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Familienbetrieb ohne Kinder

Keine Kinder, keine Nachfolger? Viele Familienbetriebe stehen vor diesem Problem. Die Brauerei Härle im Allgäu fand eine unkonventionelle Lösung.



Das Bild zeigt eine Person, die teilweise von einem großen, geschwungenen leicht transparenten Plastikvorhang verdeckt ist, wobei ihre Hand hinter dem Objekt hervorragt. Das Gesicht der Person ist durch die Lücken im Vorhang zu sehen.
Das Bild zeigt zwei Personen, einen älteren Mann und eine jüngere Frau, die vor einer beigen Plane oder Wand stehen. Der Mann trägt eine blaue Jacke und eine braune Hose, während die Frau ein schwarzes Oberteil und eine grüne Hose trägt. Sie scheinen sich zu unterhalten, wobei die Frau mit einer Geste auf den Mann hinweist.

Wie Vater und Tochter: Gottfried Härle und Esther Straub

• „Ganz der Opa!“, hat Esther Straub schon einige Male zu hören bekommen. Sie grinst, wenn sie das erzählt. „Es stimmt, du hast Ähnlichkeiten mit meinem Vater“, sagt Gottfried Härle. „Du bist genauso kommunikativ.“ Beide lachen. Witzig ist das nicht nur, weil sie gern redet, sondern weil Härles Vater eben nicht Straubs Großvater ist.

Die Familie braut seit 1897 Bier in Leutkirch im Allgäu, einer württembergischen Mittelstadt mit weinberankten Häusern und hölzernen Fensterläden. „Kaffee?“, fragt Härle. „Stilles Wasser.“ „Ja, haben wir denn so was?“, spielt er den Empörten. Er ist 72, vierte Generation einer Brauerfamilie, ein Spruch über Wasser gehört wohl dazu. Der Senior steht selbst auf und holt Gläser. Das Unternehmen mit seinen 80 Beschäftigten führt er gemeinsam mit Esther Straub, 37. Eines Tages soll sie ganz übernehmen, beide sprechen von der „fünften Generation“. Als greife hier die Erbfolge. Dabei ist Esther Straub keine geborene Härle. Statt die Nachfolge innerhalb der Familie zu organisieren, hat Härle seine Familie erweitert.

Ein ungewöhnlicher Umgang mit einem Problem, das viele Mittelständler betrifft. Jährlich planen 114.000 Unternehmen in Deutschland eine Geschäftsaufgabe, weil niemand aus der Familie die Nachfolge antritt. Da klingt Härles Geschichte fast wie ein Märchen: Die Nachbarstochter übernimmt, und alle sind glücklich. Ganz so einfach war es dann allerdings doch nicht. Es brauchte viele Jahre, Kompromisse – und die Bereitschaft, mit Eigentum anders umzugehen als die meisten Unternehmer.

Härles Urgroßvater kaufte 1895 eine kleine alte Brauerei mit Landwirtschaft und Gasthof und baute ein neues Brauhaus auf dem Gelände, heute steht hier fast alles unter Denkmalschutz. Im Sudhaus kochen Wasser, Malz und Hopfen in einem großen Kessel. Dessen Kupferverkleidung ist nur Optik, sagt Härle, „eine Attrappe“. Darunter stecke automatisierte Edelstahltechnik. „Tradition und Nostalgie sollen aber nicht abhandenkommen.“ Wer herkommt, sieht das Gesicht des Urgroßvaters Clemens Härle über dem Kessel. Das ist Teil ihrer Marke, mit der sie sich von Konzernbrauereien absetzen – diese können ihre Kästen zwar für unter zehn Euro verkaufen, weniger als die Hälfte von Härles Preisen, haben aber keine Familiengeschichte. Dass die bei Härle weitergeht, ist auch deshalb wichtig. Und da kommt Esther Straub ins Spiel.

1998 zog das kinderlose Ehepaar Härle in einen Nachbarort von Leutkirch, ins Haus neben die Familie Straub. Die hatte zwei Töchter. „Deine Schwester und du, ihr habt als Kinder bei uns im Garten gespielt“, erinnert sich Härle. „Und wir haben oft zusammen gevespert“, ergänzt Straub. Später besserte sie ihr Taschengeld in der Brauerei auf, und Härle fragte sie öfter nach ihrer Meinung. Zum Beispiel zu dem Bio-Fruchtgetränk „Seezüngle“, das er im Jahr 2008 auf den Markt brachte: „Als du die erste Version bei uns am Küchentisch probiert hast, meintest du: ‚Gottfried, das kauft dir keiner ab, das ist noch nicht die richtige Mischung!‘ Und das stimmte.“

Über die Jahre entstand bei Härle der Gedanke, die junge Frau könnte die Brauerei eines Tages übernehmen. Direkt fragen wollte er sie lange nicht, um keinen Druck aufzubauen. Nach ihrem Abitur verpachtete er ihr ein Gasthaus im Brauereibesitz, das sie drei Monate leitete – wie ein Testlauf für die unausgesprochene Zukunft. Danach studierte Straub jedoch erst einmal Staatswissenschaften in Passau und Aix-en-Provence, machte einen Master of Laws in Mannheim und Istanbul, überlegte, zu einer Nichtregierungsorganisation oder in die Politik zu gehen. Doch bei den Kommilitonen, die bei internationalen Organisationen einstiegen, verspürte sie viel Frust. „Ich verstand, dass man da nur ein winziges Rad in einem langsamen System ist.“ Sie habe unmittelbar etwas bewirken wollen: „Als Unternehmerin geht das.“ Die Brauerei sei die Chance gewesen, ihre Region positiv zu beeinflussen. Bei einer Wanderung mit den Härles signalisierte sie: „Wenn du wollen würdest, dann würde ich …“

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