Updates aus dem Rathaus, Teil XIV

Claus Ruhe Madsen ist der erste ausländische Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt: der Hansestadt Rostock. Seit September 2019 ist der parteilose Däne offiziell im Amt. Zuvor war er Unternehmer, hat eine Möbelkette und eine Wohnmobilvermietung gegründet. Der Neuling im Politikbetrieb möchte Rostock innovativer und lebenswerter machen.

Im 14. Teil von „Updates aus dem Rathaus“ spricht Claus Ruhe Madsen über die Erfahrungen als Corona-Modellstadt, Kritik an der Luca-App und Schulunterricht im Freien.



Claus Ruhe Madsen
Claus Ruhe Madsen

— Rostock, April 2020

brand eins: Herr Madsen, seit mehr als anderthalb Jahren begleiten wir Sie für unsere Serie „Updates aus dem Rathaus“. Inzwischen sind Sie auch deshalb deutschlandweit bekannt. Wie wirkt sich die Prominenz auf Ihre Arbeit aus?

Claus Ruhe Madsen: Ich habe ein größeres Netzwerk und kann mich jetzt auch mal schnell per Whatsapp mit Wissenschaftlern, Medizinern, anderen Bürgermeistern oder Gründern innovativer Firmen austauschen. Außerdem erreiche ich mehr Menschen, wenn ich Neuigkeiten auf sozialen Plattformen teile. Das hilft mir und der Stadt.

Können Sie noch in Ruhe durch Rostock gehen?

Nein, die Zeiten sind vorbei. Die Gassi-Runden mit meinem Hund sind inzwischen zu regelrechten Bürgersprechstunden geworden, für die ich viel Zeit einplanen muss. Ich erhalte da immer sehr viel Lob. Denn die, die mich nicht loben wollen, gehen offenbar einen anderen Weg (lacht).

Sie gehen prinzipiell gern andere Wege und haben Rostock zur Modellstadt in der Corona-Pandemie gemacht. Bereits im März durften Einzelhändler ihre Geschäfte wieder öffnen. Was hat das gebracht?

Mich hat überrascht, dass es keinen Run auf die Geschäfte gegeben hat. Viele der Läden machen nur 50 bis 70 Prozent ihres Vor-Corona-Umsatzes. Es fehlen also 30 bis 50 Prozent der Kundschaft. Ohne kulturelle Angebote, geöffnete Cafés oder Restaurants funktioniert offenbar keine Innenstadt. Wenn ich nirgendwo einen Kaffee trinken kann, kaufe ich mir auch kein Hemd.

Was ist die Konsequenz daraus?

Wir werden auf unseren Freiflächen im Stadthafen, die nur wenige Schritte von der Innenstadt entfernt sind, Flächen farblich markieren, auf denen sich 10, 20 oder 50 Personen aufhalten dürfen. Dann werden wir dort Tische mit Nummern aufstellen, die man per App reservieren kann – zum Verweilen oder um sich dorthin einen Kaffee oder eine Pizza liefern zu lassen.

Seit Februar setzen Sie in Rostock auf die sogenannte Luca-App, mit der Kunden zum Beispiel beim Betreten eines Geschäftes automatisch ihre Kontaktdaten hinterlassen können – was die Nachverfolgung im Falle einer Infektion erleichtert. Allerdings gab es später Kritik am mangelnden Datenschutz der Technik.

Damals forderten sehr viele Menschen eine schnelle und einfache Lösung – die haben wir geliefert. In so einem Fall ist es normal, dass Fehler passieren können. Das erste iPhone war auch nicht perfekt. Ich glaube, dass uns 80-Prozent-Lösungen, die wir laufend verbessern, schneller ans Ziel bringen als 100-Prozent-Lösungen, an denen wir jahrelang tüfteln, bis sie vermeintlich perfekt sind.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die App es erlaubt, so zu tun, als sei man an einem bestimmten Ort, obwohl man sich anderswo aufhält.

Ja, das stimmt, und jeder kann für sich entscheiden, ob er ein solches Täuschungsmanöver für sinnvoll hält. Es gibt auch Leute, die keine Maske tragen, das Abstandsgebot ignorieren und sich am Samstagabend mit Gleichgesinnten im Partykeller treffen. Glücklicherweise sind diese Unbelehrbaren in der absoluten Minderheit. Ich höre immer: Herr Madsen, wie wollen Sie das alles kontrollieren? Doch darum geht es nicht. Es steht auch nicht neben jeder Ampel ein Polizist und passt auf, ob wir nur bei Grün über die Straße gehen. Selbstverständlich müssen wir uns alle an gewisse Abmachungen halten. Das ist der einzige Weg aus der Pandemie.

Rostock galt lange als vorbildlich. In keiner anderen deutschen Großstadt waren die Infektionszahlen durchgehend so niedrig. Nun sind sie auch hier gestiegen. Lag es an den Lockerungen?

Die Infektionszahlen sind auch in Regionen gestiegen, in denen es keine Öffnungen gab. Wir haben inzwischen mehr Fälle der deutlich ansteckenderen Corona-Varianten in Kitas und Schulen. Das Problem ist, dass die Kinder und Jugendlichen, ohne es zu merken, oftmals ihr nahezu komplettes Umfeld anstecken. Wir haben eine völlig andere Lage als vor einem Jahr. Eine Sache stört mich deshalb ganz gewaltig.

Welche?

Mir fehlt die Perspektive der Landes- und Bundesregierung. Wir stecken im gleichen Lockdown wie im März 2020. Wollen wir jetzt ständig für zwei, vier oder sechs Wochen die Schulen schließen? Wir haben aktuell mehr Kinder beim Kinderpsychologen als Menschen beim Impfen. Das kann es nicht sein.

Wie ginge es besser?

Wenn die Schulen in einigen Wochen wieder öffnen, wünsche ich mir, dass der Unterricht vornehmlich draußen stattfindet – wenn es das Wetter zulässt. Schulklassen könnten zum Beispiel beim Spaziergang die Geschichte der Stadt auf Spanisch lernen oder im Hafen auf Englisch darüber diskutieren, wie Handel funktioniert.

Claus Ruhe Madsen vor der alten Stadtmauer
Claus Ruhe Madsen vor der alten Stadtmauer

Voraussetzung für Experimente aller Art ist, dass Ihre Verwaltung das Infektionsgeschehen im Griff hat. Ist das so?

Wir stocken gerade nochmals das Personal unseres Gesundheitsamts auf. Mir reicht es nicht zu sagen: Wir haben alles im Griff. Ich möchte, dass wir unsere Daten noch besser auswerten, um künftig datenbasiert agieren zu können und erneute Schließungen möglichst zu verhindern. Das ist sehr aufwendig, deshalb wurde mir gesagt, dass wir dann keine Führerscheine mehr ausgeben können. Vielleicht müssen wir wirklich so radikal sein und einen Teil der Verwaltung lahmlegen, um die Pandemie effektiv zu bekämpfen.

Eines Ihrer längerfristigen Ziele ist es, mit Rostock bis 2035 klimaneutral zu werden. Wie wollen Sie das schaffen?

Wir arbeiten gerade an einer Umwelt-Uhr in Form einer App, die anzeigt, wie viel Zeit sich auf dem Weg zu diesem Ziel einsparen lässt, wenn man etwa häufiger Fahrrad fährt, weniger Müll produziert oder eine Photovoltaik-Anlage auf seinem Dach installiert. Wenn sich viele Bürger beteiligen, klappt es sogar noch vor 2035 mit der Klimaneutralität.

Sehr ambitioniert – darauf kommen wir auf alle Fälle zurück. Anderes Thema: Wie kommen Ihre eigenen Unternehmen durch die Pandemie?

Gut, nehme ich an. Sonst hätten mich die neuen Geschäftsführer schon angerufen (lacht). Ich halte mich da komplett raus und bin nur noch Gesellschafter. Ich mag es nicht, wenn man die Verantwortung abgibt und sich trotzdem einmischt.

Hätten Sie dafür überhaupt Zeit?

Nein, nicht wirklich. Ich arbeite 16 Stunden am Tag und pendle nur noch zwischen meiner Wohnung und dem Rathaus hin und her. Ich weiß, dass das auf Dauer nicht gesund ist. Aber das muss jetzt sein.

Claus Ruhe Madsen (gesprochen: Mäsn), 48,
gewann im Juni 2019 die Wahl zum Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock. Seit September ist der parteilose Däne, der während des Wahlkampfes von der CDU und der FDP unterstützt wurde, offiziell im Amt. Seit November 2019 begleitet ihn brand eins für die Online-Rubrik „Updates aus dem Rathaus“.

— Der nächste Teil erscheint im Juli 2021. Alle bisherigen Teile finden Sie hier: „Updates aus dem Rathaus“