Dirk Wittenborg
CEO gsm GmbH
Dirk Wittenborg ist CEO der gsm GmbH, einem führenden Bildungs- und Coachingunternehmen Deutschlands, und beschäftigt sich mit der zentralen Frage: Wie gelingt es Unternehmen und deren Beschäftigten, in einer Arbeitswelt erfolgreich zu bleiben, die sich schneller verändert als je zuvor?
Seine Perspektive ist ungewöhnlich: Nach Stationen in der Strategieberatung und der Finanzwirtschaft hat er als Gründer, Unternehmer, CEO und Beirat zahlreiche Technologie- und Wachstumsunternehmen aufgebaut und durch Transformationsphasen begleitet.
Dirk ist überzeugt: Die Arbeitswelt von morgen wird nicht allein durch Technologie entschieden, sondern durch die Fähigkeit von Menschen und Organisationen, Wandel anzunehmen, Orientierung zu schaffen, Potenziale freizusetzen und mutige Entscheidungen zu treffen.
Im work awesome Newsletter haben wir Dirk ein paar Fragen gestellt:
Dirk, Automatisierung durch KI wird enorme Kapazitäten in Unternehmen freisetzen. Was bedeutet das gesamtgesellschaftlich?
Die Debatte rechnet falsch. Es sind nicht 30 bis 50 Prozent der Jobs, die verschwinden – es sind 30 bis 50 Prozent der Arbeitskapazität, die sich verändert. Und diese Veränderung trifft nahezu 100 Prozent der Jobs. Wir haben also kein Abbauproblem von um die 40 Prozent, sondern einen Reskilling-Bedarf von 100 Prozent. Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stützen dieses Muster: Ein hohes Ersetzungspotenzial hat in der Vergangenheit selten zu Entlassungen geführt, sondern zu veränderten Tätigkeitsprofilen.
Dadurch entsteht zusätzlicher Druck auf Unternehmen, die ohnehin schon in Bedrängnis sind, oder?
Absolut. Der chinesische Autohersteller BYD hat gerade erst in Chengdu eine Limousine vorgestellt, die 66 Millimeter länger ist als die Mercedes S-Klasse. Vorverkaufspreis in China: umgerechnet rund 37.000 Dollar. Die S-Klasse startet bei über 120.000. Auf so etwas antwortet man nicht mit Kostensenkung. Und wer glaubt, die KI-Kapazität sei die billige Antwort, unterliegt einem Trugschluss. Die 20-Euro-Flatrate ist massiv subventioniert; die Anbieter verkaufen unter Kosten, um Marktanteile zu kaufen. Entweder wird das deutlich teurer oder die Investitionen amortisieren sich nie. Bleibt die eigentliche Frage: Was machen wir mit der frei werdenden menschlichen Kapazität – freisetzen oder anders verwenden? Fielen in Deutschland 12 bis 20 Millionen Erwerbstätige weg, entstünde eine Ausgleichslast von 600 bis 1.000 Milliarden Euro jährlich, mehr als der gesamte Bundeshaushalt, bei gleichzeitig wegbrechenden Steuereinnahmen. Wer freisetzt, sägt am eigenen Absatzmarkt.
Wird es trotzdem einen Wettlauf darum geben, welche Unternehmen mit den wenigsten Arbeitskräften auskommen?
Die Fantasielosen werden diesen Wettlauf führen. Nur führt er ins Leere. Ein Unternehmen, das ausschließlich auf KI aufbaut, ist in Lichtgeschwindigkeit kopierbar – dieselben Modelle stehen allen offen. Wenn alle dasselbe können, bleibt als einziges Unterscheidungsmerkmal der Preis. Und einen Preiswettbewerb ohne Differenzierung verlieren am Ende alle Beteiligten.
Worin kann denn ein echter Wettbewerbsvorteil liegen?
Der Vorteil liegt künftig nicht darin, wer die wenigsten Menschen beschäftigt, sondern wer aus derselben KI mehr macht als der Wettbewerb. Das ist keine Technologiefrage. Das ist eine Frage der Menschen.
Was bedeutet das konkret?
Wachstum durch neue Geschäfte statt Marge durch weniger Menschen. Das ist der unbequemere Weg – und in Deutschland besonders unbequem. Wir haben jede Form von Neuausrichtung so kompliziert, langsam und riskant gemacht, dass uns der Mut zum Versuch abhandengekommen ist. Und wer es doch versucht und scheitert, wird als „Pleitier“ durchs (Social-)Media-Dorf getrieben. Dabei hat sich der Engpass gerade verschoben. Jahrzehntelang waren die Ressourcen knapp. Jetzt ist Kapazität im Überfluss verfügbar. Knapp ist die Vorstellungskraft, was man damit anfängt.
Wie schwer ist es und wie lange dauert es, Menschen erfolgreich für neue Rollen zu qualifizieren?
Auf die Dauerfrage gibt es keine allgemeine Antwort. Coaching, wie wir es bei gsm sehen, ist immer eine individuelle Prozessbegleitung. Bei gsm trennen wir deshalb scharf zwischen Qualifizierung und Coaching. Qualifizierung ist die Vermittlung von Inhalten – dieser Teil wird immer unwichtiger, weil KI inhaltliche Fragen zunehmend besser löst als wir. Coaching befähigt Menschen, mit einer scheinbar unbegrenzten Intelligenz umzugehen und daraus etwas Sinnvolles zu machen. Als Orientierung: Ein Coaching sollte sechs Monate nicht überschreiten. Aber es bleibt eine Initialzündung. Der Rest ist lebenslanges Lernen – das endet nicht und wird völlig anders aussehen als das, was wir kennen.