Globen vom Columbus Verlag
Ein Produkt von gestern für die Welt von morgen
Seit 117 Jahren stellt die Familie Oestergaard Globen her. Der Ururenkel des Gründers, Niklas Oestergaard, wollte etwas ganz anderes machen. Eigentlich.
• Früher brauchte man Globen, um eine Vorstellung von der Welt zu bekommen. Sie standen auf den Schreibtischen von Gelehrten und Herrschern, waren ein Zeichen für Bildung und Macht. Heute können wir mit einem Finger bei Google Earth über Wüsten und Ozeane wischen, uns an ferne Orte zoomen und durch unbekannte Straßen gehen.
Doch im schwäbischen Krauchenwies hält man fest an den Erdkugeln. Seit dem Deutschen Kaiserreich stellt die Familie Oestergaard Globen her. Ihr Columbus Verlag hat Kriege, Krisen und den Niedergang anderer Hersteller überlebt. Jetzt übernimmt die fünfte Generation: Niklas Oestergaard, 31, ist in diesem Jahr in die Geschäftsführung aufgestiegen. Sein Vater Torsten Oestergaard will sich mit 60 Jahren langsam zurückziehen.
Damit ist Columbus eine von jährlich rund 109.000 Firmen in Deutschland, bei denen laut KfW zwischen 2026 und 2029 die Übergabe ansteht. Mehr als die Hälfte aller Inhaber wünscht sich, dass es innerhalb der Familie weitergeht. Doch was früher selbstverständlich war, ist es heute nicht mehr: In vielen Fällen fehlen Nachfolgerinnen und Nachfolger.
Auch Niklas Oestergaard hatte eigentlich andere Pläne gehabt, wollte bei Alphabet oder bei Apple als Chipdesigner arbeiten. Jetzt vertreibt er in einem 3.000-Seelen-Dorf ein analoges Produkt. Wie kam es dazu?
In der Produktionshalle riecht es nach Leim und Kunststoff. Ein paar Mitarbeiterinnen beugen sich über halb fertige Globen. Sie kleben Kontinente und Ozeane auf Kugeln aus Glas oder Acryl und streichen die Übergänge glatt. Ein Stockwerk darüber liegen die Büros. Niklas Oestergaard sitzt auf einem klobigen Ledersessel im Büro seines Vaters, der gerade mit dem Wohnmobil durch Spanien fährt. Neben ihm hängt ein Bild seines Urgroßvaters, auf einer Holzvitrine stehen Büsten von ihm.
Niklas Oestergaard war noch nicht auf der Welt, als sein Vater 1994 seinen sicheren Job als Hotel- und Restaurantmeister bei der baden-württembergischen Landesregierung aufgab und den Betrieb übernahm. Eigentlich hätte der Chefposten seinen älteren Brüdern zugestanden, doch die wollten nicht. Columbus war damals fast pleite. Erst fiel die Mauer, dann zerbrach die Sowjetunion: Niemand wollte mehr einen Globus haben, auf dem noch die Tschechoslowakei oder Jugoslawien eingezeichnet war. Buchhändler schickten ihre Bestände zurück, Kunden stornierten Aufträge. „Tausende Globen landeten auf dem Müll“, sagt Oestergaard. Von 120 Beschäftigten blieben sechs übrig.
Heute arbeiten wieder 65 Menschen bei Columbus, der Umsatz liegt bei rund fünf Millionen Euro. Die schwäbische Firma gehört zu den letzten verbliebenen Herstellern weltweit. Ihre 50.000 Globen im Jahr liefert sie in den deutschsprachigen Raum, aber auch in die Arabischen Emirate, nach Japan und Australien. Sie kosten teils mehrere Hundert Euro, der teuerste Globus liegt bei 17.998 Euro: Luxusprodukte, die man oft nur einmal im Leben kauft. Es gibt sie mit Metallfüßen oder im Nussbaumgestühl. Durchmesser: bis zu zwei Meter. Manche zeigen Seeungeheuer und Fabelwesen, andere sind mit Swarovski-Steinen besetzt.
Gemeinsam im Familienbetrieb: die Geschwister Niklas und Marcia Oestergaard
Einstieg auf Umwegen
Wie jedes Kind in einer Unternehmerfamilie wuchs Niklas Oestergaard mit der großen Frage auf: Werde ich derjenige sein, der irgendwann alles übernimmt? Er und seine Schwester Marcia erlebten die gute Seite, die die Selbstständigkeit mit sich brachte: das gemeinsame Mittagessen, das der Vater immer einrichten konnte, und dass sie sich nie um einen Ferienjob kümmern mussten. Aber sie sahen auch die andere Seite: „Mein Vater hatte immer wieder viel Stress“, sagt Oestergaard. „Da hab ich mir gedacht: Warum soll ich mir das antun? Ich mach was anderes.“
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Mit 15 gründet er eine Werbeagentur, stellt neben der Schule Broschüren für den örtlichen Tierarzt und das Seniorenheim her. Als er 17 ist, zieht der Kartograf des Familienunternehmens in die nahe Schweiz, weil er dort mehr verdient. Der Vater findet keinen Ersatz. Niklas Oestergaard kennt sich mit den Computerprogrammen aus und springt ein. An seinem Plan hält er trotzdem fest: Er will Chipdesigner bei einer großen Techfirma werden. Nach dem Abitur schreibt er sich in Stuttgart für Informatik ein. Vormittags besucht er Vorlesungen, nachmittags Tutorien, abends kümmert er sich um die Kartografie von Columbus.
Er ist noch im ersten Semester, als seinem Vater der große US-Globenhersteller Replogle zum Kauf angeboten wird, weil Columbus der größte Hersteller in Europa ist. Er bittet seinen Sohn, mit ihm nach Indianapolis zu fliegen, um die Kartografie einzuschätzen. In den paar Tagen in den USA merkt Niklas Oestergaard, was sein Traum, in einem Konzern zu arbeiten, tatsächlich bedeutet: starre Hierarchien, lange Entscheidungswege, Behäbigkeit. „Der Tanker fährt stur in eine Richtung, und selbst wenn man merkt, dass er eigentlich den Kurs ändern müsste, fährt er erst einmal trotzdem weiter.“ Diese Erfahrung bei Replogle wird zu einem Wendepunkt. Vielleicht ist der Familienbetrieb mit seinen kurzen, schnellen Wegen doch passender?
Zur Übernahme des US-Konkurrenten kommt es damals nicht. Zurück in Oberschwaben weiß Niklas Oestergaard nicht so recht, was jetzt. Er führt seine Werbeagentur neben dem Studium zwar weiter, übernimmt aber nach und nach mehr Aufträge für Columbus. Nach einer Weile wird er Leiter der Abteilung für Sonderanfertigungen. Ende 2014 schlägt der Vater ihm vor, eine gemeinsame GmbH zu gründen, um die Digitalisierung der Produkte voranzutreiben. Diese verschmolz im Jahr 2017 mit dem Familienbetrieb. „Mein Vater hat das gut eingefädelt – ob bewusst oder unbewusst“, sagt Niklas Oestergaard und lacht.
Nun ist er Teil der Geschäftsführung. Auch seine Schwester Marcia Oestergaard, 26, ist im Betrieb und dort für Personal, Messen und den Fabrikverkauf zuständig. Als Konkurrenten hätten sie sich nie gesehen: „Mir sind Titel und Karriere nicht so wichtig“, sagt sie. „Mit meinem aktuellen Wissen könnte ich das Unternehmen auch nicht so gut führen wie mein Bruder.“
Feinarbeit benötigt: etwa bei handkaschierten Globen, auf denen Weltteile händisch verklebt werden
Die Globen werden lackiert und manche sogar mit Swarovski-Kristallen besetzt
Eine wertvolle Allianz
Das klingt so, als sei Niklas Oestergaard halb ins Unternehmen hineingerutscht, halb hineingezogen worden. Druck habe sein Vater ihm nie gemacht, das betont er immer wieder. Er ist offenbar einen klügeren Weg gegangen: indem er seinem Sohn einen sicheren Plan bot, als der keinen hatte.
Vielleicht half dem Junior bei der Entscheidung auch der Einstieg des Spieleverlags Kosmos 2017. Nachdem es zu Lieferproblemen bei Spielfiguren aus China gekommen war, sprang Columbus mit seinen Maschinen ein. Daraus entstand eine Partnerschaft, heute hält Kosmos 51 Prozent am Betrieb. Dadurch liegt die Verantwortung für den Erfolg nicht mehr allein bei Oestergaards Familie. Das Unternehmen kann die Vertriebsmacht des Partners für seine Globen nutzen. Und es ist nicht länger abhängig von einem einzigen Produkt, sondern spritzt etwa auch die Spielsteine der „Siedler von Catan“. Spiele funktionieren anders als Globen: Sie sind billiger, werden auch mal spontan gekauft.
„Wir sind heute vielleicht nicht mehr so frei wie früher, dafür stehen wir auf mehreren Standbeinen und sind dadurch weniger anfällig für Krisen“, sagt Niklas Oestergaard. „Wir sind ein ganz anderes Unternehmen.“ Das macht es ihm auch leichter, sich nicht ständig mit seinem Vater zu messen, sondern seinen eigenen Weg zu gehen.
Niklas Oestergaard hat mehrere Globen bei sich in der Wohnung. Einer steht so auf einem Schrank, dass er ihn im Fenster leuchten sieht, wenn er abends nach Hause kommt. An einem anderen erklärt er seiner Tochter, wohin er fährt, wenn er unterwegs ist.
Wenn Oestergaard anfängt, den Globus neben sich zu drehen und von Urlauben zu erzählen, wirkt er nicht mehr wie ein Geschäftsführer, sondern wie ein Junge, der gerade die Welt entdeckt. „Nur am Globus können wir die Welt als Ganzes begreifen“, sagt er. Die Erdkugel zeige etwas, was auf dem Smartphone verloren geht: Zusammenhänge, Entfernungen und Größenverhältnisse. Wer einen Globus dreht, erkennt etwa, dass Russland und die USA nur 85 Kilometer trennen. Oder dass Grönland viel kleiner ist als auf den meisten Karten.
Oestergaard verfolgt internationale Nachrichten, um mitzubekommen, wenn sich Grenzen verschieben oder Hauptstädte ändern. Er telefoniert mit dem Auswärtigen Amt und ruft manchmal sogar bei der CIA an, um sich Änderungen bestätigen zu lassen. Er kann alle von Russland besetzten Gebiete in der Ukraine aufzählen. Er kennt den Konflikt um die Westsahara. Weiß, dass sich Japan und Südkorea um den Namen des Meeres zwischen ihnen streiten. Die Welt der Globen dreht sich nicht so schnell wie die von Apple oder Alphabet – aber sie ist auf eine andere Weise nah dran am Zeitgeschehen.
Der 31-Jährige weiß allerdings: Auch ein traditionelles Produkt muss in der Zeit gehalten werden. Sein Ururgroßvater fing mit günstigen Weltkugeln aus Pappe an, Leitsatz: „ein Globus in jedes Heim“. Die zweite Generation führte Globen aus Glas ein. Die dritte Generation setzte auf Kunststoff. Sein Vater hat unter anderem die Kartografie digitalisiert und einen Globus entwickelt, der in einem Magnetfeld schwebt. „Wir versuchen immer wieder etwas zu machen, das überrascht“, sagt Oestergaard. Etwa puristische Globen für Designliebhaber oder Mittelerde-Globen für die Fans von „Herr der Ringe“.
Was seine Innovation sein wird, mit der er sich in die Tradition seiner Vorfahren einreiht, wisse er noch nicht, sagt der Juniorchef. Aber er nutzt sein IT-Wissen für den Betrieb: unter anderem, indem er die Globen interaktiver macht. Mit seinem Vater hat er den „Entdeckerstift“ entwickelt. Wer damit ein Land antippt, kann Informationen zur Bevölkerung oder auch die Nationalhymne hören – und Videos von dort auf dem Smartphone ansehen. ---
Ob Grenzverschiebung oder neue Hauptstädte: Die Karten werden regelmäßig aktualisiert
Der Columbus Verlag wurde 1909 von Paul und Peter Oestergaard in Berlin gegründet. Dank günstiger Serienprodukte aus Pappe und dem späteren Erfolg von Leuchtgloben expandierte das Unternehmen schnell. Nach der Zerstörung des Werks im Zweiten Weltkrieg zog das Unternehmen 1948 nach Süddeutschland. Die politischen Umbrüche von 1989 trieben die Firma fast in den Bankrott: Kaum war die Farbe auf einem Globus trocken, war er veraltet. Torsten Oestergaard führte den Betrieb zurück auf den Weltmarkt. Im Jahr 2017 übernahm der Kosmos Verlag („Die Siedler von Catan“, „Die drei ???“) mit 51 Prozent die Mehrheit. In der Geschäftsführung sitzt neben Torsten und Niklas Oestergaard heute auch ein Vertreter des Kosmos Verlags.
Gemeinsamer Aufbruch
brand eins ÜBERNEHMERTUM ist eine Gruppe für junge Chefinnen und Chefs, für Nachfolgerinnen und Nachfolger, Erbinnen und Erben, um sich vertrauensvoll auf Augenhöhe auszutauschen.
Sie soll vor allem ein Forum des vertraulichen Austauschs und des Lernens voneinander sein – für interne und externe Nachfolgerinnen und Nachfolger in Familienbetrieben, aber auch generell für die neue Generation von Führungskräften in diesem Bereich.

