Partner von
Partner von

Innovation City Management (ICM)

In Bottrop schließt Deutschlands letzte Steinkohlenzeche. Doch die Trauer hält sich dort in Grenzen, denn die Stadt ist aufgebrochen in eine grünere Zukunft.

Read this article in English: At home with the energy revolution




• „Glück auf!“, sagt der Oberbürgermeister zur Begrüßung, was in einer Bergbaustadt wie Bottrop im Ruhrgebiet nichts Ungewöhnliches ist. Doch in diesen Tagen hat der Bergmannsgruß einen besonderen Klang: Denn im Dezember schließt in Bottrop Deutschlands letzte Steinkohlenzeche Prosper-Haniel. Und weil damit eine Ära zu Ende geht, die mehr als 200 Jahre währte, kommt sogar der Bundespräsident zur Feier, die eigentlich eine Art Staatsbegräbnis ist. Es ist dann Schicht im Schacht, endgültig aus mit der Steinkohle, aber der Oberbürgermeister Bernd Tischler drückt einem fest die Hand und sagt: „Glück auf!“

Seine gute Laune hat ihren Grund. Die Stadt, der er seit 2009 vorsteht, gilt als leuchtendes Beispiel in Sachen Klimaschutz – ausgerechnet die Zechenstadt im Kohleland Nordrhein-Westfalen. Tischler bekommt Einladungen nach China, Russland und Japan; gerade erst waren der Oberbürgermeister von Rotterdam sowie Stadtplaner, Politiker und Unternehmer aus Minnesota zu Gast. Sie alle wollen erfahren, wie es Bottrop gelingt, durch die bereits realisierten und angestoßenen Modernisierungsmaßnahmen im Jahr 2020 38 Prozent weniger Kohlendioxid (CO2) zu emittieren – jährlich 100.000 Tonnen weniger – und warum die Stadt gute Aussichten hat, durch weitere Projekte auch das selbstgesteckte Reduktionsziel von 50 Prozent weniger Treibhausgasen zu erreichen. 

Gesamtdeutschland hingegen wird bis 2020 wohl nur bei 32 Prozent Einsparungen landen, wie die Bundesumweltministerin erst vor wenigen Monaten einräumen musste – im Vergleich zu 1990.

Wie machen die Bottroper das? Kann dort, wo gerade eine Ära zu Ende geht, eine neue beginnen?


Mag Baustellen: Bernd Tischler im Rathaus

In Bottrop dürfte es nur noch wenige Menschen geben, die noch nichts davon gehört oder darüber gelesen haben, dass ihre Stadt ein großes Klimalabor ist. Seit 2010 informiert die private Projektgesellschaft Innovation City Management (ICM) im Auftrag der Kommune die Bevölkerung auf vielen Kanälen. „Wir machen Klimaschutz von unten, und Beratung ist dafür die Basis“, sagt der ICM-Geschäftsführer Burkhard Drescher. In einem zentral zwischen Bahnhof und Einkaufszentrum gelegenen Büro geben Energieexperten den Bürgern kostenlos Tipps. Zielgruppe im Pilotgebiet, in dem 70.000 der 117.000 Bottroper wohnen, sind vor allem die Besitzer kleiner Einfamilienhäuser, von denen es in den ehemaligen Zechensiedlungen Tausende gibt.

Zeitweise wurde auch ein zum Büro umgebauter Container an wechselnden Plätzen in der Stadt aufgestellt. Dorthin tragen interessierte Bürger ihre Strom- und Heizkostenabrechnungen und gehen mit Vorschlägen für die Modernisierung ihrer Gebäude und Informationen über mögliche Fördermittel wieder nach Hause. „Am Anfang war das Interesse verhalten, inzwischen müssen wir Wartelisten führen“, sagt Rüdiger Schumann, Sprecher der ICM. Auch Info-Abende zu wechselnden Themen wie Heizungsanlagen, Solarmodule oder LED-Leuchten stoßen auf großes Interesse. Seit vergangenem Jahr kommen zudem Quartiersmanager und -architekten auf Wunsch zur Beratung ins Haus.

Im Sommer vermeldete die ICM, dass von den gut 10 000 Eigenheimbesitzern im Bottroper Pilotgebiet mehr als 3000 das Beratungsangebot angenommen haben, von denen wiederum mehr als die Hälfte mindestens eine energetische Modernisierungsmaßnahme auch tatsächlich umsetzten. „Es ist kein Zauberwerk, was wir hier machen“, sagt der ICM-Chef Drescher, „wir durchpflügen die Stadt mit allen Mitteln – das ist unser Rezept für die Aktivierung der Bevölkerung.“

An der Osterfelderstraße, die nach Südwesten aus der Innenstadt hinausführt, steht ein Einfamilienhaus, das aussieht wie viele hier: dunkelroter Klinker, der zur Straße hin weiß verputzt ist, ein kleiner Garten hinterm Haus; gebaut haben es in den Fünfzigerjahren ein Bergmann und seine Frau, die beiden leben mittlerweile in einem Pflegeheim, das Haus gehört dem Enkel Jan Lachnicht. Der Berufsschullehrer und seine Frau Nina, eine Erzieherin, wollen es jetzt von Grund auf modernisieren und dafür mindestens 100.000 Euro in die Hand nehmen.

Also riefen sie bei der ICM an und gingen kurz darauf mit einem Architekten der Firma zwei Stunden lang durchs leere Haus, in das sie 2019 mit ihren zwei Kindern einziehen wollen. Dabei erfuhren sie, dass ihr Haus ans Fernwärmenetz angeschlossen werden kann, was oft eine bessere Klimabilanz bedeutet. Der Fernwärmeanschluss ist zwar nicht billiger als eine neue Gasheizung, das Ehepaar hat sich dennoch dafür entschieden, weil dann der Kamin abgerissen werden kann und so Platz entsteht für den Dachausbau. Weil ein Fernwärmeanschluss möglich ist, gibt es keinen Zuschuss für einen neuen Heizkessel (sonst 14 Prozent oder maximal 890 Euro), wohl aber für andere Maßnahmen, die die CO2-Bilanz des Hauses verbessern. Wenn die Anträge der Lachnichts bewilligt werden, können sie im Bottroper Rathaus mit Zuschüssen für die Dachdämmung von 25 Prozent der Kosten (bis maximal 4210 Euro) rechnen, für die Fenster mit zehn Prozent oder höchstens 830 Euro.

Zehn Prozent Zuschuss bekam auch Klaus Wieczorek, der nur wenige Kilometer entfernt lebt. In seinem Zweifamilienhaus, Baujahr 1978, ersetzte der ehemalige Feuerwehrmann nach dem Hausbesuch zweier Energieberater ein großes Glasbauelement im Treppenhaus, das in den Achtzigerjahren modern war, durch ein Thermopenfenster mit drei Glasscheiben. „Im Winter war es im Treppenhaus ziemlich kalt, im Sommer extrem warm“, berichtet Wieczorek. Auch ohne den Zuschuss von gut 500 Euro hätte er das neue Fenster wohl eingebaut, „aber ein paar Hundert Euro sind doch eine schöne Hilfe“. Ob der Umbau zu niedrigeren Heizkosten führe, könne er noch nicht sagen, aber gelohnt habe er sich auf jeden Fall: „In diesem heißen Sommer war es im Treppenhaus endlich auszuhalten.“ Er denke nun darüber nach, auch die alten wuchtigen Heizkörper durch neue energiesparende auszutauschen und weitere Fenster zu ersetzen.

Grundlage für die Zuschüsse ist eine in Deutschland wohl einmalige Förderrichtlinie, die die Stadt und die ICM ersonnen haben. Dafür fließen Mittel aus der Städtebauförderung an Hausbesitzer in Bottrop. „Und zwar sehr unbürokratisch“, betont der ICM-Sprecher Schumann. „Bei uns gehen die Bürger nach der Energieberatung mit ihren Umbauplänen ins Rathaus, bringen drei Angebote für die Handwerkerleistung oder das zu verwendende Baumaterial mit und bekommen den Zuschuss sofort ausgezahlt. Ein paar Wochen später kontrolliert jemand, ob die neuen Fenster oder das Dämmmaterial wirklich verbaut wurden.“

Seit 2014 haben rund 500 Bottroper Hausbesitzer fast 1,4 Millionen Euro an Zuschüssen erhalten – und investierten selbst noch einmal fast den achtfachen Betrag. In einer Zwischenbilanz in 2015 kamen Wissenschaftler seit 2010 auf Gesamtinvestitionen privater und öffentlicher Gebäudeeigentümer von 183 Millionen Euro, bis Ende 2020 gelten weitere Investitionen von 108 Millionen Euro als gesichert. „Und schätzungsweise 110 Millionen Euro sind über Aufträge an Bottroper Handwerker, Ingenieurbüros und andere Firmen geflossen oder werden bis 2020 noch fließen“, sagt der ICM-Chef Drescher. „Das zeigt: Klimaschutz kann der Katalysator für wirtschaftliches Wachstum sein.“ In der Zwischenbilanz von 2015 errechneten Wissenschaftler einen direkten und indirekten Beschäftigungseffekt für Bottrop von zusätzlich 1200 Erwerbstätigenjahren.

Das schlagende Argument: Umbau lohnt sich

Die seit Jahren laufende Werbeoffensive und die einfache Förderpraxis haben zur Folge, dass die jährliche energetische Modernisierungsrate in Bottrop seit sechs Jahren bei etwa drei Prozent liegt – „die höchste Rate bundesweit“ (Drescher) – während der bundesdeutsche Durchschnitt bei knapp unter einem Prozent dümpelt. „In Deutschland sind drei Viertel aller Wohngebäude älter als 30 Jahre“, sagt Drescher, „deshalb darf man nicht darauf warten, dass Neubauten energieeffizient errichtet werden. Wir müssen noch viel stärker ran an die bestehenden Gebäude.“ Was man laut Drescher aus Bottrop lernen kann: „Wenn man die Energiewende in ganz Deutschland so ,von unten‘ organisieren würde wie bei uns, könnte man die Klimaziele erreichen. Wir zeigen den Leuten – auch denen mit kleinem Geldbeutel – dass es sich für sie rechnet, Energie zu sparen.“

Alle 14 Tage treffen sich in der ICM-Zentrale beim Bahnhof Bottrops Oberbürgermeister Tischler und ICM-Chef Drescher, außerdem Amtsleiter, Dezernenten und der Wirtschaftsförderer aus dem Rathaus sowie je nach Anlass verschiedene Projektmanager, Wissenschaftler, Vertreter von Wohnbaugesellschaften, Energieversorgern, Handwerkern, Gewerbetreibenden und der Zivilgesellschaft. Gemeinsam arbeiten sie die Liste der bis heute rund 300 Einzelprojekte ab, mit denen die Stadt ihren Umbau vorantreibt: Mal geht es um den Anschluss einer Straße an die Fernwärme, mal um Dienstfahrräder für städtische Bedienstete, mal um den Umbau einer Tankstelle mit Fotovoltaik, Luftwärmepumpe und LED-Leuchten zur „Mustertankstelle“, mal um die Rabattaktion eines Baumarktes auf Energiespar-Artikel, mal um Stromspeicher oder um eine frei zugängliche, web-basierte Kartenanwendung, mit der Hausbesitzer adressgenau für ihr Gebäude Fördermittel abrufen können.

Im Mittelpunkt steht ein sogenanntes Public-Private-Partnership: An der ICM sind die Stadt, ein Brennstoff-, ein Immobilien- und ein Beratungsunternehmen mit jeweils neun beziehungsweise zehn Prozent beteiligt. 61 Prozent hält der Initiativkreis Ruhr, ein Wirtschaftsbündnis aus rund 70 Unternehmen und Institutionen in der Region, darunter Schwergewichte wie RWE, EON oder der Steinkohleförderer RAG. „Ja, wir sind industriegetragen, aber bestimmt keine Auftragsagentur unserer Mitglieder“, sagt Drescher. „Die Motivation der Unternehmen, bei uns mitzumachen, ist, dass sie hier neue Geräte, Verfahren und Dienstleistungen im praktischen Alltag ihrer Kunden testen können – oft begleitet von Wissenschaftlern. Und natürlich wollen sie beim Strukturwandel, der sowieso stattfindet, nicht Zuschauer sein und zurückbleiben.“

Koordiniert und organisiert wird die Begleitforschung von einem wissenschaftlichen Beirat unter Leitung des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Der dort zuständige Mitarbeiter, der Geograf Johannes Venjakob, hält das Bottroper Labor für mehr als „nur ein Spotlight wie viele andere Projekte“. Denn die Verwaltung habe sich darauf eingelassen, Stadtentwicklung gemeinsam mit einem privaten Dienstleister zu betreiben. „Viele Kommunen lassen sich von Planungsbüros beraten“, sagt Venjakob, „aber in Bottrop ist die ICM mit zwei Dutzend Mitarbeitern für die komplette Steuerung der Projekte verantwortlich, es gibt eine permanente Abstimmung und teilweise sogar einen Personalaustausch zwischen Rathaus und ICM. Das ist einzigartig.“

Verantwortlich dafür sind vor allem der ICM-Chef Drescher – der als ehemaliger Oberbürgermeister von Oberhausen und als Chef großer Immobilien- und Wohnungsbauunternehmen im Ruhrgebiet bestens vernetzt ist – sowie Bottrops Oberbürgermeister Tischler. Er hat Städtebau studiert und seine Diplomarbeit über die „Ökologische Planung auf kommunaler Ebene“ geschrieben. Als Sozialdemokrat lägen ihm sowohl das Klima als auch die Wirtschaft und die Arbeitsplätze am Herzen. „Mich hat schon früh die Frage umgetrieben, was passiert, wenn die Monostruktur Kohle nicht mehr da ist.“ Das Wichtigste sei, „dass wir es geschafft haben, den Menschen die Angst davor zu nehmen, dass ohne Steinkohle die Lichter ausgehen. Wir haben uns auf etwas Neues eingelassen – das ist die Bottroper Blaupause.“


Bottroper Impressionen und das Modell eines energiesparenden Hauses

Hier machen Architekten Hausbesuche

Für Johannes Venjakob vom Wuppertal Institut ist der entscheidende Punkt, die Energiewende für Bürger begreifbar zu machen: „Denn hier geht es nicht mehr um abstrakte Themen wie Kohleausstieg oder Kraftwerksbau, sondern zum Beispiel darum, wie Hausbesitzer ganz praktisch mit einer modernen Heizungsanlage umgehen können. Die Energiewende zieht in ihre Keller ein, sie wird privat.“

Was das konkret bedeutet, weiß die Lokaljournalistin Petra Berkenbusch-Aust. Der Austausch der Eingangstür und zweier Fenster ihres Hauses aus dem Jahr 1914 sei unkompliziert gewesen. Zu den Kosten von 4500 Euro erhielt sie einen Zuschuss von zehn Prozent. „Wir mussten Fotos vom erfolgten Umbau ins Rathaus schicken und nachweisen, wie viel wir dafür bezahlt hatten, das war’s“, sagt sie. Deutlich mehr Aufwand verursachte dagegen der Austausch der alten Gaszentralheizung gegen eine Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage (KWK), die das Haus der Familie seit vier Jahren mit Gas beheizt und gleichzeitig Strom produziert – auch dies ein ICM-Projekt, das aus diversen Fördertöpfen und von den Anlagenherstellern finanziell unterstützt wurde. Der selbst produzierte Strom sorgt im Haus der Berkenbusch-Austs für heißes Wasser, das zuvor in Durchlauferhitzern auf mehreren Etagen erwärmt werden musste. Zwar stieg der Gasverbrauch mit der neuen Anlage leicht an, dafür sei die Stromrechnung jetzt wesentlich geringer, „insgesamt sparen wir etwa 80 Euro Energiekosten im Monat.“ Eine Auswertung von 52 in Bottrop installierten Anlagen ergab eine Minderung der CO2-Emissionen um durchschnittlich 35 Prozent und sogar um 73 Prozent, wenn sie alte Kohleheizungen ersetzten.

Die Bedienung der Anlage sei sehr einfach, sagt Petra Berkenbusch-Aust, extrem kompliziert sei aber der „Schriftkram“ mit den Behörden: Denn mit der KWK-Anlage wurde das Ehepaar zum umsatzsteuerpflichtigen Stromproduzenten – der nicht selbst verbrauchte Strom wird ins Netz eingespeist und vergütet –, weshalb regelmäßig Korrespondenz mit dem Finanzamt angesagt ist. Und auch mit dem Hauptzollamt muss sich Berkenbusch-Aust herumschlagen, wenn sie sich die Energiesteuer des Gaslieferanten erstatten lassen will: „Das Zollamt ist überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass solche Dinge jetzt auch in Privathaushalten stattfinden.“

Im Jahr 2020 läuft das Pilotprojekt in Bottrop aus, die Manager der ICM wollen nun anderswo aktiv werden: Sie haben für Quartiere in 17 Städten Nordrhein-Westfalens und anderen Bundesländern Konzepte erarbeitet. Eine Eins-zu-eins-Übertragung ist allerdings nicht möglich, denn die Ausgangsbedingungen sind unterschiedlich. In der einen Stadt brennt der Bürgermeister für die Idee, wird aber von seiner Verwaltung ausgebremst. In einer anderen verfolgt der örtliche Energieversorger seine eigene Strategie, in einer dritten gibt es keine Fernwärmeversorgung, in einer vierten nur wenige Hauseigentümer, aber viele Mietshäuser im Besitz großer Wohnbaugesellschaften.


Ist gut verdrahtet: Burkhard Drescher, Chef der ICM

Kosten

Die Stadt Bottrop ist mit zehn Prozent an der Innovation City Management GmbH (ICM) beteiligt und hat fünf Mitarbeiter dorthin entsandt, die Kosten für sie sind im städtischen Haushalt mit rund 500.000 Euro jährlich veranschlagt. Darüber hinaus erhielt die ICM nach einer Ausschreibung den Auftrag für das Quartiersmanagement; die 4,5 Stellen in den sechs Quartiersbüros schlagen mit jährlich 385.000 Euro im Bottroper Haushalt zu Buche.

Vorzeigeprojekte

Dazu zählt die Kläranlage des Wasserwirtschaftsverbands Emschergenossenschaft, in der Haus- und Industrieabwässer aus Bottrop, Gladbeck, Essen und Gelsenkirchen gereinigt werden. Sie ist der größte kommunale Verbraucher von Strom – den sie seit Kurzem zu 100 Prozent selbst produziert: mit Sonnenenergie, Windkraft, Wasserkraft, Klärgas und durch die Verbrennung des energiereichen Klärschlamms. So können jährlich bis zu 70.000 Tonnen CO2 eingespart werden.

Im Mai wurde auf der Fläche einer ehemaligen Bottroper Kiesgrube eine Fotovoltaik-Anlage in Betrieb genommen, die 250 Haushalte mit Sonnenstrom versorgt. Sie spart 377 Tonnen CO2 pro Jahr.

„Ein bundesweit absolut innovatives Projekt“ ist nach dem Urteil des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie das „Zukunftshaus“ am Ostring 124 in Bottrop-Batenbrock. Das 55 Jahre alte Vierfamilienhaus des Wohnungsunternehmens Vivawest wurde aufwendig saniert. Auf dem Satteldach und einer Giebelwand: Hochleistungs-Solarmodule. Auf den Außenwänden: 20 Zentimeter dicke Dämmung. Die Fenster: dreifach verglast. Die neuen Balkone aus Aluminium: vom Gebäude abgesetzt, um Kältebrücken zu unterbrechen. Im Keller: anstelle des alten Gasbrenners eine mit Erdwärme betriebene Wärmepumpe, die ihren Strom aus den Solarmodulen bezieht. Die Briefkästen: in eine Betonstele vor den Hauseingang verlagert, um Kältebrücken zu vermeiden. In den Wohnungen: LED-Leuchten, energieeffiziente Haushaltsgeräte in den vom Hauseigentümer gestellten Küchen, eine moderne Lüftungsanlage.

Das Gebäude produziert jetzt mehr Energie (rund 22.000 Kilowattstunden), als die Mieter verbrauchen (zwischen 10.000 und 12.000 Kilowattstunden, vor dem Umbau 33.000 Kilowattstunden); der Überschuss wird ins Stromnetz eingespeist. In Serie geht das Projekt aber nicht. „Es war nie das Ziel, es zigfach zu replizieren“, sagt der Vivawest-Fachbereichsleiter Dirk Büsing. „Der Mehrwert für uns besteht darin, im Live-Betrieb mit Mietern die einzelnen Komponenten mit den Herstellern und teilweise mit Hochschulen zu testen und daraus weitere Erkenntnisse zu gewinnen.“

Längst nicht alles kann auf andere Gebäude übertragen werden. Die Haustechnik etwa ist zu komplex, um von den Mietern bedient zu werden. Immerhin: Die neue Balkon-Architektur ist bei Vivawest inzwischen Standard, auch LED-Leuchten werden in den Fluren und Kellern anderer Vivawest-Häuser eingebaut.

In der Garage am Bottroper Ostring gibt es jetzt auch eine Elektro-Tankstelle, die ihren Strom aus den Solarmodulen auf dem Dach bezieht. „Damit könnte man ein Auto, einen Scooter oder Elektrofahrräder betanken“, sagt Dirk Büsing. „Der Solarstrom ist umsonst, aber keiner der Mieter nutzt bislang diese Möglichkeit.“


Sonne auf dem Dach und das E-Mobil vor der Tür: So soll Bottrop künftig funktionieren

Eine Öko-Bilanz mit Tücken

Auch in Bottrop gelang nicht alles. So konnten dort nur wenige Menschen zum Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr, das Fahrrad oder Elektrofahrzeuge bewegt werden. Zudem zogen nur wenige Gewerbebetriebe bei der Energiewende mit – weil sie ihre Daten nicht offenlegen wollten oder ihnen Geld und Personal für den Umbau fehlten.

Auch die Berechnung der Öko-Bilanz hat ihre Tücken. Die Datenlage ist teilweise lückenhaft, außerdem stellt sich die Frage, welche CO2-Einsparung dem Modellprojekt zuzurechnen ist. So wurde etwa die letzte Kohlenzeche nicht bilanziert, „weil wir durch ihre Schließung im Dezember das Reduktionsziel von 50 Prozent bereits Ende 2018 erreicht hätten“, wie Drescher erklärt. Andererseits fließt der nur ein Jahr nach dem Projektstart begonnene Umbau der Bottroper Kläranlage – eine der größten Deutschlands – vom Energieverbraucher zum Energieproduzenten in die Bilanz ein und macht dort mehr als die Hälfte der gesamten CO2-Einsparung aus (siehe Kasten).

Wenn sich der bundesweite Strommix zugunsten erneuerbarer Energien verändert, verbessert das auch die Bottroper CO2-Bilanz – ohne Zutun auf lokaler Ebene. Und wäre es ein Projekterfolg und Beitrag zum Klimaschutz, wenn die berühmte Bottroper Skihalle, gebaut auf einer Zechenhalde, ihren Kunstschnee für die 640 Meter lange Piste zu 100 Prozent mit Strom aus Wind- und Sonnenkraft produzieren würde?

Auch das begleitende Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie kommuniziert die Bottroper Erfolgszahlen zur CO2- Minderung, die so viel Interesse wecken. Auf die Frage, ob sie auch halten, was sie versprechen, antwortet Johannes Venjakob: „Entscheidend ist nicht, ob es am Ende 50 Prozent weniger Treibhausgas-Emissionen sind, oder 48 oder 44. Entscheidend ist, dass Bottrop modellhaft Pfade aufzeigt, wie klimafreundlicher Stadtumbau organisiert werden kann durch hoch motivierte Leute, die die Bevölkerung aktivieren. Klar ist aber auch, dass man um eine Systemtransformation – also zum Beispiel Kohleausstieg und eine andere Mobilität – nicht herumkommt, wenn man die Pariser Klimaziele erreichen will.“

Mit anderen Worten: Hausbesitzer und Autofahrer können mit neuen Heizungen, gedämmten Kellerdecken und Carsharing auf lokaler Ebene manches erreichen, aber den Rahmen muss die Politik setzen. „Ich könnte ad hoc sechs Punkte an die Wand schreiben, wie man die Energiewende und den Klimaschutz in wenigen Jahren auf die Spur bringt“, sagt der ICM-Geschäftsführer Burkhard Drescher. „Aber ich sitze nun mal in Bottrop, nicht in Berlin.“ ---