brand eins-Container: Landwirtschaft # 03

Zurück zu den Wurzeln

Viele Landwirtinnen und Landwirte sind von den Zwängen des Marktes getrieben – darunter leiden oft sie selbst, die Umwelt oder die Tiere. Jeder Einzelne kann dazu beitragen, das zu ändern. Das Prinzip heißt: solidarische Landwirtschaft.




• Am Dienstagnachmittag in Eiershagen erkennt man deutlich, dass hier nicht nur die Nachfrage nach Zucchini, Kopfsalat und Erdbeeren bedient wird, sondern auch die Sehnsucht nach ursprünglicher Landwirtschaft. Viele kommen aus der Stadt, vor der Scheune parken sie ihre Kombis und SUVs, das Bergische Land ist die bäuerliche Idylle vor den Toren Kölns. Dort haben sich auch einige Prominente dauerhaft zurückgezogen: In Eiershagen wohnt die Cartoonistin Franziska Becker, im nächsten Ort die Publizistin Alice Schwarzer, etwas weiter der Schlagersänger Guildo Horn. Heute tragen Dorfbewohner und Städter wie jede Woche in Körben ihr Gemüse aus der Scheune. Sie teilen die gemeinsame Ernte.

Die Scheune dient als Lager, das von mehreren Betrieben in der Gegend beliefert wird. Sie bildet das Zentrum der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) Oberberg, die der Biobauer Tim Vehlewald und die Ernährungsberaterin Lina Wirth vor fünf Jahren gegründet haben. Kunden sind hier nicht nur Kunden, sondern Unterstützer, Mitstreiter, Teil des Ganzen.

In sogenannten Bieterrunden, die jährlich abgehalten werden, entscheidet jedes Mitglied, wie viel es im Monat zahlen will. Die monatlichen Beiträge müssen die laufenden Kosten des Betriebs decken. Bei der Solawi Oberberg liegen die Beiträge zwischen 49 und 96 Euro. Manche zahlen mehr, manche weniger, ganz nach dem Solidaritätsprinzip. Dafür dürfen sie jede Woche abholen, was gerade geerntet oder erzeugt wurde: Gemüse und Obst, Kartoffeln und Milch, oft Käse, Eier und Honig, manche Betriebe bieten auch Fleisch an.


Die solidarisch bewirtschafteten Höfe sind ein Nukleus für soziale Innovation.
Insa Theesfeld, Agrarökonomin


 

Brandeins lina wirth social square

Die Zahl der solidarisch bewirtschafteten Höfe in Deutschland steigt enorm. Ist das ein Zukunftsmodell für die Landwirtschaft? Ein Blick nach Eiershagen in Nordrhein-Westfalen.

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Auf diese Weise garantiert die Kundschaft den Bauern also regelmäßige Einnahmen, auch wenn die Ernte mal mager ausfällt und die Körbe nicht ganz voll werden. Die Landwirte werden dadurch unabhängig von Preisentwicklungen, brauchen keine Zwischenhändler mehr und können sich auf eine Stammklientel verlassen. Hier in Oberberg haben sich mehrere Betriebe zusammengeschlossen, anderswo nutzen einzelne Höfe das Solidarprinzip. In wieder anderen Modellen pachten Interessierte ein Stück Acker vom Landwirt und pflegen es selbst (siehe Seite 32).

Vehlewald und Wirth gründeten die Gemeinschaft, weil Landwirte hier wie überall unter Druck stehen. Für sie heißt es: Wachse oder weiche! Viele Höfe sind zu klein für eine effiziente Bewirtschaftung, haben in ihren Hofläden zu wenige Käufer und finden keine Nachfolger. Viele verdienen immer weniger an ihren Produkten, werden zu Massentierhaltung und Monokulturen getrieben.

Zunächst gewannen die Gründer 15 Mitglieder, heute sind sie mit mehr als 150 wirtschaftlich über den Berg. Zwei Landwirte können dank der Unterstützer von ihrer Produktion leben, einige Nebenerwerbserzeuger profitieren mit.

Wie hart und wie wenig lukrativ das Leben der meisten Bäuerinnen und Bauern ist, machen sich viele Menschen nicht klar. Sie sind es gewohnt, im Supermarkt alles zu jedem beliebigen Zeitpunkt in gleichbleibender Qualität und – wenn nicht gerade Krise ist – billig zu bekommen. Und wenn sie an Bauernhöfe denken, dann mögen in ihrer Fantasie saftiges Gras und niedliche Tiere auftauchen, was mit der Realität wenig zu tun hat.

Die Nähe zwischen Erzeugern und Abnehmern, die sich hier in Oberberg beobachten lässt, ist also nicht selbstverständlich. Die Mitglieder profitieren nicht nur von dem, was sie in ihre Körbe packen dürfen, sondern entwickeln bestenfalls auch ein neues Bewusstsein. Wer will, bestimmt über Anbausorten mit und stellt sich selbst zum Arbeiten aufs Feld.


Es gilt: In den Korb kommt, was gerade reif ist


Jeden Dienstag teilen die Mitglieder der Solawi Oberberg die Ernte

Ökos und SUV-Fahrer

Marianne Saul, von Köln nach Eiershagen gezogen, ist seit der Gründung 2017 begeistertes Mitglied der Solawi Oberberg. Die bekennende Kommunistin sieht darin angewandten Sozialismus, als Existenzsicherung für die Bauern mit fairen Absatzchancen und sicheren Planzahlen. Unter den Mitgliedern sind sowohl bewusste Ökos als auch Städter mit großen Autos, kinderreiche Familien und Rentner.

Einen Nachteil der Mitgliedschaft beschreibt die Gründerin Wirth selbst. Sie muss sich etwas einfallen lassen, wenn ihre drei Jungs nach vier Wochen rufen: „Nicht schon wieder Mangold!“ Marianne Saul beklagt, dass die abzunehmenden Mengen einen normalen Haushalt oft überfordern. Es gibt rare Entdeckungen wie Portulak oder Rübstiel, doch mit Möhrenstampf und sauren Bohnen bekommt der Speiseplan vieler Mitglieder eine deutliche Schlagseite.

Hinzu kommt: Wenn alle ein Mitspracherecht haben, kann es anstrengend werden. Die Solawi Oberberg ist als Verein organisiert. Kommt es zu Konflikten, werden diese meist basisdemokratisch gelöst. Trotzdem gelingt es, Entscheidungen zu treffen: Die Solawi Oberberg hat sich in diesem Jahr von einem Kartoffelbauern getrennt, da dieser seine Arbeit nicht transparent machte und die Qualität nicht mehr stimmte.

„Wenn die Kartoffelkäferplage kommt, kann es passieren, dass abgestimmt wird, ob man die Viecher mit einem Mittel bekämpft oder einzeln abpflückt“, sagt Wirth. Hier mag der Landwirt die Kompetenz haben, das Sagen hat er nicht unbedingt. Schwierig ist auch die Sache mit den spanischen Orangen: Wirth kauft sie in Valencia zu, damit die Körbe im Winter nicht allzu karg befüllt werden. Manche Mitglieder lehnen jedoch ab, dass ihr Obst so weit transportiert wird. Diese Stimmen sind auch relevant für Wirths weitere Pläne: Sie will das Konzept um Bioläden erweitern und bräuchte dazu solche Importe. Es stellt sich die Frage, wie viel Basisdemokratie ein Unternehmen verträgt.

Solche Erfahrungen scheinen Interessenten aber nicht abzuschrecken – eine Studie der Universität Siegen ergab 2020, dass die Zahl der Betriebe, die sich solidarisch organisieren, enorm steigt: „Jede Woche werden in Deutschland etwa zwei Solawis gegründet, während gleichzeitig drei klassische Betriebe im Zuge des Höfesterbens von der Bildfläche verschwinden“, sagt Marius Rommel, der gerade an der Fortsetzung der Studie arbeitet.

Reizvoll sei für viele Erzeuger, dass die Organisationsform eine Möglichkeit biete, sich dem Diktat „Wachse oder weiche“ zu entziehen. Der Landwirt unterliege dann nicht mehr dem Zwang zur Größe und mache sich unabhängig von den mächtigen Einzelhandelskonzernen. Wenn solidarische Betriebe scheitern, liegt es Rommel zufolge oft an schwierigen Gruppenprozessen, unterschiedlichen Vorstellungen von Erzeugern und Abnehmern oder am Fachkräftemangel.

Die Idee der solidarischen Landwirtschaft stammt ursprünglich aus Japan und hat sich mittlerweile auf allen Kontinenten ausgebreitet. Nach dem Vorbild der Community Supported Agriculture in USA wurde 1988 der erste solche Hof in Deutschland gegründet. 2011 entstand der Trägerverein Solidarische Landwirtschaft. Doch erst in den vergangenen Jahren wuchs die Bewegung stark, von 43 Betrieben 2013 auf mehr als 400 im Jahr 2022. Diese bewirtschaften Flächen von einem halben bis 450 Hektar und versorgen je 35 bis 2000 Mitglieder.

Was alle verbindet, ist der Wunsch nach Gemeinschaft: Man feiert Erntefeste oder schaut zu, wenn der Honig geschleudert wird. Bei den Abnehmern sind die Höfe so beliebt, dass jeder zehnte Wartelisten hat wie sonst eher Golfclubs.

Das Prinzip ermöglicht es auch Neulingen, einfach mal anzufangen mit der Landwirtschaft. Magdalena Düren, 30, und ihr Lebens- und Arbeitspartner Alexander Pawlitschko, 31, pachten und bewirtschaften seit diesem Jahr zwei Hektar Ackerland auf dem Hengstbacherhof bei Bad Kreuznach. Düren studierte Geschichte, was ihr jedoch zu trocken war, und kämpfte dann monatelang in den Baumhäusern im Hambacher Forst gegen die Abholzung. Heute ist sie ausgebildete Gärtnerin und setzt auf eine Kombination aus Unterstützung durch die Mitglieder und Verkauf auf dem Wochenmarkt.

„Wir haben eine wirtschaftlich gesicherte Basis, auch wenn es mal die Ernte verhagelt“, sagt sie. „Und die Mitglieder wissen, dass wir naturgerecht arbeiten und dass ihr Gemüse aus heimischem Boden kommt, ohne Plastikverpackung und ohne Einsatz von Herbiziden und Pestiziden.“ Bislang haben sie und ihr Partner 33 zahlende Mitglieder. Sie hoffen, dass es bald 55 sind, denn dann können sie rentabel wirtschaften, der Markttag in Bad Kreuznach wäre dann ein reines Zusatzgeschäft.

Gerold Rahmann, Leiter des Fachinstituts für ökologischen Landbau am Johann Heinrich von Thünen-Institut, sieht die solidarische Bewegung als Motor der europäischen Landwirtschaft. In jedem Land gebe es eine alternative Szene, insgesamt mehr als 3000 einzelne Projekte. Sie hätten den Öko-Landbau der Neunzigerjahre weiterentwickelt zu einem sozialen Phänomen. Gemeint sind die Nähe zwischen Erzeugern und Abnehmern und Projekte, bei denen Menschen mit Behinderung eingebunden werden. Die Bewegung sei auch eine Rückbesinnung: Das gemeinsame Anbauen und Essen, der Mensch als Bauer, das sei doch ein uraltes Thema der Menschheitsgeschichte.

Auch wenn das bedeutet, vier Wochen lang Mangold zu essen.


„Jede Woche werden in Deutschland etwa zwei Solawis gegründet, während gleichzeitig drei klassische Betriebe im Zuge des Höfesterbens von der Bildfläche verschwinden.“
Marius Rommel, Nachhaltigkeitsökonom von der Universität Siegen


Im Mitgliedsbeitrag enthalten: Man darf beim Imkern zusehen

Wanda Ganders und Natalie Kirchbaumer träumten von der Selbstversorgung aus dem eigenen Garten, hatten aber zu Studienzeiten auf ihrem Balkon zu wenig Platz. Also gründeten sie 2009 das Unternehmen Meine Ernte und überzeugten Landwirte mitzumachen.

Diese sollten einen Teil ihrer Anbaufläche für den Gemüseanbau vorbereiten und etwa 20 Sorten säen, damit auch ahnungslose Kunden Erfolgserlebnisse haben. Idealerweise sollten die Landwirte diesen dann als Berater zur Seite stehen.

Das Konzept ging auf, 2010 wurden die ersten Gemüsegärten vermietet. Dank des Bonner Unternehmens mit acht Mitarbeitern werden heute an 28 Standorten 3850 Gärten von 10 000 Hobby-Gärtnern bewirtschaftet. Eine Parzelle mit 45 Quadratmeter Fläche kostet 229 Euro Pacht für eine Saison.

Die Landwirte machen mit, weil sie an der Pacht verdienen, neue Kunden für ihre eigenen Produkte an sich binden und durch Artikel in der Lokalpresse Aufmerksamkeit bekommen. Ditmar Kranz vom Scholzenhof in Wiesbaden-Norderstedt vermietet heute 100 Gärten. Diese entsprechen nur einem kleinen Teil der 90 Hektar, auf denen er Kartoffeln und Erdbeeren anbaut. „Hierher kommen junge Familien genauso wie Ruheständler, die mit dem grünen Daumen und andere, die Stress abbauen wollen.“ Er profitiert von dem Konzept auch indirekt: Viele kommen nun regelmäßig in seinen Hofladen und in sein Waffelcafé.

Während der Pandemie sahen viele zum ersten Mal leere Regale in den Supermärkten. Das verstärkte das Bedürfnis, sich zumindest zu einem kleinen Teil selbst zu versorgen. Das Gärtnern auf dem Acker beschreibt Anne Chwalek, 58, aus Frankfurt so: „Ich buddele in der Erde, hole mein Gemüse raus und habe direkt etwas zum Kochen. Das ist unheimlich befriedigend.“

… ist eine offene Serie, die Ihre Anregungen aufgreift. Wenn Sie uns zum Thema Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion schreiben wollen, freuen wir uns über Ihre Rückmeldung unter [email protected]


Bürgerinnen und Bürger sollten mitbestimmen, wie unser Essen erzeugt wird, findet Gundula Oertel. Wie das gehen soll, sagt sie hier.

Interview: Susanne Schäfer


Die Agrarökonomin Insa Theesfeld erforscht, wie sich Ressourcen in der Landwirtschaft am klügsten nutzen lassen. Sie ist überzeugt: Solidarische Landwirtschaft ist mehr als ein Nischen-Phänomen.

Interview: Sarah Sommer

Dieser Artikel ist aus der neuen brand eins:

Im neuen Heft dreht sich alles um die Nacht, es geht um Chronobiologie, um Menschen, die nachts arbeiten oder Rad fahren, und um das wirtschaftliche Potenzial der unterschätzten Hälfte des Tages. Und wir zeigen, warum die Nacht erhellender sein kann als der Tag.