Zum Inhalt springen

Indien - Treiber der Transformation

Das Kastenwesen ist in Indien offiziell seit fast hundert Jahren abgeschafft – und schließt doch bis heute Abermillionen Menschen vom gesellschaftlichen Aufstieg aus. Die Ökonomin Beena Pallical kämpft gegen dieses System. Ihre Waffe: wirtschaftliche Bildung.



• Am 17. Januar 2016 erhängte sich Rohith Vemula an einem Deckenventilator im Studentenwohnheim der Universität Hyderabad. Der Tod des Soziologie-Doktoranden löste landesweite Proteste aus. Bis heute wird an seinem Todestag für Gerechtigkeit demonstriert, Vemulas Name ist untrennbar verbunden mit der Frage, welche Chancen die Ärmsten der Gesellschaft in der größten Demokratie der Welt haben.

Rohith Vemula war Dalit, hineingeboren in eine Gruppe, die in der Tradition des hinduistischen Kastenwesens als unberührbar bezeichnet wurde (siehe Kasten). Er engagierte sich gegen die fortdauernde Diskriminierung der Dalits an seiner Universität – mit fatalen Folgen. Monate vor seinem Tod wurde das ihm zustehende Stipendium nicht mehr ausgezahlt. Die Universität suspendierte ihn. In seinem Abschiedsbrief heißt es: „Meine Geburt ist mein tödliches Schicksal.“

Grafik: Eine Frau steht selbstbewusst auf einem hohen Stapel Bücher und Papiere. Um sie herum stehen weitere Personen auf noch höheren Stapeln. Papiere fliegen in der Luft. Die Frau wirkt entschlossen und überblickt die Situation. Die Zeichnung vermittelt ein Gefühl von Herausforderung und Erfolg.
Illustration: Rachita Vora

Die Liste der Ungerechtigkeiten und der Gewalt, die Dalits in Indien bis heute erfahren, ist lang und grausam: Kinder, die aus dem Wasserhahn für höhergestellte Kasten trinken, werden fast totgeprügelt, Frauen vergewaltigt, Männer des Handels mit Rindfleisch verdächtigt und erschlagen. Besonders auf dem Land ist die Kastenhierarchie mächtiger als Recht und Gesetz.

Die Gruppe der Ausgegrenzten ist riesig, internationale Forschungsinstitute gehen von einem Viertel der Bevölkerung aus, die indische Regierung von 16,6 Prozent: Das sind mehr als 230 Millionen Menschen.

Zwar gibt es mittlerweile zahlreiche Politiker aus der Gruppe der Dalit und bereits seit der britischen Herrschaft ein ausgeklügeltes Quotensystem, das diesen und anderen marginalisierten Gruppen Zugang zu Regierungsjobs verschaffen soll. Doch am System der Ausgrenzung hat sich bis heute wenig geändert. Die meisten Dalit-Vertreter schwiegen aus Loyalität zu den politischen Parteien, in denen die oberen Kasten den Ton angäben, so erklärt das der Politikwissenschaftler Rehnamol Raveendran von der Universität Allahabad.

Rohith Vemulas Schicksal erregt auch acht Jahre nach seinem Tod so viel Aufmerksamkeit, weil der junge Mann nicht geschwiegen hatte. Und weil er dem Ziel des sozialen Aufstiegs so nah gekommen war.

„Der Weg raus ist Bildung“, sagt Beena Pallical. Sie sitzt in ihrem Büro in Delhi und erzählt mit lauter Stimme von ihrer Mission. „Seit Jahrzehnten sprechen wir über Gewalt gegen Dalits, über die Gräuel, die der Community angetan werden.” Aber mittlerweile habe man den Blick geweitet. “Was brauchen wir noch neben dem Ende von Gewalt? Wir brauchen ein Dach über dem Kopf, wir brauchen medizinische Versorgung und vor allen Dingen brauchen wir Bildung“, sagt Pallical.

Die Ökonomin gehört selbst zur Gemeinschaft der Dalits und ist Präsidentin der National Campaign on Dalit Human Rights (NCDHR), eine Nichtregierungsorganisation, die sich im ganzen Land für die Belange der Dalits einsetzt. Um ihnen zu helfen, müsse man über Geld sprechen, sagt Pallical. Über staatliche Fördermittel, die für die Schwächsten in der Gesellschaft bereitstehen, aber fast nie bei ihnen ankommen – Stipendien wie das des Studenten Rohith Vemula.

Außerhalb des indischen Finanzministeriums können nur wenige die Zahlenkolonnen und Akronyme des Staatshaushaltes so gut entschlüsseln wie Pallical. Sie unterrichtet Dalits in ganz Indien darin, die Haushaltspläne der Regierung zu verstehen: bessere Finanzkenntnisse für ein besseres Leben.

Diese Strategie der Ermächtigung, die Pallical mitgeprägt hat, hat mit ihrer Herkunft zu tun. „Meine Eltern hatten eine Aufstiegs-Vision für mich“, erzählt Pallical. „Mein Vater sagte mir: ,Studiere was du möchtest. Wir unterstützen dich. Sicher dir einen Job – und komm nicht zurück‘.“ Im Ausland Erfolg zu haben, davon träumen viele Dalits und Angehörige anderer Minderheiten. Während in Indien oft schon der Nachname die Kastenzugehörigkeit und Stellung in der Gesellschaft verrät, kann in den USA oder Europa niemand zwischen einem Dalit und einen Brahmanen unterscheiden.

Pallicals Eltern waren bereits gesellschaftlich aufgestiegen und konnten ihr ein Wirtschaftsstudium in Pune ermöglichen. Danach absolvierte Pallical einen Master in Betriebswirtschaft in Mailand und arbeitete dort einige Jahre im Marketing sowie der Personalentwicklung. Doch dann ging sie entgegen dem Rat ihres Vaters zurück nach Indien, um ihre Fähigkeiten in den Dienst der Community zu stellen.

Laut einem UN-Report von 2021 leben rund 94 Millionen Dalits in Indien heute in Armut. Sie verrichten meist wenig angesehene Arbeit, verdienen deutlich weniger als der Durchschnitt, sind häufiger erwerbslos und viel seltener Landbesitzer – und das in einer Gesellschaft, in der etwa zwei Drittel der ländlichen Bevölkerung von Subsistenzwirtschaft leben.

Pallical will das mit ihren Kenntnissen der staatlichen Etats ändern. „Der Haushaltsplan ist das mächtigste wirtschaftliche Instrument, um die Forderungen der marginalisierten Gemeinschaften zu erfüllen”, sagt sie. “Wer weiß, was da drin steht, der hat die Chance, die Politik zu verändern.“

Sie und ihr Team durchforsten jeden neuen Finanzplan der Regierung auf der Suche nach Geldern, die den Dalits zustehen, diese aber nicht erreichen. Seit den Achtzigerjahren verpflichtet sich die indische Regierung, einen gewissen Anteil des gesamten Haushalts für die Förderung der Dalits zu verwenden. Es geht unter anderem um die Finanzierung von Ausbildungen, Wohnungsbau und um Infrastrukturmaßnahmen. Wenn Dalits offiziell 16,6 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sollte ein ebensolcher Anteil der Mittel für Entwicklungsprogramme für sie bestimmt sein.

Doch das ist nicht der Fall. Selbst der Regierungs-Thinktank NITI Aayog kommt zu dem Ergebnis, dass die Ministerien das Geld stattdessen für allgemeine Wohlfahrtsprogramme verwenden. Im Haushaltsjahr 2022 hatten nur etwa 14 der 41 Ministerien den vorgeschriebenen Prozentsatz zugewiesen. Als Beena Pallical 2010 dem National Campaign on Dalit Human Right beitrat, machten sie und ihr Team öffentlich, dass in den vier Jahren zuvor insgesamt rund 83,6 Millionen Euro aus dem Dalit-Fonds für Projekte rund um das Sportevent der Commonwealth-Games verwendet wurden.

„Seitdem machen wir das jährlich, wenn der Haushaltsplan am ersten Februar veröffentlicht wird”, sagt Pallical. „Unser Team schließt sich so lange mit den Dokumenten ein, bis wir sie entschlüsselt haben, und dann beginnen wir unsere Kampagne.“ Mit Pressekonferenzen, Briefen an die Regierung, an Abgeordnete und Medienvertreter bringen sie ihre Erkenntnisse an die Öffentlichkeit – und erhöhen den Druck, die Mittel für die Dalit tatsächlich auszuzahlen. „Nach dem Aufstand, den wir 2010 im Parlament angezettelt hatten, wurden die Gelder schließlich in vollem Umfang zurückgezahlt“, sagt Pallical.

Besonders wichtig ist ihr und ihren Kollegen die Förderung von Schülern und Studenten – wie Rohith Vemula einer war. Das Stipendienprogramm, das 1944 vom Sozialreformer und B.R. Ambedkar (siehe Kasten) eingeführt wurde, fördert heute mehr als sechs Millionen Studenten aus Familien mit einem Jahreseinkommen von weniger als 2.800 Euro. Eine Art Bafög für die Ärmsten des Landes. Doch ab 2018 gab es immer wieder Zahlungsverzögerungen, die meisten der Stipendiaten erhielten ihr Geld nicht, weil die Zentralregierung ihren Teil der Mittel nicht freigab. Studenten mussten ihre Ausbildung abbrechen, mit schlimmen Folgen bis hin zum Fall Vemula – der viele Menschen aufrüttelte und zu einer Kampagne zur Rettung des Dalit-Bafög führte.

„Wir haben jahrelang für dieses Programm gekämpft“, sagt Benna Pallical. Viel will sie nicht dazu sagen, um die fragile Zusammenarbeit mit der hindu-nationalistischen Regierung nicht zu gefährden. „Man braucht einen langen Atem. Aber schließlich wurden die Zahlungen wieder aufgenommen und für die nächsten vier Jahre sogar um 66.000 Euro aufgestockt.“ Unterstützt wird die NGO von internationalen Organisationen wie etwa
Brot für die Welt. Das Budget des NCDHR liegt derzeit bei etwa einer Million Euro pro Jahr für ein Team von rund 100 Menschen. Bis jetzt. Doch seit 2010 dürfen NGOs nur mit einer von der Regierung ausgestellten Lizenz Gelder von ausländischen Spendern erhalten. Seitdem haben Hunderte Organisationen ihre Lizenzen verloren. „Unsere ist ebenfalls noch nicht verlängert“, sagt Pallical. „Das bereitet mir schlaflose Nächte.“

Große Hoffnung setzt Pallical in die Weitergabe ihrer Fähigkeiten: „Wir bieten im ganzen Land Workshops an, bei denen wir die Leute darin schulen, Förderanträge auszufüllen.“ Denn nur, wenn das Budget abgerufen werde, könne es am Ende auch in den Dalit-Gemeinden verwendet werden. „Es ist ähnlich kompliziert und bürokratisch, wie einen Zuschuss von der EU zu beantragen – Sie können sich vorstellen, dass man dafür eine Schulung brauchen kann“, sagt sie.

Pro Jahr bildet der NCDHR rund 100 Menschen weiter. In 15 von 28 Staaten Indiens prüfen Dalit-Aktivistinnen und -Aktivisten schon heute regelmäßig die Geldflüsse im Staatshaushalt. Außerdem lernen rund 500 Menschen von den Profis, wie sie Gelder für ihre Ausbildung oder Projekte in der Gemeinde abrufen können. „Vor 100 Jahren hat man uns noch nicht einmal eine Ausbildung erlaubt. Aber in 20 Jahren, falls all die heute lebenden Dalit-Kinder Zugang zu Schulen haben, wird unsere Gesellschaft eine bessere sein.”

Kann man mit ökonomischen Fördermitteln jahrhundertealte Strukturen der Diskriminierung auflösen? Beena Pallical lächelt milde bei dieser Frage. „Schon Dr. Ambedkar hat gesagt, dass es keine soziale Gerechtigkeit ohne wirtschaftliche Gerechtigkeit geben kann und andersherum. Es sind zwei Seiten einer Medaille”, sagt sie. Den Ärger über die anhaltende Ausgrenzung habe sie zu nutzen gelernt, erzählt Pallical, als Triebkraft für ihr Handeln. „Als ich anfing, in politischen Gremien zu sitzen, stand immer nur eine Frage im Raum: Wer ist diese Dalit-Frau und warum sitzt sie an unserem Tisch?“, Pallical lacht laut auf. „Es hat mich viele Jahre des Schreiens und Brüllen gekostet, mir Respekt zu verschaffen.“

Heute kennt jeder in Delhi die Buchhalterin der Dalits.

Die Dalit-Bewegung

Früher wurde diese große Gruppe Menschen „Unberührbare“ genannt, heute wird der Begriff nur noch im historischen Kontext verwendet. In Politik und Verwaltung spricht man in Indien von "Gelisteten Kasten" (engl. Scheduled Casts). Am gängigsten ist jedoch die Selbstbezeichnung „Dalits“, ein aus dem Sanskrit stammender Begriff, der sich mit "Unterdrückte" übersetzen lässt.

Es kann kein erniedrigenderes System der sozialen Organisation geben als das Kastensystem. Es ist das System, das die Menschen entmündigt, lähmt und von jeglicher nützlichen Tätigkeit abhält“, sagte Bhimrao Ramji Ambedkar, bis heute die zentrale Figur der Dalit-Bewegung. Der Jurist war einer der einflussreichen Väter der indischen Verfassung und der erste Justizminister nach der Unabhängigkeit. Bis heute wird Ambedkar von Dalits in ganz Indien verehrt, vielerorts finden sich Statuen und Bildnisse des Sozialreformers.

Ambedkar war selbst Dalit und führte eine Bewegung an, die diese Menschen zum Ausbruch aus dem hinduistischen Kastenwesen aufforderte, unter anderem. durch Konversion zum Buddhismus. Sein intellektueller Gegenspieler war Gandhi, der das Kastensystem nicht auflösen, sondern reformieren wollte. Ambedkar warf Gandhi Ignoranz vor: „Meiner Meinung nach prostituiert er seine Intelligenz, um die archaische Sozialstruktur des Hinduismus zu rechtfertigen. Er ist der einflussreichste Apologet dieses Systems.“


Was sind Kasten?

Die Einteilung der Bevölkerung in Kasten geht auf eine Passage im ältesten Teil der hinduistischen Religionsschriften, der Rig Veda, zurück. Darin wird die „Hymne vom Urmenschen“ besungen – eine klassische Schöpfungsgeschichte: Der kosmische Riese Purusha wird bei der Erschaffung der Welt als Opfer dargebracht. Die einzelnen Teile seines Körpers verwandeln sich in Gruppen von Menschen. Im Ursprungstext standen diese wohl noch in keiner deutlichen Hierarchie, in Nachträgen wurden ihnen allerdings bestimmte Berufe zugewiesen: Aus dem Mund des Riesens entstanden die Brahmanen (Priester). Die Arme wurden zu Rajanyas oder Kshatriya (Anführer und Krieger). Die Schenkel zu Vaishyas (Handwerker, Händler, Bauern). Und die Füße zu Shudras (Arbeiter und Bedienstete).

Außerhalb dieser Kasten stehen die Kastenlosen, „die Unberührbaren, die Unsehbaren, die Unnahbaren – deren Präsenz, deren Berührung, sogar deren Schatten für die Hindus privilegierter Kasten als spirituell verschmutzend gilt“, schreibt die Schriftstellerin und Aktivistin Arundathi Roy und fügt sarkastisch hinzu: „Jede Region Indiens hat ihre eigene, einzigartige Version von Grausamkeit auf der Grundlage der Kastenzugehörigkeit liebevoll perfektioniert."

In Abgrenzung zum Klassismus, der auch in westlichen Industrienationen bekannt ist, spricht B.R. Ambedkar in Bezug auf Kasten vor eine „versiegelten Klasse“. Denn auch, wenn die Kaste alle Charakteristika einer sozialen Klasse aufweise, ist ein Aufstieg auch dann nicht möglich, wenn genug finanzielles oder kulturelles Kapital angehäuft wurde.

Die indischen Verfassung verbietet seit den Fünfzigerjahren, die Diskriminierung von Menschen niederer Kasten und indigener Gruppen. Der Staat ist darüber hinaus verpflichtet, diese mit besonderer Sorgfalt zu fördern.

––––––––

Zur Serie: Indien – Land im Aufbruch

Grafik mit einem farbigen, unregelmäßigen Rechteck auf der linken Seite, das in den schwarzen Hintergrund übergeht. Die Farben des Rechtecks sind Pink, Rot, Gelb und Grün. Rechts davon steht in weißer Schrift der Text "Google Cloud".

Diese Serie wird gefördert vom European Journalism Centre, im Rahmen des Solutions Journalism Accelerator. Dieser Fonds wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.

Keine dieser Organisationen hat Einfluss auf die Inhalte.