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Ausgabe 04/0 - Artikel

Experiment geglückt

Das European Molecular Biology Laboratory (EMBL) ist nicht von dieser Welt. Mitten im Grünen liegt es, am Rande des Rohrbacher Waldes mit einem traumhaften Ausblick auf Heidelberg, auf exterritorialem Gebiet wie eine Botschaft. Die exklusive Lage ist Programm. Wer hier arbeitet, gehört zur Crème de la Crème der europäischen Forschung.

Nur die herausragenden Wissenschaftler aus den 16 Mitgliedsländern des EMBL, so lautete die Zielvorgabe bei der Gründung 1974, sollen hier an den Grundlagen der Biologie forschen. Seltene Ausnahmen bestätigen bis heute diese Regel. Mitunter sind nämlich auch Forscher aus Kanada und den USA zu Gast, aus Staaten, die nicht Mitglied sind. Ob Doktorand oder Gruppenleiter, jeder muss sich ordentlich bewerben. Und zu guter Letzt entscheidet nicht das Herkunftsland über die Auswahl, sondern allein die Qualifikation.

Wer ans Heidelberger Institut kommen darf, muss spätestens nach neun Jahren wieder gehen. Die Wissenschaftler sollen mit ihrem Know-how Führungsaufgaben an den Universitäten in ihrer Heimat übernehmen. Dafür beteiligt sich jedes Mitgliedsland an der Finanzierung. Im vergangenen Jahr betrug der EMBL-Etat rund 60 Millionen Euro.

Wenn ein Start-up gelingt und Appetit auf mehr macht

Neben dem Wissensaustausch geht es vor allem um Technologietransfer, also darum, Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung wirtschaftlich zu nutzen und so der Allgemeinheit zugute kommen zu lassen. Weil das oft genug nicht funktioniert, wobei es entweder am Willen, am Marketing oder an den Mitteln fehlt, hat das EMBL ein Verwertungsmodell entwickelt, das im Wesentlichen zwei Varianten bietet: Das Institut überträgt eine neue Technologie mal per Lizenz an große Pharma- und Biotech-Unternehmen, mal lässt es die Forscher eigene Firmen gründen. Der einstige Börsenstar Lion Bioscience ist beispielsweise so entstanden. Die Firma wurde 1997 von sechs Forschern des EMBL und der Heidelberger Universität zusammen mit dem Unternehmer Friedrich von Bohlen gegründet. Der Einstieg am Neuen Markt brachte dem Start-up am Tag der Emission erstaunliche 231 Millionen Euro ein – und motivierte das EMBL, den Technologietransfer weiter auszubauen.

Das System ist relativ einfach: Die rund 750 Wissenschaftler am EMBL forschen – ohne den Druck der Industrie, innerhalb einer bestimmten Zeit Ergebnisse erzielen zu müssen. Machen sie dabei interessante Entdeckungen, die für die Forschungsabteilungen großer Konzerne interessant sein könnten oder die gar die Gründung eines eigenen Start-ups rechtfertigen, werden diese Ergebnisse patentiert. Die Industrie ist an einer technologischen Innovation schließlich nur dann interessiert, wenn sie sie auf Grund einer Lizenz verwenden darf, also das Recht erwirbt, ein Patent beispielsweise exklusiv zu nutzen.

Kaum 1000 Meter vom EMBL entfernt arbeitet die Firma EMBLem. Die Abkürzung steht für – Achtung, tief Luft holen! – European Molecular Biology Laboratory Enterprise Management Technology Transfer GmbH und ist der 1999 ausgegründete Technologietransfer-Ableger des Instituts. Wer die Räume durch den Eingang, eine Balkontür, betritt, atmet Start-up-Atmosphäre. Drei Schreibtische stehen eng beieinander, Bulle und Bär im Regal erinnern an glorreiche, aber vergangene Börsenzeiten. Hier arbeiten vier Experten daran, das wirtschaftlich verwertbare Wissen des EMBL zu patentieren und an Unternehmen zu lizenzieren. Detailarbeit, bei der es hauptsächlich um die Antwort auf zwei Fragen geht. Erstens: Ist die Erfindung wirklich eine? Und zweitens: Ist sie wirtschaftlich verwertbar? Wer das beurteilen will, muss kaufmännisches mit naturwissenschaftlichem Denken verbinden. Deshalb arbeiten hier Naturwissenschaftler, die sich nach Studium und Promotion rechtliches und wirtschaftliches Know-how, etwa in Patent- und Vertragsrecht, angeeignet haben und über lange Erfahrungen in Chemie- und Pharmaunternehmen verfügen.

Gábor Lamm, 35, seit 2000 Geschäftsführer von EMBLem, arbeitete nach seiner Promotion in Biologie am EMBL sieben Jahre in der Industrie. Zuletzt leitete er ein Business Team im Geschäftsbereich Advanced Ceramics bei der Wacker Chemie und verantwortete dort Vertrieb, Marketing und Produktentwicklung. Martin Raditsch, 36, bei EMBLem zuständig für Business Development, betreut die Ausgestaltung der Lizenzverträge. Davor war er bei der Pflanzen-Biotechnologie-Sparte der BASF als Leiter Technologiemanagement tätig.

Eine Tür weiter im selben Gebäude findet man die drei Mitarbeiter von EMBL Ventures. Das ist die Fondsmanagementgesellschaft, die im Auftrag des Instituts den EMBL Technology Fund (ETF) verwaltet. Mit dem Geld des Fonds werden ausgewählte Biotech-Start-ups von EMBL-Forschern finanziert, die sich mit ihrem Know-how selbstständig machen wollen, entweder allein oder mit Partnern anderer Institute. „Das EMBL initiierte den ETF, um die Ausgründung von Unternehmen aus dem Institut ähnlich voranzutreiben wie den Technologietransfer durch EMBLem“, sagt Stefan Herr, der 38-jährige Geschäftsführer, der vor rund zehn Jahren am EMBL promoviert hat und 2002 nach sieben Jahren als Venture-Capital-Experte zurückgekehrt ist.

Das Fondsvolumen von EMBLem Ventures liegt bei 25,5 Millionen Euro. Geldgeber sind institutionelle und private Investoren, aber auch das EMBL selbst mit etwa zwei Millionen Euro. Für die Heidelberger hat diese Verwertungsvariante mehrere Vorteile: Finanziell profitiert das Institut von den Patenten, denn die bleiben stets im Besitz des EMBL. Außerdem beteiligt es sich über den Fonds direkt an den Start-ups. Entscheidend für EMBLem-Geschäftsführer Lamm ist der Zugewinn an Attraktivität: Ein Arbeitgeber, der den Wissenschaftlern Forschung, Vermarktung und Finanzierung zugleich bietet, ist selten – und für manch einen in die USA abgewanderten Experten vielleicht ein Grund zurückzukommen.

Das EMBL als Ideenquelle, EMBLem für Ideenschutz und -transfer und EMBL Ventures für die Ideenfinanzierung: Das Verwertungsmodell bietet theoretisch alle Zutaten für Existenzgründer. Praktisch auch, wie das jüngste EMBL-Baby Hybricore belegt. Das Unternehmen hat ein Hochdurchsatzverfahren zur Herstellung von Antikörpern entwickelt, das unter anderem die schnellere Produktion von Antikörpern für wissenschaftliche Experimente ermöglicht. Hybricore befindet sich im ersten Lebensstadium, der Seed-Phase, und ist das erste Start-up, an dem EMBL, EMBLem und EMBL Ventures gemeinsam beteiligt sind.

Von Erfindungen, die die Welt verändern werden

Damit so ein Wertschöpfungsprozess reibungslos funktioniert, das haben die Heidelberger mit den Jahren gelernt, darf er nicht zum Zwang werden. Er muss für die Beteiligten freiwillig und offen für externe Partner bleiben. So finanziert EMBL Ventures beispielsweise auch Geschäftsideen auf der Basis von Wissen, das nicht im Institut generiert wurde. Die Offenheit gilt jedoch vor allem intern. Die Entscheidung, ob eine verwertbare Erfindung patentiert und damit wirtschaftlich genutzt werden soll, bleibt im EMBL – im Gegensatz zur neuen Regelung für die deutschen Hochschulen – dem Forscher überlassen. „Wir zwingen keinen Wissenschaftler, etwas patentieren zu lassen“, erklärt Gábor Lamm, „denn ein Patent ist nur wertvoll, wenn der Wissenschaftler bereit ist, daran mitzuarbeiten.“ Das ist aber nicht immer der Fall. So mancher Forscher will sein Wissen lieber nicht mit wirtschaftlichen Interessen verknüpfen.

Doch der Technologietransfer des EMBL nimmt stetig zu. Seit EMBLem vor vier Jahren gegründet wurde, hat sich die Zahl der Patente und Lizenzen vervielfacht. Inzwischen meldet EMBLem durchschnittlich jede Woche ein neues Patent an. Die gehören zwar dem Institut, die beteiligten Forscher erhalten aber von den Erträgen nach Abzug der Kosten etwa 30 Prozent. Auch acht Ausgründungen hat EMBLem bereits begleitet. Eine davon ist Cellzome.

Das Unternehmen mit Sitz in Heidelberg und London wurde 2000 von neun EMBL-Forschern aus unterschiedlichen Fachgebieten der Proteinforschung gegründet. Im vergangenen Jahr gelang ihnen der Durchbruch, als sie das funktionelle Zusammenspiel des Hefe-Proteoms, also die Gesamtheit aller Hefeproteine, veröffentlichen konnten. Die Entdeckung offenbarte bis dahin unbekannte Ansätze für die Entwicklung neuartiger, maßgeschneiderter Medikamente. Geld verdient Cellzome damit noch nicht. Die Reaktionen aus Wissenschaft und Praxis klingen jedoch sehr vielversprechend. Der renommierten Fachzeitschrift Nature war Cellzome im Januar 2002 bereits eine Titelgeschichte wert. Das größere Lob erhielten die Unternehmer aus der Wirtschaft: Eine Studie der Beteiligungsgesellschaft Apax zusammen mit dem World Economic Forum (Titel: „The Impact of Innovation“) adelte Cellzome Anfang 2003 als eines von 40 Unternehmen auf dem Globus, deren Technologie „die Welt verändern“ werde.

Wo man Entdecker nicht über den Tisch zieht

Martin Raditsch betreut für das Unternehmen sämtliche Lizenzen von EMBL und die Beratungsverträge mit den Wissenschaftlern aus dem Institut. Die Unternehmensgründer sollen nämlich nicht aus ihrer Arbeit am EMBL aussteigen. Sie sollen forschen und parallel dazu ihr eigenes Unternehmen wissenschaftlich begleiten. Auch das bedeutet Freiheit – und sichert dem Forscher den Rückzug in die Wissenschaft, falls es mit dem Start-up nicht klappen sollte.

Aus Unternehmenssicht eine schlaue Regelung: Der beste Wissenschaftler ist nicht automatisch immer auch der beste Unternehmensführer. „Die meisten Forscher sind intellektuell herausragend und machen hervorragende Grundlagenforschung, aber sie haben zu wenig Wirtschafts- und Industrieerfahrung“, weiß EMBL-Venture-Chef Stefan Herr. Im Idealfall trifft ein gutes Management auf eine herausragende Technologie. Im Zweifelsfall gilt die Faustregel: Lieber eine durchschnittliche Technologie und ein Super-Management als umgekehrt.

Damit die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Start-up optimal funktioniert, sollten beide möglichst nahe beieinander liegen. Cellzome hat seinen Firmensitz deshalb gleich auf dem Campus des Labors. Das fördert den Austausch der Forscher untereinander und die Offenheit für frischen Input von außen. Auf dem EMBL-Gelände treffen sich ständig Forscher aus vielen Fächern und Kulturen, um sich über neue Ideen auf „EMBLisch“ (Kauderwelsch aus Englisch, Deutsch, anderen europäischen Sprachen und einem für den Laien unverständlichen Fachjargon) auszutauschen, sei es bei offiziellen Veranstaltungen oder beim Mittagessen in der gemeinsamen Kantine, in der Klaus Himburg, früher Chef eines Gourmet-Restaurants in Baden-Baden, die Mitarbeiter mit erstklassigen Menüs verwöhnt. Maßgeblich für den Erfolg des Gesamtprojektes ist nicht zuletzt die geschickte Personalauswahl. Als ehemalige Forscher des Instituts gehören EMBLem-Geschäftsführer Gábor Lamm und EMBL-Ventures-Chef Stefan Herr quasi zur Belegschaft – und genießen ein hohes Maß an Vertrauen. „Die Forscher kennen uns und haben bei uns nicht das Gefühl, dass wir sie über den Tisch ziehen.“ Auch deshalb gelingt in Heidelberg die seltene Gratwanderung: die erfolgreiche Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft.

1962 Die Idee eines europaweiten Forschungslabors für Molekularbiologie entsteht während eines Gesprächs unter mehreren Wissenschaftlern, unter ihnen der Biologe James D. Watson, der 1953 zusammen mit anderen die erste Modellvorstellung für das DNS-Molekül entwickelt hatte (Watson-Crick-Modell).

1963 Wissenschaftler bilden die Europäische Organisation für Molekularbiologie (EMBO) mit dem Ziel, ein Laboratorium ins Leben zu rufen.

1968 14 Nationen verständigen sich auf der Europäischen Konferenz für Molekularbiologie (EMBC) auf eine stabile Finanzierung zur Gründung des EMBL.

1974 Offizielle Gründung des EMBL

1975 Die Außenstelle Hamburg entsteht auf dem Areal des Deutschen Elektronen-Synchrotons (Teilchenbeschleuniger).
Ziel: die Erforschung von Molekülstrukturen per Röntgenkristallografie.

1976 Gründung der Außenstelle Grenoble auf dem Gelände des Institut Laue-Langevin (ILL) mit dem Ziel, Neutronenstrahlung zur biologischen Strukturanalyse zu verwenden.

1978 Die ersten Wissenschaftler beziehen die Labors im neuen EMBL-Stammsitz in Heidelberg.

1980 Das Ausbildungsprogramm für Doktoranden wird ins Leben gerufen.

1993 Inbetriebnahme des Europäischen Instituts für Bioinformatik (EBI) bei Cambridge/England

1997 Das EMBL verstärkt sein Engagement im Technologietransfer und erhält das Recht, seinen eigenen Doktorgrad zu verleihen.

1999 Das Forschungsprogramm Mausgenetik in Monterotondo/Italien nimmt seine Arbeit auf.

Mit der Gründung der EMBLem GmbH lagert EMBL den Technologietransfer in ein eigenes Unternehmen aus.

2001 Der European Technology Fund wird aufgelegt und von der frisch gegründeten EMBL Ventures GmbH verwaltet. Er soll EMBL-Forscher unterstützen, wenn sie sich zur wirtschaftlichen Verwertung ihrer Entdeckungen mit einem Start-up selbstständig machen wollen.

EMBL-Mitgliedsländer: Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Israel, Italien, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, Schweiz, Spanien.

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