MAST Architektenbüro
Auf Wasser gebaut
Der Architekt Marshall Blecher arbeitet an maritimen Siedlungen. Die schwimmenden Immobilien können der Klimakrise trotzen und Wohnraum schaffen.
Abbildung rechts: Slimstudio
Maritime Architekten: Marshall Blecher und Magnus Maarbjerg im Büro von Mast
• Am Abend des 2. Juli 2011 kriecht von Norden eine Regenfront nach Kopenhagen. Was als leichtes Tröpfeln beginnt, wächst sich über dem Stadtzentrum zu einem Wolkenbruch apokalyptischen Ausmaßes aus. Binnen Minuten stürzt so viel Wasser wie sonst in Monaten vom Himmel, es flutet Keller, Wohnungen, Geschäfte, das Universitätskrankenhaus und den Freizeitpark Tivoli. Aus den überlasteten Abwasserkanälen schießen Gullydeckel wie Sektkorken in die Luft, Teile der historischen Zitadelle stürzen ein, Fernwärmeleitungen zerbersten, die Stromversorgung für Zehntausende fällt aus.
Als der Wolkenbruch nach zwei Stunden endet, hinterlässt er Schäden in Höhe von 800 Millionen Euro. Ein Alarmsignal – wenige Monate später wird Kopenhagen der UN-Klima-Initiative „Städte resilient machen“ beitreten. Für küstennahe Städte in aller Welt ist das Unwetter ein Vorgeschmack auf das, was kommt. Nach UN-Schätzungen dürfte bereits 2030 knapp die Hälfte der Weltbevölkerung an Orten leben, die von Überflutungen bedroht sind.
15 Jahre nach dem Wolkenbruch steht Marshall Blecher, einen Becher Kaffee in der Hand, auf dem Balkon seines Büros im Kopenhagener Südhafen. Auf dem Wasser spiegeln sich die Sonnenstrahlen, über seinem Kopf kreischen die Möwen, ein Stockwerk tiefer werden in einer der letzten aktiven Bootswerften Kopenhagens Hausboote gezimmert. Blecher ist ein australischer Architekt, der zum Studium nach Kopenhagen kam. Mit seinem Maritime Architecture Studio (Mast) hat er sich auf Häuser, Hotels und Wohnquartiere auf dem Wasser spezialisiert, denn: „Wasserflächen sind in vielen Städten die größten öffentlichen Bereiche. Und in den allermeisten Fällen sind sie ungenutzt.“
Hier in Kopenhagen gehört der 38-Jährige zu denen, die das Wasser nutzen. Blecher lebt mit Frau und Kind in einer Hausbootsiedlung, keine 200 Meter von seinem Büro entfernt. Mit den rostigen Hausbooten alten Schlages hat der Bungalow der Blechers wenig gemein. Ihr schwimmendes Heim hat weder Motor noch Bug oder Heck, dafür großzügige 120 Quadratmeter Wohnfläche, Kaminofen und Veranda. Durch die Panoramafenster blickt man auf die 670.000-Einwohner-Stadt, die das Nah-am-Wasser-Bauen gerade neu entdeckt.
Ähnliche Entwicklungen gibt es in vielen Küstenstädten. Es begann in den Achtzigerjahren, als viele Hafen- und Industriebetriebe von zentralen Lagen an die Ränder der Metropolen zogen und dadurch Platz schufen für schicke Wohnviertel, wie etwa in Kopenhagen oder in Hamburg mit der Hafencity.
Als der Architekt Bjarke Ingels 2002 mit dem Havnebadet einen hölzernen Ponton mit Schwimmbecken und Sonnenterrassen ins vormals dreckige Hafenbecken setzte, rieben sich die Kopenhagener noch die Augen: Da soll man baden können? Heute ankert an den Kaimauern der dänischen Hauptstadt eine ganze Flotte von Pools und öffentlichen Saunen. Ein halbes Dutzend von ihnen hat das Büro Mast geplant.
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