Zur Sonne

Frau, drei Töchter und ein Unternehmen – das klingt nicht unbedingt nach grenzenloser Freiheit. Henning Saß hat sie sich genommen und fuhr mit Familie ein Jahr lang durch Europa. Ein Protokoll.





• „Es gibt viele Bilder, die ich nie vergessen werde. Wie meine drei Töchter in Schweden mit verschmierten Mündern zwischen Blaubeersträuchern im Wald sitzen, wie bei Pippi Langstrumpf. Wie Marit und Anni in Dänemark auf einem zotteligen Pony den Strand entlangreiten, ihre strahlenden Gesichter, kilometerlang nur Sand und Wasser. Oder Portugal. Wenn ich aufgewacht bin und als Erstes das Meer gerochen und die Wellen gesehen habe und einfach zum Strand hinunterrennen konnte. Ich habe in dem Jahr sehr oft gedacht: Es war gut, dass wir unser Leben geändert haben.

Natürlich gibt es auf so einer Reise auch Alltag. Alle drei Tage mussten wir den Wassertank füllen, die Toilette leeren und einkaufen, das hat einen halben Tag in Anspruch genommen. Außerdem kochen und Wäsche waschen, und ich habe fünf bis sechs Stunden am Tag meinen Onlineshop betreut. Zwischen halb sechs und sechs bin ich aufgestanden und habe mich mit Laptop und Kopfhörern an den kleinen Tisch in unserem Wohnmobil gesetzt und gearbeitet, bis die anderen aufgewacht sind. Gegen halb neun haben wir gemeinsam gefrühstückt.


Bettina Saß mit ihrer Tochter Rubi

Für uns als Familie war es eine einmalige Erfahrung. Wir haben so viel erlebt und gesehen, wir sind noch enger zusammengewachsen. Meine Frau Betti, meine Töchter Marit, Anni, Rubi und ich sind 43.000 Kilometer durch Europa gefahren, von der Strecke her einmal um die Erde. Vergangenes Jahr im Juli ging es los, bei strömendem Regen. Mit vier Fahrrädern, zwei Surfbrettern, einem Skateboard und meinem Laptop. Unsere Wohnung in Hohen Neuendorf bei Berlin hatte ich gekündigt und einen Camper gekauft. Wir wollten der Sonne hinterherfahren.

Ich bin 35 Jahre alt, Betti ist 34. Marit wird bald acht, Anni ist vier und Rubi eineinhalb. Betti und ich sind seit zwölf Jahren zusammen und seit acht Jahren verheiratet. Eigentlich bin ich gelernter Drucker. Betti ist Verkäuferin. Ich habe in einer Berliner Druckerei gearbeitet, sie in einem Modehaus. Da haben wir uns auch kennengelernt. Als ich Unterhosen gekauft und bei ihr an der Kasse bezahlt habe.

Früher musste ich in Schichten arbeiten, zehn bis zwölf Stunden am Tag, auch Betti hatte Schichtdienst. Am Anfang haben wir uns kaum gesehen. Als unsere erste Tochter auf die Welt kam, habe ich gekündigt. Ich wollte einen Job haben, mit dem ich von überall aus Geld verdienen und bei meiner Familie sein kann. Deswegen habe ich mich selbstständig gemacht.

Drei Jahre habe ich verschiedene Sachen ausprobiert, zum Beispiel einen Onlineshop für gesunde Lebensmittel und einen Kalender mit gesunden Rezepten. Betti und ich hatten damals angefangen, uns vegan zu ernähren, und ich dachte, damit kann ich auch Geld verdienen. Doch wir konnten uns nur gerade so über Wasser halten. Mit einem Gründerzuschuss, Kindergeld, Elterngeld, manchmal habe ich in einer Gärtnerei ausgeholfen. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit, auch über mich. Ich bin mit 16 in die Lehre gegangen, ich hatte selten die Chance, mich auszuprobieren. Und Unternehmer sein, das muss man auch erst einmal lernen.

2013 habe ich meinen Onlineshop MyBlender.de eröffnet. Ich habe Mixer verkauft, Hochleistungsmixer, manche haben mehr Umdrehungen als ein Sportwagen. Sie kosten 400 bis 4000 Euro, und man kann viel mit ihnen machen: Frappés, Smoothies, Soßen, veganes Eis. Ich habe sie an Privatpersonen und Gastronomen verkauft, und das hat sehr gut geklappt. Gesundes Essen ist ja ein Riesentrend geworden.

Um den Shop zu betreiben, brauchte ich nur Laptop, Handy und Internet. Ich hatte kein Lager und keine Mitarbeiter. Die Kunden haben die Geräte bei mir bestellt, ich habe sie bei den Herstellern geordert, und die haben sie geliefert. So konnte ich auch von unterwegs arbeiten. Außerdem wollte ich so wenig Nebenkosten wie möglich haben. Irgendwann war ich sehr gut darin, dass meine Seite ohne teure Werbung bei Google oben auftauchte. Weil mein Shop gut lief, habe ich von den Herstellern eine gute Marge bekommen. In den vergangenen drei Jahren habe ich jeweils um die 300.000 Euro umgesetzt.

Davon konnten wir gut leben. Allerdings kostet so eine Reise zu fünft auch Geld: Auto, Diesel, Versicherungen, Campingplätze, Mautgebühren, Lebensmittel. In Italien hat allein der Campingplatz 450 Euro im Monat gekostet und der Internetzugang 80 Euro. In Schweden und Dänemark war das besser: Da gab es sogar im Wald mobiles Internet, schneller als in manchen deutschen Städten. Für Lebensmittel haben wir oft 1000 bis 1200 Euro im Monat ausgegeben, denn wir ernähren uns vegan und kaufen alles frisch. Das Leben unterwegs ist mindestens so teuer wie in einer Wohnung, nur dass man durch die Welt rollt.

Wir waren in Dänemark, Schweden, Italien, Spanien, Portugal und Frankreich. Unsere Tage sahen oft so aus, dass Betti nach unserem gemeinsamen Frühstück mit den Kindern rausgegangen ist, an den Strand oder in den Wald. Ich habe bis 13 Uhr gearbeitet und bin dann nachgekommen. Abends, wenn die Kinder im Bett waren, habe ich weitergearbeitet. Es gab aber auch Tage, an denen ich nichts getan habe. Wenn wir Städte erkundet haben wie Biarritz oder Sevilla oder wenn wir ein paar Tage am Stück durchgefahren sind. Am Gardasee bin ich oft Mountainbike gefahren – da hatte ich mein Handy dabei für den Fall, dass mich ein Kunde anruft.

Das Geld verdiene nur ich, seit die Kinder da sind. Aber Betti hat auch viel Verantwortung, weil sie meine Entscheidungen mitträgt und mir den Rücken freihält, damit ich arbeiten kann. Drei Kinder zu betreuen ist ein tagesfüllender Job. Auch wenn man im Wohnmobil zu Hause ist.


Viele träumen davon, Henning Saß tut es. Durch die Welt fahren und arbeiten

Auslöser für unseren Aufbruch war ein Poetry-Slam in Berlin. Da hat jemand das Lied „One Day“ von Asaf Avidan & The Mojos vorgetragen. Ein Satz hat uns nicht mehr losgelassen: „One day, baby, we‘ll be old and think of all the stories that we could have told.“ Wir wollen nicht, dass wir am Ende unseres Lebens bedauern, was wir alles nicht getan haben. Deswegen haben wir die lange Reise gemacht, das war ein Traum von uns.

Wir waren ein paar Jahre zuvor schon mal mit den Kindern zwei Monate in Thailand unterwegs, das hat uns allen sehr gut gefallen. Und weil der Shop gut lief, haben wir dann im vergangenen Jahr beschlossen, unsere Wohnung aufzugeben und durch Europa zu fahren. Der Sonne hinterher. Nur leider hatten wir nicht so viel Glück mit dem Wetter.

Es hat oft geregnet. Das hat alles anstrengender gemacht. Bei Regen haben Marit und Anni im Camper gebastelt und Hörspiele gehört, Betti ist mit Rubi rausgegangen. Ich habe mir meine Regenjacke angezogen und meinen Laptop genommen und ein Café oder ein Restaurant gesucht, um zu arbeiten.

In Portugal wollten wir den Winter verbringen, weil wir dachten, dort überspringen wir ihn. Doch surfen konnte ich nur mit Neoprenanzug, sonst wäre ich erfroren. Im Frühling waren wir in Frankreich, dort war Dauerregen. In Deutschland war Sommer. Also sind wir im Juni zurückgekehrt.

Wir passen gerade auf das Haus meiner Eltern in Hohen Neuendorf auf. Die sind mit einem Camper im Urlaub, damit haben wir sie angesteckt. Vor ein paar Tagen habe ich meinen Shop mit Gewinn an ein großes Unternehmen verkauft. Betti und ich bauen jetzt zusammen eine Website mit Shop auf. „Thatfuelforlife“, sie heißt wie unser Instagram-Account. Wir wollen vegane Rezepte, ein Lifestyle-Magazin für Mütter und Beratung anbieten, um Onlineshops aufzubauen. Unsere Familie soll zu einer Marke werden. Ich glaube, das funktioniert. Wir verkörpern diese Art zu leben ja authentisch.

Mir ist es egal, dass nicht alle diese Lebensweise mögen. Dass wir unsere Kinder vegan ernähren, zum Beispiel. Aber wir wissen, was wir tun. Betti hat eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin gemacht. Wir betreuen unsere Kinder selbst, weil wir glauben, dass es unsere Pflicht und Verantwortung als Eltern ist, das zu tun. Marit geht nicht in die Schule. Wir helfen ihr, sich Lesen und Schreiben beizubringen.

Wir finden es toll, dass unsere Kinder schon so viel von der Welt gesehen haben. Für sie ist es normal, dass Menschen helle und dunkle Haut haben. Und sie sind auf den Reisen nie allein. Denn es gibt viele Familien, die so unterwegs sind wie wir.

Wo wir irgendwann leben werden, wissen wir nicht. Aber wieso soll man auch ständig planen, wenn es am Ende sowieso anders kommt? Unser Traum ist: ein Zuhause haben und losfahren können, wenn uns danach ist. Immer der Sonne hinterher.“ ---