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Ausgabe 19/0 - Artikel

Klar zum Entern

Sie kamen in Schlips und Kragen statt mit Holzbein, Augenbinde und Säbel, aber sie hatten Kaperpläne im Gepäck: Die erste Riege der vier großen privaten Krankenhauskonzerne Rhön, Helios, Asklepios und Sana war Mitte Oktober auf Einladung des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands (VUD) nach Berlin gekommen, um den Krankenhaus-Managern darzulegen, wie sie sich die Übernahme ihrer medizinischen Flaggschiffe vorstellen. Der Saal war überbelegt, so groß war das Interesse. Und wohl auch die Sorge der Kliniker: Warum will ein privater Betreiber eine Universitätsklinik übernehmen? Wie will er jemals die Anschub-Investitionen und den Kaufpreis wieder hereinholen? Und vor allem: Wie hält er es mit Forschung und Lehre?

Krankenhauskonzerne, die eine Uniklinik übernehmen wollen, geraten schnell in die Kritik. Zwar haben die Privaten vielfach bewiesen, dass sie selbst marode Krankenhäuser in Vorzeigekliniken mit guten Ergebnissen und vorbildlicher Qualitätskontrolle verwandeln können. Doch bei Kliniken der Maximalversorgung und insbesondere bei Forschung und Lehre mangle es den profitorientierten Privaten an der rechten Gesinnung, so lautet der Generalverdacht. Der Wissenschaftsrat, das höchste Beratergremium der Bundesregierung in Fragen der Forschung, meint, „die Freiheit der Wissenschaft und das Gewinninteresse von Privatunternehmen können nicht als komplementäre Ziele angesehen werden.“ Der Rat sorgt sich um die besondere Stellung der Unikliniken: „Medizinische Forschung und Lehre bilden gemeinsam die wesentlichen Merkmale, durch die sich ein Universitätsklinikum von allen anderen Krankenhäusern unterscheidet.“

Tatsächlich haben Universitätskliniken traditionell eine Sonderstellung. Mit rund 180.000 Mitarbeitern versorgen sie an 38 Standorten zwölf Prozent der jährlich rund 15,5 Millionen stationären Patienten in Deutschland und bilden die hochleistungsmedizinische Spitze der Pyramide des deutschen Krankenhauswesens: Sie vereinigen sowohl die reguläre Krankenversorgung mit nahezu sämtlichen Fachkliniken als auch die medizinische Ausbildung angehender Ärzte und die wissenschaftliche Forschung unter einem Dach. So können sie die neuesten Forschungsergebnisse schnell und sicher am Krankenbett in die ärztliche Praxis umsetzen. Dabei gelten laut Professorin Ulrike Beisiegel, Mitglied des Wissenschaftsrates und ehemalige Prodekanin für Forschung am Fachbereich Medizin der Universität Hamburg, klare Prioritäten: „Die Universitätskliniken sollen in erster Linie forschen und lehren und erst in zweiter Linie versorgen.“

Das Geld für Forschung wird knapp

Doch dafür brauchen die Häuser Geld. Und das wird unter der Regie der Länder immer knapper: Nur ein Drittel aller deutschen Universitätskliniken schreibt schwarze Zahlen – vor allem die Kliniken in Bayern und Baden-Württemberg. Mehr als die Hälfte der Häuser hat dagegen Probleme mit ihrem Jahresabschluss, sagt Rüdiger Strehl, VUD-Generalsekretär und kaufmännischer Direktor der Uniklinik Tübingen. Die für alle Krankenhäuser gleich hohen Fallpauschalen benachteiligen die Maximalversorger, die auch Equipment für die schweren Fälle vorhalten müssen. Der billige Arzt im Praktikum ist weggefallen. Die Löhne der Mediziner ziehen an. An vielen Standorten sind aberwitzig hohe Investitionskosten aufgelaufen. Zum jährlichen Defizit addieren sich oft enorme Verluste der Vorjahre.

Gleichzeitig fließen immer weniger öffentliche Gelder für die Forschung. Selbst in Strehls Heimat-Klinik Tübingen, die mit ihren Landeszuwendungen vergleichsweise gut dasteht, gehen die Mittel kontinuierlich zurück: Der Landeszuschuss für die laufenden Kosten für Forschung und Lehre fiel seit Ende der neunziger Jahre von 105 Millionen Euro auf heute 85 Millionen Euro. Hessen reduzierte die Landeszuschüsse für die medizinischen Fachbereiche der beiden Standorte Gießen und Marburg innerhalb eines Jahres um jeweils eine Million Euro (von insgesamt 114 Millionen Euro in 2004 auf 112 Millionen Euro in 2005). Allein die Mittel für Trägeraufgaben und Investitionen an die beiden Universitätskliniken sanken in den vergangenen drei Jahren um rund 13 Prozent.

Die Bilanz für andere Regionen fällt kaum besser aus. Die Länder – Hauptträger der laufenden Kosten für Forschung und Lehre – reduzieren bundesweit ihre Zuwendungen. Im Jahr 2000 flossen im Schnitt noch rund 75 Millionen Euro pro medizinische Fakultät, Tendenz seitdem: rapide fallend. Zum Vergleich: Für den Straßenbau konnte der Regierungsbezirk Freiburg im Jahr 2005 auf Landesmittel von 48,4 Millionen Euro zurückgreifen.

Zwar bringt auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung jährlich 150 Millionen Euro für Grundlagenprojekte auf. Zudem werden die kürzlich von der Bundesregierung ernannten Zentren der Exzellenzinitiative bis 2011 mit insgesamt 1,9 Milliarden Euro ausgestattet, von denen etwa ein Drittel auf die medizinische und lebenswissenschaftliche Forschung entfallen. Eine grundlegende Verbesserung verspricht die Finanzspritze nach Ansicht des VUD jedoch nicht.

„Für Deutschland ist das Engagement des Bundes erfreulich“, sagt Generalsekretär Rüdiger Strehl, „im internationalen Vergleich eher geringfügig.“ Der Blick nach Übersee ist in der Tat ernüchternd: Die Mittel der San Francisco School of Medicine aus dem Haushalt von Gouverneur Arnold Schwarzenegger beispielsweise übersteigen das Budget der Tübinger Uniklinik um das Achtfache. Daneben erhält die US-Klinik Zuwendungen der National Institutes of Health (NIH), die Fördermittel von umgerechnet knapp 20 Milliarden Euro pro Jahr vergeben können. Hiesige Vorzeigeeinrichtungen wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) oder die Max- Planck-Gesellschaft verfügen über je eine Milliarde Euro.

Internationale Forschung? Ohne uns

Die Höhe der Mittel beeinflusst maßgeblich die Qualität der klinischen Forschung. Zwar hält Rüdiger Strehl auch das Image der Klinik, eine geschmeidige Bürokratie und forschungsfreundliche Strukturen für wichtige Argumente im Wettbewerb um führende Köpfe. Die Höhe der Forschungsgelder jedoch bleibe der entscheidende Faktor. Entsprechend ernüchternd fällt das Urteil der Wissenschaft zum aktuellen Stand der deutschen Forschung aus: kein internationales Renommee bei den Medikamentenstudien, wichtige Studien über die Sinnhaftigkeit ganzer Therapiezweige laufen ohne deutsche Beteiligung in den USA, in England, den Niederlanden und Skandinavien.

Die historisch gewachsenen Strukturen der deutschen Universitätskliniken machen die Situation nicht leichter. Fakultät und Klinik sind in der Regel eng miteinander verwoben. Ihr Zusammenspiel ergibt sich aus dem breiten Spektrum, das die klinische Forschung abdeckt: An einem Ende steht die Grundlagenforschung, meist von Naturwissenschaftlern an Zellkulturen in den Universitätslabors betrieben, am anderen Ende steht die Forschung am Patienten, die notwendigerweise in der Klinik stattfindet. Diese sogenannte patientenorientierte Forschung untersucht die Wirksamkeit von Medikamenten, wie etwa in den großen Zulassungsstudien von Pharmafirmen. Und sie ermittelt in der sogenannten Versorgungsforschung den Nutzen von Therapien für den Patienten.

Dieses Ineinandergreifen von Grundlagen- und patientenorientierter Forschung führt zu einem Konstrukt mit Schizophrenie-Potenzial: Der Professor einer medizinischen Fakultät hat meist auch das Amt eines Chef- oder Oberarztes an der angegliederten Universitätsklinik inne. Das heißt: Der Wissenschaftler in ihm soll forschen, der Arzt dagegen behandeln.

Die Verknüpfung der beiden zentralen Aufgaben spiegelt sich auch in mitunter schwer zu durchschauenden Geldströmen zwischen Fakultät und Klinik wider. Die Fakultät bekommt Geld vom Land, den sogenannten Landeszuführungsbetrag, weil sie forscht und lehrt. Die Klinik bekommt Geld von den Kassen, weil sie Patienten versorgt. Solange beide Quellen sprudelten, spielte es keine Rolle, ob die Klinik mit ihren Kassengeldern die Forschung alimentierte oder umgekehrt die Fakultät mit ihrem Landeszuführungsbetrag die Versorgung unterstützte.

Seit für die immer teurere Behandlung der Patienten immer weniger Geld da ist, sind die Folgen spürbar: Der Wissenschaft fehlen Mittel und Manpower. So beklagt beispielsweise Professor Ulrich Bogdahn, Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum in Regensburg, dass die klinische Forschung praktisch gar nicht mehr aus der öffentlichen Hand bezahlt wird. Die Landeszuführungsbeträge gehen bei ihm nicht an die Fakultät, sondern direkt an die Klinik. 15 bis 20 Prozent davon gibt er für die Lehre aus. Der Rest fließt in die Versorgung, die gerade an Unikliniken mit ihren aufwendigen Apparaten chronisch unterfinanziert ist. Die Forschung geht leer aus.

Wer soll sie auch betreiben? Aufgrund der Rationalisierungsmaßnahmen in den Krankenhäusern steigt die Arbeitsbelastung der Ärzte kontinuierlich. Damit sich der Klinikbetrieb rechnet, sollen immer weniger Mediziner immer mehr Patienten behandeln, viele Klinikdirektoren können es sich deshalb kaum noch leisten, Ärzte für die Wissenschaft freizustellen. Die Versorgung hat Vorrang. Ein wissenschaftliches Papier kann zur Not warten, ein Patient nicht.

Kein Wunder, dass eine steigende Zahl von Politikern angesichts der schwierigen Finanzlage über die Privatisierung der Universitätskliniken nachdenkt. Das Land Hessen verkaufte schon Anfang 2005 die gerade fusionierten Kliniken Gießen und Marburg an den privaten Betreiber Rhön-Klinikum AG. Einschließlich aller Investitionen, Stiftungsdotierungen und sonstiger finanzieller Zusagen muss der Konzern bis 2012 eine Summe von 640 Millionen Euro zahlen.

Auch in anderen Bundesländern werden Übernahmepläne geschmiedet. Der Handlungsdruck ist vor allem dort hoch, wo Regierung und Krankenhausmanagement mit roten Zahlen kämpfen. So befindet sich derzeit etwa in Schleswig-Holstein ein 50-Prozent-Anteilsverkauf der Unikliniken Kiel und Lübeck in parlamentarischer Beratung. Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein mit seinen 10.000 Mitarbeitern ist mit rund 70 Millionen Euro verschuldet. Zudem hat sich ein Investitionsstau von mehr als 500 Millionen Euro addiert.

Auch Nordrhein-Westfalen denkt über Möglichkeiten für die Entwicklung seiner sechs Universitätskrankenhäuser nach. Und selbst in Baden-Württemberg, dessen fünf Unikliniken Profite abwerfen, wird über Privatisierung diskutiert. In Stuttgart haben die Politiker im Koalitionsvertrag zwischen CDU und FDP unlängst festgeschrieben, dass das Land unter anderem ergebnisoffen prüft, ob sich eine Privatisierung lohnt. Dabei will man wirtschaftliche Vor- und Nachteile einer rechtlichen Verflechtung der Universitätskliniken sowie eine Änderung der Rechtsform bis hin zu einer Öffnung für private Mitgesellschafter untersuchen. 2003 hatten die Politiker auf einem Symposium ein erstes Stimmungsbild erstellt. Im Moment wird das Thema hausintern weiterverfolgt. „Wir denken darüber nach“, sagt Marion Csiky, Pressereferentin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.

Auch beim Hearing in Berlin war schnell klar, dass Privatisierung kein Tabuthema mehr ist. „Die Privaten gehören längst zu uns“, stellte VUD-Generalsekretär Strehl fest. Der VUD-Vorstandsvorsitzende Jörg Rüdiger Siewert befand, dass die „lange Zeit als Schreckgespenst“ gesehene Privatisierung jetzt als „Herausforderung“ verstanden werde. Mittlerweile gehe es „nicht mehr darum, ob, sondern wie man es macht“.

Experten prophezeien, dass sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz im Jahr 2015 nur noch etwa die Hälfte der klinischen Versorgung und Forschung an Universitätskliniken in rein öffentlicher Hand befinden werden. Vielerorts werde sowohl die Krankenversorgung als auch die klinische Forschung in Public-Private-Partnerships organisiert sein oder in rein privater Trägerschaft liegen.

Wer soll das bezahlen?

Doch wie soll sich das rechnen? Was treibt die privaten Krankenhausbetreiber, ausgerechnet Universitätskliniken übernehmen zu wollen? Die Skepsis der heutigen Klinikchefs und ihrer Professoren, die selbst seit Jahren an allen denkbaren Stellschrauben drehen, um ihre Häuser wirtschaftlicher zu machen, ist nicht unberechtigt: Viele Standorte sind defizitär, die Bürde von Forschung und Lehre wiegt auch künftig beträchtlich, die zu erwartenden Gewinnmargen dagegen sind gering. Wie also sollen die hohen Kaufpreise jemals wieder erwirtschaftet werden, wenn nicht durch drastische Sparmaßnahmen, auch und gerade im Bereich der Forschung? VUD-Vorstand Siewert frotzelte in Anspielung auf das Bieterverfahren beim Klinikum Gießen und Marburg in Berlin nicht ohne Grund: „Ist es nicht manchmal ganz gut, zweiter Sieger zu sein?“

Die Antworten der Privaten in Berlin blieben vage. Tatsächlich erwarten die Konzernlenker von Universitätskliniken deutlich geringere Renditen als von anderen Häusern. Gleichzeitig schlossen sie dauerhafte Quersubventionierungen aus anderen Konzernbereichen aus. Beides ändere jedoch nichts an der Strategie, Unikliniken übernehmen zu wollen, befand beispielsweise Tobias Kaltenbach, der Hauptgeschäftsführer von Asklepios. Man werde eben „Marktchancen nutzen und Kosten reduzieren“, sagte er. Schließlich sei kein privater Betreiber aus Prestigegründen an den Universitätskliniken interessiert. Die Privaten reize vielmehr die Teilhabe am internationalen Wissenstransfer, das Akquirieren von Top-Ärzten und die Qualitätsführerschaft im Konzern – allesamt Faktoren, die eine lebendige und inter- national konkurrenzfähige Forschung und Lehre voraussetzen.

Die bisherigen Erfahrungen aus Hessen sollen als Beleg für die Glaubwürdigkeit dieser These dienen. In Marburg-Gießen wird Rhön bis 2010 laut Vertrag 367 Millionen Euro für die mit Fehlbeträgen in dreistelliger Millionenhöhe belastete Klinik aufbringen. Sie dienen unter anderem dringend benötigten Investitionen in Gebäude, neue Geräte und moderne Infrastruktur. Das Land Hessen behält die Hoheit über Forschung und Lehre; die Medizin-Dekane der Universitäten Gießen und Marburg sitzen im Klinikvorstand, mit Rede-, aber nicht mit Stimmrecht; Rhön stellt in der Klinik kostenlos Räume für die Forschung zur Verfügung; im geplanten Klinikneubau sind 15 bis 20 Prozent der Bausumme für Einrichtungen der Forschung und Lehre vorgesehen; jährlich fließen zehn Prozent des ausgewiesenen Gewinns, mindestens aber zwei Millionen Euro in die klinische Forschung.

Auch das Land will zum Gelingen des Modells beitragen: Statt mit dem Verkaufserlös von 110 Millionen Euro einen Straßentunnel in Frankfurt zu bauen, hat Ministerpräsident Roland Koch das Geld umgeschichtet und in eine Forschungsstiftung gesteckt, die jährlich zwei bis drei Millionen Euro abwerfen soll. Nun muss sich zeigen, ob der gute Wille beider Seiten reicht, um das Forschungsniveau zu halten oder sogar zu heben. Koch ist optimistisch: „Der private Betreiber akzeptiert von vornherein: In meinem Haus findet Universität statt, und ich trage das, weil ich will, dass dort Universität stattfindet.“

Asklepios-Chef Tobias Kaltenbach bedauert, dass Botschaften wie diese „in der Öffentlichkeit leider wenig wahrgenommen werden“. Schließlich managt inzwischen jeder der vier großen privaten Klinikbetreiber Einrichtungen, deren Chefärzte als Professoren an medizinischen Fakultäten forschen und lehren: So besaß Rhön schon vor Gießen und Marburg das Universitäts-Herzzentrum in Leipzig. Zu Asklepios gehören Rheumatologie- und Orthopädie-Kliniken in Bad Abbach, Sana ist Besitzer des Universitäts-Herzzentrums in Dresden, Helios betreibt eine Tumor- und eine Herzkreislauf-Klinik der Charité in Berlin-Buch.

Interessant ist, was sich rechnet

Die Beispiele belegen, dass Privatisierung und Forschung kein Widerspruch sind – es zeichnet sich allerdings auch ab, dass sich unter Führung der Privaten die Ausrichtung der Forschung verändern wird. Ihr Schwerpunkt dürfte in Zukunft dort liegen, wo Profite zu erwarten sind. Und wo sich Industriepartner finden lassen, die für die Erprobung ihrer Medikamente und Geräte Finanzmittel zuschießen. Unternehmen der Pharma- und Medizinprodukte-Industrie geben dafür heute schon gewaltige Summen aus. Allein die Pharmaindustrie investiert in Deutschland jährlich mehr als 800 Millionen Euro in klinische Studien. Die Basisforschung findet meist in den Labors der Firmen statt. Sobald das Produkt aber getestet werden muss, kommen die Kliniken ins Spiel, in denen die Kranken behandelt werden.

Was die einen angesichts der knapper werdenden öffentlichen Mittel als einzig gangbaren Weg betrachten, bewerten die Skeptiker als Beschneidung der gewohnten Forschungsfreiheit. So kritisiert Professorin Ulrike Beisiegel, dass beispielsweise die geplante Schwerionen-Einrichtung im Klinikum Gießen und Marburg „vor allem der Krankenversorgung und damit dem Erlösgewinn dient“. Für Forschung werde die in der Fachwelt umstrittene Anlage wenig zur Verfügung stehen.

Die Privaten halten dagegen – und unterstreichen selbstbewusst ihr Selbstverständnis als Wissenskonzerne. Zum Beispiel die Helios Kliniken GmbH: Zwar hat der Konzern noch keine Universitätsklinik komplett übernommen, besitzt aber bereits vier Häuser der Maximalversorgung mit teilweise intensiver Anbindung an Universitäten, wie etwa in Erfurt und Wuppertal. Um die klinische Forschung zu fördern, betreibt das Unternehmen das Helios Research Center (HRC). Zehn Mitarbeiter fungieren als Anlaufstelle für externe Auftraggeber auf der einen und wissenschaftlich interessierte Ärzte auf der anderen Seite. 996 Studienvorhaben hat das HRC inzwischen geprüft, 285 Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 20 Millionen Euro wurden bereits genehmigt. Darunter finden sich große Multicenter-Studien, aber auch Kleinststudien, für die einmalig 125 Euro geflossen sind.

Knapp 90 Prozent der Projektvolumina des HRC stammen heute schon von Unternehmen, die Wirkstoffe und Verfahren testen lassen wollen. Den Rest machen sogenannte Investigator Initiated Trials (IITs) aus. Sie kommen auf Initiative eines Arztes zustande. Findet er keinen externen Sponsor, unterstützt ihn das HRC mit Know-how und eventuell auch finanziell. Jedes Vorhaben, das eine Investition von mehr als 5000 Euro erfordert, muss von einem wissenschaftlichen Gremium abgesegnet werden. Zwei neu eingestellte Mitarbeiter im Helios Research Center sollen sich ausschließlich um nicht kommerzielle Forschung kümmern.

Mit dieser Strategie will Helios die Versorgungsforschung stärken. Denn in der Versorgung verbindet sich der Nutzen für den Kranken mit dem für die Klinik: Der Patient will mit möglichst geringem Aufwand möglichst schnell wieder gesund werden. Genau das will die Klinik auch, spätestens seit Einführung der Fallpauschalen, die lange Liegezeiten nicht mehr belohnen. Sucht Helios also beispielsweise in einer groß angelegten Studie nach Möglichkeiten, Arzneimittel-Nebenwirkungen zu vermeiden, kommt das beiden Seiten zugute: Der Patient hat weniger Probleme, die Klinik geringere Kosten.

Segen oder Fluch?

Helios ist bereits in verschiedenen medizinischen Fachbereichen aktiv. Um Fragen der Chirurgie kümmert sich etwa ein eigenständiges Institut: Die New European Surgical Academy (NESA) stellt etablierte Operationsverfahren auf den Prüfstand, um zu schonenderen oder weniger aufwendigen Methoden zu kommen. Die Vorwürfe der Skeptiker, patientenferne Forschung zu vernachlässigen, kontert der private Krankenhausbetreiber mit dem Hinweis auf die Gesellschafter des HRC: 75,1 Prozent gehören Helios, immerhin 24,9 Prozent aber hält das benachbarte Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, ein Hort der Grundlagenforschung.

Das Misstrauen bleibt. Für Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums in Freiburg, sind Eigentümerstrukturen noch kein überzeugender Beleg. „Der Shareholder-Value schlägt hehre Vorhaben immer tot“, meint der Forscher. Hardy Müller, Gesundheitsexperte bei der Techniker Krankenkasse, vermutet hinter den Bemühungen der Privaten vor allem „Legitimationsforschung“ für profitable und weniger für evidenzbasierte Verfahren. Bertram Wiedenmann vom Koordinierungszentrum für Klinische Studien der Charité – eines der öffentlichen Pendants zum privaten HRC – mag sogar grundsätzlich nicht an eine Forschungskompetenz der Privaten glauben. „Es stimmt skeptisch“, sagt er, „was man aus Marburg hört.“

Die Skepsis ist unbegründet, meint Professor Matthias Schrappe, seit knapp einem Jahr Mitglied des Sachverständigenrates im Gesundheitswesen. Schrappe ist wissenschaftlicher Geschäftsführer der Universität Witten/Herdecke und sieht keinen Grund zur Nörgelei. Acht seiner Professoren arbeiten als leitende Ärzte an der Helios-Klinik Wuppertal. Auch zur Uniklinik in Marburg hat er gute Kontakte: Vor der Übernahme durch Rhön war er dort ärztlicher Direktor. Und anders als so mancher Kritiker ist Schrappe davon überzeugt, dass die privaten Betreiber an angewandter klinischer Forschung „hochgradig interessiert“ sind. Er hat noch keine Beschwerden von den ehemaligen Kollegen aus Marburg gehört, auch er selbst kann nicht klagen. Bislang hat die Klinikleitung in Wuppertal kein Forschungsprojekt seiner Fakultät abgelehnt. Im Gegenteil: „Wir stoßen auf großes Engagement des Konzerns.“

So halten sich Kritiker und Befürworter angesichts der Privatisierungsfrage von Universitätskliniken momentan bestenfalls die Waage. Wohin sich die Forschung entwickeln wird, vermag zurzeit keine Fraktion zu sagen. Fest steht: Die Eigentümerstruktur ist sicher noch kein Garant für medizinische Wissenschaft – weder für gute noch für schlechte. Forschungsleistungen lassen sich messen, deshalb brauchen wir Benchmarks und eine wirksame Kontrolle von Forschung in privater Hand, die mit öffentlichen Geldern gefördert wird. Denn fest steht auch: Die Privaten warten bereits auf den nächsten Coup.

Schon 2007 sollen weitere Verkäufe oder zumindest Teilprivatisierungen anstehen. Die börsennotierte Rhön-Klinikum AG hat ungeachtet des Kraftaktes der Integration von Gießen-Marburg angekündigt, sich im Falle einer neuen Ausschreibung zu bewerben. Auch die Fresenius-Tochter Helios und der Konkurrent Asklepios, die beim Verkauf von Gießen-Marburg im Rennen waren, aber leer ausgingen, stehen bei einer weiteren Privatisierung in den Startlöchern. Noch.

Tatsächlich könnte die Kauffreude der privaten Krankenhausbetreiber schon bald verebben, wie Bert Uwe Drechsel, der Geschäftsführende Gesellschafter von Helios, mit einer simplen Gleichung in Berlin belegte: Den drei bis fünf privaten Betreibern, die ausreichend potent seien, die Alt- und Neulasten einer Universitätsklinik zu stemmen, stehen 32 potenzielle Übernahmekandidaten gegenüber. Angesichts der enormen Investitionssummen sei das Angebot also deutlich höher als der Bedarf. Die Länder, die ihre Privatisierungspläne verwirklichen wollen, täten deshalb gut daran, so Drechsel, sich zu beeilen. Sonst könnte sich das Blatt schnell wenden: Dann konkurrieren nicht mehr die Privaten um Kliniken, sondern umgekehrt. Tobias Kaltenbach von Asklepios frohlockt bereits angesichts dann deutlich attraktiverer Konditionen. Fragt sich, wer künftig die Enterhaken braucht.

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