Wie ergeht es in der Corona-Krise …

… Claudia Ernenputsch, Leiterin zweier Modeboutiquen in Oberursel?

Eigentlich wollte Claudia Ernenputsch in diesem Jahr das 30-jährige Bestehen ihrer Boutique Calla Mode in der Altstadt von Oberursel im Taunus feiern. Im Nachbarort betreibt sie seit zehn Jahren eine zweite. 2015 hatten wir beschrieben, wie sie es schafft, den großen Modekonzernen mit einer kleinen, aber erlesenen Kollektion zu trotzen. Am 16. März musste sie beide Geschäfte schließen.





In dieser Reihe fragen wir Unternehmer und andere Menschen, über die wir in der Vergangenheit berichtet haben, wie sie mit der Corona-Krise umgehen. Vor welchen Herausforderungen stehen sie? Und wie wollen sie diese bewältigen? 

Claudia Ernenputsch

brand eins: Wie geht es Ihnen, Frau Ernenputsch? 

Claudia Ernenputsch: Als mir klar wurde, was da auf uns alle und auf mich zukommt, war ich ein paar Tage geschockt und wie gelähmt. Es fühlte sich an, als ob gerade ein großes Kartenhaus zusammenbricht. Ich habe mich kurz gefragt, ob es überhaupt noch angebracht ist, Kleidung anzubieten. 

Glücklicherweise habe ich 30 Jahre lang gut gewirtschaftet und Rücklagen gebildet. Mit meinem Lebensgefährten habe ich dann überlegt, wie ich weitermachen kann, wenn beiden Läden zu sind. Ich habe keinen Online-Shop.

Wie machen Sie das jetzt? 

Mein Glück ist, dass er eine Filmproduktionsfirma hat. Wir haben alle Teile meiner neuen Kollektion fotografiert, das Model war in diesem Fall ich. Seither schicke ich meinen Kundinnen jeden Tag eine Mail mit einem neuen Look. Newsletter habe ich sonst nur zweimal im Jahr verschickt – an Weihnachten und wenn wir wegen Urlaubs geschlossen hatten.

Funktioniert das gut? 

Pro Tag rufen etwa drei Kundinnen an, die etwas bestellen wollen. Ich bringe die Tüte mit der Kleidung dann zur Post oder stelle sie vor den Laden, falls sie sie dort abholen wollen. Manche schicken auch einen Fahrer. Zu Hause können sie die Sachen dann in Ruhe anprobieren. Aber ich verkaufe schon weniger als vorher. 


Wie viel weniger?

Die Umsätze sind bereits um ein Drittel zurückgegangen, aber ich rechne damit, dass es noch mehr wird. Bei vielen meiner Kunden spielt der Preis an sich keine so große Rolle, aber viele haben Geld verloren, weil sie in Aktien investiert haben und rechnen mit Mietausfällen oder ausbleibenden Bonizahlungen. Und ich glaube auch, dass sich das Bewusstsein ändern wird. Dass die Menschen sich zunehmend fragen werden, ob es überhaupt noch angemessen ist, in dieser Zeit Dinge wie Kleidung zu kaufen.

Eigentlich wollten Sie in diesem Jahr das 30-jährige Bestehen Ihres Ladens feiern. 

Ja. Deswegen hatte ich mehrere Feste geplant und mehr als sonst bestellt. Einige Aufträge wollte ich nun zurückziehen. Interessant ist, dass die kleinen inhabergeführten Hersteller mir dabei viel mehr entgegenkommen als die großen Konzerne. In Zukunft will ich mehr mit den kleinen zusammenarbeiten. 

Sind Sie persönlich sehr besorgt? 

Ja. Bei mir äußert sich das in einem Hyperaktionismus (lacht). Aber ich denke, diese Krise ist auch eine Chance: für mich und für uns als Gesellschaft. 

Inwiefern?

Ich hatte die vergangenen Jahren so viel zu tun, war ständig unterwegs, in Paris oder Mailand, um Ware zu bestellen, sodass ich wenig Zeit für meine Kunden vor Ort hatte – und auch, um mal durchzuatmen. Ich hoffe, das ändert sich jetzt. Außerdem hoffe ich, dass diese Krise auch die Vermieter dazu bewegt, Mieten so zu gestalten, dass es wieder mehr kleine, inhabergeführte Geschäfte geben kann. Ich denke, die Zeit der totalen Globalisierung ist vorbei und wir werden uns wieder stärker auf das Lokale besinnen. --

Claudia Ernenputsch, 1959 in Frankfurt am Main geboren, interessierte sich schon als Mädchen für Mode. Am Wochenende und in den Ferien jobbte sie in Boutiquen und auch später noch, als sie nach dem Abitur eine Ausbildung zur Bankkauffrau machte. Mit 25 fing bei einem Herrenausstatter in Frankfurt an, mit 30 eröffnete sie ihren eigenen Laden in Oberursel (brand eins 04/2015 „Die Kundenflüsterin”).