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Verfügbares Jahreseinkommen

In Heilbronn liegt das durchschnittlich verfügbare Jahreseinkommen bei rund 35660 Euro, in Gelsenkirchen bei nur 16270 Euro. Wie es zu den bundesweiten Unterschieden kommt, erklärt Holger Lengfeld, Professor für Soziologie an der Universität Leipzig.

Karte und Interview von Ingo Eggert


brand eins: Herr Lengfeld, wie deuten Sie die Karte?
Holger Lengfeld: Die Karte kann man so lesen, dass es überall dort, wo der Grad an Industrialisierung hoch ist, es viele Unternehmen, Firmenzentralen, Industrie- oder Produktionsstandorte gibt, die verfügbaren Einkommen überdurchschnittlich hoch sind.
Besonders hoch sind sie dort, wo viele Facharbeiter beschäftigt sind und der Anteil an Geringqualifizierten gering ist. Hinzu kommt: Überall dort, wo sich bereits Industrie-Unternehmen befinden, siedeln sich weitere Dienstleistungsbetriebe an, die Leistungen für die Industrie erbringen und dafür wiederum zusätzlich Leute beschäftigen. Das führt auch dazu, dass die Arbeitslosenquote in diesen Regionen eher gering ist, was sich in hohen verfügbaren Durchschnittseinkommen niederschlägt. Diese Regionen befinden sich vorwiegend in der westlichen Mitte Deutschlands und im Süden.

Liegt es nur an der Wirtschaftskraft, oder spielen auch andere Faktoren eine Rolle?
Wichtig ist auch die Bevölkerungsdichte. In dünnbesiedelten Regionen lassen sich weniger Unternehmen nieder als in dichtbesiedelten. Das führt in großen Teilen Ostdeutschlands zu einem Problem. Ein einfaches Beispiel: Damit eine Bäckerei in einem Dorf überhaupt öffnet, muss sie sicherstellen, dass sie täglich eine bestimmte Zahl Brötchen verkauft. Wenn in diesem Dorf aber nur noch 300 Menschen wohnen und davon nur 50 Personen hin und wieder ein paar Brötchen kaufen, macht die Bäckerei gar nicht erst auf. Es siedeln sich also keine oder nur wenige neue Unternehmen an. Erschwerend kommt für diese Regionen hinzu, dass das allgemeine Bildungsniveau in Deutschland steigt.

Wieso ist das schlecht?
Generell nicht, aber für strukturschwache Regionen unter Umständen schon. Warum? Je jünger die Menschen, desto höher ist ihr Qualifikationsniveau im Vergleich zur vorherigen Generation. In industrieschwachen Regionen, zu denen weite Teile Ostdeutschlands gehören, haben es Höhergebildete schwerer, passende Stellen zu finden. Die Regionen werden dann immer älter und ärmer, weil die jungen Besserqualifizierten wegziehen und ihre Einkommen woanders verdienen.

Der Kreis mit dem geringsten verfügbaren Einkommen liegt allerdings in Westdeutschland, es ist die Stadt Gelsenkirchen.
Gelsenkirchen hat den Strukturwandel nach meinem Eindruck nicht gut bewältigt. Das gilt auch für Duisburg, Oberhausen und Hagen. Dort gab es bis Mitte der Achtzigerjahre noch viele Arbeitsplätze, die danach dem Wegfall der Steinkohleförderung und der Massenstahlproduktion verschwunden sind. Viele der ehemaligen Facharbeiter haben nun Qualifikationen, die nicht mehr gefragt sind. Daraus resultiert eine relativ hohe Arbeitslosenquote – in Gelsenkirchen liegt sie aktuell bei mehr als elf Prozent. Und die neu entstandenen Dienstleistungsjobs erfordern wenig Qualifikation und sind entsprechend schlecht bezahlt.

Ähnlich sind die Zahlen in Mecklenburg-Vorpommern.
Mecklenburg-Vorpommern war schon immer landwirtschaftlich geprägt und wird daher kaum auf ein durchschnittliches Markteinkommen wie beispielsweise Nordrhein-Westfalen kommen können.

— Bundesländer im Vergleich

Warum steht Heilbronn so gut da?
Dort ist der Anteil der exportorientierten Industriearbeitsplätze und angeschlossener qualifizierter Dienstleistungsjobs besonders hoch. In Heilbronn sitzt ein Teil der Champions League der deutschen Industrie. Ein Facharbeiter kommt dort schon mal auf ein Einkommen eines Berliner Studienrates mit mehrjähriger Berufserfahrung.

Überraschenderweise ist auch das Einkommen in Nordfriesland hoch.
Dort gibt es viele Einkommensmillionäre – drei von 10000 Einwohnern zählen dazu. Ich vermute, darunter sind viele, die ihr Geld eigentlich in Hamburg verdienen, aber auf Sylt wohnen. Im Taunuskreis westlich von Frankfurt ist es ähnlich. Dort wohnen viele Menschen mit hohem Einkommen, die im Frankfurter Bankensektor beschäftigt sind. Die hohen Einkommen der Banker ziehen das Durchschnittseinkommen des Kreises nach oben und verzerren es somit. Zudem ist das Einkommen innerhalb dieses Kreises sehr ungleich verteilt.

Wird sich an den Ungleichheiten, die die Karte zeigt, etwas ändern?
Das kann man schwer vorhersagen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass wir uns zu einem gewissen Maße mit diesen ungleichen Lebensverhältnissen in Deutschland arrangieren müssen. In Ostdeutschland werden in vielen Kreisen die Markteinkommen aufgrund der eher schwachen Wirtschaftsstruktur nicht steigen, der demographische Wandel wird sie eher noch weiter sinken lassen. Zudem waren die Zuwachsraten der Einkommen von Hochqualifizierten zuletzt stets höher als die der Geringqualifizierten. Das heißt, dass Personen, die heute am schlechtesten dastehen, in Zukunft kaum aufholen werden. Sie sind besonders auf Transferzahlungen des Sozialstaats angewiesen.

Hinweis zum Stadtkreis Heilbronn
Personen mit höherem Einkommen können das „Verfügbare Einkommen je Einwohner“ beeinflussen - z.B. wenn die Dichte der Einkommensmillionäre besonders hoch ist. Inwieweit das Einkommen des Lidl-Gründers Dieter Schwarz die Statistik in Heilbronn verzerrt, lässt sich nicht hundertprozentig beurteilen.