Updates aus dem Rathaus, Teil XII

Claus Ruhe Madsen ist der erste ausländische Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt: der Hansestadt Rostock. Seit September 2019 ist der parteilose Däne offiziell im Amt. Zuvor war er Unternehmer, hat eine Möbelkette und eine Wohnmobilvermietung gegründet. Der Neuling im Politikbetrieb möchte Rostock innovativer und lebenswerter machen.

Im zwölften Teil von „Updates aus dem Rathaus“ spricht Claus Ruhe Madsen im Videotelefonat über seine kühne Impfstrategie, Interna, die nach außen dringen, und das für ihn wichtigste Wort im Rathaus.



Claus Ruhe Madsen
Claus Ruhe Madsen

— Rostock, Dezember 2020

brand eins: Herr Madsen, bald soll der erste Corona-Impfstoff in Deutschland zugelassen werden – wie ist die Lage in Rostock?

Claus Ruhe Madsen: Wir bereiten uns schon auf das große Impfen vor. Wir gehen davon aus, dass uns kurz vor Weihnachten die ersten Impfstoffe geliefert werden. Unsere Kapazitäten reichen aus, um bis zu 4000 Menschen am Tag zu impfen.

Wird der Impfstoff schon am Anfang für alle ausreichen?

Nein, die erste Lieferung umfasst rund 28.000 Impfdosen. Die Menge reicht für 14.000 Personen, da jeder Mensch zweimal geimpft werden muss. Wir wollen zunächst alle Ärztinnen und Ärzte, das Pflegepersonal, Sanitäter und Polizisten impfen, danach ältere und vorerkrankte Menschen. Ich würde aber gern noch mehr Menschen mit dem Impfstoff versorgen.

Wie wollen Sie das anstellen?

Für einen 95-prozentigen Schutz sind zwei Impfungen nötig, für einen 70-prozentigen nur eine. Der Vorteil einer einmaligen Impfung wäre, dass wir früher eine größere Herdenimmunität schaffen könnten. Darüber würde ich gern diskutieren.

Für Diskussionen sorgte auch die von Ihnen genehmigte Kontrolle der psychiatrischen Klinik in Rostock. Warum haben Sie die angeordnet?

Der Präsident und ein Vorstandsmitglied der örtlichen Ärztekammer haben mich angerufen und mir mitgeteilt, dass es schwere Vorwürfe gegen die Unterbringung der Menschen in der Klinik gebe. In so einem Fall muss ich mich auf den Rat der Experten verlassen.

Die Klinik-Leitung ist der Meinung, dass die Kontrolle gegen Recht und Gesetz verstieß.

Als Oberbürgermeister kann ich so eine Kontrolle ermöglichen. Und mir ist klar, dass ich dafür auch Kritik ernte. Eine Sache wundert mich aber.

Welche?

Dass es in der öffentlichen Diskussion überhaupt nicht um die Patienten in der Klinik geht. Momentan geht es nur darum, ob bei der Kontrolle etwas falsch gemacht wurde. Ich hoffe daher, dass es sich bei der ganzen Angelegenheit nicht nur um ein politisches Manöver handelte, um Unruhe zu stiften.

Offenbar müssen Sie ständig auf der Hut sein – regelmäßig gelangen interne Informationen an die Öffentlichkeit.

Die Fraktionen wünschen sich von mir, dass ich sie frühzeitig über meine Ideen informiere. Das mache ich auch. Allerdings finden sich meine Vorstellungen schon am nächsten Tag in der Zeitung und werden heftig kritisiert – obwohl alle wissen, dass mir noch die Gutachten der jeweiligen Fachämter fehlen. Das macht die Zusammenarbeit hin und wieder etwas schwierig. Aber das ist ein Spiel, das ich mitspielen muss.

Aber nur sehr ungern, oder?

Meine Presseabteilung hat mir die Automatismen erklärt, die muss ich akzeptieren, alles andere erhöht nur meinen Puls. Ich sage mir dann: „Pyt med det!“ Das ist Dänisch und heißt so viel wie „Was soll’s“ oder „Es ist nicht zu ändern“. Und danach wende ich mich wieder den Dingen zu, die ich selbst beeinflussen kann.

Welches deutsche Wort ist das wichtigste für Ihre Arbeit?

Verfügen. Wenn ich wirklich etwas möchte, kann ich nicht einfach sagen, das machen wir jetzt so – dann muss ich es verfügen. Das habe ich inzwischen verinnerlicht. Ich hoffe nur, dass ich in meinem privaten Umfeld nicht irgendwann anfange, etwas zu verfügen.

Claus Ruhe Madsen
Claus Ruhe Madsen

Wie läuft der Umbau der Verwaltung?

Gut. Wir arbeiten an neuen Strukturen und einer neuen Mentalität. Wir kümmern uns um das Thema Gleichstellung und erarbeiten gerade einen Regelkatalog über ethisches Verhalten am Arbeitsplatz. Und um ein bisschen mehr Start-up-Kultur in die Verwaltung zu bringen, werde ich 100-Tage-Challenges einführen, um rasch smarte und digitale Ideen zu entwickeln und umzusetzen.

Und für welche Idee brauchen Sie noch etwas mehr Zeit?

Ich würde gern den öffentlichen Personennahverkehr in Rostock sonnabends dauerhaft kostenlos machen. Das wäre nicht nur gut für die Umwelt, weil viele Menschen ihr Auto wirklich stehen lassen würden, sondern auch sozial gerecht und ein wertvoller Schritt zu einer menschenfreundlichen Stadt.

Wäre die Idee finanziell umsetzbar?

Die Stadt würde das zusätzlich zwei Millionen Euro pro Jahr kosten. Ich glaube, dass wir das hinbekommen – ich bin ja noch ein paar Jahre im Amt, und die Corona-Pandemie ist irgendwann überstanden.

Claus Ruhe Madsen (gesprochen: Mäsn), 48,
gewann im Juni 2019 die Wahl zum Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock. Seit September ist der parteilose Däne, der während des Wahlkampfes von CDU und FDP unterstützt wurde, offiziell im Amt. Seit November 2019 begleitet ihn brand eins für die Online-Rubrik „Updates aus dem Rathaus“.

— Der nächste und vorerst letzte Teil erscheint Ende Dezember 2020

— Hier finden Sie alle 
Teile der Serie „Updates aus dem Rathaus“