Indien - Treiber der Transformation
Die Lügendetektoren
In keinem anderen Land grassieren so viele Falschmeldungen wie in Indien. Pratik Sinha und seine Mitstreiter kämpfen mit ihrer Organisation Alt News gegen diese Desinformation – und zahlen dafür einen hohen Preis.
• Der digitale Raum als ein Ort der Aufklärung – das ist die Vision des freien Internets. Doch mit dem digitalen Austausch erstarkt auch dessen hässliche Kehrseite: Mit Lügen und Halbwahrheiten angefüllte digitale Echokammern, aus denen Wogen der Gewalt in unsere Mitte gespült werden.
Am Anfang solcher Fake-News-Kampagnen, die Zwietracht und Hass säen, steht meist eine harmlos wirkende Meldung, ein Foto oder ein Video. Zeigt dieser Clip nicht eindeutig, dass der Oppositionsführer zu spät kommt bei der Vereidigung des Parlaments, dass er keinen Respekt hat für das Land? Oder jenes mit dem Mann, der ins Glas seines Vorgesetzten spuckt: Ist das nicht der „Spuck-Jihad“, eine perfide Aktion der muslimischen Minderheit gegen die Mehrheitsgesellschaft? Oder die Aufnahmen von dem alten Mann, der mit einem kleinen Mädchen Arm in Arm im hohen Gras liegt – ein Beweis dafür, dass Kindesmissbrauch Teil der islamischen Kultur ist?

All dies sind aktuelle Beispiele für die gezielte Verbreitung von Lügen in Indien, wo Desinformation grassiert wie in keinem anderen Land der Welt. Es sind manipulierte oder absichtlich irreführende Informationen, die Menschen schaden sollen.
Denn tatsächlich kam der Oppositionsführer Rahul Gandhi nicht zu spät zur Parlamentssitzung, wie das genannte Video insinuiert. Der Spucker war kein rachsüchtiger Muslim, sondern ein psychisch kranker Hindu. Und der mutmaßliche Missbrauchsfall war eine harmlose Szene aus einer pakistanischen TV-Serie à la Heidi. Diejenigen, die diese Videos in Umlauf gebracht haben, wussten das. Ihr Publikum nicht. Einmal veröffentlicht, erreichen solche bösartigen Tweets, Whatsapp-Nachrichten und Instagram-Posts Millionen Menschen und vergiften den Diskurs.
Desinformation ist eine zunehmende Bedrohung. Laut einer Expertenumfrage des Weltwirtschaftsforums, dem “Global Risk Report 2024” ist die Verbreitung von Falschnachrichten langfristig das größte Risiko für Gesellschaften weltweit – noch vor den Auswirkungen der Klimakrise und Kriegen.
Und das gilt besonders für Indien, das Land, das laut Weltwirtschaftsforum am schlimmsten von Desinformation betroffen ist. Denn die dortigen Internet-Lügen haben oft blutige Folgen. So wurden im Jahr 2018 zwei Dutzend Menschen getötet, weil ein Video zirkulierte, in dem vor Kidnappern gewarnt wurde. Die Aufnahmen stammten aus einem Aufklärungsvideo einer pakistanischen Kinderschutz-Organisation und wurden so zusammengeschnitten, dass nur die Botschaft blieb: Vorsicht vor Fremden, die eure Kinder rauben! Fünf Freunde, die eine Motorradtour durch das ländliche Südindien machten, wurden Opfer dieser Falschnachricht: Sie wurden von einem wütenden Mob hunderter Dorfbewohner attackiert. Ein Mann – ein 32-jähriger Software-Ingenieur aus Hyderabad – wurde dabei getötet, die anderen schwer verletzt. Und das ist kein Einzelfall.
„Die Mehrheit der Menschen in Indien hat heute zum ersten Mal im Leben Zugang zu Informationen aus dem Internet – und sind nicht in der Lage zu unterscheiden, welche authentisch sind und welche nicht“, sagt der Software-Ingenieur und Journalist Pratik Sinha. Die meisten Fehlinformationen würden durch Videos verbreitet. Und was die Inderinnen und Inder dort sehen und hören, sei vor allem Hetze gegen die politische Opposition und die muslimische Minderheit.
Pratik Sinha will die Wellen der Desinformation brechen. Zusammen mit Mohammed Zubair, ebenfalls Software-Ingenieur, hat er vor sieben Jahren Alt News gegründet. Die Organisation klärt auf ihrer eigenen Webseite und Social-Media-Plattformen über Desinformations-Kampagnen auf.
Sinha hat schon 2013 mit Faktenchecks begonnen. Auf seiner Facebook-Seite und seinem Twitter-Account ging er zweifelhaften politischen Statements nach. Für ihn, so erzählt er, sei das eine Form der Auseinandersetzung mit der ressentimentgeladenen Politik Narendra Modis gewesen, der damals vom Ministerpräsident Gujarats zum Präsident Indiens aufstieg.
Nachdem 2016 in Gujarat vier Kinder, die zur unterdrückten Gruppe der Dalit zählten, von einer aufgebrachten Meute zusammengeschlagen wurden, organisierte Sinha Protestmärsche (siehe auch: Die Buchhalterin der Unterdrückten). „Die Medien hatten den Fall nicht aufgegriffen – erst, als wir Videos online stellten, begann die Berichterstattung“, sagt Sinha. „Mir wurde damals klar, dass ich nicht weiter als Software-Ingenieur arbeiten, sondern andere Arbeit machen wollte.“
Mit dieser Entscheidung begann ein neues Leben als öffentliche Person, als einflussreicher und auch bedrohter Journalist. Aber Pratik Sinha ist kein sentimentaler Erzähler – der Fokus auf Fakten zieht sich auch durch die Gespräche mit ihm.
Schon damals habe er online Kontakt zu Mohammed Zubair gehabt, der ebenfalls eine private Faktencheck-Seite auf Facebook betrieb. Die beiden taten sich zusammen, kündigten ihre Jobs und begannen 2017 mit Alt News – eine Zwei-Mann-Organisation, die Fahne der Aufklärung hochhalten wollte, während weite Teile der indischen Medien aufgegeben zu haben schienen. Denn obwohl es in Indien mehr als 20.000 Tageszeitungen und rund 450 private Fernsehsender gibt, ist die Medienlandschaft Kritikern zufolge wenig vielfältig. Was auch daran liegt, dass die indische Regierung der größte Anzeigenkunde ist und die Berichterstattung daher wenig regierungskritisch. Das Land fiel in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen von Platz 140 im Jahr 2014 auf 159 im Jahr 2024 und liegt damit hinter Pakistan und nur drei Plätze vor Russland.
Pratik Sinha sagt, in ihrer täglichen Arbeiten bei Alt News könnten er und sein Team oft beobachten, wie Social-Media-Falschmeldungen von großen Medienhäusern übernommen und dadurch aufgewertet würden. So deckten die Faktenchecker auf, dass etwa die India Today Group, zu der der meist geschaute Hindi-Nachrichtensender Aaj Tak gehört, im Jahr 2022 in 23 Fällen Falschnachrichten verbreitete.
Neben handwerklichen Fehlern wirkt sich auch die Angst vor Kriminalisierung auf die Qualität journalistischer Arbeit aus. Nach Angaben des indischen Komitees zum Schutz von Journalisten wurden 21 Journalisten zwischen 2014 und 2023 inhaftiert. In den neun Jahren vor der Modi-Regierung waren es vier.
Trotz dieser bedrohlichen Lage schreckt Alt News nicht davor zurück, Ross und Reiter zu nennen: „Wir können Desinformation oft nicht bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen“, sagt Sinha. „Aber wir können sehen, wem die Desinformation nutzt – und das ist in der absoluten Mehrheit der Fälle die Regierung.“ Ein großer Teil der zirkulierenden Desinformationen stamme aus dem Umfeld von Narendra Modis BJP, sagt Sinha, das zeige ihre tägliche Arbeit. Das belegen aber auch Recherchen der »Washington Post«, die von einem Netzwerk von mehr als 150.000 Menschen ausgeht, das für die IT-Abteilung der Regierungspartei, die sogenannte BJP-IT-Cell, an Social-Media-Kampagnen arbeitet. Gegenüber der »Washington Post« gaben BJP-Mitarbeiter zu, dass die Partei im Geheimen mit Trollen zusammenarbeite, die hetzerische Post verfassen.
Angesichts des enormen medialen Einflusses, den die Hindun-Nationalisten haben, erstaunt es, dass sie bei der jüngsten Wahl im Frühjahr 2024 Parlamentssitze verloren und politische Macht eingebüßt haben. Sinhas Erklärung: Der Widerspruch zwischen der politischen Erzählung von Wohlstand und Aufstieg und der von Inflation und Massenarbeitslosigkeit geprägten Realität sei so groß, dass viele Wähler sich anders entschieden hätten.
Ist das ein Zeichen dafür, dass die Menschen in Indien weniger manipulierbar sind? Da ist Sinha skeptisch: „Ja, Inflation kann man nicht lange schönreden. Aber der Großteil der Desinformationen in Indien zielt auf die Diffamierung der muslimischen Minderheit. Mit der Angst vor und dem Hass auf Muslime kann man viele Wähler gewinnen, ohne die wirtschaftliche Situation der Menschen im Land tatsächlich verbessern zu müssen.“
Klarheit in der Kritik, das müsse daher der Anspruch an alle Journalisten in Indien sein, sagt Sinha. Gerade weil die Situation so bedrohlich ist. „Wir messen Fact-Checker daran, ob sie auch die Aussagen der Mächtigen prüfen“, sagt er. Die vor den Wahlen gegründete Misinformation Combat Alliance, zu der sich 16 Medien und Organisationen zusammengeschlossen haben, ist nach seiner Meinung nicht kritisch genug – weder gegenüber der Regierung, noch gegenüber den Plattformen wie Meta und Google, die die Allianz mitfinanzieren. Sinha sieht es so: “Wenn ein Verbrechen passiert ist und es gibt zwei Verdächtige, und nun gibt der eine Verdächtige dem anderen Geld, um den Fall aufzuklären – was kann man von solchen Ermittlungen erwarten?"
Alt News hat keine großen Finanziers im Rücken. „Institutionen geben uns kein Geld. Das ist zu gefährlich für sie”, sagt Sinha “Aber einzelne Menschen unterstützen uns. Manche schicken größere Beträge, aber wir bekommen auch mal nur zehn Rupien von Schülern, die unsere Artikel wichtig finden.” Monatlich nimmt Alt News eigenen Angaben zufolge umgerechnet 15.000 Euro an Spenden ein. Davon wird die Arbeit der zwölf Mitarbeiter bezahlt, die meisten von ihnen sind ausgebildete Journalisten. Auf die Unterstützung durch die interessierte indische Öffentlichkeit sind die Faktenfinder stolz. „Wir wissen nicht viel über unsere Leser, nur, dass sie pro-demokratisch sind“, sagt Sinha.
Dass ihre Arbeit auch im Ausland wahrgenommen wird, zeigte sich etwa 2022, als Alt News als Kandidat für den Friedensnobelpreis nominiert wurde. Das Nobelkomitee würdigte Mohammed Zubair und Pratik Sinha für ihren Kampf gegen religiösen Extremismus und Intoleranz in Indien.
Mit der Anerkennung und Sichtbarkeit von Alt News steigt aber auch der Druck auf das Team. Beschimpfungen seien dabei das geringste Problem, versichert Sinha. Die größte Bedrohung gehe von Verleumdungsklagen aus. So wurde Mohammed Zubair im Juni 2022 festgenommen und wegen „Förderung der Feindschaft zwischen verschiedenen Gruppen“ sowie „vorsätzlicher und böswilliger Verletzung religiöser Gefühle“ angeklagt.
Sein Vergehen: Er hatte vier Jahre zuvor das Foto eines Hotels auf Twitter veröffentlicht. Darauf war zu lesen: „Vor 2014: Honeymoon Hotel. Nach 2014: Hanuman Hotel” – ein Witz über das Erstarken der Religiosität (Hanuman ist eine hinduistische Gottheit) nach der Wahl der hindu-nationalistischen Regierung unter Narendra Modi. Wegen des harmlosen Scherzes wurde Mohammed Zubair 23 Tage lang festgehalten.
Aufhalten lässt sich das Team von Alt News aber nicht. Im Gegenteil, es weitet sein Engagement mit der 2022 gegründeten Organisation Alt Ed aus. Drei Mitarbeiter veranstalten Projektwochen an Schulen oder in Gemeindezentren, um Kindern und Erwachsenen Medienkompetenzen zu vermitteln. Mehr als 1500 Teilnehmer erfuhren bereits, wie man die Herkunft von Fotos und Videos zurückverfolgt, das Erstellungsdatum einer Meldung herausfindet oder den ursprünglichen Kontext einer Information rekonstruiert. „Im Grunde geht es um kritisches Denken, das die Kollegen von Alt Ed schon bei Kindern ab zwölf Jahren fördern“, sagt Sinha.
Ein wichtiges Ziel dieser Aufklärungsarbeit sei es, den negativen Einfluss der Plattformen wie Twitter und Meta bekannt zu machen, „zu zeigen, dass sie politische und wirtschaftliche Akteure sind, die mit Desinformation Geld machen“, so Sinha. Die fatale Rolle der Internet-Konzerne bei der Verbreitung von Fake-News ist mittlerweile wissenschaftlich belegt, die Plattformen ändern dennoch nichts an ihrem Procedere. Bei Twitter, heute X, hat die Übernahme durch Elon Musk dazu geführt, dass Fakten in der Flut von Fake News und Hetze untergehen und sogar die EU-Kommission das schlechte Verhältnis von Lügen und Wahrheit auf der Plattform anprangert.
Bei Meta verteidigt man die Verbreitung von Desinformation sogar offensiv: Posts von Politikern sollten nicht überprüft werden, so der Vorstandsvorsitzende Mark Zuckerberg 2020 in einem Interview mit dem Sender CNBC. Denn: „Politische Äußerungen sind einer der sensibelsten Bereiche in einer Demokratie, und die Menschen sollten sehen können, was Politiker sagen.”
„Das mag ein hehres Ziel sein in den USA, aber für Länder wie Indien, Pakistan, Bangladesch oder Sri Lanka ist diese Haltung fatal“, entgegnet Pratik Sinha. Im globalen Süden würden Politiker nicht annähernd so stark von Presse und Justiz kontrolliert wie in den Vereinigten Staaten oder in Europa. „Es ist schlicht gefährlich, wenn wir alle von Plattformen abhängig sind, die so tun, als wäre die ganze Welt San Francisco“, sagt er.
Sinha setzt daher auf dezentrale, von Konzernen unabhängige Plattformen wie Peertube. „Ich spreche derzeit mit vielen Youtubern, die schon heute eine kritische Öffentlichkeit in Indien aufrechterhalten", sagt Sinha. Denen rate er, am Ende ihrer Videos eine 30-sekündige Nachricht einzufügen: “Falls dieser Youtube-Kanal jemals zensiert wird, schaut hier bei Peertube weiter.” Er hofft, dass auf den Ruinen des alten Mediensystems etwas Neues entsteht, Orte der Wissensvermittlung, des respektvollen Austauschs, kurz: der Aufklärung. --
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Diese Serie wird gefördert vom European Journalism Centre, im Rahmen des Solutions Journalism Accelerator. Dieser Fonds wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.
Keine dieser Organisationen hat Einfluss auf die Inhalte.