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Shops made in Endsee

Im mittelfränkischen Niemandsland sitzt die BK Group, der europäische Marktführer für Ladenbau. Der Hidden Champion zeigt: Weltläufigkeit ist keine Frage des Standorts.






Gerold Wolfarth in seinem Büro mit Aussicht (links); luftige Verbindung zwischen den Bürogebäuden (rechts)

• Manche Firmenchefs weisen Besucher ihrer Büros – mal mehr, mal weniger dezent – auf teure Kunstwerke hin, die sich dort befinden. Andere hängen sich Auszeichnungen oder Trophäen an die Wand. Gerold Wolfarth zeigt erst mal seine Laufschuhe. „Damit drehe ich in der Mittagspause gern eine Runde durch die Wälder hier ringsum“, sagt der Gründer der BK Group. Firmenslogan: Beyond the Edge. Dann drückt Wolfarth auf eine bestimmte Stelle an etwas, das man für einen glatten weißen Aktenschrank halten könnte – und eine Art Geheimtür schwingt auf. Dahinter befindet sich ein komplettes Badezimmer mit Dusche. „So eine Joggingtour draußen in der Natur gibt mir neue Energie für den restlichen Tag“, sagt Wolfarth.

Mit platzsparenden Lösungen und raffinierten Ein- und Umbauarbeiten kennt sich der 48-Jährige aus: Seine BK Group mit Sitz in Endsee, 15 Autominuten nordöstlich von Rothenburg ob der Tauber, ist Europas Marktführer für Ladenbau und -konzeption. Ob Sportgeschäfte von Asics, Adidas oder Decathlon, Juwelierfilialen von Christ oder Swarovski sowie Boutiquen von Giorgio Armani, Tommy Hilfiger oder Benetton: Wolfarth und die Mitarbeiter der BK Group planen und führen den Neu-, Aus- oder Umbau von rund 200 Ladengeschäften pro Jahr durch und kümmern sich um die Instandhaltung von weiteren 5000. Kaum eine Fußgängerzone oder ein Einkaufszentrum, in dem die BK Group in den vergangenen 19 Jahren noch keinen Ladentresen auf-, Regale um- oder Schaufenster eingebaut hat.

Beim Rundgang durch die insgesamt vier Gebäude erzählt Wolfarth, was er hier für seine rund 90 Mitarbeiter alles tut. Denn Angestellte zu finden ist nicht leicht hier auf dem Land, wenn einer der größten Standortvorteile der nahe gelegene Autobahnanschluss ist. Zweieinhalb Stunden dauert es nach München, knapp zwei nach Frankfurt am Main. Und so legt sich Wolfarth ins Zeug. Jede Woche frisches Bio-Obst und -Gemüse aus der Region mag in einem urbanen Start-up Standard sein, bei einem bayerischen Mittelständler nicht unbedingt.

Die Mitarbeiter können je nach Vorliebe einen festen Büroplatz wählen oder sich jeden Tag woanders hinsetzen; wer möchte, kann auch einen Teil seiner Arbeit von zu Hause aus erledigen. Vor der firmeneigenen Cafeteria befindet sich ein beschaulicher Campusbereich mit einem Teich, Bänken und einer großen Feuerstelle mit Steinkreis. Da viele Mitarbeiter mit dem Fahrrad kommen oder wie ihr Chef in der Mittagspause eine Laufrunde durch die umliegenden Wiesen und Wälder drehen, gibt es auch für sie Duschen, Umkleiden und Schränke.

Doch warum sitzt eine Firma, die dafür verantwortlich ist, wie Pariser Designermode oder urbane Sportswear in Berlin-Mitte inszeniert wird, überhaupt hier, im mittelfränkischen Niemandsland? Ganz einfach: Wolfarth ist hier aufgewachsen, mittlere Reife, Lehre zum Groß- und Einzelhandelskaufmann, Baustoffabteilung. Mit 21 wird er Abteilungsleiter, fünf Jahre später Geschäftsstellenleiter einer Handwerkervereinigung. Als die Citibank jemanden für die deutschlandweite Wartung ihrer Niederlassungen sucht, macht er sich im Dezember 1999 vom heimischen Arbeitszimmer aus selbstständig. „Die suchten damals jemanden für die Instandhaltung ihrer Filialen“, erinnert er sich. „Hier die Klimaanlage reparieren, dort einen Stromausfall beseitigen oder auch mal eine Taube befreien, die hinter die Deckenverkleidung geflogen ist.“

Eine Papierschlange voller Aufträge

Drei bis vier Aufträge pro Tag seien ihm in Aussicht gestellt worden, die er durch die Beauftragung von Handwerkern vor Ort bundesweit erledigen sollte. Doch als er am ersten Vertragstag – am Montag, den 3. Januar 2000 – die Bürotür aufmacht, denkt er zuerst, sein Faxgerät sei kaputt: Ein endloses Band von Thermofaxpapier schlängelt sich auf dem Boden. Hat der gefürchtete Millennium-Fehler, an den er nie geglaubt hat, doch zugeschlagen und die IT durcheinandergebracht? Doch als Wolfarth die Papierschlange aufhebt, erkennt er: alles Aufträge. „Und es hatte nur aufgehört, weil das Papier alle war. Kaum hatte ich eine neue Rolle eingelegt, kam gleich noch mal so viel heraus.“

Wolfarth baut sich so schnell wie möglich ein solides Handwerkernetz in ganz Deutschland auf: „Ganz banal über die Gelben Seiten und nach einer Weile durch Empfehlungen.“ Ein guter Elektriker kennt immer auch einen zuverlässigen Heizungsbauer und umgekehrt, so seine Erfahrung. Und als wenig später das Unternehmen TUI anfragt, ob Wolfarth es schafft, die Reisebüros der Kette übers Wochenende zu renovieren, ohne dass die Öffnungszeiten betroffen wären, fühlt er sich gewappnet und übernimmt zum ersten Mal die komplette Bauleitung. „Am Montagmorgen musste alles fertig sein – und wir haben es jedes Mal geschafft.“

In den folgenden 19 Jahren wächst die BK Group rasant, inzwischen sind 200 Mitarbeiter für Wolfarth tätig, der Umsatz betrug im Jahr 2018 rund 40 Millionen Euro. Wie viel Gewinn das Unternehmen erwirtschaftet, möchte Wolfarth nicht sagen. Wohl aber, dass der Onlineshopping-Boom dazu geführt hat, dass der Einzelhandel – lange Zeit das tägliche Brot der Ladenbauer der BK Group – seit Jahren immer mehr schwächelt.

Gerold Wolfarth musste umsteuern. Kam der Umsatz vor drei Jahren noch zu 100 Prozent aus dem Handel, sind es heute nur noch 40 Prozent. Das Gros tragen Fitnessstudios, Autohäuser, Hotels oder Bürogebäude bei, welche die BK Group nun ebenso konzipiert und baut wie früher Boutiquen oder Reise-büros. „Wir haben insgesamt mehr als 70 Kunden, von denen keiner mehr als fünf Prozent zum Umsatz beiträgt“, sagt Wolfarth. „Das ist zum Glück sehr ausgewogen.“

Große Pläne: Doch der Ausbau des Gewerbeparks stagniert

Raum zum Wachsen

Ein immer wichtigeres Standbein ist über die Jahre die Wartung und Instandhaltung der betreuten Objekte geworden. Seit Februar ist Marc Arnold als neuer Geschäftsführer der BK Services GmbH für dieses Geschäft zuständig. Arnold, der vorher unter anderem als Führungskraft bei Ikea gearbeitet hat, ist besonders stolz auf die sogenannte All-in-Betreuung des Unternehmens: Für einen monatlichen Pauschalbetrag pro Filiale sind alle Besuche eines Servicetechnikers sowie sämtliche gesetzlichen Wartungen und Inspektionen inklusive. „Wir sind die Einzigen, die eine einheitliche EU-Lösung in 27 Ländern anbieten“, sagt Arnold.

Banales Beispiel für die internationale Komplexität: Das Unternehmen wartet mittlerweile 38 000 Feuerlöscher in diversen Geschäften – und während das in Deutschland an Arbeitsstätten nur alle zwei Jahre zu erfolgen hat, sind die Wartungen in Frankreich jährlich und in Italien sogar zweimal im Jahr vorgeschrieben. „Zusätzlich gibt es für alle unsere Kunden eine kostenfreie 24-Stunden-Hotline – wenn also bei Swarovski in Paris morgens die Ladentür klemmt, kommt sofort jemand vorbei“, ergänzt Wolfarth.

„Wir sind ein Innovationsunternehmen, da ist ein Standort in der Provinz schon ein Nachteil“, gibt Wolfarth zu. Zudem herrscht in der Region mit 2,8 Prozent Arbeitslosenquote nahezu Vollbeschäftigung. „Wir sehen den Fachkräftemangel und merken immer wieder, wie schwierig es ist, die Menschen zu überzeugen, hierherzuziehen – selbst bei günstigen Grundstückspreisen von bis zu 30 Euro pro Quadratmeter.“

Die Zukunft seines Unternehmens, das wird immer klarer, liegt in Europa. Sowohl die Bau- und Planungstätigkeiten als auch das Wartungsgeschäft sind inzwischen von Spanien bis Skandinavien, von Großbritannien bis Polen ausgeweitet worden. „Irgendwann ging das nicht mehr allein hier von Endsee aus“, sagt Wolfarth. Inzwischen gibt es größere Niederlassungen in Berlin, Barcelona und Düsseldorf und kleinere Büros in Paris, London, Mailand und Oslo.

Von den insgesamt rund 200 Mitarbeitern der BK Group arbeitet nur noch knapp die Hälfte in Endsee. Es sind vor allem die Architekten, Bauzeichner und Entwickler von Ladenkonzepten, die hier ihrer Planungsarbeit nachgehen. Doch selbst die können an einem der anderen Standorte arbeiten, wenn sie möchten: „Der Mitarbeiter kann genau den gleichen Job an jedem Ort seiner Wahl ausführen“, sagt Wolfarth. „Die Generation Y will nicht mehr in Schubladen gepresst werden, und hierfür haben wir uns bereits aufgestellt.“

Demnächst will er ein Kompetenzzentrum für Digitaltechnik eröffnen, in dem seine Mitarbeiter für Läden fit gemacht werden sollen, die bald nicht mehr mit Umkleidekabine und Kleiderbügeln, sondern mit Mixed-Reality-Brillen und dem Internet der Dinge arbeiten werden. Auch das wird nicht in Endsee, sondern in Berlin entstehen. „Es hilft alles nichts: Wir müssen dort hingehen, wo die Menschen sind“, sagt Wolfarth. „Und junge Leute, die Arbeit suchen, sitzen nun mal eher in Barcelona als hier in Mittelfranken.“

Im Gegensatz zu vielen deutschen Hidden Champions, die in der Provinz sitzen und Güter produzieren, hat Wolfarth den Vorteil, dass er nicht alle Mitarbeiter vor Ort benötigt, weil es kein zentrales Werk gibt. Den Standort Endsee aufzugeben und in eine Metropole zu ziehen kommt für ihn jedoch nicht infrage. Von den Fenstern seines Büros aus kann er den Blick schweifen lassen. Bis auf das Gebäude einer einzigen benachbarten Firma und die grünen Dächer einer nahe gelegenen Biogasanlage sieht man vor allem Grün. Wiesen, Äcker, Wälder – „das meiste hier drum herum gehört uns“, sagt Gerold Wolfarth. „Da kann man schön in die Ferne blicken, und falls nötig können wir uns noch erweitern.“

Insgesamt sechs Millionen Euro hat er bislang in den Standort hier investiert, vier moderne Bürogebäude errichtet inklusive der dazugehörigen IT-Infrastruktur. „Schließlich wollen ja nicht alle unbedingt in der Stadt leben“, sagt er. Sein Geschäftsführer Marc Arnold zum Beispiel, der noch in der Nähe von Frankfurt am Main wohnt, will bald mit seiner Familie in die Umgebung ziehen. Und es gab auch schon den Fall, so Wolfarth, dass sich jemand von der Niederlassung in Düsseldorf nach Endsee versetzen ließ, „weil er lieber hier wohnen wollte“. ---