Wie ergeht es in der Corona-Krise …

… Ji Lee, kreativer Stratege bei Facebook?

Der in Brooklyn lebende südkoreanische Designer ist durch unkonventionelle Kunstprojekte bekannt geworden. Seither steht Ji Lee, der heute bei Facebook arbeitet, für eine kleine Gruppe hochbegehrter Mitarbeiter mit großen Freiheiten: Ihre Arbeitgeber erwarten von ihnen weniger konstante Leistung als von Zeit zu Zeit einen ganz besonderen Impuls.





In dieser Reihe fragen wir Unternehmer und andere Menschen, über die wir in der Vergangenheit berichtet haben, wie sie mit der Corona-Krise umgehen. Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Und wie wollen sie diese bewältigen? 

Ji Lee

brand eins: Hemmt die derzeitige Stimmung Ihre Kreativität?

Ji Lee: Corona bestimmt gerade alles – Nachrichten, Geschichten, Sorgen, 24 Stunden am Tag dreht sich alles nur noch darum. Wenn man dadurch in Panik gerät, ist es schwierig, kreativ zu sein. Gleichzeitig setzt eine solche Krise, die Menschen auf der ganzen Welt erfasst, ein neues Thema, das mich geradezu dazu drängt, mich auf meine Weise damit auseinander zu setzen.

 

In New York breitet sich das Virus gerade rasant aus. Wie schaffen Sie es, sich nicht von der Angst anstecken zu lassen?

Ich gehe kaum noch raus. Als Angestellter von Facebook genieße ich das Privileg, mir in finanzieller Hinsicht keine Sorgen machen zu müssen. Ich verbringe den Tag mit meiner Familie, und da ich zwei kleine Kinder habe, werde ich gut abgelenkt. Sobald ich die Kleinen ins Bett gebracht habe, versuche ich möglichst produktiv zu sein. Das heißt: die Gedanken, die mir angesichts der Krise durch den Kopf gehen, zu visualisieren.   

Bei Ji Lee kann man nicht zwischen beruflichen und persönlichen Projekten unterscheiden. Er teilt seine Arbeiten auf Instagram – und macht so vor, wie man auf dieser Plattform Aufmerksamkeit bekommen kann. Dafür wird er von seinem Arbeitgeber bezahlt. Er hat mehrere zur Corona-Krise passende Emojis designt:

Instagram: jileecious

Zudem hat er Gesichtsmasken entworfen, die nicht nur den Mund bedecken, sondern auch die Augen. So sollen sie gleich doppelt wirken: gegen das Virus und gegen Rassismus. 

Instagram: jileecious

In einer dritten Arbeit hat er das Gemälde „Night Hawks“ von Edward Hopper abgewandelt – die Bar, in der im Original ein Barkeeper mit ein paar Gästen im Schummerlicht zu sehen ist, ist nun menschenleer, das Licht ist aus. Hacking, also das Abwandeln bestehender Motive, gehört zu Lees bevorzugten Techniken. 

Instagram: jileecious

brand eins: Was ist das Ziel Ihrer aktuellen Projekte?   

Ji Lee: Ich versuche wie immer, auf einfache Weise die Stimmung auf den Punkt zu bringen, und zudem eine Dosis Witz in meine Arbeit zu streuen – damit die Leute, mit denen ich auf Instagram meine Arbeit teile, trotz der schwierigen Zeit auch mal lächeln.   

Haben Sie irgendwelche Zukunftspläne?

Welchen Sinn soll es haben, Pläne zu machen, wenn die Welt sich sekündlich verändert? Ich bevorzuge es, mich dem Flow anzupassen und das Leben zutiefst wertzuschätzen. --

Ji Lee wuchs in Südkorea und Brasilien auf. Mit 20 Jahren zog er nach New York und studierte an der renommierten Parsons The New School of Design. Bekannt wurde Lee durch sein Bubble-Projekt: Er ließ Tausende Aufkleber in der Form großer Sprechblasen produzieren und klebte sie auf Werbeplakate in der ganzen Stadt. Die Betrachter, hoffte er, würden sich aufgefordert fühlen, sie zu betexten, und so die Werbung selbst zum Thema machen. Die Aktion wurde ein Riesenerfolg und bescherte Lee viele Jobangebote (brand eins 09/2018 „Der freie Angestellte”).