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Nützliche Antikörper

Der Biotech-Unternehmer Simon Moroney kommt auf Umwegen zum Ziel.




Eine Geschichte über Geduld? Simon Moroney schaut, als habe er in eine Zitrone gebissen. Das Thema behagt dem Vorstandsvorsitzenden von Morphosys nicht. Er sei ja eher ein ungeduldiger Typ, murmelt er. Als solcher hat er lange durchgehalten. Moroney war einer der Gründer des Biotech-Unternehmens im Jahr 1992 – aber erst Mitte 2017 wurde ein Medikament zugelassen, das auf einem Wirkstoff basiert, der von Morphosys mitentwickelt wurde.

Das erste echte Produkt nach 25 Jahren? „Genau“, sagt der gebürtige Neuseeländer. „So reagieren zunächst viele – ungläubig, manchmal auch kritisch.“ Natürlich ging es auch ihm nicht schnell genug, aber: Innovationen in der Pharmabranche brauchen ihre Zeit, und Rückschläge sind normal.

Morphosys begann mit 300 000 D-Mark Kapital und dem Ziel, menschliche Antikörper zu erzeugen, um sie als Medikamente zu vermarkten. „Die Idee war vielversprechend, aber es war letztlich unklar, ob es funktionieren würde“, sagt der promovierte Chemiker Moroney.

Das Unternehmen entwickelte ein spezielles Verfahren zur Herstellung menschlicher Antikörper im Labor, die sich, so die Hoffnung, zum Kampf gegen Erkrankungen wie Krebs, Alzheimer oder Rheuma eignen sollten. Es dauerte gut fünf Jahre, viel Mühe und Millionen Euro, das Verfahren zu erforschen, zu testen und zu etablieren. Ergebnis ist eine Bibliothek mit inzwischen 100 Milliarden verschiedener menschlicher Antikörper – das Kapital von Morphosys.

Ende der Neunzigerjahre überwog noch die Euphorie. Die Firma ging an den Neuen Markt, der Aktienkurs kletterte rasant auf bis zu 120 Euro, um wenige Jahre später auf unter 3 Euro zu fallen. „Kapitalgeber zogen sich zurück, wir mussten unsere Pläne, eigene Medikamente zu entwickeln, zunächst einstellen“, erinnert sich Simon Moroney.

Statt zügig zu expandieren, buk man nun kleine Brötchen, verlegte sich auf Auftragsforschung und stellte sein Know-how zur Herstellung von Antikörpern Multis wie Novartis, Roche oder Johnson & Johnson zur Verfügung. Man igelte sich quasi ein, tauschte schnelles Wachstum gegen Stabilität.

Diese Strategie bildet noch heute das Fundament des Geschäfts. Rund 30 Unternehmen nutzten oder nutzen gegen Lizenzgebühren die Antikörper-Bibliothek, um therapeutische Wirkstoffe zu entwickeln oder zu erforschen. Bei Auftragsarbeiten zur Medikamenten-Entwicklung erhält Morphosys Forschungsentgelte und Lizenzzahlungen sowie sogenannte Meilensteinzahlungen, wenn bestimmte Ziele erreicht werden – zum Beispiel wenn das Unternehmen einen Antikörper gegen ein vorgegebenes Zielmolekül liefert oder die klinische Prüfung eines Wirkstoffs beginnt. Diese Zahlungen summieren sich je Projekt auf insgesamt rund zehn Millionen US-Dollar.

„Einfach war es nie“, sagt Moroney.

An manchen Abenden, vor allem in den Nullerjahren, ging er schwer enttäuscht nach Hause, weil ein vermeintlich sicherer großer Deal geplatzt war oder die klinischen Tests eines Wirkstoffs wegen Misserfolg abgebrochen wurden. „Aber solange ich am nächsten Morgen noch eine Idee habe, wie wir etwas anders und besser machen können, ist da Hoffnung. Ich bin Optimist“, sagt Moroney schulterzuckend. Und der 57-Jährige ist auch hörbar Wissenschaftler: „Es gibt ja immer eine Schätzung, eine Prognose. Wenn wir eine realistische Erfolgswahrscheinlichkeit haben, bin ich zuversichtlich. Und ich habe nie daran gezweifelt, dass unsere Technologie funktionieren und erfolgreich sein wird.“

Damit könnte er recht behalten. Während synthetisch erzeugte menschliche Antikörper Ende der Neunzigerjahre noch nach Science-Fiction klangen, gelten sie heute als erfolgreiche Klasse von Medikamenten, an denen viele Unternehmen weltweit arbeiten. Rund 60 zugelassene Antikörperwirkstoffe werden bereits weltweit vermarktet, zum Teil sehr erfolgreich.

„Aber es existieren keine Sicherheiten – wenn es um die Entwicklung neuer Medikamente geht, schon gar nicht“, sagt Simon Moroney. Zehn bis 15 Jahre dauert es, bis Präparate von der Forschung und toxikologischen Prüfung über Tierversuche und drei Phasen klinischer Studien mit Testpersonen und Patienten bis ins Apothekenregal gelangen. Theoretisch. Praktisch kann jederzeit etwas schiefgehen, etwa weil Tests und Studien fehlschlagen. Man stelle sich vor, ein Autohersteller würde ein neues Fahrzeug bauen, ohne verlässlich sagen zu können, dass es tatsächlich einmal die Straßenzulassung erhalten wird – undenkbar.

Morphosys hat sich mit dieser Unsicherheit arrangiert. Nach dem Kollaps des Neuen Marktes ist die Firma langsam und beständig gewachsen. 326 Mitarbeiter sind heute in Martinsried bei München tätig, an der Börse ist die Firma rund 2,3 Milliarden Euro wert. Mitte 2017 kam in den USA das Schuppenflechte-Medikament Tremfya auf den Markt – das erste Präparat für Patienten, das einen Morphosys-Wirkstoff enthält. „Das ist ein großer, wichtiger Erfolg für uns“, sagt Simon Moroney. An jeder verkauften Packung verdient das Unternehmen im mittleren einstelligen Prozentbereich mit. Analysten schätzen das Umsatzpotenzial von Tremfya auf jährlich ein bis zwei Milliarden Euro.

Das große Ziel, eigene Medikamente zu entwickeln und selbst zu verkaufen, rückt damit wieder in Reichweite. Morphosys würde damit in die nächsthöhere Liga der Pharma-Unternehmen aufsteigen. Um das zu schaffen, nimmt die Firma viel Geld in die Hand, verschuldet sich gezielt und versucht zugleich, ihre Risiken gut zu streuen.

Im vergangenen Jahr flossen rund 100 Millionen Euro in die Erforschung und Entwicklung von zwölf firmeneigenen Wirkstoffprogrammen; in diesem Jahr wird es ein ähnlicher Betrag sein. Insgesamt werden derzeit 114 Wirkstoffprogramme erforscht, 102 davon finanzieren und entwickeln Partner von Morphosys, 28 befinden sich in klinischen Tests mit Probanden und Patienten.

Simon Moroney: „Darunter sind vier Projekte, die in originäre Morphosys-Medikamente münden könnten, so etwa der weit fortgeschrittene Wirkstoff MOR208 gegen Blutkrebs.“ Im Jahr 2020 könnte das Medikament auf den Markt kommen, sollten bis dahin alle Testergebnisse positiv sein. Das Geduldsspiel geht weiter. --