Wie ergeht es in der Corona-Krise …

… Paul Bethke, dem Gründer des Getränkeherstellers Lemonaid/ChariTea?

Warum er aus einer großen Entwicklungshilfe-Organisation ausgestiegen ist, hat Bethke uns 2012 in einem Interview erklärt. Drei Jahre später haben wir das soziale Engagement seiner Firma Lemonaid analysiert. Sie will Getränke verkaufen und den Armen helfen – vor allem dort, wo sie die Rohstoffe für ihre Limonaden und Eistees einkauft: in Südasien, Südafrika und Lateinamerika.





In dieser Reihe fragen wir Unternehmer und andere Menschen, über die wir in der Vergangenheit berichtet haben, wie sie mit der Corona-Krise umgehen. Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Und wie wollen sie diese bewältigen? 

Paul Bethke

brand eins: Herr Bethke, wie hart trifft Sie die Krise?
Paul Bethke: Das ist noch schwer zu sagen. Da wir nicht an den Endkunden verkaufen, bekommen wir den Effekt etwas versetzt zu spüren. Wir gehen aber von einem Umsatzeinbruch von 80 bis 95 Prozent aus. Uns blieb nichts anderes übrig, als Kurzarbeit zu beantragen.

Sie verkaufen Ihre Produkte doch auch in Supermärkten, die derzeit sehr starken Kundenandrang haben?
70 Prozent unseres Umsatzes machen wir in der Gastronomie, in Bars, Restaurants, auf Straßenfesten und Festivals. In ausgewählten Supermärkten sind wir zwar auch, aber da haben wir jetzt ebenfalls Probleme. Das Personal ist so damit beschäftigt, wieder Hygieneartikel oder Wasserflaschen in die Regale zu räumen, dass sie für unsere Produkte keine Zeit mehr finden.

Waren wie unsere stehen zum Teil palettenweise auf dem Hof herum, weil keiner dazu kommt, sie auszupacken. Hinzu kommt, dass wir normalerweise oft Aktionen in den Supermärkten machen, um unsere Limonaden und Eistees besser zu präsentieren. Das ist nicht mehr möglich.

Können Sie irgendetwas tun, um die Situation zu verbessern?
Wir versuchen unseren Online-Vertrieb anzukurbeln. Bisher war das nur ein Nebengeschäft für uns, aber jetzt wird er wichtig. Wir denken zudem über Social-Media-Aktionen nach, die den Absatz befeuern könnten. Konkretes kann ich da aber noch nicht sagen.

Wie ist die Stimmung im Betrieb?
Die Krise schweißt alle zusammen, und man sieht, dass für unsere Mitarbeiter die Arbeit bei Lemonaid/ChariTea mehr ist als ein Job. Das merkt man jeden Tag bei unseren Videokonferenzen.

Arbeiten alle von zu Hause aus?
Ja, schon seit zwei Wochen. Ich bin gerade in Sri Lanka. Eigentlich wollte ich nur eins unserer Sozialprojekte besuchen, dann wurde mein Rückflug gecancelt. Jetzt bleibe ich erstmal hier. In Sri Lanka leben nicht nur einige unserer Zulieferer, sondern auch viele alte Freunde: Ich habe als Schüler mehrere Jahre dort gewohnt.

Von der Menge der Flaschen, die Lemonaid/ChariTea verkauft, hängt auch die Höhe des Betrages ab, mit dem Sie die Sozialprojekte fördern. Bekommen die Kitas und Schulen in den Anbauländern den Absatzeinbruch schon zu spüren?
Nein, zum Glück noch nicht. Auch hier wird der Effekt versetzt einsetzen – er wird aber natürlich kommen. Wir hoffen, die Folgen irgendwie abfedern zu können. Wie, das wissen wir selbst noch nicht genau. --

Paul Bethke ist in Hamburg aufgewachsen, hat in Sri Lanka Abitur gemacht und in Edinburgh, Lüneburg und Paris Volkswirtschaftslehre studiert. 2005 ging er als Entwicklungshelfer in das von der Tsunami-Katastrophe verwüstete Sri Lanka (brand eins 01/2012 „Geldausgeben als Selbstzweck“). Dann stieg er aus und gründete 2009 das Sozialunternehmen Lemonaid in Hamburg (brand eins 05/2015 „Die Krux mit der Moral").