Rüstung
Flug ins Ungewisse
München hat sich innerhalb weniger Jahre zu Europas wichtigstem Standort für die Waffen der Zukunft entwickelt. Geburtshelfer dafür war der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Aber was sind die Folgen?
Rüstungszentrum München: Neben der Sicherheitskonferenz msc gibt es dort Drohnenpioniere wie Alpine Eagle (oben)
• Ein Industriegebiet am Rand von Aschheim, einem Vorort im Nordosten von München. Mehrstöckige gläserne Gebäude, an denen groß die Firmennamen stehen. Den Namen von Alpine Eagle liest man dort nicht.
„Wir wollen hier lieber unter dem Radar bleiben“, sagt Jan-Hendrik Boelens zur Begrüßung.
Warum?
„Wir wollen hier keine unliebsamen Gäste.“
Welche?
Ein vieldeutiger Blick – so als sei es selbstverständlich, wen er damit meint. Alpine Eagle, soll das wohl jedenfalls heißen, ist jetzt sicherheitsrelevant.
Boelens ist gebürtiger Niederländer, lebt schon lange in Deutschland und hat vor drei Jahren die Firma Alpine Eagle gegründet. Sein Produkt, die Aufklärungsdrohne Sentinel, hängt als Foto in etlichen Ausführungen an den Wänden: ein schmaler weißer Flieger, an dessen Bauch ein Radarsystem hängt. Die Drohne operiert mit einer KI-Software, um Fluggeräte frühzeitig zu erkennen. „Das weltweit erste Luft-zu-Luft-Gegendrohnensystem“, sagt Boelens stolz. Luft-zu-Luft, das bedeutet: Dieses Fluggerät soll andere aufspüren und abfangen. Die Bundeswehr ist Erstanwender des Produkts, in der Ukraine wird die Sentinel bereits getestet. Bei der jüngsten Finanzierungsrunde knackte Alpine Eagle die Zehn-Millionen-Euro-Marke, ein Großteil des Geldes kam aus London von IQ Capital. So unscheinbar Boelens’ junges Unternehmen hier in Aschheim wirkt – es gilt als Durchstarter auf dem Rüstungsmarkt.
In den vergangenen Jahren sind sie im Großraum München aus dem Boden geschossen: Rüstungs-Start-ups, die Aufklärungsdrohnen, Kampfdrohnen, Abfangdrohnen entwickeln, Satelliten ins All schicken, an unbemannten Mini-Panzern arbeiten. Von 2024 zu 2025 verdoppelte sich ihre Zahl auf mittlerweile 60 Firmen. Einige von ihnen haben in wenigen Jahren Aufträge in Milliardenhöhe erhalten, die Bundeswehr bestellte jüngst für zwei Milliarden Euro Kampfdrohnen bei Helsing und Stark Defence. Der Bund will künftig sogar direkt Geld in Start-ups stecken. Auch Europa investierte in sogenanntes Defence Tech, also in softwaregetriebene Rüstungsgüter: Immerhin 1,5 Milliarden Euro flossen seit 2024 zu zwei Dritteln nach Deutschland, ein Großteil davon in den Großraum München.
Ein Hype um die neue Rüstungstechnik ist entbrannt, an der Schnittstelle von KI und Drohnen, mit der bayerischen Landeshauptstadt als ein europaweit führendes Zentrum. Es geht um Software, Innovationen – und vor allem um viel Geld.
Wie konnte München in diese Position kommen? Wer profitiert davon? Und vor allem: mit welchen Folgen?
Für diese Recherche haben wir mit Gründern gesprochen, die Großes versprechen, mit Politikern, die von wirtschaftlichen Erfolgen träumen – und mit Menschen, denen diese Entwicklung Angst macht. Es ist eine Branche auf Speed.
Profitiert vom Rüstungshype: Jan-Hendrik Boelens
Die Aufklärungsdrohne Sentinel
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