Nachfolge im Familienbetrieb
Zurück zum Stamm-Geschäft
Erst Nachwuchsmanagerin bei Mercedes, dann doch Einstieg im väterlichen Zimmermannsbetrieb: Alice Biehrers Weg zur Unternehmerin ist aus krummem Holz geschnitzt.
Daraus lässt sich so einiges lernen.
• Eines Tages fuhr Alice Biehrer von Stuttgart nach Sexau. In diesem Dorf bei Freiburg leben ihre Eltern. Denen teilte die Tochter eine Entscheidung mit: Sie werde ihre Stelle im Management von Mercedes kündigen, um die Nachfolge im Familienbetrieb anzutreten.
Ihr Vater Anton Biehrer reagierte spontan mit Unverständnis: „Spinnst du? Niemals wieder wirst du mit so wenig Verantwortung so viel Geld verdienen.“
Die Biehrer GmbH beschäftigt 20 Menschen. Sie fertigen für anspruchsvolle Kunden Holzprodukte zur Gestaltung von Innenräumen: Dielen, Parkett, maßgefertigte Treppen, Tische und Küchen, Verkleidungen von Wänden und Decken. Das Unternehmen wurde 1960 vom Großvater gegründet. Der Sohn trat in dessen Fußstapfen: Anton Biehrer machte ebenfalls den Meister als Zimmermann und führte das Familienunternehmen in die zweite Generation. Der aktuelle Jahresumsatz liegt bei vier Millionen Euro.
2021 gab Alice Biehrer die Sicherheit des Dax-Konzerns auf, um Unternehmerin in einem Handwerksbetrieb zu werden. Fünf Jahre später kniet Biehrer, eine schmale Frau mit sorgfältig getuschten Wimpern und rückenlangem Haar, mitten in der Produktionshalle auf dem Boden. Sie muss Ware kontrollieren, bevor sie ausgeliefert wird. Zwischen der großen Schleifmaschine und der Leimstation haben ihre Mitarbeiter ein Muster ausgelegt: Wandpaneele aus Eschenholz, überzogen mit einem mattweiß schimmernden Finish. Sie nimmt eine Schablone und prüft die Fugen: vier Millimeter breit, vier Millimeter tief. Die Paneele sind in drei Schichten aufgebaut, mit einer Schieblehre misst sie die Dicke der Deckschicht: sechs Millimeter – alles passt.
Die Lieferung geht nach Nordamerika. Ein Kunde, der nicht zu den armen Leuten gehört, stattet 2.600 Quadratmeter seines neuen Wohnhauses mit dem Holz der süddeutschen Firma aus: Dielen für die Böden, Lamellen für Wände und Decken.
In der Produktionshalle riecht es nach Holz. Irgendwo kreischt eine Säge, manche Mitarbeiter tragen einen Gehörschutz. „Mit diesem Grundrauschen bin ich aufgewachsen“, sagt Alice Biehrer. Das Elternhaus liegt in Sichtweite des Betriebs. Als Schülerin jobbte sie hier in den Ferien. An Wochenenden durfte sie mit zu Messen.
Wie in vielen Familienbetrieben überlagerten sich Arbeit und Leben. Aber als die beiden Kinder das Abitur hatten, machten die Eltern eine Ansage: Ihr dürft keine Ausbildung bei uns machen. Ihr müsst erst mal woanders hin. Der Vater Anton Biehrer, ein kräftiger Mann von 66 Jahren, hatte seine Gründe. Zum einen ist er mit einem Handwerk aufgewachsen, das stolz seine Tradition pflegt: Wer ein richtig guter Zimmermann werden will, geht erst einmal auf die Walz. Verlässt die heimische Werkstatt und schaut sich in der Welt um, wie anderswo gearbeitet wird.
Vor allem aber hat er erlebt, wie das Familienunternehmen in den Neunzigerjahren in die Krise geriet. Der Firmengründer hatte gerade eine Maschinenlinie gekauft, um Vollholzparkett zu produzieren, als Grenze und Mauer fielen. Im Osten tat sich ein neuer Wirtschaftsraum mit niedrigen Löhnen und Dumpingpreisen für den Rohstoff Holz auf. Die Preise für Vollholzparkett fielen in den Keller. Als Reaktion darauf entwickelte Anton Biehrer die Produktionslinie für Schichtparkett weiter. Es besteht aus drei aufeinandergeklebten Holzlagen. Mit diesem Produkt konnte er die Firma retten.
Diese Erfahrung ließ ihn das eigene Unternehmen auch mit kritischer Distanz betrachten. Er und seine Frau Verena Biehrer sahen die Risiken und drängten ihre Kinder nicht in die Nachfolge. Die Mutter sagt nüchtern: „Sie haben nur einmal im Leben die Möglichkeit, sich beruflich zu verwirklichen.“
Alice Biehrer (sitzend) mit Vater Anton, Bruder Marcel und Mutter Verena Biehrer
Auf der Suche nach Relevanz
Alice Biehrer absolvierte ein Managementstudium und machte Karriere bei Mercedes. Wenn sie eine Entscheidung treffen musste, konnte sie auf eine riesige Datenbasis zurückgreifen. „Das war für mich einfacher, als nach Bauchgefühl zu entscheiden“, sagt sie, „ich war nie sehr entscheidungsfreudig.“ Manche Präsentation hat sie dreimal überarbeitet.
2020 wurde sie bei Mercedes Projektkoordinatorin für Digital Services. Sie war auf dem Sprung zur Teamleiterin, spürte aber auch, wie die Welt des Managements mitunter um sich selbst kreist. „Ich habe gemerkt, dass ich für keine Teamleitung so brenne wie für unser Familienunternehmen“, sagt sie. „Wenn Tesla ein Feature von Mercedes kopiert hat, hatte das für mich keinen persönlichen Belang. Hier bin ich ganz dicht am Produkt.“
Der sinnlich-haptische Rohstoff Holz spielte eine große Rolle für ihre Entscheidung. Dielen gibt es bei Biehrer bis 20 Meter Länge und Parkett nicht nur als Fischgrät, sondern auch in ausgefallenen Verlegemustern wie der „Versailler Kassette“.
Stolz zeigt Alice Biehrer das Holzlager. Sie biegt von der asphaltierten Straße ab, nimmt Schotterwege im Wald, dann hält sie an einer großen Wiese. Wir dürfen nicht schreiben, wo sich diese genau befindet, denn hier lagert der teure Rohstoff des Unternehmens: alte Eichenstämme. Einer ist 17 Meter lang, ein anderer ist mehr als einen Meter dick. Aus ihm wird wohl eine Vollholzplatte für einen repräsentativen Tisch, der am Ende einen fünfstelligen Betrag kostet.
„Das Holzlager bindet Kapital“, sagt Alice Biehrer. Ihr Bruder Marcel geht jeden Winter deutschlandweit auf Auktionen. Wer hier den besten Preis bietet, bekommt einen mehr als hundert Jahre alten Stamm. Weil Eiche so teuer geworden ist, bietet die Biehrer GmbH ihren Kunden verstärkt Esche an. Sie ist ähnlich hart wie Eiche, das ist wichtig für langlebige Fußböden. Das Unternehmen produziert jährlich rund 35.000 Quadratmeter an Fußböden. Ein Quadratmeter in Eiche ist ab 170 Euro zu haben.
Der wichtigste Rohstoff für die Firma: eine Eiche
Die lange Reise nach Hause
Den Weg von Stuttgart nach Sexau beschritt Alice Biehrer vorsichtig. Sie traf keine einsame Entscheidung, sondern besprach sich zuerst mit ihrem Bruder Marcel. Er ist zwei Jahre jünger und hatte als Wirtschaftsingenieur berufliche Erfahrung im Schwarzwald und in China gesammelt. Er sagt über das Geschwisterverhältnis: „Alice zieht extrem gut. Ich bin gern der Ruhepol.“ Sein Interesse gilt der Technik. Er hatte keine Ambitionen, die Unternehmensführung zu übernehmen. In den Familienbetrieb stieg er 2025 ein. Seitdem kümmert er sich um Einkauf und Produktion. Alice ist verantwortlich für Vertrieb, Strategie und Marketing.
Dieses Konzept scheint in Sexau zu funktionieren: Man kommt sich nicht ins Gehege. Die Mutter kümmert sich um die Buchhaltung, das Personal und die Finanzen. Ihr ist wichtig, dass die Arbeit nicht den engen Zusammenhalt beschädigt. Sie sagt: „Wir müssen als Familie auch privat sein können. Wenn wir nicht mehr gern gemeinsam essen oder in den Urlaub gehen, muss einer das Schiff verlassen.“
Der Vater schwebt über allem. Seine Leidenschaft gilt dem Holz. Mit der Erfahrung des Handwerkers trifft er gern Entscheidungen aus dem Bauch heraus. In der Hinsicht unterscheidet er sich von seiner vorsichtig abwägenden Tochter. Das führt zu Spannungen, was Anton Biehrer so ausdrückt: „Wenn in zwei Röhren unterschiedlicher Druck herrscht, dann bläst’s.“ Als Alice Biehrer neue Ideen einbrachte und das Marketing ausbaute, schimpfte der Zimmermann: „Deine achteckigen Eier bringen uns noch um!“
Die Tochter sagt: „Ich bin eher fragend unterwegs – das treibt meinen Vater manchmal in den Wahnsinn. Eine Familienfirma ist nicht der rationale Wirtschaftsakteur, wie er im Buche steht.“ Das klingt nicht nach einer Klage, vielmehr nach einem Arrangement.
Einerseits begegnet die Tochter den handwerklichen Leistungen des Vaters mit Respekt. Andererseits hat sie in der Fremde genug unternehmerisches Selbstbewusstsein entwickelt, um eigene Positionen einzunehmen. Nach einer Probezeit von vier Jahren teilen sich Anton und Alice Biehrer gleichberechtigt die Geschäftsführung.
Die Mutter Verena Biehrer sagt über die Nachfolge: „Alice ist in ein gewachsenes System eingestiegen, das sie immer schon begleitet hat. Das war einfacher, als wenn jemand von außen gekommen wäre.“
Als Geschäftsführerin in Sexau bemüht sich Alice Biehrer um kollegiale Transparenz. Alle wissen, dass sie keine handwerkliche Ausbildung hat. Sie weiß, dass sie den Männern in der Produktion fachlich nichts vormachen kann. Das zeigt sich bei einer Besprechung am Nachmittag. Der Kunde aus Nordamerika, dessen Wandverkleidung sie vor ein paar Stunden begutachtet hat, will außerdem noch ein Bootshaus. Dessen 930 Quadratmeter sollen genauso stilvoll ausgestattet werden wie das Wohnhaus.
In der Planungssitzung fragt Alice Biehrer, wann man liefern könne. Sie hört sich die Einschätzung der beiden leitenden Mitarbeiter an. Die Mutter steuert ihre Erfahrung bei. Klar, der Architekt will das Holz lieber heute als morgen. Aber Alice Biehrer spielt nicht die Rolle der Chefin, die maximal antreibt. Am Ende trifft sie eine vorsichtige Entscheidung: „Lieber nenne ich die Kalenderwochen 38/39, und wir kommen nicht in Verzug.“
Bimbo muss weg
Diese Tochter will sich nicht auf Kosten ihrer Eltern profilieren. Sie baut das Unternehmen behutsam um. Das große Spänesilo zum Beispiel: Es überragt als runder Turm die Produktionshalle. Und an ihm prangt in großen Buchstaben „Bimbo“. Der Name, den der Großvater seiner Firma gegeben hat. Erst seit 2021 firmiert das Unternehmen unter dem Familiennamen Biehrer. Die Enkelin Alice möchte den „Bimbo“-Schriftzug übermalen lassen, aber es wäre zu teuer, am runden Turm ein Gerüst zu stellen. Deshalb überlegt sie, die Schrift mit einer feuerfesten Plane zu verdecken.
Fürs Marketing setzt sie auf Instagram, dort postet sie viel. Mit zwei externen Spezialisten entwickelt sie gerade eine neue Homepage. Sie soll in sieben Sprachen funktionieren. Trotz aller Krisen sieht sie weltweit eine potenzielle Kundschaft, die beim Bauen nicht aufs Geld schauen muss. Zu den Referenzobjekten des Unternehmens gehören eine gründerzeitliche Villa in Hamburg und ein Chalet in den Kitzbüheler Alpen.
Holzverarbeitung bei Biehrer
In der Welt von Sandy Soils
Alice Biehrer hat die verschiedenen Finishes, unter denen der Kunde für sein Holz wählen kann, zu einer Kollektion geordnet. Den Farben hat sie Marketingnamen gegeben: Misty Mushrooms, Sandy Soils, Weathered Velvet.
Der Vater sagt mittlerweile: „Mach das Marketing so, wie du denkst – ich versteh’s sowieso nicht.“
Mit ihrem Bruder teilt sich Alice Biehrer ein Büro. Beim Blick aus dem Fenster sieht sie die Felder der Rheinebene. Am Horizont ragen der Schwarzwald und der Kaiserstuhl in den Himmel, ganz hinten zeichnen sich in blauem Dunst die Vogesen ab.
Die Chefin sucht jeden Abend Abstand zu dieser Idylle. Sie sagt: „Aus dem coolen Stuttgarter Westen wollte ich nicht zurück aufs Land.“ Alice Biehrer zog nicht in ihr Heimatdorf, sondern nahm sich eine Wohnung in Freiburg. Diese hat sie mit viel Holz aus der eigenen Firma eingerichtet: Ess- und Schreibtisch, Schrankwand und Küche. Nur der Fußboden stammt nicht von Biehrer. „Es ist eine Mietwohnung“, sagt die Nachfolgerin entschuldigend. ---