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Visionen für Bildung & Verwaltung

Oft bringen einen viele kleine Schritte voran. Manchmal gilt es aber, das Problem an der Wurzel zu packen. Zwei Visionen für Bildung und Verwaltung.



Das Bild ist eine Schwarz-Weiß-Grafik, die einen Mann mit Schnurrbart und Spitzbart zeigt, umgeben von verschiedenen Objekten und Symbolen. Der Mann befindet sich in der Mitte des Bildes, umgeben von einer komplexen Anordnung aus Bleistiften, Büchern und geometrischen Formen.

Wie lösen wir den Bildungsknoten, Bob Blume?

Der US-amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman hat gezeigt, dass sich Investitionen in Bildung umso mehr lohnen, je früher sie erfolgen. Frühkindliche Bildung ist nicht nur besonders rentabel – sie kann auch den Graben verkleinern, der sich zwischen Kindern durch die soziale Herkunft auftut. Auch für den deutschen Schulexperten und ehemaligen Lehrer Bob Blume, 43, sind kluge Investitionen in Bildung einer der wichtigsten Hebel, um das allgemeine Bildungsniveau zu erhöhen. Doch bislang wird in Gymnasien deutlich mehr investiert als in Grundschulen und frühkindliche Förderung. Blume sagt: „Eigentlich müsste es genau andersherum sein.“

Ein Viertel aller Viertklässler in Deutschland kann nicht richtig lesen. Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung stellte 2023 fest, dass ihnen das nötige Textverständnis fehlt, das sie für ihre weitere Schullaufbahn bräuchten. Insgesamt ist die Lesekompetenz hierzulande auf dem niedrigsten Wert seit der ersten Untersuchung im Jahr 2001, vor allem bei Kindern aus ärmeren und weniger gebildeten Elternhäusern. Das hat nicht nur Folgen für die jungen Menschen, sondern auch für die Wirtschaft.

Denn die Bildungslücken werden in den weiterführenden Schulen größer, wo die Leistungen zuletzt wieder unter das Niveau des Pisa-Schocks von 2001 gefallen sind. Das Ifo-Institut rechnet vor: Steigerten deutsche Schülerinnen und Schüler ihre Kompetenzen in Mathe, Deutsch und den Naturwissenschaften um 25 Pisa-Punkte (was ungefähr dem durchschnittlichen Lernzuwachs an einer weiterführenden Schule in einem Schuljahr entspricht), wüchse die Wirtschaftsleistung langfristig um acht Prozent. Kumuliert ergäbe das über die kommenden 50 Jahre ein Plus von 6,7 Billionen Euro für das Bruttoinlandsprodukt. Mit jedem Jahr, in dem sich an Schulen nichts ändert, entgehen uns also Milliarden.

Bob Blume hat 15 Jahre lang Deutsch, Englisch und Geschichte an einem Gymnasium in Baden-Württemberg unterrichtet und promoviert derzeit. Außerdem bloggt er, podcastet, schreibt Sachbücher über Bildung (zuletzt „Wie kommt mein Kind gut durch die Schule?“) und erreicht auf Social Media ein großes Publikum. Seine Kernthese ist: „Wir können es uns als Deutschland nicht leisten, Bildung zu vernachlässigen. Wir haben keine riesigen Bodenschätze – sondern vor allem unsere Köpfe.“

Mehr Freude am Lernen ohne Bewertung …

Blumes größter Kritikpunkt sind Noten. „Sie machen aus Lernen einen Tauschhandel“, sagt er. „Denn Noten sagen: Das, was du in der Schule machst, ist nur dann wertvoll, wenn du dafür etwas kriegst. Das ist aber das Gegenteil von dem, was wir mit Bildung eigentlich erreichen wollen.“ Bob Blume erzählt von einer zehnten Klasse, die er unterrichtete. Er schlug ein Projekt vor, die Jugendlichen waren motiviert, doch schnell kam die Frage auf: „Wie wird das benotet?“ Da habe er begriffen: „Die gesamte Schulzeit ist eine Konditionierung darauf, dass Lernen zweitrangig ist, solange am Ende die Note stimmt.“ Viele Erwachsene würden wohl sofort begeistert zusagen, wenn sie zwei Jahre lang bei vollem Gehalt lernen dürften, was sie wollen. Etliche Zehntklässer dagegen verließen wahrscheinlich sofort die Schule, wenn man ihnen anböte, ihnen das Abitur zu schenken. „Wünscht man sich hohe Leistungsfähigkeit“, schlussfolgert Blume, „muss man gegen Noten sein.“

… und Pflichtübungen

Auch Hausaufgaben stehen auf Blumes Streichliste. Denn spätestens seit ChatGPT könne man mit ihnen wirklich nicht mehr überprüfen, ob Kinder etwas verstanden haben. „Hausaufgaben sind tot“, sagt Blume. „Millionen von Schülerinnen und Schülern stellen sich die Frage, warum sie diesen Aufsatz oder jene Übungsaufgabe selber machen sollen. Und wenn wir darauf keine wirklich gute Antwort haben, dann drücken sie halt auf den Knopf und lassen die KI ran.“ Die Technik sollte von Lehrkräften nicht ignoriert werden. „Schulen dürfen den Fehler, der schon bei Wikipedia gemacht wurde, nicht wiederholen: Nicht Verbote, sondern Angebote für eine reflektierte Nutzung sind entscheidend.“

Blume erzählt, dass er als Lehrer mit einer Feedback-KI gearbeitet habe, die seinen Schülerinnen und Schülern individuelle Rückmeldungen auf ihre Texte gab, abgestimmt auf deren Niveau. Er selbst habe das Feedback, falls nötig, erklärt, Fragen beantwortet und weitergeholfen, falls es mal hakte. So könne man „bei einer Klasse mit 28 Kindern plötzlich etwas leisten, was sonst gar nicht möglich wäre“. Bob Blume ist für den Einsatz von KI an Schulen, findet es aber wichtig, dass Schülerinnen und Schüler sich mithilfe der Technik weiterhin Wissen aneignen. Wie das geht, müssten Lehrkräfte ihnen beibringen.

Das Bild zeigt ein lebhaftes Magazincover mit einem auffälligen blauen Hintergrund. Im Mittelpunkt steht ein markanter, farbenfroher Schriftzug mit der Aufschrift „Kill Your Dreams“, der aus roten, gelben und blauen Buchstaben besteht. Auf dem Cover sind außerdem ein Barcode und ein kleines rundes Logo mit Text zu sehen. Der Text „brandeis“ ist erkennbar und deutet auf den Titel des Magazins hin. Das Cover ist vor einem blauen Hintergrund angeordnet, der das Gesamtdesign ergänzt.

Mehr Theater-AG, weniger Pflichtstoff

Blumes ideale Schule sähe so aus: Kinder würden länger gemeinsam lernen, bevor sich die Bildungswege je nach weiterführender Schule teilen. Um Basiskompetenzen zu sichern. Vor allem aber wären Autonomie und Selbstwirksamkeit wichtiger als Lehrpläne. Er selbst habe als Lehrer zu Beginn jeder Stunde zuerst die Klasse gefragt, was ihr gerade wichtig sei. „Kann schon sein, dass dann am Ende ein bisschen Zeit für den Lehrplan fehlt“, sagt er. „Aber dafür merken die Schülerinnen und Schüler, dass man sich wirklich für sie interessiert. Und nicht nur Wissen in sie reinkippen will, um in ein paar Wochen nachzuschauen, wie viel davon noch übrig ist.“ Auch die Termine für die Klassenarbeiten habe er nicht einfach bestimmt, sondern in Abstimmung mit der Klasse festgelegt.

Mehr Augenhöhe und Freiheiten beim Lernen statt starrer Stundenpläne. Mehr Theater-AG, weniger Stoff abarbeiten. Das mag utopisch klingen. Andererseits suchten Achtklässler sich in solchen AGs freiwillig Shakespeare-Stücke aus – und führten dann Gespräche über die Texte, die so in keiner Pflichtstunde zustande kämen. Das habe er in 15 Jahren mehr als einmal beobachtet, sagt er.

Blume ist überzeugt: Das Bildungssystem zu verbessern lohnt sich in jeder Hinsicht. „Jede Investition in Bildung ist gleichzeitig eine Investition in gesellschaftlichen Zusammenhalt, demokratische Teilhabe und unsere Volkswirtschaft.“

Das Bild ist eine Schwarz-Weiß-Illustration, die eine Frau mit einem großen Hammer zeigt, umgeben von einem komplexen Netz aus Linien und Formen.

Foto: © SPRIND GmbH

Wie machen wir unsere Verwaltung zukunftsfähig, Ina Remmers?

Bürokratie nervt – darauf können sich die meisten einigen. Laut dem Ifo-Institut entgehen der deutschen Wirtschaft durch überbordende Bürokratie jährlich bis zu 146 Milliarden Euro. Erschwerend kommt hinzu, dass in den nächsten zehn Jahren knapp 1,4 Millionen Beschäftigte im öffentlichen Dienst – also mehr als ein Viertel – in den Ruhestand gehen, schätzt der DBB Beamtenbund. Die Beratung McKinsey rechnet mit einer Personallücke von insgesamt 840.000 Stellen bis 2030. Der Staat steht vor einem Problem: Diejenigen, die die Verwaltung am Laufen halten und modernisieren sollen, verschwinden scharenweise.

Ina Remmers, 42, kennt diese Zahlen. Die Mitgründerin und ehemalige Geschäftsführerin der Nachbarschaftsplattform Nebenan.de hat zusammen mit fünf anderen die Rulemapping Group gegründet. Ihr Ziel: die Verwaltung zukunftsfest zu machen. Der Ansatz, den sie verfolgt, ist neu und lässt sich am ehesten mit dem Prinzip Law as Code beschreiben: Gesetze sollen nach der Logik von Computerprogrammen ausführbar sein. Der Kern des Problems, sagt Remmers, liege darin, dass die Gesetze und die Vorschriften bis heute in Fließtext verfasst und in dieser Form auch angewendet werden. „Wir haben unendlich viele Seiten an Regulierungen, die der Mensch nicht nur verstehen und durchdringen muss, sondern dann eben auch vollziehen muss“, sagt sie. Bei einer Baugenehmigung zum Beispiel müssten zahllose Faktoren – juristisch: „Tatbestandsmerkmale“ – einzeln geprüft werden. Und das in jedem Bundesland anders. Die Versuche der vergangenen Jahrzehnte, dieses System zu digitalisieren, hätten lediglich einen Flickenteppich erzeugt: „Digitalisierung hieß in der Verwaltung lange Zeit, dass es endlich eine Online-Eingabemaske für den Bauantrag gibt“, sagt Ina Remmers. „Aber am Ende wird dann doch wieder ein PDF generiert und per Post verschickt.“

Ein Entscheidungsbaum fürs Gesetz

Rulemapping funktioniert anders. Gesetze werden in Form von Entscheidungsbäumen dargestellt. Damit übersetze man „die juristische Logik in eine mensch- und maschinenlesbare Form“, sagt Remmers. Jedes Tatbestandsmerkmal wird dabei einzeln abgebildet und geprüft. Nach einem juristischen Grundprinzip wird eine große Frage in immer kleinere Wenn-Dann-Detailfragen heruntergebrochen. Je nach Komplexität können das Hunderte oder gar Tausende Einzelfragen sein.

Damit beispielsweise eine Windkraftanlage genehmigt wird, müssen zahlreiche Fachbehörden beteiligt werden. Die örtliche Naturschutzbehörde muss etwa prüfen, ob auf der vorgesehenen Fläche ein Rotmilan brütet oder Zauneidechsen leben.* Dafür werden umfangreiche Gutachten erstellt, die als Teil einer Papierakte von Behörde zu Behörde wandern. „Nacheinander prüft dann jede Instanz den Teil, für den sie zuständig ist“, sagt Remmers.

Mit Rulemapping würde das anders laufen. Im digitalen Entscheidungsbaum für die Windkraftgenehmigung taucht der Artenschutz als eines von vielen Tatbestandsmerkmalen auf. An genau dieser Stelle wird das Gutachten in das System eingespeist, und eine KI durchsucht es in Sekunden nach allen hinterlegten Tierarten. Findet sie eine geschützte Art auf dem Gelände, springt der Entscheidungsbaum an dieser Stelle auf Rot. Das Verfahren ist damit aber nicht zwingend beendet, denn bei Vorhaben von überragendem öffentlichem Interesse – dazu zählt Windkraft seit 2023 – können Ausnahmen greifen.

Auch die sind im Entscheidungsbaum abgebildet und werden von der KI überprüft. Wichtig dabei: Sie arbeitet mit fest vorgegebenen Regeln und beantwortet immer nur eine eng umrissene Frage. „Dadurch gibt es kein Problem mit Halluzinationen oder unterschiedlichen Antworten auf dieselbe Frage, wie wir sie von generativen KI-Systemen kennen.“

Praxistest in den Bundesländern

In Thüringen und in Baden-Württemberg werden bereits Baugenehmigungen mit der Rulemapping-Methode bearbeitet, Mecklenburg-Vorpommern plant das Gleiche. Schon lange wird das Prinzip „Einer für alle“ propagiert: Danach entwickelt ein Bundesland eine digitale Verwaltungslösung, und andere übernehmen sie. Bisher scheiterte das in der Praxis daran, dass die Lösungen zu stark auf einzelne Länder zugeschnitten waren und sich kaum übertragen ließen. Bei Rulemapping ist das anders: Sowohl regionale Abweichungen als auch spätere Änderungen in der Gesetzgebung lassen sich ohne großen Aufwand einpflegen. Die Verwaltungsangestellten müssen dazu nicht das Programmieren lernen.

Auch die Bundesregierung hat das Potenzial erkannt und Rulemapping in ihre Pläne für eine modernere Verwaltung aufgenommen. Das Digitalministerium möchte die Methode sogar bei der Ausarbeitung von Gesetzen einsetzen: Denn sie eignet sich auch dafür, Gesetze schon im Entstehungsprozess auf Widersprüche und unbeabsichtigte Folgen zu prüfen.

Remmers betont, dass es ihrem Team nicht darum gehe, die Bürokratie abzuschaffen. Im Gegenteil: „Ich wünsche mir, dass wir Bürokratie per se als etwas Positives erleben“, sagt sie. Denn diese habe eigentlich nur die Aufgabe, Ordnung, Gleichbehandlung und Nachvollziehbarkeit zu schaffen. Ein fairer Staat müsse Regeln nicht nur aufstellen, sondern auch verständlich und überprüfbar machen.

Gelänge das, könnte die Bürokratie ihren schlechten Ruf wieder verlieren. ---

* siehe auch „Der Umzugsunternehmer“ in brand eins 08/2023

Bildung in Zahlen

Durchschnittliche öffentliche Ausgaben in Deutschland für frühkindliche Bildung pro Kind unter sechs Jahren, im Jahr, in Euro: 9.600

Durchschnittliche öffentliche Ausgaben für Grundschulen, pro Schülerin oder Schüler, im Jahr, in Euro: 8.400

Durchschnittliche öffentliche Ausgaben für Gymnasien, pro Schülerin oder Schüler, im Jahr, in Euro: 10.900

Anteil der Kinder in der 4. Klasse, die über keine ausreichende Lesekompetenz für ihre weiterführende Schullaufbahn verfügen, in Prozent,
… im Jahr 2001: 17
… im Jahr 2021: 25,4

Anteil der Kinder in der 4. Klasse, die nur ein rudimentäres Leseverständnis aufweisen, in Prozent,
… im Jahr 2001: 3
… im Jahr 2021: 6,4

Vorsprung von Kindern in der 4. Klasse mit hohem sozialem Status bei der Lesekompetenz, in Schuljahren: 1

Anteil an den öffentlichen Gesamtausgaben für Bildung, in Prozent,
… in Deutschland: 9,2
… im EU-Durchschnitt: 9,6
… in Benelux: 11,5
… in den nordischen Ländern: 12,5
… in Österreich und der Schweiz: 13,1