell https://www.deloitte.com/de/de/issues/efficiency-resiliency/geoeconomic-dynamics-index-globalization.html

2  https://www.welt.de/wirtschaft/article160059914/Warum-Deutschland-sich-neu-erfinden-muss.html

Was ist neu an dieser sechsten Globalisierungsphase?

Amerika hat sich längst weg von der Industrie hin zu den „Magnificent Seven“ der Digitalisierung entwickelt  (Plattformen, Hochleistungs-Chips, generative künstliche Intelligenz) und China ist eben nicht mehr die verlängerte Werkbank des Westens. Außerdem spielen inzwischen die BRICS-Plus-Staaten im Welthandel eine immer wichtigere Rolle und sollten gerade von Europa ernster genommen werden.

Was bedeutet das für Deutschland? Die Globalisierung hat ja viel zu unserem Wohlstand beigetragen.

Deutsche Globalisierung funktionierte lange als  Einbahnstraße nach China und Amerika, man sah vor allem die Absatzmärkte, notgedrungen nutzte man die Länder auch als Produktionsstandorte. Die erste Irritation des Dreiecks USA, China, Europa kam durch die sogenannten Tigerstaaten (zunächst Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur) gemeinsam mit Japan in den 80er Jahren. In den Folgejahren kamen neue Tiger wie Thailand, Malaysia, Indonesien und die Philippinen. Heute ist – auch durch die stark erweiterten BRICS-Staaten unter anderem aktuell durch Indonesien – alles in Bewegung: Die G7 sind geoökonomisch Geschichte.

Inzwischen gibt es von Branche zu Branche und Unternehmen zu Unternehmen völlig verschiedene Strategien, mit dieser neuen Weltordnung umzugehen. So hat zum Beispiel BASF ein großes  Invest über bis zu zehn Milliarden Euro im chinesischen Guangdong beschlossen: Man will wohl vorbereitet sein, wenn China Taiwan agreift und gegenseitig Sanktionen wahrscheinlich werden. Gleichzeitig baut Sanofi seine Produktion in Europa weiter aus, Apple investiert verstärkt in den Heimatmarkt. Volvo, schwedisch-chinesischer Autohersteller, verlagert seine E-Auto-Produktion nach Belgien. Und Zeiss baut gerade seine Produktionsstandorte in Deutschland aus. Unternehmenswanderung ist die neue Völkerwanderung.

Das sieht ziemlich unübersichtlich aus.

Deshalb bin ich auch ein Befürworter des Lieferkettensorgfaltspflichtgesetzes – wir werden es brauchen, damit wir überhaupt wissen, mit wem man für wen, an welcher Stelle, mit welchen Risiken, was auf mittlere Frist produzieren kann. Das ist weniger nervende Bürokratie als vorsorgende Beschaffungs- und Produktionsplanung.

Mit der Begeisterung für dieses Gesetz bist Du ziemlich allein, aber – was folgt aus der Neuaufstellung des Welthandels?

Ich sehe zwei Effekte. Der erste: Wir werden zu einer verstärkten Nahversorgung kommen. Die Wertschöpfung zieht aus logistischen Gründen und zur Absicherung der Lieferketten wieder näher ran, siehe Zeiss oder Volvo. Aber, das zeigt eine aktuelle Umfrage des BDI, es gibt auch Nahversorgung im Ausland, indem man Unternehmen dorthin verlagert, zum Beispiel nach Indien. Und besonders auffällig ist der Umfrage zufolge, dass auch die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen mit umgezogen werden3. Laut der Umfrage haben 34 Prozent der Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern die Verlagerung von Forschung und Entwicklung  ins Ausland bereits vollzogen. Da bleibt dann kaum noch Wertschöpfung im Land.

3 https://bdi.eu/artikel/news/unternehmensumfrage-zum-innovationsstandort-deutschland-abwanderung-von-forschung-und-entwicklung-bedroht-wertschoepfung-der-zukunft

Und was ist der zweite Effekt, den Du siehst?

Die Fernbedienung über Rohstoffe. Diese Waffe hat China jetzt als Entgegnung auf Trump gezeigt: Wir nehmen genauso hohe Zölle wie ihr – und außerdem kriegst du von uns keine seltenen Erden mehr. Damit kommt eine zweite Währung in diese Globalisierung, die in jedem Fall stärker wirkt als das Leistungsbilanzdefizit. Denn Finanzen und Produkte kann man noch irgendwo anders herholen, Rohstoffe nicht. Deshalb ist die Ukraine doppelt unter Druck, denn sie soll nun auch an die USA für einen Frieden Rohstoffe abtreten. Generell zeichnet sich ab dass aus den Handelskonflikten auf der Welt zunehmend Rohstoffkonflikte werden. Und da hält China die Fernbedienung in der Hand, weil es nicht zuletzt durch die neue Seidenstraßenstrategie den Zugriff hat.

Trifft das alle Länder?

Rohstoffe sind in jedem Fall eine scharfe Waffe, auch gegen deutsche Pläne. So hatten Mercedes-Benz, Stellantis und Total Energies eine riesige Batteriefabrik in Kaiserslautern geplant. 2024 wurde das Projekt auf Eis gelegt, nach dem China verkündet hat, dass unter anderem Germanium – das man für die Halbleiter-Produktion braucht – nur noch unter starken Beschränkungen  exportiert werden darf. Diese Entwicklung ist für ganz Europa  misslich, weil wir für die Wettbewerbsfähigkeit und Dekarbonisierung im Rahmen des Clean Industrial Deal genau diese Rohstoffe brauchen, die China kontrolliert.

Können wir nicht Ersatzstoffe entwickeln?

Für mich sind das Methadonprogramme. Selbst wenn wir einen Zugang fänden, dauert die Entwicklung viel zu lange. Lufthansa zum Beispiel setzt für die Entwicklung von kostengünstigen E-Fuels für die Branche noch 20 Jahre an. Indien hat aber vor kurzem  840 Flugzeuge (bei Boeing und Airbus) bestellt, auch die Lufthansa hat 115 Maschinen auf der Bestellliste. Das ist der höchste Auftragsbestand, den es in der globalen Flugzeugindustrie je gab, und es ist nicht ausgemacht, wie sich Trumps Zollpolitik für Boeing auswirkt. Airbus jedenfalls muss sich mühen, all das neben Rüstungsprojekten zu  schaffen. Auf jeden Fall aber wird der Auftragsbestand verhindern, dass man in andere Formen des Fliegens, etwa Leichtbauweisen, investiert, weil sie erst mal die nächsten zehn Jahren die alten Maschinen ausliefern müssen. Fazit: Wir müssen unsere Mobilität und den Tourismus neu denken, statt alte Technologien mit Ersatzdrogen zum nächsten „High“ zu führen.

Wenn brummende Geschäfte eine Neuorientierung verhindern, könnte Trumps Zollpolitik helfen, den Schalter umzulegen.

Auf jeden Fall hat Trump einen Action-Call insbesondere für Europa gestartet, der nicht nur Volkswirte hochnervös macht. Und die Nervosität liegt eben nicht nur in den Märkten, sondern in den Metriken, also darin, wie wir Wirkungen von Geopolitik und Geoökonomie überhaupt messen. Wir leben in Koordinatensystemen des Lehrbuchwissen des 18., bestenfalls 20. Jahrhunderts.

Du meinst die Leistungsbilanzdefizite, bei denen Software nicht als Wirtschafts gut berücksichtig wird?

Die Leistungsbilanz-Debatte, die Trump so gern führt, ist populistisch und eher ein Zeichen der narzisstischen Kränkung, die seine Generation durch die Detroit-Deindustrialisierung erfahren hat. Nicht nur, weil man sich fragen muss, was schlecht daran ist, wenn man Produkte aus dem Ausland günstiger beziehen und nicht teurer im eigenen Land produzieren muss. Oder, wie man eine Reindustriealisierung der USA durch Zölle auf vollbeschäftigten und für die Industrie demotivierten Arbeitsmärkten schaffen will.

Sondern vor allem, weil die Leistungsbilanzen die digitalen Exporte nicht berücksichtigen. Durch die Plattformökonomie ist das gesamte Controlling verrutscht: Wir messen jetzt sozusagen permanent mit einem Fieberthermometer die Luftfeuchtigkeit4.

Für Volkswirte ist das bitter, weil es zeigt, dass das alte Lehrbuchwissen nicht mehr funktioniert. Was aber sicher ist: In der Plattformökonomie haben die USA einen Anteil von 86,8 Prozent; Asien-Pazifik hat 11 Prozent und Europa lediglich 2 Prozent5.

4 https://www.wsj.com/economy/trade/what-to-know-about-the-u-s-trade-imbalance-in-charts-79b25c0b?st=VxxFCp&reflink=desktopwebshare_permalink

5 https://www.faz.net/pro/digitalwirtschaft/plattformen/kuenstliche-intelligenz-treibt-den-wert-der-plattformen-auf-neue-hoechststaende-110203874.html

Ist das der Grund, warum wir so heftig für die Rettung der Industrie kämpfen?

Die EU-Kommission hat am 26. Februar den Clean Industrial Deal vorgelegt, bei dem es unterm Strich um klimaneutrale Investitionen in energieintensive Industrien geht – was allerdings auf lange Sicht dem Versuch gleichkommen könnte, eine Leiche erfolgreich zu reanimieren. Einerseits funktionieren bestimmte Geschäftsmodelle mit regenerativer Energie einfach nicht, das lässt sich mit Clean Tech nicht heilen. Und allgemeiner müssen wir uns fragen, ob Industrie wirklich unsere Zukunft ist, wenn alle anderen deindustrialisieren: Der Anteil des verabeitenden Gewerbes am Bruttoinlandsprodukt sinkt weltweit, in den USA liegt er eben wegen der Digitalisierung und den Big Techs bei nur noch rund 10, in Europa bei etwas über 15, in Deutschland um die 20 Prozent, China hat zwar noch knapp 30 Prozent, ist aber bereits in der Phase der Deindustrialisierung. Und ja, unsere Industrie hat Deutschland zum Exportweltmeister gemacht – ohne nennenswerte eigene Rohstoffe und fossile Energieträger, mit den höchsten Lohnkosten und mit abnehmenden Gewinnen. Ist das ein Zukunftsmodell in einer geopolitisch uneinigen Welt?

Und was ist mit den Arbeitsplätzen?

Das ist angesichts der Bevölkerungsentwicklung eben genau nicht mehr das Argument. Das war es noch Anfang des Jahrtausends zu Zeiten von Bundeskanzler Gerhard Schröder, heute sollten wir jede Kraft, die wir noch haben, für etwas Zukunftsträchtiges einsetzen. Sonst schauen wir zu, wie andere Länder reicher, älter und gesünder werden als wir, weil wir noch immer Autos mit geringen Margen verkaufen.

Das solltest Du keinen Gewerkschafter hören lassen.

Im Gegenteil, die sind längst weiter. Wir haben das gerade in der Automobilindustrie erlebt, die von der IG Metall hart rangenommen wurde: Ihr müsst euch jetzt maximal verändern, denn wir müssen die Arbeitsplätze in der Automobilindustrie retten – aber nicht, indem wir weiter Autos bauen. Die Industriegewerkschaften haben verstanden, worum es geht, und sie sind auch wichtig, wenn Deindustrialisierung gelingen soll6.

6 Siehe zur Kurzfassung hier.

Wir berichten in der aktuellen Ausgabe mit dem Schwerpunkt Arbeitsmarkt über Bochum, wo es offenbar gelungen ist. Und wenn es nicht gelingt, sagst Du, führt das geradewegs in den Rechtspopulismus?

Dafür gibt es viele Belege. Pirmasens zum Beispiel war das Zentrum der deutschen Schuhproduktion, die dort seit den 60iger Jahren schrumpft und bevorzugt nach Indonesien und Vietnam ausgelagert wurde – heute hat die Stadt eine AfD-Quote von 27,1 Prozents. Der Thatcherismus der 80er Jahre in Großbritannien ist ein neoliberaler, also harter Deindustrialisierungsprozess gewesen  – ohne staatliche Industriepolitik. Die Schäden sind bis heute sichtbar – bis zum rechtspopulistisch betriebenen Brexit. Und auch der Aufstieg Trumps ist ein Beleg: Die Deindustrialisierung in den USA war brutal, Detroit nur ein Beispiel von vielen. Und das ist einer der Gründe für den Siegeszug der MAGA-Republikaner. Es lohnt sich also, die Deindustrialisierung, um die wir nicht herumkommen werden, positiv zu gestalten.

Deutschland kann das schaffen. Denn wir haben es im Ruhrgebiet gezeigt. Und entscheidend dafür sind: Zeit, Geld und Würde – letzteres gern mit Hilfe der Gewerkschaften und des Förderalismus, der genauer vor Ort die Bedarfe abschätzen kann7.

7 Siehe zu einer Analyse hier Raphael, L. (2019). Jenseits von Kohle und Stahl: Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom. Berlin: Suhrkamp.

Aber was machen wir dann, wenn die Industrie nicht mehr die Zukunft ist und die digitalen Geschäftsmodelle fest in amerikanischer und ein wenig in chinesischer Hand sind?

Wir sollten nicht länger hinterherlaufen, sondern einen Sprung nach vorn machen. Es gibt nichts zu gewinnen, wenn wir nun auch noch in Chips, Batterien oder Large Language Models investieren – da landen wir bestenfalls im Mittelfeld, zumal ohne Energie, Rohstoffe und Datenräume. Aber wir waren immer gut in Fabriksteuerung, wir können produzieren, wir können skalieren – und wir können auch AI und haben sehr gute Forscher und Universitäten. Beides zusammen ergibt Industrial AI und Industrial Metaverse mit digitalen Zwillingen der analogen Industrie: Wir machen weiterhin Industrie, aber nicht mehr hier, sondern per Fernsteuerung dort, wo Energie und Arbeitsplätze billiger sind. Das sind Anwendungen, in denen wir in Deutschland, aber auch in Frankreich, zum Teil in Italien und Großbritannien gut bis sehr gut sind. Wir müssen nicht kopieren, sondern kooperieren und unsere Stärken ausbauen und in Spezialtechnologien gehen – Spezial-KI-Modelle, Spezial-Bauberatung, Spezial-Chemie. Damit haben wir auch in der Welt gute Chancen, denn China hat eine hohe Jugendarbeitslosigkeitsquote von 17 Prozent, ein Demografie-Problem, eine Immobilienkrise und massive Überkapazitäten – zumal jetzt in Zeiten des Handeskriegs. Und wenn sich die USA  vier Jahre gegen den Klimaschutz, die Energiewende und vieles weitere stellen, haben wir die Chance auf einen aufholenden Vorsprung.

Und wer baut die Panzer, die wir in einer zunehmend unfriedlichen Welt zur Verteidigung brauchen?

Brauchen wir die wirklich? Oder ist nicht zu befürchten, dass wir Unsummen in die Sicherheitstechnik des 20. Jahrhunderts investieren? Die Defense Advanced Research Projects Agency – kurz DARPA – des US-Pentagon jedenfalls, die seit 1958 und besonders in den 90er und 00er Jahren all die Big-Tech-Unternehmen hochgefahren hat, investiert in ganz andere Innovationen. Seit 2015 gibt es zusätzlich die Defense Innovation Unit (DIU) des Pentagon, die wiederum bestehende Technologien für militärische Anwendungen skaliert. Zum Beispiel Anduril Industries, das von Microsoft Augmented Reality Bildschirmtechnologie abgekauft hat und nun Cyber-War-Headsets entwickelt, oder Scale AI, die über Datenräume in Kriegsgebieten arbeiten und erkunden, welche Infrastruktur man wie und wann zerstören muss. Unterm Strich geht es um autonome Waffensysteme, um kreativ gestützte Entscheidungsprozesse in Kriegshandlungen und um Low-Tech-Anwendungen in der Drohnenindustrie.

In Deutschland und Europa aber, so fürchte ich, wollen wir erst einmal die Fabriken auslasten und schweres Gerät produzieren. Ein schönes Beispiel, wie schnell Militärtechnik veralten kann, wird  gerade vor den Küsten Taiwans demonstriert: Dort haben sich mehrere  Schiffe positioniert, mit einer wesentlichen Eigenschaft – sie können in bis zu 4000 Meter Tiefe Glasfaserkabel zerschneiden. Das ist nicht sonderlich aufwändig, könnte aber reichen, um Taiwan zu besiegen.

Wir haben über viele geopolititische und -ökonomische Herausforderungen gesprochen – wo könnte die neue Bundesregierung anfangen?

Inventur machen. Wie viele Fabriken haben wir noch, welche Fertigungskapazitäten, welche Fähigkeiten – und welche Infrastruktur brauchen wir für den nächsten Kapitalismus? Was wir nicht brauchen: Löhne runter, Umweltstandards senken, Fabriken wieder auslasten – damit haben wir in der internationalen Arbeitsteilung keine Chance. Übrigens würde bei einer solchen Inventur auffallen, dass wir nachholen müssen, was andere schon gemacht haben: Dänemark, Estland, ich schaue auch gerade nach Belgrad, einer der interessantesten Standort für IT-Entwicklung.

Nun wissen wir beide, bis die Bundesregierung arbeitsfähig ist, wird es noch dauern, und auch dann ist höchst unsicher, ob sie in die von Dir skizzierte Zukunft führen will. Was kann der oder die Einzelne tun, was mache ich als Unternehmerin, die vorankommen will?

Drei Ebenen analysieren: 
Erstens, makroökonomisch überlegen: Welche neuen Freihandelszonen werden welche Märkte erzeugen? Sind Thailand und Indonesien vielleicht interessanter als die chinesische Westküste? Mercosur, der gemeinsame südamerikanische Markt,  kommt, andere sicher deutlich schneller und vielleicht auch breiter als gedacht – wenn Trump bei seiner Zollpolitik bleibt und nicht auf die Finanzmärkte reagiert.

Zweitens, auf der Ebene des Geschäftsmodells: Was ist das Produkt und welchen Beitrag können digitale Zwillinge leisten? Wo findet in meinem Unternehmen die Wertschöpfung tatsächlich statt? Sollte ich meine Fertigung auslagern, schließen oder mich mit anderen zusammentun, um eine europäische Drehscheibe für Fertigungskapazitäten zu bauen?

Drittens auf der Ebene der eigenen Teams und Kompetenzen: Haben wir für eine neue Zeit die richtigen Fähigkeiten im Haus? Können wir Beschäftigte weiterbilden, umschulen oder brauchen wir neue Kräfte?

Und was werden die Märkte der Zukunft sein?

Die gibt es schon: Nach Überkonsum und Überproduktion wird es künftig um die wirklichen Bedürfnisse gehen – Gesundheit, Mobilität, Wohnen, Bildung, und für all das brauchen wir noch einen Planeten, auf dem wir Menschen leben können. Da geht es dann noch um Wasser und Ernährung, vielmehr ist es eigentlich nicht.

Das könnte ein schönes Zukunfts-Portfolio sein – aber ironischerweise sind das in der klassischen Ökonomie gar keine Geschäftsmodelle, sondern Gemeingüter – also Daseinsvorsorge und -versorgung –, bei denen oft nicht geklärt ist, ob sie staatlich oder privat bereitgestellt werden. Das bedeutet zweierlei: Wir müssen die Finanzierungs- und Eigentumslogik dieser neuen und oft auch digitalen Güter klären. Und wir müssen neue Formen der Finanzierung entwickeln, jenseits der alten und theoretisch wie politisch überholten Dichotomie von Keynesiasmus und Neoliberalismus.

Wenn ich das alles Revue passieren lasse, habe ich das Gefühl, wir können viel vom globalen Süden lernen: Dort wurden eben nicht unsere Bankautomaten gekauft und aufgestellt, sie haben die Software für Bankgeschäfte per Handy entwickelt.   

Genau. Wir sollten unsere Erfahrung und unsere Kompetenzen nutzen, um einen Sprung nach vorn zu machen, und den europäischen Reflex stoppen, alles nachzumachen. Die Bundesagentur für Sprung-Innovationen, bei deren Gründung ich mitwirken durfte, hat im neuen Koalitionsvertrag eine Bestätigung gefunden. Aber Sprunginnovationen sind eben nicht die naheliegenden, sondern die übernächsten Innovationen. Also die Lösungen für Probleme, die aus den nächsten Lösungen kommen. Für das Hier und Jetzt Health Tech, bei Clean Tech oder auch bei der Entwicklung des  Industrial Metaverse die richtigen Weichen stellen, sind wir schon vorbereitet, wenn China oder andere Regionen mit der demografischen Entwicklung und Deindustrialisierung zu kämpfen haben. --

Beispiele für Lösungen werden wir künftig hier sammeln – und wenn Sie nach diesem Interview Gesprächsbedarf haben, sehen wir uns am 1. Mai um 16.30 Uhr:

Teilnehmen

Unter wissenschaftlicher Mitarbeit von Paul Sauter und der Unterstützung von Jens Bergmann und Katja Ploch.

Das Bild zeigt ein sich wiederholendes Muster aus rosa und weißen vertikalen Streifen. Die Streifen sind in einem diagonalen Muster angeordnet, wodurch ein visuell auffälliges und dynamisches Design entsteht. Das Bild ist im Hochformat gehalten, was die vertikale Ausrichtung der Streifen hervorhebt. Das Farbschema ist überwiegend rosa und weiß, wobei die rosa Streifen stärker hervortreten. Das Bild enthält keinen Text oder andere erkennbare Objekte, und die relativen Positionen der Streifen bleiben während des gesamten Musters gleich.

GLOSSAR

BRICS-Staaten
Die BRICS-Staaten sind ein Zusammenschluss der aufstrebenden Volkswirtschaften Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, die sich jährlich zur Abstimmung ihrer Wirtschaftspolitik treffen. Seit 2024/2025 wurde das informelle Bündnis um Ägypten, Äthiopien, Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate sowie Indonesien erweitert. Die BRICS-Staaten repräsentieren knapp 40 Prozent der weltweiten Wirtschaft.

Clean Industrial Deal (EU)
Strategie der EU-Kommission, die Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit unter einem gemeinsamen Wachstumsziel vereint und den Übergang zu einer nachhaltigen Industrie beschleunigen soll.
Hier direkt zum Papier vom 26.02.2025

DARPA & DIU
DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency) ist die Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums, die für die Förderung von basistechnologischen Innovationen verantwortlich ist. Auf die DARPA gehen eine Reihe von weltweit relevanten Entwicklungen zurück, darunter das Internet, Wettersatelliten, GPS, Drohnen oder Impfstoffe (www.darpa.mil).

DIU (Defense Innovation Unit) hingegen fördert seit 2015 die Skalierung bestehender Technologien zur militärischen Anwendung durch Zusammenarbeit von Pentagon und Start Ups (www.diu.mil).

ReArm Europe-Plan
Verschiedene Maßnahmen der Europäischen Union mit einem vorläufigen Volumen von rund 800 Milliarden Euro, das die Rüstungsindustrie stärken und die gemeinsame Verteidigungsfähigkeit ausbauen soll.
Informationen zu Struktur und Volumen hier.

Industrial Metaverse
Das Industrial Metaverse ist ein digitales Abbild ganzer Industriesysteme, das mit der realen Welt verbunden ist und Interaktionen sowie Simulationen in Echtzeit ermöglicht. Es nutzt Technologien wie digitale Zwillinge, künstliche Intelligenz und virtuelle Realität, um industrielle Prozesse effizienter und nachhaltiger zu gestalten.

Magnificent Seven
Die „Glorreichen Sieben“ sind die großen US-Technologiekonzerne Apple, Microsoft, Alphabet (Google), Amazon, Meta (Facebook), Nvidia (Prozessoren und Chips) und Tesla. Sie gelten als besonders einflussreich an den Börsen und seit der zweiten Trump Administration auch in der Politik und prägten durch ihre Innovationen die aktuelle globale Digitalwirtschaft.

Neue Seidenstraße Chinas
Die 2013 verabschiedete Neue-Seidenstraßen-Initiative (Belt and Road Initiative) ist ein weltweites Infrastruktur- und Investitionsprogramm Chinas, das Rohstoffstrategien (seltene Erden), Handelswege und wirtschaftliche Beziehungen zwischen Asien, Afrika und Europa stärken soll. Ziel ist es, Chinas Einfluss global auszubauen und neue Märkte zu erschließen.

Thatcherismus & Detroit (Beispiele nicht-gelingender De-Industrialisierung)
Der Thatcherismus steht für neoliberale Politik unter Margaret Thatcher in Großbritannien, zwischen 1979 und 1990, die zu einem starken Rückgang der Industrie und sozialen Problemen in untergehenden Branchen wie dem Bergbau führte. Detroit gilt als Symbol für das Scheitern der De-Industrialisierung in den USA, da der industriepolitisch ungesteuerte Niedergang der Autoindustrie ab den 70iger Jahren dort zu massiver Arbeitslosigkeit und Verfall führte.

Das Bild zeigt ein sich wiederholendes Muster aus rosa und weißen vertikalen Streifen. Die Streifen sind in einem diagonalen Muster angeordnet, wodurch ein visuell auffälliges und dynamisches Design entsteht. Das Bild ist im Hochformat gehalten, was die vertikale Ausrichtung der Streifen hervorhebt. Das Farbschema ist überwiegend rosa und weiß, wobei die rosa Streifen stärker hervortreten. Das Bild enthält keinen Text oder andere erkennbare Objekte, und die relativen Positionen der Streifen bleiben während des gesamten Musters gleich.

WEITERE ANALYSEN, KRITIKEN & WISSENSCHAFT

Bücher

Strangleman, T., Linkon, S. L., High, S., Clarke, J., & Berger, S. (Eds.). (2025). Routledge. 

Warum die AKW das interessant findet:

Weil der Ende April erschienene Sammelband die globalen, sozialen und politischen Dimensionen der Deindustrialisierung in ihrer ganzen Tiefe sichtbar macht.

Was genau analysiert wird:

Zusammengetragen werden interdisziplinäre Perspektiven zu Ursachen, Folgen und gesellschaftlichen Reaktionen auf industrielle Rückgänge.

Was ist die Empfehlung:

Empfohlen wird, Deindustrialisierung nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell und sozialpolitisch zu verstehen und zu gestalten.

Der Sammelband Routledge International Handbook of Deindustrialization Studies bietet einen umfassenden Überblick über das interdisziplinäre Forschungsfeld der Deindustrialisierung, das sich seit den 1980er-Jahren als Reaktion auf den weltweiten Rückgang von Industrie- und Fertigungsarbeit entwickelt hat. Führende Wissenschaftler:innen aus zahlreichen Ländern und Disziplinen – darunter Geschichte, Soziologie, Politik, Geografie, Wirtschaft, Anthropologie, Kultur- und Medienwissenschaft – analysieren darin die Ursachen, Auswirkungen und politischen Konsequenzen der Deindustrialisierung. Der Band zeigt, wie der industrielle Niedergang mit aktuellen politischen Entwicklungen verknüpft ist – etwa dem Aufstieg populistischer Bewegungen in Europa, Trumpismus in den USA oder dem Brexit. Das Werk hebt den interdisziplinären Charakter des Feldes hervor und macht deutlich, dass Deindustrialisierung ein zentrales Thema für das Verständnis heutiger wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und kultureller Umbrüche ist.

Zum Buch

 Raphael, L. (2019). Suhrkamp 

Warum die AKW das interessant findet:

Weil das Buch zeigt, wie gesellschaftlicher Wandel und wirtschaftliche Transformation nach dem industriellen Boom neue Perspektiven für eine konstruktive Wirtschaft eröffnen.

Was genau analysiert wird:

Analysiert wird die gesellschaftliche Entwicklung Westeuropas seit dem Ende der klassischen Industrieepoche mit Fokus auf soziale, kulturelle und wirtschaftliche Veränderungen.

Was ist die Empfehlung:

Die Empfehlung lautet, gesellschaftliche und wirtschaftliche Transformationsprozesse aktiv und konstruktiv zu gestalten, um nachhaltigen Fortschritt zu ermöglichen – und dabei auf Gewerkschaften und Föderalismus zu setzen, was gerade nicht en vogue ist.

Lutz Raphael beleuchtet in seinem Buch die tiefgreifenden sozialen Umwälzungen in Großbritannien, Frankreich und Deutschland seit den 1970er-Jahren – ausgelöst durch den Niedergang klassischer Industrien wie Bergbau, Stahl oder Textil. Im Fokus steht dabei die Industriearbeiterschaft, deren Alltag sich unter dem Druck von Produktivitätssteigerung, technologischem Wandel und Globalisierung radikal veränderte. Der Industriesektor verlor an Gewicht, ganze Berufsbilder verschwanden, neue Dienstleistungsjobs traten an ihre Stelle – oft schlechter bezahlt, unsicherer, aber nicht ohne Chancen. Besonders stark ist das Buch dort, wo es zeigt, wie unterschiedlich Gesellschaften mit diesem Wandel umgingen: Großbritannien setzte auf harten Bruch, Deutschland und Frankreich auf schrittweisen Rückbau mit sozialstaatlicher Absicherung. Raphael arbeitet dabei einen Dreischritt für eine gelingende Deindustrialisierung heraus: Zeit, um Veränderungen verdaubar zu machen; Geld, um Übergänge abzufedern; und Würde, um auch in der Transformation soziale Anerkennung zu sichern. Industrie verschwand nie völlig – sie wandelte sich. Doch wer sich nicht mit den sozialen Folgen auseinandersetzt, riskiert politische Entfremdung. Das Buch liefert ein eindrucksvolles Plädoyer für eine Erinnerungspolitik, die soziale Erfahrungen nicht marginalisiert, sondern ernst nimmt – auch als Grundlage für eine zukunftsfähige Transformationspolitik.

Appolloni, A., Kumar, V., Kuzmin, E., & Akberdina, V. (Eds.). (2024). Springer Nature.  

Warum die AKW das interessant findet:

Weil Industrie 5.0 den Menschen in den Mittelpunkt der digitalen Transformation stellt – ein zukunftsweisender Ansatz für nachhaltige Industrie.

Was genau analysiert wird:

Beleuchtet wird die human-zentrierte Industrieentwicklung anhand vielfältiger internationaler Fallbeispiele.

Was ist die Empfehlung:

Empfohlen wird, Digitalisierung mit sozialer Verantwortung und ökologischer Nachhaltigkeit zu verknüpfen.

Das Buch „The Future of Industry: Human-Centric Approaches in Digital Transformation“ beleuchtet, wie digitale Technologien im Sinne der Industrie 5.0 weitergedacht werden können. Im Unterschied zur reinen Automatisierung der Industrie 4.0 stellt Industrie 5.0 den Menschen in den Mittelpunkt technologischer Entwicklung. Ziel ist es, wirtschaftlichen Fortschritt mit sozialer Verantwortung und ökologischer Nachhaltigkeit zu verbinden. Der Sammelband bietet einen interdisziplinären Überblick über aktuelle Forschung und Praxisbeispiele – von neuen digitalen Geschäftsmodellen über den Wandel industrieller Wertschöpfung bis hin zu Bildung, Humankapital und regionalen Entwicklungsstrategien. Besonders anschaulich wird dies im Kapitel über Detroit, in dem Irina Turgel und Aleksandr Pobedin zeigen, wie gezielte Digitalisierung die industrielle Basis einer krisengeprägten Stadt erneuern kann. Am Beispiel der einst geschwächten Automobilstadt wird deutlich, dass Digitalisierung nicht nur Effizienz steigert, sondern auch urbane Erneuerung ermöglicht – wenn Infrastruktur, Weiterbildung und strategische Stadtentwicklung zusammenwirken.

Positionen der Wirtschaftsforschungsinstitute

Fratzscher, M. (2023, Januar 10). Handelsblatt.  

Warum die AKW das interessant findet:

Weil Fratzschers Analyse zeigt, dass Deindustrialisierung kein akutes Schreckgespenst ist, sondern eine Herausforderung, die mit entschlossener Transformation begegnet werden kann.

Was genau analysiert wird:

Untersucht wird die Widerstandsfähigkeit und Spezialisierung deutscher Unternehmen angesichts globaler Krisen und struktureller Veränderungen.

Was ist die Empfehlung:

Die Empfehlung lautet, jetzt in Digitalisierung und ökologische Erneuerung zu investieren und dabei staatliche Unterstützung als Katalysator zu nutzen.

Industrie am Wendepunkt: Transformation statt Alarmismus Marcel Fratzscher sieht in der aktuellen Lage keine akute Deindustrialisierung, warnt jedoch vor den langfristigen Folgen einer verschlafenen Transformation. Trotz globaler Krisen zeigen sich deutsche Unternehmen stabil, spezialisiert und wettbewerbsfähig. Doch ohne entschlossene Schritte in Richtung Digitalisierung und ökologische Erneuerung droht in zehn bis fünfzehn Jahren ein realer Bedeutungsverlust. Investitionen in die eigene Zukunft seien jetzt entscheidend – auch unterstützt durch passende staatliche Rahmenbedingungen.

Zum Kommentar

Hüther, M., Bialek, S., Schaffranka, C., Schnitzer, M., & Müller, S. (2023). ifo Schnelldienst, 76(03), 1–30. ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München. 

Warum die AKW das interessant findet:

Weil die Studie den Begriff Deindustrialisierung differenziert betrachtet und den aktuellen Wandel als gestaltbaren Strukturwandel versteht.

Was genau analysiert wird:

Analysiert werden die Auswirkungen der Energiekrise auf verschiedene Industriesektoren und die politischen Handlungsbedarfe.

Was ist die Empfehlung:

Empfohlen wird eine aktive Politik zur Förderung energieeffizienter Produktion, digitaler Infrastruktur und Fachkräftesicherung.

Strukturwandel statt Schockstarre: Deutsche Industrie im Umbruch Die Energiekrise hat die Diskussion über Deindustrialisierung neu entfacht – doch die ifo-Studie mahnt zur Differenzierung. Der Anstieg der Energiepreise betrifft nur wenige, sehr gasintensive Produkte mit geringer Wertschöpfung, viele davon sind zudem importierbar. Eine breite Deindustrialisierung droht daher nicht. Vielmehr handelt es sich um einen beschleunigten Strukturwandel, der ohnehin bevorstand. Der Wandel sei beherrschbar – vorausgesetzt, die Politik schafft verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen, Innovationen und Umschulungen. Ziel müsse sein, energieeffiziente Produktion zu stärken und den Standort durch Digitalisierung, Fachkräftesicherung und Infrastrukturausbau zukunftsfähig zu machen.

Zum PDF

Digitale & Grüne Industrie

Turgel, I., & Pobedin, A. (2024). In A. Appolloni, V. Kumar, E. Kuzmin, & V. Akberdina (Eds.), The future of industry (pp. 219–231). Springer. 

Warum die AKW das interessant findet:

Weil das Beispiel Detroit zeigt, wie digitale Strategien gezielt zur Reindustrialisierung städtischer Räume beitragen können.

Was genau analysiert wird:

Untersucht wird, wie gezielte Digitalisierung Arbeitsplätze schafft und urbane industrielle Strukturen erneuert.

Was ist die Empfehlung:

Die Empfehlung ist, Städte durch strategische Digitalisierung, Bildung und Infrastruktur gezielt zu industriellen Zentren weiterzuentwickeln.

Detroit und die Rückkehr der Industrie: Wie Digitalisierung zur urbanen Erneuerung beiträgt Das Kapitel „Industrial Digitalization as a Driver of City Reindustrialization: Evidence from Detroit“ von Irina Turgel und Aleksandr Pobedin untersucht, wie digitale Technologien gezielt zur wirtschaftlichen Wiederbelebung städtischer Industrie beitragen können. Am Beispiel Detroits – einer Stadt, die über Jahrzehnte als Sinnbild für industriellen Niedergang galt – zeigen die Autor:innen eindrücklich, dass Digitalisierung weit mehr ist als ein technisches Upgrade. Sie kann zur Grundlage für strukturelle Transformation werden. Durch den Aufbau digitaler Infrastrukturen, gezielte Qualifizierungsprogramme und die Förderung neuer industrieller Netzwerke wurde in Detroit eine moderne industrielle Basis geschaffen – insbesondere in Bereichen wie Automatisierung und Elektromobilität. Die Stadt entwickelt sich so wieder zu einem aktiven Produktionsstandort. Digitalisierung kann also zur Reindustrialisierung beitragen – wenn Städte strategisch handeln, Unternehmen unterstützen und Menschen durch Bildung einbeziehen.

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Grafström, J. (2024), [Preprint]. Research Square.  

Warum die AKW das interessant findet:

Weil grüne Industrieentwicklung ein zentrales Thema der Zukunft ist – und energiepolitische Standortfaktoren dabei entscheidend sind.

Was genau analysiert wird:

Analysiert werden Standortbedingungen für grüne Industrieprojekte in Europa anhand eines neuen Index.

Was ist die Empfehlung:

Empfohlen wird, Energiepolitik aktiv als Standortstrategie zu gestalten, um industrielle Wettbewerbsfähigkeit zu sichern

Grüne Reindustrialisierung: Europas Industrie im Wandel der Energiepreise Die Studie „Europe’s Future Industrial Landscape“ analysiert, wie stark steigende Energiepreise, eingeschränkte Kernenergieproduktion und eine schwächere Wasserkraftausbeute die industrielle Entwicklung Europas herausfordern – und gleichzeitig den Weg für eine grüne Reindustrialisierung ebnen. Mithilfe des neu entwickelten Green Industrial Location Attractiveness Index zeigt die Analyse, dass insbesondere Schweden, Finnland und Frankreich künftig attraktive Standorte für grüne Industrieprojekte sein könnten. Der Index offenbart eine deutliche geografische Kluft: Nordeuropäische Länder schneiden durch niedrigere Energiepreise, höhere Energieeffizienz und einen größeren Anteil erneuerbarer Energien besser ab als südeuropäische Staaten. Eine zentrale Schlussfolgerung der Studie ist: Gut gestaltete Energiepolitik kann die wirtschaftlichen Folgen von Preisschwankungen für energieintensive Industrien abfedern und somit die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Industriestandorts langfristig sichern. Energiepolitik wird damit zur Schlüsselressource erfolgreicher grüner Industrieentwicklung.

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Deutsche und Europäische Industriepolitik

Schütz, F., Barth, J., Eichhammer, W., Fichter, K., Grohs, S., Schmid, G., & Voigt, S. (2025). Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI). 

Warum die AKW das interessant findet:

Weil eine moderne Industriepolitik als strategischer Hebel für erfolgreiche Transformationen verstanden wird.

Was genau analysiert wird:

Untersucht wird, wie Industriepolitik disruptive Entwicklungen lenken und mit anderen Politikfeldern zusammenspielen kann.

Was ist die Empfehlung:

Die Empfehlung lautet, Industriepolitik evidenzbasiert, missionsorientiert und komplementär zu gestalten.

Industriepolitik neu gedacht: Proaktiv, transformativ, strategisch abgestimmt
Die Studie analysiert die Renaissance der Industriepolitik in Deutschland und Europa vor dem Hintergrund disruptiver Herausforderungen wie Dekarbonisierung, Digitalisierung und geopolitischer Unsicherheiten. Sie argumentiert, dass Märkte allein die tiefgreifenden Umbrüche industrieller Strukturen nicht bewältigen können – vielmehr braucht es eine moderne Industriepolitik, die (ökologische und digitale) Transformationen lenkt, Unsicherheiten reduziert und gesellschaftlich absichert. Zentrale Anforderungen sind: ein verlässlicher politischer Rahmen, aktive Koordination von Wandel, langfristige Verpflichtungen sowie ein kluger Mix aus horizontalen und vertikalen Maßnahmen. Industriepolitik sollte komplementär zu Innovations-, Infrastruktur- und Sozialpolitik wirken und evidenzbasiert sowie missionsorientiert gestaltet sein. Sie muss nicht alles steuern – aber dort eingreifen, wo private Akteure überfordert sind oder systemische Blockaden Fortschritt verhindern. Nur eine strategisch abgestimmte und dynamisch ausgerichtete Industriepolitik kann Europas industrielle Zukunft wettbewerbsfähig, resilient und nachhaltig sichern.

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Heikkonen, H., Listl, N., & Reuter, A. (2025). European Commission, Directorate-General for Internal Market, Industry, Entrepreneurship and SMEs.  

Warum die AKW das interessant findet:

Weil die Studie zeigt, wie ungleich die Risiken der Deindustrialisierung über Europas Regionen verteilt sind – mit Deutschland besonders betroffen.

Was genau analysiert wird:

Systematisch analysiert wird die regionale Verwundbarkeit gegenüber industriellem Rückgang in Europa.

Was ist die Empfehlung:

Empfohlen wird eine vorausschauende regionale Struktur- und Industriepolitik, die auf Resilienz und Diversifizierung setzt.

Industrieller Rückgang in Europa: Deutschlands Regionen besonders gefährdet Die Studie der Europäischen Kommission analysiert erstmals systematisch die Anfälligkeit europäischer Regionen gegenüber dem Rückgang zentraler Industriezweige – darunter Automobil, Maschinenbau, Chemie, Metallverarbeitung und Bau. Im Zentrum stehen nicht nur die strukturellen Belastungen dieser Sektoren, sondern vor allem deren regionale Auswirkungen auf Beschäftigung und Anpassungsfähigkeit. Die Ergebnisse zeigen: Deutschland ist eines der am stärksten betroffenen Länder. 26 von 38 Regionen gelten als hochgradig verwundbar, zwölf davon gleich durch den gleichzeitigen Rückgang mehrerer Schlüsselindustrien. Besonders betroffen sind industrielle Kernregionen wie das Saarland, Chemnitz oder Stuttgart – vielfach Automobil- und Maschinenbauzentren. Insgesamt hebt die Studie hervor, dass die Industrie in Europa unter starkem Druck steht: Energiekosten, globale Überkapazitäten, Wettbewerb aus China und Transformation hin zu klimafreundlichen Technologien setzen etablierte Strukturen unter Druck. Für Deutschland ergibt sich daraus ein dringender Handlungsbedarf für eine vorausschauende Industrie- und Strukturpolitik auf regionaler Ebene.

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Das Bild zeigt ein sich wiederholendes Muster aus rosa und weißen vertikalen Streifen. Die Streifen sind in einem diagonalen Muster angeordnet, wodurch ein visuell auffälliges und dynamisches Design entsteht. Das Bild ist im Hochformat gehalten, was die vertikale Ausrichtung der Streifen hervorhebt. Das Farbschema ist überwiegend rosa und weiß, wobei die rosa Streifen stärker hervortreten. Das Bild enthält keinen Text oder andere erkennbare Objekte, und die relativen Positionen der Streifen bleiben während des gesamten Musters gleich.

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Alle Texte sind im brandeins-Abonnement enthalten. 

Das Bild zeigt ein sich wiederholendes Muster aus rosa und weißen vertikalen Streifen. Die Streifen sind in einem diagonalen Muster angeordnet, wodurch ein visuell auffälliges und dynamisches Design entsteht. Das Bild ist im Hochformat gehalten, was die vertikale Ausrichtung der Streifen hervorhebt. Das Farbschema ist überwiegend rosa und weiß, wobei die rosa Streifen stärker hervortreten. Das Bild enthält keinen Text oder andere erkennbare Objekte, und die relativen Positionen der Streifen bleiben während des gesamten Musters gleich.
Das Bild zeigt ein einfaches schwarz-weißes Symbol eines Raketenschiffs. Das Raketenschiff ist in einem flachen, zweidimensionalen Stil dargestellt, mit einem kreisförmigen Loch in der Mitte. Das Symbol ist minimalistisch und leicht zu verstehen, so dass es sich für die Verwendung auf einer barrierefreien Website eignet.

ERSTES AKW-PROJEKT „GESUNDE STÄDTE“

Am 12. Mai um 10 Uhr geht es los – mit über 30 Institutionen, Städten, Verbänden, Hochschulen, Immobilienentwicklern, Digital-Initiativen. Es ist ein Experiment einer kollaborativen Reallaborsituation vom Münchner Hauptbahnhof über Bochums Innenstadt bis zu Potsdamer Wohnungsgesellschaften.

👉 Meldet Euch noch, wenn Ihr Last Minute bei dem ersten kostenlosen Kick Off teilnehmen wird. Danach Projektfinanzierung aus der Community.
👉 Die nächsten Projekte, die aus der Community erwachsen, stehen schon in der Warteschlange.

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Das Bild zeigt ein sich wiederholendes Muster aus rosa und weißen vertikalen Streifen. Die Streifen sind in einem diagonalen Muster angeordnet, wodurch ein visuell auffälliges und dynamisches Design entsteht. Das Bild ist im Hochformat gehalten, was die vertikale Ausrichtung der Streifen hervorhebt. Das Farbschema ist überwiegend rosa und weiß, wobei die rosa Streifen stärker hervortreten. Das Bild enthält keinen Text oder andere erkennbare Objekte, und die relativen Positionen der Streifen bleiben während des gesamten Musters gleich.