Updates aus dem Rathaus, Teil XI

Claus Ruhe Madsen ist der erste ausländische Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt: der Hansestadt Rostock. Seit September 2019 ist der parteilose Däne offiziell im Amt. Zuvor war er Unternehmer, hat eine Möbelkette und eine Wohnmobilvermietung gegründet. Als Neuling im Politikbetrieb möchte er Rostock innovativer und lebenswerter machen.

Im elften Teil von „Updates aus dem Rathaus“ spricht Claus Ruhe Madsen im Videotelefonat über Rostock als mögliche Modellstadt in der Corona-Pandemie, E-Sport und die Risiken eines Großprojekts.



Claus Ruhe Madsen
Claus Ruhe Madsen

— Rostock, November 2020

brand eins: Herr Madsen, das gesellschaftliche Leben ruht weitgehend – wie geht es Ihnen damit?

Claus Ruhe Madsen: Ich hätte Rostock gern zur Corona-Modellstadt gemacht, in der zum Beispiel Sport- und Kultur-Veranstaltungen, für die es Hygiene- und Nachverfolgungskonzepte gibt, weiterhin erlaubt gewesen wären. Denn irgendwann müssen wir anfangen, die Dinge auf die Probe zu stellen. Corona wird durch den erneuten Lockdown ja nicht einfach verschwinden.

Hätten Sie keine Angst vor einer unkontrollierten Verbreitung des Virus?

Wir hatten uns genau überlegt, was wann zu tun gewesen wäre. In Rostock gibt es zwei große Kliniken und ein Biotech-Unternehmen, die Corona-Tests durchführen können. Wir haben gerade ein zweites Corona-Testzentrum eröffnet, in dem Abstriche direkt bei Personen im Auto gemacht werden können. Das Risiko wäre nach meiner Überzeugung also beherrschbar gewesen. Aber am Ende gab es für meinen Vorschlag keine politische Mehrheit.

Konnten Sie die Entscheidung verstehen?

Ja, weil dann vielleicht auch andere Kommunen diesen Sonderweg gegangen wären. Aber als Bürgermeister muss man auch mal ein Grenzgänger sein.

Die Rostocker Bürgerschaft hat sich nach langen Diskussionen jüngst für die Ausrichtung der Bundesgartenschau 2025 in Rostock entschieden. Wie finden Sie das?

Prima – wenn wir das Projekt für die Stadtentwicklung nutzen. Wir erhalten 100 Millionen Euro an Fördermitteln. Damit werden wir eine alte Mülldeponie in einen Stadtpark umwandeln, ein neues Wohnquartier entwickeln, eine Fußgänger- und Radfahrerbrücke über die Warnow bauen und rund zwölf Kilometer neue Radwege. Ich höre immer wieder, dass Rostock gern so sein möchte wie Kopenhagen. Jetzt haben wir dazu die Chance. Ich schätze die Gesamtkosten auf rund 140 Millionen Euro.

Es könnten aber auch mehr werden. Sie haben sich selbst in der Vergangenheit kritisch über Großprojekte geäußert, die aus dem Ruder laufen können. Das gilt auch für Bundesgartenschauen.

Ich weiß, dass dieses Risiko besteht. Aber die Chance, die Stadt voranzubringen, überwiegt.

Manche Kritiker befürchten, dass wegen des Großprojekts anderes vernachlässigt wird – der Bau neuer Schulen etwa oder die Digitalisierung der Verwaltung.

Ich mag es nicht, wenn Themen gegeneinander ausgespielt werden, die nichts miteinander zu tun haben. Es ist nicht so, dass jemand, der sich um die Digitalisierung der Verwaltung kümmert, auch gleichzeitig Brücken baut. Außerdem habe ich nie gesagt, dass wir ab jetzt bei der Bildung sparen müssen, weil wir das Geld für die Bundesgartenschau benötigen.

Ihr Alltag ist vermutlich nicht immer heroisch. Wie sieht er zurzeit aus?

Die Tage ähneln sich. Ich nehme an unzähligen Videokonferenzen teil und sitze bis spätabends im Rathaus. Seit Beginn der Pandemie bin ich nur noch im Krisenmodus. Trotzdem möchte ich in einer Zeit, in der viele Menschen verunsichert sind, eine neue Mentalität schaffen – auch wenn ich dafür gelegentlich noch gegen Wände laufe.

Claus Ruhe Madsen vor der alten Stadtmauer
Claus Ruhe Madsen vor der alten Stadtmauer

Gegen welche?

Zum Beispiel bei unseren Stellenbeschreibungen, die aus einer vergangenen Zeit stammen. In einer Verwaltung ist ganz genau festgelegt, wer was wie zu tun hat – und was er dafür gelernt haben muss. Wir sind kein Arbeitgeber, der auch mal sagen kann: Die Person hat’s drauf, die stellen wir ein. So viel Flexibilität gibt es in der Verwaltung bislang nicht. Aber daran können wir arbeiten.

Und woran nicht?

Viele wissen nicht, dass in den Führungspositionen in der Verwaltung Vertreter aus den Parteien sitzen. Darauf habe ich als Chef der Verwaltung keinen Einfluss. Das schränkt meinen Handlungsspielraum hier und da ein bisschen ein, aber so sind die Regeln.

Sie sind neuerdings für den Sport in der Stadt zuständig. Woran arbeiten Sie denn gerade?

An einer Stadtmeisterschaft in E-Sports – eine Disziplin, die wunderbar in die Zeit der Pandemie passt. Wir konzipieren gerade eine Liga, in der Stadtteile gegeneinander antreten können. Ein Mitarbeiter aus dem Amt für Sport, Vereine und Ehrenamt macht das zusammen mit drei Jugendlichen aus Rostock, die uns dabei unterstützen. In Konferenzen werde ich für die Idee hin und wieder komisch angeguckt, selbst ein paar enge Kollegen sind skeptisch, aber wir probieren das jetzt aus.

Claus Ruhe Madsen (gesprochen: Mäsn), 48,
gewann im Juni 2019 die Wahl zum Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock. Seit September ist der parteilose Däne, der während des Wahlkampfes von CDU und FDP unterstützt wurde, offiziell im Amt. Seit November 2019 begleitet ihn brand eins für die Online-Rubrik „Updates aus dem Rathaus“.

— Der nächste und vorletzte Teil erscheint Anfang Dezember 2020

— Hier finden Sie alle 
Teile der Serie „Updates aus dem Rathaus“