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Gender Pay Gap

Vollzeitbeschäftigte Frauen verdienen 92 Euro am Tag – 22 Euro weniger als Männer. Warum das so ist, erklärt Michaela Fuchs, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).






Die unbereinigte Lohnlücke nach Kreisen (2016), Quelle: IAB

brand eins: Frau Fuchs, Sie und Ihre Kollegen haben für alle 401 Kreise in Deutschland eine unbereinigte und eine bereinigte Lohnlücke berechnet. Was ist der Unterschied zwischen beiden Werten?
Michaela Fuchs: Die unbereinigte Lohnlücke errechnet sich durch den Vergleich der Gehälter aller vollzeitbeschäftigen Männern und Frauen. Dabei ergibt sich ein Wert, der beim Equal Pay Day herangezogen wird, und wo es dann heißt, dass Frauen in Deutschland 21 Prozent weniger verdienen als Männer.

Und wie groß ist die bereinigte Lohnlücke?
Bei der bereinigten Lohnlücke wird berücksichtigt, dass sich die Einflussfaktoren auf den Lohn bei Frauen und Männern unterscheiden. Das sind zum Beispiel die Berufsausbildung, die Qualifikation oder die Arbeitserfahrung. Wenn man diese Unterschiede herausgerechnet, ergibt sich ein deutlich niedriger Pay Gap von 15 Prozent. Allerdings lässt sich über beide Werte ganz wunderbar streiten.

Warum?
Der unbereinigte Pay Gap vergleicht Äpfel mit Birnen. Er berücksichtigt nicht, dass Frauen und Männer ganz unterschiedlich auf dem Arbeitsmarkt dastehen. Außerdem lassen sich Aspekte wie Risikobereitschaft, Verhandlungsgeschick oder die traditionellen Rollenbilder von Männern und Frauen in der Familie und bei der Kinderbetreuung nicht mit Zahlen messen. Auch ist es vielerorts immer noch selbstverständlich, dass die Frau in einer Partnerschaft weniger verdient als der Mann.

Gilt das auch für den Osten Deutschland? Dort sind die unbereinigten Lohnlücken deutlich geringer als im Westen.
Tatsächlich verdienen Frauen im Westen im Durchschnitt 23 Prozent weniger als Männer, im Osten sind es lediglich 6 Prozent. Allerdings fallen die Löhne der Männer in Ostdeutschland geringer aus als in Westdeutschland. Deshalb sieht es nur auf den ersten Blick nach Gleichberechtigung und Lohngleichheit aus.
Und obwohl Frauen in Ostdeutschland ganz selbstverständlich in Vollzeit arbeiten, in der Regel jünger sind, eine bessere Ausbildung und mehr Berufserfahrung haben als Männer, verdienen sie weniger. Das ist ungerecht. Eigentlich müssten Frauen angesichts ihrer Kompetenzen und aufgrund der Wirtschaftsstruktur in den neuen Bundesländern mehr verdienen als Männer.

Das müssen Sie erklären.
Im Osten fehlen vielerorts die Branchen, die traditionell gutbezahlte Männerjobs anbieten: die Automobilbaufertigung, der Maschinenbau und die Chemieindustrie. Im Osten gibt es nur wenige gute Jobs für Ingenieure oder Maschinenbauer, kaum Hauptsitze großer Firmen und nur wenige Produktionsstandorte.

Befinden sich deshalb alle vier Kreise, in denen Frauen mehr verdienen als Männer, im Osten der Republik?
Ja, genau. In Frankfurt an der Oder, Cottbus, Dessau-Roßlau und Schwerin erhalten Frauen mehr Lohn als Männer. Den höchsten Gehaltsunterschied zugunsten der Frauen finden Sie in Cottbus. Dort verdienen Frauen 4,3 Prozent mehr als Männer.

Woran liegt das?
Vorrangig an der regionalen Wirtschaftsstruktur. In Cottbus arbeiten elf Prozent Frauen in der öffentlichen Verwaltung und zehn Prozent in Krankenhäusern. Männer dagegen arbeiten am häufigsten in der Zeitarbeitsbranche (elf Prozent).
In Dessau-Roßlau gibt es ein großes Krankenhaus, eine Hochschule und das Umweltbundesamt. Diese Institutionen bieten Jobs in einer Region, in der man sonst eher wenig verdient, weil es kaum verarbeitendes Gewerbe gibt. Noch dazu sind diese Jobs tarifgebunden. Viele davon werden von Frauen ausgeübt.

Das andere Extrem ist der Bodenseekreis. Dort verdienen Männer im Durchschnitt tatsächlich 41,4 Prozent mehr als Frauen.
Dort machen hochqualifizierte Männer 30 Prozent aller männlichen Beschäftigten aus – und das ist ein entscheidender Faktor. Männer verdienen dort durchschnittlich 143 Euro am Tag, Frauen knapp 95 Euro. Fast ein Drittel der Männer und ein Zehntel der Frauen arbeiten im Maschinenbau. Im Bodenseekreis ist ZF Friedrichshafen, einer der größten Automobilzulieferer der Welt, beheimatet und es gibt viele gut bezahlte Jobs in der Luft- und Raumfahrzeugbranche. 

Warum liegen die Kreise mit den höchsten Lohnlücken vornehmlich in Baden-Württemberg und Bayern?
In beiden Bundesländern sorgt das verarbeitende Gewerbe für die hohen Löhne der Männer. Zum Beispiel hat in Ingolstadt, dem Kreis mit der zweithöchsten Lohnlücke (40,6 Prozent), der Autobauer Audi seinen Sitz. In Dingolfing-Landau, dem Kreis mit der dritthöchsten Lohnlücke (40,2 Prozent), befindet sich ein großes BMW-Werk mit mehr als 18.000 Mitarbeitern. Im Landkreis Böblingen (39,8 Prozent) sind Unternehmen wie Daimler und IBM beheimatet – doch Frauen profitieren recht wenig von diesen Arbeitgebern.

Auch die bereinigte Lohnlücke auf der zweiten Karte zeigt große regionale Unterschiede. Was ist das Kernergebnis?
Die Bereinigung der Lohnlücke zeigt, dass Männer in allen Kreisen mehr verdienen als Frauen. Zwar ist dieser Wert in den meisten Kreisen Westdeutschlands kleiner geworden. Zum Beispiel ist er im Bodenseekreis von 41 auf 19 Prozent gesunken. In 70 Kreisen – insbesondere in Ostdeutschland – hat sich die bereinigte Lohnlücke allerdings vergrößert.


Die bereinigte Lohnlücke nach Kreisen (2016), Quelle: IAB

Was ist die Erklärung?
Der Hauptgrund ist, dass Frauen und Männer in unterschiedlichen Betrieben tätig sind. Männer arbeiten eher in großen Firmen und können die dort vorhandenen Karrieremöglichkeiten besser für sich nutzen. Frauen arbeiten eher in kleinen Betrieben. Grundsätzlich ist es so, dass Gehälter mit der Betriebsgröße steigen. Und da Männer öfter als Frauen dazu bereit sind, für einen guten Job zu pendeln und längere Fahrzeiten in Kauf zu nehmen, haben sie auch größere Auswahlmöglichkeiten und sind weniger abhängig von der Wirtschaftsstruktur vor Ort.

Werden die Lohnlücken irgendwann verschwinden?
Das glaube ich nicht. Die großen Unterschiede zwischen den Hochlohn- und Niedriglohn-Regionen haben sich seit 30 Jahren kaum verändert – da tut sich nichts. Das zeigt sich auch im Berufswahlverhalten von Frauen. Es gibt viele Initiativen, um mehr Frauen für sogenannte MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu begeistern. Doch bisher hält sich der Erfolg in Grenzen.

Eigentlich ist allgemein anerkannt, dass gleiche Arbeit gleich bezahlt werden soll. Wieso passiert das nicht?
Der wesentliche Grund ist banal: Weil Frauen Kinder bekommen – und Männer nicht. Die Mutterrolle wird mit Lohnabschlägen bestraft. Viele Arbeitgeber denken noch in Klischees: Die Frau fällt lange aus, bleibt daheim und kümmert sich um die Kinder, wenn die krank sind. In Deutschland gibt es immer noch eine starke Präsenzkultur. Kompetenzen, die Mütter erwerben, zählen wenig. Wenn Männer dagegen eine kleine Auszeit nehmen für die Kinderbetreuung, wirkt sich das positiv aus – bei der Karriere und beim Lohn.