Updates aus dem Rathaus, Teil III

Das fragt Claus Ruhe Madsen, 47, die Rostocker – allerdings nur rhetorisch. Im Juni 2019 gewann der Däne die Wahl zum Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock. Hier ein weiterer Einblick in den Arbeitsalltag des Quereinsteigers, der zuvor ein Möbelhaus geleitet hat.



Claus Ruhe Madsen
Claus Ruhe Madsen

— Rostock, Januar 2020

brand eins: Sie haben entschieden, dass es im Rostocker Rathaus bei offiziellen Anlässen kein Fleisch mehr geben wird. Waren Sie von den heftigen Reaktionen überrascht?

Claus Ruhe Madsen: Ich hätte nicht gedacht, dass diese Entscheidung für so viel Wirbel sorgt. Sie wurde allerdings auch oft missverstanden: Ich habe niemanden in der Stadtverwaltung verboten, weiterhin Wurst zu essen. Kein Verwaltungsmitarbeiter muss sein Salamibrot heimlich ins Rathaus schmuggeln. Es geht nur um öffentliche Empfänge im Rathaus, zu denen unsere Gäste hoffentlich wegen des Programms kommen – und nicht, weil es Hackepeter-Brötchen gibt.

Hört bei Wurst der Spaß auf?

Ich habe den Eindruck, dass manche Menschen nur auf einen Anlass warten, um sich aufzuregen. Nüchtern betrachtet handelt es sich um einen kleinen Beitrag zum Klimaschutz, der niemanden wirklich wehtut.

Die Rostocker Bürgerschaft hatte im Herbst 2019 für einige Monate den Klimanotstand ausgerufen. Finden Sie das gut?

Nein, ich wäre das lieber pragmatisch angegangen. Ich mag keine Symbolpolitik. Aber ich verstehe, dass die Bürgerschaft ein Zeichen setzen wollte. Im ersten Beschlussvorschlag stand allerdings noch, dass alle künftigen Beschlüsse, die von der Bürgerschaft getroffen werden, den Klimaschutz berücksichtigen müssen. Das hätte die komplette Stadtverwaltung lahmgelegt. Wir haben uns darauf geeinigt, dass ich 99 Tage Zeit habe, Vorschläge zu sammeln, wie wir den Klimaschutz fördern können. Es sind mehr als 500 Ideen zusammengekommen, aus denen ich nun ein erstes Maßnahmenpaket schnüre. 

Könnte man Menschen nicht noch öfter mitentscheiden lassen – zum Beispiel durch Bürgerentscheide?

Das halte ich für keine gute Idee. Ein Beispiel: Unser Volkstheater kostet uns jährlich 18 Millionen Euro. Das sind umgerechnet etwa 90 Euro pro Einwohner. Die Kosten sind so hoch, als würden wir allen Rostockern ein Netflix-Abo bezahlen. Stellen Sie sich mal vor, ich würde das zur Abstimmung stellen: Wollt Ihr ein Netflix-Abo oder ein Volkstheater? Was würden die Rostocker mehrheitlich wählen?

Claus Ruhe Madsen in seinem Büro im Rostocker Rathaus
Madsen in seinem Büro im Rostocker Rathaus

Die Mehrheit würde sich wohl für das Netflix-Abo entscheiden.

Und das würde das Gesicht der Stadt komplett verändern. Wie wichtig Kultur für eine Stadt ist, stellt man ja immer erst fest, wenn sie nicht mehr da ist – oder alle nur noch zu Hause sitzen. Ich möchte den Bürgern deshalb noch besser veranschaulichen, was sie von der Stadt haben und wie viel Geld sie dafür bezahlen. 

Wie wollen Sie das machen?

Es geht in unserem Stadthaushalt immer um Millionenbeträge – und kaum einer hat ein Gefühl dafür, was sie bedeuten. Ich auch nicht. Deshalb haben wir alle Haushaltsposten auf den einzelnen Rostocker umgerechnet. Der bezahlt zum Beispiel 55 Euro im Monat für das Personal der Stadtverwaltung, 2 Euro für Menschen, die Grundsicherung beziehen, oder 40 Cent dafür, dass die öffentlichen Mülleimer geleert werden.

Wie teuer kommen Sie dem einzelnen Bürger?

Jeder Rostocker zahlt mein Gehalt mit 5 Cent pro Monat.

Rostock soll zudem eine Open-Data-City werden. Was ist darunter zu verstehen?

Im ersten Schritt bauen wir das Protokollzimmer direkt neben meinem Büro zum modernsten Raum der Stadt um. Dort sollen sich Amtsleiter, Studenten oder Firmengründer treffen, austauschen und Projekte entwickeln. Dieser Raum entsteht ganz bewusst direkt neben meinem Büro. Wenn er fertig ist, werde ich jeden Tag meine Nase reinhalten und gucken, was passiert.

Wie kommen Sie generell mit dem Umbau der Verwaltung voran?

Wir richten gerade sogenannte Fast-Lane-Arbeitsbereiche ein. Das sind Projektgruppen mit Fachleuten aus verschiedenen Bereichen der Verwaltung, die sich um ein Problem kümmern sollen – so lange bis es gelöst ist. Bisher arbeitet immer erst das eine Amt, dann das andere. Es geht hin und her. Das ist nicht zeitgemäß. Ich möchte mehr Tempo in unseren Prozessen. Das wird eine riesige Herausforderung – und wahrscheinlich den ganzen Laden auf den Kopf stellen.

Ihr Büro auch?

Ja, ich werde zum Beispiel den großen Tisch meines Vorgängers entfernen und einen Stehtisch aufstellen. Zukünftig werde ich nur noch 30-Minuten-Termine machen. Stehend und ohne viel Schnickschnack. Ich möchte, dass wir schneller, konkreter und konzentrierter werden. Wer länger braucht, kann gern ein Buch schreiben. Mir ist das zunächst gar nicht aufgefallen, dass sich eigentlich alle erst einmal hinsetzen, Kaffee trinken und Kekse essen. In meiner alten Firma hatte ich gar keine Sitzecke, weil ich ständig unterwegs war. Die Besprechungen fanden oft auf dem Flur statt.

Bekomme ich dann auch nur noch 30 Minuten für ein Interview mit Ihnen?

Für Sie mache ich eine Ausnahme.

Claus Ruhe Madsen, 47,
ist der erste ausländische Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt. Im Juni 2019 gewann der Däne die Wahl zum Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock. Seit September ist der Parteilose, der während des Wahlkampfs von CDU und FDP unterstützt wurde, offiziell im Amt. Madsen hat eine Möbelkette und eine Wohnmobilvermietung gegründet und war von 2013 bis 2019 Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Rostock.