Wohnen in Japan
20 m2 – mein Leben in Tokio
In der japanischen Hauptstadt wohnen die Menschen auf sehr wenig Raum, was aber kein Problem ist. Wenn man den Platz richtig nutzt.
• Wenn ich Bekannten aus Deutschland beschreibe, wie meine Tokioter Wohnung aussieht, reichen die Reaktionen von betretenem Schweigen bis Entsetzen. Ein guter Freund aus Hamburg sagte mir, er glaube kein Wort, ehe er meine Wohnung nicht mit eigenen Augen gesehen habe. Halb im Scherz antwortete ich: So viel zu sehen gibt es eigentlich nicht. Es sind ja nur gut 20 Quadratmeter. Mehr Platz für Privatsphäre habe ich in Tokio nicht.
Mit rund 37 Millionen Einwohnern ist Tokio der größte Ballungsraum der Welt. In kaum einer anderen wohlhabenden Metropole dürften Quadratmeter so sehr Mangelware sein wie hier. Aber ist das ein Problem? Meinen Freunden in Deutschland sage ich: Wenn es überhaupt ein Problem ist, dann eines, das man zu lösen weiß.
Vielleicht kann man in Deutschland sogar einiges davon lernen, wie die Menschen in Japans Metropolen leben. Mir geht es nämlich gut in meiner Wohnung.
In Japan wundert sich darüber sowieso niemand. 20 Quadratmeter entsprechen ziemlich genau dem, was die Durchschnittsperson in Tokio zum Wohnen hat. In Berlin, wo Raum ebenfalls knapp ist, hat sie durchschnittlich doppelt so viel Platz. Daher fragen mich meine Bekannten in Deutschland dann: 20 Quadratmeter, wie soll das gehen? Die Antworten liegen in Grundrissen, Möbeln und Lebensstilen.
Meine Tokioter Wohnung ist zum Beispiel schlauchartig aufgebaut, ein kleiner Eingangsbereich bietet Platz für eine Garderobe und einen Schuhschrank. Davon geht rechts ein sehr kleines Bad ab, das kaum zwei Quadratmeter misst. Ein „unit bath“, das man so ähnlich in vielen urbanen japanischen Wohnungen findet. Neben dem Klo – natürlich mit Duschstrahl – befindet sich das Waschbecken, daneben die Dusche. Stauraum ist an der Wand und über dem Wasserkasten.
Vom Eingangsbereich geht es in die Wohnküche, die mit einer klassischen japanischen Schiebetür das Schlafzimmer dahinter abtrennt, von dem aus man einen kleinen Balkon erreicht. Das Schlafzimmer bietet Platz für ein schmales Doppelbett und einen an der Wand hochklappbaren Schreibtisch. In der Küche ist es ähnlich: Der Esstisch lässt sich hochklappen, sodass ich dort auch Yoga oder Krafttraining machen kann. Neben der Kochnische ist Stauraum in die Wand eingebaut.
Klamotten, Koffer und zwei hochwertige Klappstühle lassen sich in der Wand verstecken. Dass sich die Wohnung trotz ihrer 20 Quadratmeter nicht allzu eng anfühlt, liegt auch daran, dass die Möbel in Japan tendenziell kleiner sind als in Deutschland. Sessel sind weniger ausladend, Tische schmaler. Ein Doppelbett gibt es ab einer Breite von 120 Zentimetern. Der Markt hat sich auf den permanenten Platzmangel eingestellt.
Klein sind Wohnungen in Tokio natürlich auch deshalb, weil der Platzmangel Wohnraum teuer macht. In begehrten Vierteln wie Shibuya und Meguro liegt die Miete häufig bei 5.000 Yen pro Quadratmeter, was derzeit rund 30 Euro entspricht. Berücksichtigt man, wie sehr die Währung seit 2012 durch Nullzinspolitik und Deflation an Wert verloren hat, wären es eher 50 Euro. Am billigsten sind Wohnungen in älteren Gebäude, die noch nicht so gut gegen Erdbeben geschützt sind.
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