Konsum & Konsumenten

Wissen, was guttut

Am Arbeitsplatz ist die Kaffeemaschine so etwas wie das moderne Lagerfeuer, ein wärmender Ort der Zusammenkunft, Inspiration und guten Laune. Ein Streifzug durch die Kultur der Kaffeepause.





Die Wissenschaft wird wohl nie ein besseres System für die Kommunikation im Büro erfinden als die Kaffeepause.“
Earl Wilson, US-amerikanischer Kolumnist

 

// In einem großen Hamburger Verlagshaus wird die Kaffeepause Tag für Tag neu zelebriert.

Stufe 1 ist ruppig. Der schlichte Kaffee samt pulvrigem Weißer kostet 35 Cent. Durch dasselbe Rohr der Automaten auf jedem Stockwerk wird aber auch heiße Schokolade ausgegeben.

Stufe 2 ist klassisch. Ein Caffè Crema kostet 59 Cent. Er stammt aus einem gut 4000 Euro teuren Vollautomaten in der Kantine, der die Bohnen frisch mahlt. Zudem gibt es braunen Zucker.

Stufe 3 ist edel. Die kleine Tasse Cappuccino kostet zwei Euro, Soja- oder laktosefreie Milch schlagen mit weiteren 20 Cent zu Buche. Hinter bodentiefen Fenstern im Erdgeschoss wirbeln outgesourcte Baristi an italienischen Siebträgermaschinen, deren Edelstahl auf Hochglanz poliert ist.

Kaffee ist der Brennstoff vieler Büros weltweit. Gleichgültig mit welcher Maschine der Nachschub auch organisiert wird, stets ist sie ein Treffpunkt. Ein Inspirationsort. Eine Art modernes Lagerfeuer. Vor ihr treffen sich Menschen aus unterschiedlichen Gewerken und genießen ihre Wärme, hier kommen Kollegen aus diversen Hierarchiestufen ins Gespräch, erzählen sich Geschichten oder schauen und hören einfach nur gedankenleer der Maschine zu, wie sie den heißen, braunen Saft brüht und in den 
Kaffeebecher gurgelt.

Dass gelegentliche Unterbrechungen der Arbeit nicht nur dem Wissenstransfer dienen, sondern grundsätzlich sinnvoll sind, sollte ein Gemeinplatz sein. Und doch schauen nicht wenige Manager dem Treiben um die ­Kaffeemaschine bis heute oft misstrauisch zu. Während einer Studie zufolge beispielsweise 81 Prozent der Arbeitnehmer glauben, die Kaffeepause lasse sie physisch und intellektuell gestärkt an den Schreibtisch zurückkehren, sehen das nur 73 Prozent der Führungskräfte so. Natürlich ist ihre Skepsis verständlich, denn jenseits gesetzlich verordneter Pausen kosten Kaffeepausen Geld. Eine Umfrage in England bezifferte sie im Jahr 2010 auf rund 445 Euro pro Mitarbeiter und Jahr.

Berechnungen wie diese sind in Finnland kein Thema, dort ist die Kaffeepause tief im kollektiven Bewusstsein verwurzelt. Die intime Zweisamkeit, der Austausch unter Freunden, das geschäftliche Meeting – alles dort beginnt mit einem Kaffee, alles hört mit einem Kaffee auf. Die „Kaffepaussi“ ist in Finnland verbrieftes Recht, zweimal eine Viertelstunde pro Arbeitstag. Es waren im Übrigen auch Nordeuropäer, nämlich die skandina-vischen Nachbarn aus Norwegen, die als Auswanderer im späten 19. Jahrhundert die ritualisierte Kaffeepause nach Amerika brachten und dafür bis heute in Wisconsin mit einem Festival gefeiert werden, dem Stoughton Coffee Break Festival.

Seitdem hat sich die Kaffeepause international verbreitet. Im Jahr 1952 tauchte der Begriff „Coffee Break“ dann erstmals offiziell auf. Eine Werbekampagne des Pan-American Coffee Bureau trug den Slogan: „Give Yourself A Coffee-Break – And Get What Coffee Gives To You.“ So ist die Kaffeepause zu einem Beispiel für die Inte­grationskraft des Kapitalismus geworden. Ihm zuwiderlaufende Kräfte nutzt er für sich. So treibt er die eigene Optimierung voran.

Doch wie oft im Leben ist auch in Sachen Kaffeepause der rein ökonomische Blick zu eng. Denn es gibt zahlreiche Gründe, warum der Kaffee und mit ihm die Pause ­gefeiert wird: in Songs, von Bob Dylan („One more cup of coffee“) bis Ed Sheeran („Cold Coffee“). In der Literatur, in der es Kaffee gar zu einem eigenen Genre gebracht hat, der Kaffeehausliteratur. Auch im Fernsehen, etwa in „Twin Peaks“, wo kaum eine Folge vergeht, ohne dass FBI-Agent Dale B. Cooper eine Pause einlegt, um eine Tasse „damn fine cup of coffee“ zu genießen. Und natürlich in der Alltagskultur. Es gibt Becher, die wie die Verpackung eines Arzneimittels gestaltet sind, darauf steht dann: „Coffee Oral Solution“, mit präzisen Inhaltsangaben und
dem Hinweis, dass laktosehaltige Produkte oder Süßungs-
mittel enthalten sein können.

Legendär sind auch die Slogans auf Kaffeebechern, durch die sich Arbeitnehmer zur kleinen Stimulanz zwischendurch bekennen. Da gibt es die mit religiösem ­Unterton: „Jeder glaubt an etwas. Ich glaube, ich brauche einen Kaffee“; die technokratischen Zeilen: „Bitte warten,
bis der Kaffee erfolgreich installiert wurde. Der Körper kann dann neu gestartet werden“; oder einfach nur selbstbewusste: „Läuft bei mir!“

 Gleichgültig in welcher Form auch immer zu sich genommen, klar ist: In Maßen getrunkener Kaffee sorgt für nutzbringende Eigenschaften und kommt damit letztlich auch den Arbeitgebern zugute. Das im Kaffee enthaltene Koffein erreicht das Hirn überaus schnell und dockt dort an die Adenosin-Rezeptoren an, die sonst dem Körper Müdigkeit signalisieren. Koffein verbessert kurzfristig die Konzentrationsfähigkeit und erhöht die geistige Aufmerksamkeit. Das hat auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) festgestellt1), und zwar bei 75 Milligramm je Portion, was praktischerweise ungefähr dem Gehalt einer Tasse Kaffee entspricht. Bei nicht schwangeren Erwachsenen kann eine Einzeldosis von 200 Milligram und eine Tagesdosis von 400 Milligramm Koffein als unbedenklich angesehen werden.

Aber erst jenseits der biochemischen Abläufe entwickelt die Kaffeepause ihre wahre Kraft: durch den Moment des Innehaltens, durch entspanntes Nachdenken, durch das Aufblitzen einer kreativen Idee. Immer wenn eine Routine unterbrochen wird, entsteht neuer Gedankenraum, der sich ganz wie von selbst mit frischen Ideen füllt. ­Jeder, der schon einmal wie ein Buddhist in der Meditation seine Art zu Denken beobachtet hat, kann diesen Vorgang bezeugen.

Umso erstaunlicher eigentlich, dass den Menschen noch immer gern suggeriert wird, sie sollten besser ohne Pause durcharbeiten. Nicht wenige Firmen erhöhen den Druck auf ihre Belegschaft durch minutengenaue Taktvorgaben oder neuerdings auch durch konkurrierende Roboter, die weder Pausen machen noch tratschen. Und natürlich gibt es unter den Menschen auch jene, die sich für zu wichtig halten, um ihre Arbeit zu unterbrechen. Sie trinken ihren Kaffee deshalb am Schreibtisch.

Ergebnisse von Umfragen, die das Arbeits- und Pausenverhalten in Unternehmen untersucht haben, fallen zwar unterschiedlich aus, zusammenfassend kann man aber sagen, dass offenbar fast ein Drittel der Mitarbeiter ihre Pausenzeiten nicht ausschöpfen oder gleich ganz darauf verzichten. Was langfristig krank macht, denn
die Pause ist essenziell, egal ob man einen Kaffee trinkt, einen Spaziergang macht oder meditiert. Ohne Pause wird all das, was man bei der Arbeit leistet – vor allem Kommunikation, Konzentration und Kreativität – beständig
schlechter.

Die geisteswissenschaftliche Entwicklung der Menschheit – im Westen und in den vergangenen Jahrhunderten – ist ohne Kaffee kaum vorstellbar. Voltaire, einer der Vorreiter der Aufklärung, soll bis zu 50 Tassen am Tag getrunken haben. Auch Karl Marx wird starker Kaffeekonsum nachgesagt, während er das Privateigentum und den
Nationalstaat verdammte. Jean-Paul Sartre entwickelte seinen Existenzialismus sogar fast komplett im Pariser „Café de Flore“. Versammelt man sich mit Kollegen zum Philosophieren vor der Kaffeemaschine im Büro, stellt sich fast automatisch eine angeregte Atmosphäre ein. Man redet über Bücher, Filme, Musik, die neue Serie auf Netflix, den anstehenden Quartalsbericht oder das Leben selbst – so oder so stärkt das Gespräch den Teamgeist.

Die Schweden haben für diese Art der produktiven Kaffeepause einen Begriff, Fika. Viele Unternehmen pflegen sogar feste Fika-Routinen am Vor- und Nachmittag. Kaffee und Gebäck, zumeist Zimtschnecken, sorgen für ein gelassenes Arbeitsklima, weil Machtgefälle nivelliert werden und alle Mitarbeiter dieselbe Gelegenheit erhalten, Stimmungen nachzugehen, aktuelle Themen zu besprechen und Anregungen von Kollegen einzuholen, also zusätzliche Perspektiven zu ihrer eigenen.

Auch in Südeuropa wird die Kaffeepause auf besondere Weise gepflegt: In Frankreich wird sie direkt an die Mittagspause angeschlossen, was die Auszeit bis zu zwei Stunden ausdehnen kann. In Portugal zelebriert man eher
einen Nachmittags-Snack, genau wie in Italien – dort füllt die Merenda die Lücke zwischen Mittagsmahl und spätem Abendessen, samt doppeltem Espresso.

Neben dem Stiften von Gemeinsinn und dem Erzeugen von Kreativität kommt dem Kaffee eine überra­schende dritte Funktion zu: als Schlichter, Problemlöser und Vermittler. Verschiedene Experimente stützen diese These. Im Jahr 2008 beispielsweise bekamen an der University of Colorado Boulder Probanden entweder eine Tasse mit heißem Kaffee oder mit Eiskaffee. Kurz darauf wurde jedem Teilnehmer eine fremde Person vorgestellt, die er im Anschluss beurteilen sollte. Das Ergebnis: Alle Probanden nahmen die fremde Person deutlich positiver wahr, wenn sie einen warmen Kaffeebecher anstelle des Eiskaffees in der Hand hielten.

Die Ursache für das freundlichere Urteil liegt in unserer Kindheit begründet, meinen Sozialpsychologen. Denn natürlich, sagt Professor Sascha Topolinski von der Universität Köln in einem Interview, nähmen wir durch das Halten eines warmen Getränks eine fremde Person nicht komplett anders wahr, das sei nur eine durch das Wohlbefinden ausgelöste Tendenz. Warme Getränke sorgten in der Regel für ein gutes Gefühl, weil wir Wärme mit Kindheit verbinden. „Geht es uns gut, sind wir offener für
neue Kontakte und darum Fremden gegenüber positiver eingestellt.“

Kaffee verbindet, diese Erfahrung wird regelmäßig auch hierzulande gemacht, zum Beispiel im Hamburger Verlagshaus. Dort brüht im Erdgeschoss ein junger Mann seinen Kaffee seit Jahren von Hand per Filter auf. „Einer der besten Düfte, die man wahrnehmen kann“, sagt er. Während er darauf wartet, dass das Wasser durch das Pulver sickert, erläutert er die Vorteile des Aufgusses gegenüber der Automatenware. Erstens: Er entscheide selbst über die Sorte. Obwohl er kein Fanatiker sei, weder Zedernholznoten noch Fruchtaromen herausschmecke, schätze er momentan etwa Torrefacto-Bohnen, denen im Röstprozess Zucker beigemischt wird. Die karamellisierten Bohnen haben einen reduzierten Säuregehalt und gemilderte Bitterstoffe und sind ein Genuss. Zweitens: Die Zubereitung, reine Handarbeit, sei günstiger als der Kaffee aus der Verlagsbar. Drittens und vor allem aber werde er fast jeden Tag auf das Ritual angesprochen. „Dank dieser Art der Kaffee­zubereitung habe ich mehr Kontakte geknüpft als auf jeder Weihnachtsfeier.“

Er gießt ein letztes Mal heißes Wasser auf. „Das quellende Pulver zu betrachten, die langsam kreisenden Bewegungen beim Aufgießen, das hat schon etwas Meditatives.“ Ganz im Gegensatz zu dem quirligen Miteinander in der anderen Ecke. Dort, am Barista-Tresen, arbeiten sie nach den drei bereits eingeführten Produktstufen (ruppig, klassisch, edel) zurzeit an Stufe 4, der hippen. Demnächst soll es hier nicht nur Cold-Brew-Kaffee geben, man reitet jetzt auch die Nitro-Welle, serviert also bald den aus den USA importierten Trend. Für das neue Getränk lagern hell geröstete und grob gemahlene Bohnen nicht nur stundenlang in zimmerwarmem Wasser. Das Gemisch wird außerdem mit Stickstoff versetzt und aus dem Zapfhahn gezogen. Es erinnert in seiner seidigen, schaumigen Konsistenz an Guinnessbier.

Kalter Kaffee als heißer Scheiß sozusagen. Extrem lecker und garantiert ein Gesprächsthema für die nächste Pause. //