Updates aus dem Rathaus, Teil IV

Claus Ruhe Madsen, 47, ist der erste ausländische Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Im Juni 2019 gewann der Däne die Wahl zum Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock. Seit September ist der Parteilose, der während des Wahlkampfs von CDU und FDP unterstützt wurde, offiziell im Amt. Madsen hat eine Möbelkette und eine Wohnmobilvermietung gegründet und war von 2013 bis 2019 Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Rostock. Hier ein weiterer Einblick in den Arbeitsalltag des Quereinsteigers.



— Rostock, Februar 2020

brand eins: Herr Madsen, Sie haben versprochen, Rostock zu einer menschenfreundlichen Stadt zu machen. Allerdings leben in kaum einer anderen Kommune Arme und Reiche so stark voneinander getrennt.* Die einen in der Innenstadt, die anderen vor allem in den Großwohnsiedlungen.

Claus Ruhe Madsen: In Rostock befinden sich etwa 50 Prozent aller Wohnungen in Plattenbaugebieten. Kurz nach der Wende waren es sogar 70 Prozent. Die Siedlungen wurden zu DDR-Zeiten bewusst am Stadtrand errichtet, weil es dort genügend Platz, Licht und Luft gab.

Die Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung haben errechnet, dass 50 Prozent der Kinder aus solchen Familien umziehen müssten, damit Rostock wieder sozial durchmischt wäre. Wie soll das gelingen?

Wir müssen vor allem unsere öffentlichen Schulen auf Vordermann bringen. In Rostock geht jedes vierte Schulkind auf eine Privatschule. Diese Schulen befinden sich vornehmlich in der Innenstadt – dort, wo kaum arme Leute wohnen. Auch nahezu alle weiterführenden kommunalen Schulen sind in der Innenstadt. In dieser Hinsicht haben wir unsere Randgebiete vernachlässigt.

Wie wollen Sie das ändern?

Ich möchte die besonderen Schul- und Freizeitangebote in diesen Stadtteilen stärken. Wir brauchen weitere kommunale Vorzeigeschulen mit Schwerpunktthemen. Ich arbeite gerade daran, dass wir zum Beispiel eine kommunale Sportschule im Nord-Westen der Stadt bekommen könnten.

In Rostock leben derzeit rund 2000 Menschen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind. Haben Sie einen Plan, diese Menschen zu integrieren?

Ich habe mit den Chefs der kommunalen Unternehmen, allen Amtsleitern und einzelnen Firmeninhabern gesprochen, wie wir Langzeitarbeitslose den Wiedereinstieg in das Berufsleben erleichtern können. In der Stadtverwaltung haben wir zum Beispiel festgestellt, dass wir viel zu strenge Anforderungen in unseren Stellenbeschreibungen haben. Die passen wir jetzt an. Wir müssen uns kümmern, wir dürfen nicht länger sagen: „Bei uns geht das nicht.“ 

 

Claus Ruhe Madsen
Claus Ruhe Madsen

 

Das ist noch Zukunftsmusik. Gibt es schon erste Fortschritte bei Ihrem Lieblingsprojekt Digitalisierung?

Ja, wir veröffentlichen in Kürze digitale Dienste, die wir zusammen mit der OstseeSparkasse Rostock entwickelt haben. Dort kann jeder nicht nur seinen Kontostand kontrollieren, sondern auch Sperrmüll bestellen oder seinen Hund an- oder abmelden. Wenn ein Kunde einmal seine Daten in der App hinterlegt hat, muss er keine lästigen Anträge mehr schreiben.

Klingt vielversprechend – wie finden Ihre Mitarbeiter das?

Die ersten Kritiker unken bereits: Was passiert denn, wenn die App wirklich erfolgreich wird? Dann kommt ja noch mehr Arbeit auf die Stadtverwaltung zu.

Wie haben Sie geantwortet?

Ich sehe keinen Grund zur Sorge. Niemand meldet einen Hund mehr an, nur weil es digital geht. Auch die Arbeit bleibt die gleiche. Aber ich gebe zu: Wenn ich solche Stimmen höre, bezweifle ich manchmal, dass wir eines Tages wirklich anders arbeiten werden. Wahrscheinlich bin ich einfach zu ungeduldig. 

Vielleicht müssen Sie in kleineren Schritten denken?

Wahrscheinlich wäre es besser, wenn wir erst einmal nur digitale Fassaden errichten – so wie Kulissen in Western-Filmen – und die Prozesse in der Stadtverwaltung erst später digitalisieren. Die Hauptsache ist, dass es für die Menschen einfacher wird. 

Stellen Sie immer noch Unterschiede zu Ihrer früheren Rolle als Unternehmer fest?

Ja, ich kann nicht mehr einfach drauflosreden. Ich muss daran denken, wie das, was ich sage, bei Mitarbeitern, die mich nicht persönlich kennen, ankommen könnte.

Kennen Sie denn schon alle?

Noch nicht. Damit ich besser verstehe, wie sie ticken, mache ich ab sofort pro Quartal ein eintägiges Praktikum in einem Amt oder einem kommunalen Unternehmen. Im März bin ich bei der Rostocker Stadtreinigung und werde einen Tag als Müllmann arbeiten. Wir haben schon die Klamotten ausgesucht.

*Soziale Spaltung in Deutschland
Marcel Helbig und Stefanie Jähnen vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung haben in ihrer Studie „Wie brüchig ist die soziale Architektur unserer Städte?“ das Ausmaß der sogenanten Segregation in 74 deutschen Städten seit 2002 erforscht. Demnach wohnen Arme und Reiche in Schwerin, Rostock, Erlangen, Erfurt und Wolfsburg in verschiedenen Vierteln voneinander getrennt. Die soziale Spaltung ist in diesen Städten ausgeprägter als etwa in Hamburg oder München. In Rostock hat die soziale Spaltung von Jahr zu Jahr zugenommen – noch stärker als in Schwerin, Potsdam, Halle und Erfurt. Die Studie können Sie hier herunterladen.