KI Kunst
Die Pareidolie-Maschine
In Windeseile erzeugt künstliche Intelligenz die Illusion von Bedeutung. Das könnte unserer Kultur guttun.
• Ich habe viele Jahre auf der Schwäbischen Alb gelebt. Diese Region war vor rund 40.000 Jahren ein kultureller Hotspot der Menschheit. Dort entstanden die ersten Musikinstrumente und die ältesten bekannten figürlichen Darstellungen überhaupt.
Darin liegt ein Kern unseres Menschseins. Kultur ist nicht nur die Produktion schöner Dinge, sondern die Fähigkeit, Bedeutung über große Zeiträume und zwischen Menschen zu übertragen. Endet diese Rolle mit dem Siegeszug der künstlichen Intelligenz?
Fest steht so viel: Schon heute ist es unmöglich, KI-erzeugte Kunst von menschengemachter zu unterscheiden. „Aber KI-Kunst ist doch langweilig und inhaltsleer“, werden Sie sagen. Das stimmt. Doch bedenken Sie dabei, wie gerne Menschen in bedeutungslosen Quatsch allerhand Inhalt hineininterpretieren.
Pareidolie nennt sich das psychologische Phänomen, bei dem Menschen selbst in komplett zufälligen Mustern Gesichter erkennen. Diese Projektion von Bedeutung findet man in abgewandelter Form überall: Ich kenne Menschen, die ihrem Auto gut zureden, damit es besser fährt. Und wie viele von uns haben Freude daran, in Wolkenformationen Tiere und Landschaften zu erkennen?
KI ist eine Pareidolie-Maschine. Sie erzeugt scheinbaren Sinn, ohne selbst etwas ausdrücken zu wollen. Wenn KI auf Knopfdruck Musik komponiert, Romane schreibt oder Bilder malt, dann nutzt sie das kognitive Phänomen der Pareidolie perfekt aus.
Denn um Menschen mit künstlerischen Mitteln zu erreichen, muss man ihnen keine radikal neuartigen Ideen anbieten. Es reicht, eine Plattform für die eigenen Wünsche und Vorstellungen zu schaffen, in der man sich wunderbar selbst bespiegeln kann.
Warum Popsongs immer schlichter werden
Solche Oberflächlichkeit reicht schon sehr lange aus, um kommerziell und kulturell erfolgreich zu sein: In den vergangenen 50 Jahren sind Songtexte immer einfacher und oberflächlicher geworden, enthalten außerdem immer mehr Wiederholungen statt wirklich neuartiger Inhalte. Eine Analyse von 20.000 Musikstücken aus fast vier Jahrhunderten zeigte, dass nicht nur Popmusik, sondern selbst Jazz immer schlichter wird. Denn in der modernen Kulturökonomie ist das erfolgreich, was die meisten gut finden – nicht das, was am neuartigsten ist oder die ungewöhnlichste Botschaft vermittelt. Es genügt, die Sehnsucht nach Pareidolie zu befriedigen.
KI könnte diesen Trend auf die Spitze treiben und der von Menschen geschaffenen Popkultur den Garaus machen. Mehr noch: KI könnte auch den menschlichen Austausch über Kultur überflüssig machen. Wenn ich heute das Radio einschalte, muss ich hoffen, dass Musik läuft, die zu meiner Stimmung passt. Mit KI könnte ich mir meine eigene Musik erstellen, die exakt meiner inneren Haltung entspricht. Ich bräuchte keine Musiker mehr, die hoffentlich meine innere Gefühlslage treffen. Ich habe ja mich. KI gibt den Menschen das, was sie am meisten lieben: sich selbst.
Damit würde enden, was Kultur stets ausgemacht hat: die Botschaft des Künstlers und der Austausch darüber.
Wenn sich diese Frage mangels Künstlerin oder Künstler nicht mehr stellen geschweige denn beantworten lässt, haben wir es dann überhaupt noch mit Kunst zu tun? Niemand würde schließlich behaupten, dass eine Wolkenformation Kunst sei – es sei denn, eine Künstlerpersönlichkeit erklärt sie dazu.
Unsere Aufgabe ist es, diesen Kern menschlichen Schaffens wieder zu erkennen und zu fördern. Denn wenn es immer billiger wird, den Kulturraum mit KI-Kunst zu fluten, wird umso wertvoller, was nicht ersetzbar ist: die Einzigartigkeit. Solange Gefälligkeit knapp war, konnte sie noch als ein Qualitätsmerkmal gelten. In dem Moment, in dem Maschinen sie unbegrenzt produzieren können, verliert sie ihren Wert. Und das wäre noch nicht einmal etwas Neues.
Lernen von den vergessenen Malerfürsten
Kennen Sie Jean-Léon Gérôme, William Adolphe Bouguereau oder Hans Makart?
Wir freuen uns, dass Ihnen dieser Artikel gefällt.
Er ist Teil unserer Ausgabe Führung