Updates aus dem Rathaus, Teil XIII

Claus Ruhe Madsen ist der erste ausländische Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt: der Hansestadt Rostock. Seit September 2019 ist der parteilose Däne offiziell im Amt. Zuvor war er Unternehmer, hat eine Möbelkette und eine Wohnmobilvermietung gegründet. Der Neuling im Politikbetrieb möchte Rostock innovativer und lebenswerter machen.

Im dreizehnten Teil von „Updates aus dem Rathaus“ spricht Claus Ruhe Madsen im Videotelefonat über Rostock als mögliche Modellstadt in der Corona-Pandemie und seinen schlimmsten und schönsten Moment im Amt.



Claus Ruhe Madsen
Claus Ruhe Madsen

— Rostock, Dezember 2020

brand eins: Herr Madsen, Deutschland befindet sich wieder im Lockdown und wartet auf die ersten Covid-19-Impfstoffe – wie ist die Lage in Rostock?

Claus Ruhe Madsen: Ich habe gerade erfahren, dass wir wohl zunächst weniger Impfdosen erhalten werden, als wir gedacht haben. Zuerst sind alle über 80-Jährigen dran. Dafür werden mobile Teams in die Alten- und Pflegeeinrichtungen fahren. Außerdem spreche ich mit einigen Ärzten darüber, ob wir ihre Arztpraxen, die mittwochs in der Regel geschlossen sind, an diesem Tag als Impfzentren nutzen könnten. Eine Sache stört mich aber gewaltig.

Welche?

Es gibt drei Szenarien, auf die wir uns jetzt vorbereiten könnten: Die Zahl der Infektionen bleibt stabil, steigt oder sinkt. Seit Wochen frage ich meine Landesregierung, wie es nach dem 10. Januar 2021 weitergehen soll. Ich bekomme aber immer nur eine Antwort: Wir werden an den Maßnahmen festhalten. Das ist für mich keine Strategie.

Warum nicht?

Weil es keine Ideen für Februar oder März gibt. Wir müssen doch vorausdenken. Wenn ich frage, ob es einen Stufenplan gibt, heißt es nur: Der muss noch erarbeitet werden. Und wir haben noch nicht mal genügend Injektionsnadeln im Land. Das alles wirkt auf mich planlos.

Wie sähe Ihr Plan aus?

Ich würde Rostock gern zur Corona-Modellstadt machen und am 11. Januar 2021 wieder alle Schulen, Kitas und Geschäfte öffnen – lediglich private Treffen blieben eingeschränkt. Ich glaube, dass sich niemand beim Stadtbummel und in Geschäften mit klarem Hygienekonzept mit dem Coronavirus ansteckt. Die privaten Zusammenkünfte sind das Problem. Ich habe mein Gesundheitsamt personell so aufgestockt, dass wir alle Kontakte nachverfolgen können – auch deshalb haben wir zurzeit den niedrigsten 7-Tage-Inzidenz-Wert in Deutschland.

Das kann sich schnell wieder ändern – zumal nun eine deutlich ansteckendere Coronavirus-Mutation aufgetaucht ist.

Mir ist bewusst, dass ich mich mit dieser Idee politisch angreifbar mache. Die Infektionszahlen können morgen schon wieder ganz anders aussehen. Aber viele Menschen sorgen sich um ihre finanzielle Existenz und wünschen sich eine Perspektive. Deshalb habe ich mir auch meine freien Tage gestrichen, Corona macht ja auch nicht Pause.

Hätten Sie den Job des Oberbürgermeisters angenommen, wenn Sie gewusst hätten, dass eine Pandemie auf Sie zukommt?

Ja, auch wenn der Arbeitsaufwand enorm hoch ist. Ich arbeite bis zu 16 Stunden am Tag. Manchmal auch bis zwei Uhr nachts. Aber ich war schon immer ein Arbeitspferd.

Sie sind nun nicht mehr Unternehmer, sondern Bürgermeister. Was ist der größte Unterschied zwischen Ihrem früheren und jetzigen Leben?

Ich kann nach wichtigen Entscheidungen nicht mehr schlafen, weil es dann immer noch in meinem Kopf rattert. Ich frage mich unentwegt, ob ich wirklich an alles gedacht habe. Früher als Unternehmer konnte ich nach sehr langen Arbeitstagen mal bis acht Uhr schlafen, mit meinem Hund eine Runde durch den Park gehen und dann zur Arbeit fahren – das hat niemanden interessiert. Das habe ich als Bürgermeister einmal gemacht und mich dabei sehr schlecht gefühlt. Es sieht doof aus, wenn ein Bürgermeister morgens durch den Park spaziert. Dass ich währenddessen bereits wichtige Telefonate via Headset führe, sieht man nicht.

Ist es nicht auch reizvoll, eine öffentliche Person zu sein? Sie sind nun prominent, alle Leute in Rostock wissen, wer Sie sind.

Mir ist es nicht wichtig, bekannt zu sein. Mich reizt es, Dinge voranzubringen. Dafür arbeite ich. Ich gehe auch davon aus, dass mich, sobald ich nicht mehr im Amt bin, im Park niemand mehr grüßt – das ist völlig okay. Die Leute grüßen den Oberbürgermeister, nicht den Menschen. Da mache ich mir keine Illusionen.

Können Sie sich vorstellen, wieder in Ihr altes Leben als Möbelhändler zurückzukehren?

Nein, ich kehre beruflich nie dahin zurück, wo ich schon einmal war. Ich fahre zwar hin und wieder bei meinen Möbelhäusern vorbei, aber nur, um mit meinen alten Kollegen einen Kaffee zu trinken. Die Unternehmen gehören mir nach wie vor, aber die Geschäftsführung macht jetzt ihr Ding – und das richtig gut. Für mich ist das Thema durch.

Claus Ruhe Madsen
Claus Ruhe Madsen

Die Summen, die Sie als Bürgermeister bewegen, sind enorm. Haben Sie Respekt vor diesen großen Zahlen?

Als ich zum ersten Mal eine Beschlussvorlage über eine halbe Million Euro unterschrieben habe, da habe ich kurz gezuckt. Inzwischen habe ich mehr Routine. Erst vor wenigen Tagen habe ich eine Beschlussvorlage über 120 Millionen Euro unterzeichnet. Und dann Mitte März, zu Beginn der Pandemie, mussten wir an einem Morgen entscheiden, ob wir ein Pop-Konzert in unserer Stadthalle absagen. Es war mit mehr als 4.000 Zuschauern ausverkauft, die Aufbauarbeiten liefen schon, Großveranstaltungen waren damals noch erlaubt. Alle im Corona-Krisenstab guckten in eine Richtung – und zwar in meine. Ich habe das Konzert abgesagt, trotz der Kosten. Es musste sein.

War das der schlimmste Moment für Sie im Amt?

Nein, das war ein anderer. In dem besagten Krisenstab haben wir über mögliche Pandemie-Szenarien gesprochen. In einem ging es um die Eishalle, wo wir Verstorbene aufbahren könnten, falls unser Krematorium nicht nachkommt. In diesem Moment wurde mir angst und bange.

Und was war der schönste Moment?

Als wir den Zuschlag für das Modellprojekt „Smart City“ vom Bundesinnenministerium bekommen haben. Wir können jetzt zwölf Millionen Euro in digitale Bürgerservices und neue Technik investieren.

Was bedeutet das konkret?

Wir werden unsere Behördendienstleistungen auf Abo-Modelle umstellen. Ich möchte nicht, dass man jedes Jahr die gleichen Anträge stellen muss – das soll auf Wunsch automatisch passieren. Außerdem soll die Verwaltung transparenter werden. Alle Bürgerinnen und Bürger sollen zukünftig sehen können, wie unsere Prozesse aussehen, wie wir Entscheidungen treffen und wofür wir Geld ausgeben.

Wir haben Sie nun das erste Jahr Ihrer Amtszeit begleitet. Welche in dieser Zeit getroffene Entscheidung bereuen Sie?

Ich hätte mich nicht auf die Serie „Updates aus dem Rathaus“ einlassen sollen (lacht). Für die Gespräche mit Ihnen stecke ich mit Abstand am meisten Kritik ein. Doch inzwischen haben sich viele meiner Kolleginnen und Kollegen auf meinen unkonventionellen Stil eingelassen und wissen, dass ich sage, was ich meine. Bei mir muss nicht zwischen den Zeilen gelesen werden.

Claus Ruhe Madsen (gesprochen: Mäsn), 48,
gewann im Juni 2019 die Wahl zum Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock. Seit September ist der parteilose Däne, der während des Wahlkampfes von der CDU und der FDP unterstützt wurde, offiziell im Amt. Seit November 2019 begleitet ihn brand eins für die Online-Rubrik „Updates aus dem Rathaus“.

— Wir gönnen Claus Ruhe Madsen nun eine längere Pause von den „Updates aus dem Rathaus“. Der nächste Teil erscheint im April 2021.

— Hier finden Sie alle Teile der Serie „Updates aus dem Rathaus“