Lauda
Warm, kalt, warm, kalt
Ein Mittelständler aus der deutschen Provinz ist Weltmarktführer mit seinen Geräten für exaktes Temperieren. Doch nun stagniert das Geschäft, und der Chef sucht nach neuen Ideen.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 12/2024.
• Was stimmt mit diesem Mann nicht? Er ist 54 Jahre alt, Eigentümer und Geschäftsführer eines Maschinenbauunternehmens mit 600 Beschäftigten, 13 Auslandsniederlassungen, 117 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2023. Typischer deutscher Mittelstand. Hidden Champion. Weltmarktführer. Er könnte zufrieden mit seinem E-Mercedes durch den Norden Baden-Württembergs kurven, Golf spielen, sich in seinem Heimatstädtchen Lauda-Königshofen wichtig machen und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.
Das macht Gunther Wobser auch. Aber dann packt es ihn wieder, er kriegt nach dem Frühstück einen seiner „crazy flows“ und stellt alles auf den Prüfstand. Dann führt er eine neue, günstigere Gerätelinie speziell für den asiatischen Markt ein. Oder beschließt, mit der ganzen Familie für ein Jahr aus dem beschaulichen Taubertal ins Silicon Valley zu ziehen. Als er im Jahr 2017 die Firma von dort per Videokonferenz leitet, will er herausfinden, wie man an der Westküste Probleme löst.
Nach seiner Rückkehr schreibt Wobser ein Buch, „Neu erfinden – was der Mittelstand vom Silicon Valley lernen kann“. Darin berichtet er unter anderem vom missglückten Versuch, seine Erfahrungen beim Frühjahrsempfang der IHK Heilbronn-Franken an den Mann zu bringen. In den USA hatte Wobser sich daran gewöhnt, offensiv Kontakte zu knüpfen, mit allen über alles zu sprechen, das Wort „Betriebsgeheimnis“ zu vergessen und Leute auszufragen: „Was haben Sie denn Neues vor? Welche Projekte, welche Ideen? Wie machen Sie das?“ Das kommt bei der IHK Heilbronn-Franken gar nicht gut an. Er sieht damals, so schildert er das, einen Unternehmer, den er von Linkedin kennt, in einer Gruppe stehen. Wobser steuert auf ihn zu, will sich persönlich vorstellen, streckt die Hand aus. Alle Gespräche verstummen, alle schauen ihn irritiert an. Er zieht seine Hand zurück. „Sorry, ich wollte nur ein bisschen connecten.“ „Dann connecten Sie mal“, sagt der Mann und dreht sich um.
Tja, Heilbronn ist nicht Kalifornien, und der Mittelstand funktioniert anders als Start-ups. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass der deutsche Industriemotor im Moment stottert. Statt Visionen haben viele Familienunternehmen nur noch Millionen, oft erarbeitet von den Generationen zuvor. Wobser findet das ziemlich kurzsichtig.
Seine Firma Lauda Dr. R. Wobser GmbH & Co. KG gibt es schon seit fast 70 Jahren. Der Großvater hat sie nach der Flucht aus der DDR im fränkischen Städtchen Lauda gegründet, der Vater hat sie in Deutschland etabliert und der Sohn das Auslandsgeschäft vorangetrieben. Es gibt heute Fabriken in China, Spanien und den USA. Der Hauptsitz ist in dem Ort, der so heißt wie die Firma. Oder umgekehrt. Lauda hat 5.000 Einwohner, die Firma 600 Beschäftigte. Am Bahnhof gibt es kein Taxi. Der Hausmeister des Rathauses kutschiert einen zur Fabrik am Stadtrand.
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