Hoffnungsträger Stiftung
Mit Gott und Geld
In 33 Hoffnungshäusern leben fast 800 Geflüchtete und Deutsche in Baden-Württemberg zusammen. Die Integration klappt besser als in anderen Projekten. Dank Kapital, einem smarten Konzept und pietistischer Tradition.
• An einem Berghang in Schwäbisch Gmünd steht eine Gruppe von Holzhäusern mit geschwungenen Balkonen rund um den Innenhof. Unten ist der Bahnhof, wo die Züge aus Stuttgart halten. Oben ist seit der Landesgartenschau 2014 der Himmelsgarten, ein botanischer Erlebnispark. In den Häusern wohnen 115 Menschen: 65 Deutsche, 50 Geflüchtete aus der Ukraine, Eritrea, Nigeria, Syrien, Bulgarien, Liberia, China, Irak, Russland. Plus ein alter englischer Professor. Und Gott.
Gott ist dabei, weil die christlich geprägte Hoffnungsträger Stiftung des Pharma-Erben Tobias Merckle, 54, das alles finanziert. Seine Familie ist gläubig, schwäbisch-pietistisch und wurde sehr reich mit dem Generika-Hersteller Ratiopharm, dem Forstunternehmen Blauwald sowie dem Pharma-Großhandel Phoenix und anderen Beteiligungen, etwa an Heidelberg Cement. Die Merckles waren einmal die fünftreichste Familie Deutschlands. 100.000 Beschäftigte, 35 Milliarden Euro Umsatz.
Zu Hause im schwäbischen Blaubeuren wurde sparsam gelebt und großzügig gespendet. Die inzwischen verstorbene Mutter Ruth predigte: „Reichtum ist eine Leihgabe Gottes, mit der man Sinnvolles anfangen muss.“ Während der Weltfinanzkrise 2008 geriet das verschachtelte Unternehmenskonglomerat trotz aller Gebete in Schieflage. Der Vater hatte sich verspekuliert. 2009 beging er Suizid. Ein Sohn übernahm die Geschäfte.
Tobias Merckle interessiert sich nicht für das Familien-Business. Er studierte Sozialpädagogik und leitete damals ein Projekt für straffällige Jugendliche in Leonberg bei Stuttgart (siehe rechts). Das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die sich etwas entspannter angehen lässt, wenn man über die Mittel verfügt. Ein paar Jahre nach dem Tod des Vaters konnte er etwa eine halbe Milliarde Euro, vielleicht auch mehr (Merckle will darüber nicht im Detail reden) in eine Stiftung mit dem Namen Hoffnungsträger stecken. Die schüttet jedes Jahr etwa 20 Millionen Euro für neue Häuser aus, ohne das Vermögen anzugreifen. Dazu kommen etwa zehn Millionen Euro Spenden und Sponsorengelder, oft von anderen Stiftungen.
Mit dem Geld wurden die Häuser in Schwäbisch Gmünd gebaut. Und in Konstanz, Leonberg, Bad Liebenzell, Calw, Esslingen, Straubenhardt, Gaildorf, Nagold, Öhringen und Sinsheim. Mittlerweile sind es 33. Eines kostet etwa drei Millionen Euro brutto. Die Stiftung hat heute insgesamt 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zu den Aufgaben zählen unter anderem der Bau und Unterhalt der Häuser sowie die Herstellung von Möbeln.
Setzt auf Wachstum: Marcus Witzke leitet die Hoffnungsträger Stiftung
Die Studentin Rahel Budnik in ihrem WG-Zimmer in Schwäbisch Gmünd
1. Die Idee
Die Häuser heißen Hoffnungshäuser, weil sie schaffen sollen, was oft scheitert: die Integration von Geflüchteten. In den Hoffnungshäusern leben sie zusammen mit Leuten von hier, etwa im Verhältnis 50 zu 50. Die Mieten sind ein Drittel billiger als die ortsübliche Neubaumiete.
Asylberechtigte Geflüchtete ohne oder mit geringem Einkommen, Alleinerziehende, Senioren oder Familien mit Wohnberechtigungsschein bekommen die Mietkosten teilweise oder ganz vom Jobcenter oder Sozialamt ersetzt. Wer kann, zahlt selbst. Die Quadratmetermiete reicht je nach Standort und Wohnungsförderung von 6,50 Euro (in Öhringen) bis 15,20 Euro (in Konstanz). Es gibt Ein- bis Fünfzimmerwohnungen, sie werden im Internet ausgeschrieben. Dann gibt es mehrere Gespräche, bis die jeweilige Standortleitung entscheidet, wer einen Vertrag bekommt. Zehn Stunden im Monat sollen die Mieterinnen und Mieter für gemeinsame Aktionen freihalten: miteinander reden, kochen, basteln, spielen, lesen. So lernt man sich kennen und verstehen. Viele machen das. Manche nicht. Es wird nicht kontrolliert. Im Innenhof der Hoffnungshäuser von Schwäbisch Gmünd hat der Hausmeister eine provisorische Eisbahn aufgebaut: ein Folienquadrat mit Wasser. Gute Idee, aber Obacht: Klimawandel! Es ist viel zu warm, die Eisschicht nur hauchdünn. Ein Mann versucht es trotzdem mit Schlittschuhen, vielleicht will er seine Gemeinschaftsarbeit so erledigen. Er bricht ständig ein. Ein kleines Mädchen steht daneben. „Guck, guck“, ruft es begeistert, „er macht alles kaputt.“ Auch Destruktion kann integrieren.
„Das Mädchen ist aus Syrien“, sagt Marcus Witzke, „es lebt jetzt hier mit seiner Familie.“ Der 55-Jährige ist der Vorstand der Stiftung. Er trägt ein Sakko mit Hoffnungsträger-Button und trinkt Tee mit Milch. Bevor er 2013 von Merckle eingestellt wurde, war er beim Evangelischen Jugendwerk. „Mit so viel Geld etwas völlig Neues aufbauen“, sagt er, „ist eine faszinierende Aufgabe.“
„Das Kernmotiv war klar“, sagt Witzke, „integriertes Wohnen von Geflüchteten und Deutschen auf der Basis einer christlichen Ethik.“ Aber wie macht man das? „Auf jeden Fall nicht so, dass es ein Leuchtturmprojekt ist“, sagt Witzke. Also keine schönen Einzelbeispiele ohne große Wirkung. „Wir wollten skalieren.“ Er führt die Stiftung nach unternehmerischen Gesichtspunkten, Wachstum ist das Ziel.
2013, als die Stiftung gegründet wurde, heuerte Witzke die Stuttgarter Architekten von AndOffice an. Sie sollten Modulhäuser aus Holz entwickeln, die schnell, umweltverträglich und billig gebaut werden können, ohne nach Sozialwohnungsbau auszusehen. Job erledigt! Die Hoffnungshäuser sind drei, vier Stockwerke hoch und sehen so cool aus, dass sie schon jede Menge Designpreise eingeheimst haben. Am besten sind die Balkone. Sie ziehen sich über die gesamte Gebäudefront und sind so geschwungen, dass man sich von Stockwerk zu Stockwerk nicht nur unterhalten, sondern auch sehen kann. Clever.
Sandra Samuel mit einer ihrer Töchter. Sie kam aus Nigeria nach Schwaben
Hanna Starostina ist aus ihrer ukrainischen Heimat geflüchtet
2. Der Widerstand
„Aber jetzt gibt es ein Problem“, sagt Witzke. Das nächste Hoffnungshaus-Projekt soll im bayerischen Schwandorf entstehen. Nach bewährtem Muster: Die Gemeinde oder ein Sponsor stellt das Grundstück gratis zur Verfügung. Hoffnungsträger baut die Häuser. Irgendjemand erklärt sich bereit, die laufenden Kosten in Höhe von 2,5 Millionen Euro für zehn Jahre zu tragen. In Schwandorf ist es die Stiftung der lokalen Maschinenbaufirma Horsch, die ihre Agrartechnik weltweit verkauft.
Die Häuser könnten schon stehen, wenn es keine Bürokratie gäbe. In Bayern passen die schwäbischen Module nicht. „Bei denen müssen die Räume im sozialen Wohnungsbau 14 Quadratmeter groß sein“, sagt Witzke, „bei uns in Baden-Württemberg 13.“ Außerdem wollen die Bayern jedes Stockwerk barrierefrei machen, die Schwaben nur das Erdgeschoss. Deshalb gibt es dort keine Aufzüge, in Bayern sind sie Pflicht. „Dann müssen wir aber viel größere Häuser bauen“, sagt Witzke, „sonst amortisiert sich der Lift nie.“
Einfach geht anscheinend gar nichts in diesem Land. Aber Witzke wird das schon hinkriegen. Er ist Kummer gewohnt. Wer Gutes tun will, erlebt oft sein blaues Wunder.
Nachdem die ersten Hoffnungshäuser 2016 in Leonberg ziemlich problemlos gebaut und bezogen wurden und seitdem prima funktionieren, hakt es bei einigen der neueren Projekte, oft aus Angst oder Rassismus. Dagegen hilft kein Beten, sondern nur der Rechtsweg. Oder Kompromisse. Oder der Rückzug.
In Esslingen klagten Anwohner gegen den Plan, 60 Geflüchtete mit abgeschlossenen Asylverfahren, Bewohner mit Wohnberechtigungsschein und Obdachlose in ihrer braven Nachbarschaft unterzubringen. Das Verwaltungsgericht wies die Klage 2017 ab, die Häuser stehen, Probleme gab es keine. Die Angst war umsonst.
In Herrenberg kam zwei Jahre später die Opposition von der SPD. Der Betreiber bekenne sich zum Pietismus, klagte der Fraktionschef und argwöhnte, die Geflüchteten würden christlich zwangsbeglückt. „Unsinn“, sagt Witzke. In den Hoffnungshäusern leben Menschen unterschiedlicher Religionen. „Christlich bedeutet Nächstenliebe, nicht Missionieren.“ Die Häuser dort werden jetzt von der Stadt betrieben. In Schwaigern bei Heilbronn verhinderte 2020 eine Bürgerinitiative erfolgreich den Bau von zwei Hoffnungshäusern.
Bei dem Projekt in Ingelheim am Rhein fand der Widerstand Ende vergangenen Jahres im Internet statt. Auf Facebook und X meldeten sich Tausende zu Wort, oft im AfD-Sound. „50 Prozent der Wohneinheiten für Flüchtlinge – als hätten wir nicht genug Einheimische, die dringend bezahlbaren Wohnraum suchen.“ Oder: „Das ist keine Integration, sondern Bevorzugung bestimmter Gruppen. Deutsche Familien schauen wieder einmal in die Röhre.“ Die Häuser werden trotzdem gebaut. „Das Hoffnungshaus ist keine Konkurrenz um Wohnraum, sondern ein Mehrwert für die ganze Gesellschaft“, sagt Witzke.
Martin und Denise Schechinger, die Standortleiter der Hoffnungshäuser Schwäbisch Gmünd mit den geschwungenen Balkonen
3. Die Lösung
In Schwäbisch Gmünd gibt es keinen Protest. Nur Hundegebell. Die Nachbarn werden von großen türkischen Hirtenhunden bewacht. „Ist uns nur recht“, sagt Denise Schechinger, „wir stehen gut mit ihnen.“ Die 43-jährige Industriekauffrau leitet zusammen mit ihrem Mann Martin, 42, einem Produktdesigner, die Hoffnungshäuser in der 61.000-Einwohner-Stadt. In jedem Projekt übernimmt ein Ehepaar hauptamtlich und besser bezahlt als andere Sozialberufe diesen Job. „Sie tragen auch die komplette Verantwortung für einen Standort, was weit über Sozialarbeit hinausgeht“, sagt Witzke
Martin Schechinger hat eine Vollzeitstelle. Denise Schechinger arbeitet wegen der drei Kinder Teilzeit. „Wir haben Bewohner aus vielen Kulturen“, sagt Witzke. „Manche Frauen würden keinen Mann in ihre Wohnung lassen. Manche Männer wollen nicht mit einer Frau verhandeln. Da können wir noch so oft sagen, dass Männer und Frauen bei uns dieselben Rechte haben.“ Integration erfordert Fingerspitzengefühl und Geduld.
Miriam Reichert, 20, die hier gerade ihr freiwilliges soziales Jahr absolviert, hat Brezeln besorgt. Rahel Budnik, 27, schmiert Butter darauf. Sie wohnt während ihres Studiums zur Kommunikationsdesignerin in einer Vierer-WG der Hoffnungshäuser und hilft den Flüchtlingskindern nachmittags beim Lernen. Sandra Samuel, 29, aus Nigeria lebt mit ihren drei Kindern Harmony, Gabriela und Kylis seit vier Jahren hier. Sie kam durch die Sahara und über das Mittelmeer nach Europa. Jetzt wohnt sie in einer Dreizimmerwohnung mit 74 Quadratmetern. Hanna Starostina, 37, stammt aus der Ukraine. Die Jungs aus den beiden eritreischen Männer-WGs sind bei der Arbeit. Der Herr aus der Erdgeschosswohnung gegenüber braust gerade mit seinem E-Rollstuhl direkt vor die Terrassentür. Die ersten Kinder kommen aus der Schule zurück. Man hört fröhliche Stimmen und Lachen.
Dorfidylle unterm Himmelsgarten? „Sieht danach aus“, sagt Denise Schechinger, „aber ganz so einfach ist es nicht, sich hier wohlwollend zu begegnen. Da müssen alle Beteiligten ihre regionalen, nationalen, religiösen und kulturellen Grenzen überwinden.“ Es soll kein Nebeneinanderherleben geben, aber auch kein Zwangsgekuschel. „Wir wollen, dass sich gemischte Gruppen bilden und einen gemeinsamen Nenner finden.“
Scheint einigermaßen zu funktionieren. Bisher gab es keinen Stress. An der Pinnwand hängen Vorschläge für gemeinsame Aktionen. Wer mitmachen will, klemmt eine Wäscheklammer an den Zettel und schreibt mit Filzstift seinen Namen darauf. „Frauentreffen: Haare schön, Make-up und Henna-Abend.“ Zwei Klammern: Iman und Denise. „Wellenbad Ellwangen – mit dem Zug.“ Chris und Todis. „Modellbau in der Werkstatt.“ Kussai, Ella und eine Klammer mit unleserlichem Namen. Beim nächsten Event ist der Andrang groß: „Ein Abend voller ukrainischer Traditionen.“ Fünf Klammern.
Martin Schechinger war Senior- Designer in einer Produktgestaltungsagentur nahe Stuttgart, bevor er hauptamtlich zu den Hoffnungshäusern kam. Er gestaltete Kindersitze, Spielsachen und Büromöbel und verdiente damit einen Haufen Geld. Aber irgendwie fehlte ihm der tiefere Sinn in seinem Job. „Ich habe einen christlichen Background“, sagt er. „Wir werden von Gott geliebt und wollen das weitergeben.“ Er suchte nach einer Möglichkeit, „ein Lächeln in Menschengesichter zu setzen und im besten Fall auch ins Herz“. Und reiste um die Welt, um das Lächeln in den Herzen zu finden. Schließlich landete er in Schwäbisch Gmünd. Sieh, das Gute liegt so nah. „Wir wollen Gesellschaft gestalten. Wir wollen nicht jammern, wir wollen was verändern. Zum Besseren. Das funktioniert hier in den Hoffnungshäusern ziemlich gut.“
Dann muss er los. Er ist nebenbei Dozent an der Hochschule für Gestaltung, unten in der Stadt. Schechinger verteilt noch schnell ein paar Flyer und zwei Postkarten. Auf der einen sieht man eine ältere Dame, die zwei Kindern mit unterschiedlicher Hautfarbe etwas vorliest. Darunter steht: „Nahbar statt Nachbar.“ Passt schon, ist aber ein bisschen lame. Die andere kommt schneller auf den Punkt. Kein Bild, nur Schrift: RUMHEULEN ÄNDERT GAR NICHTS. ---
Tobias Merckle, 54, hat die gemeinnützige Hoffnungsträger Stiftung 2013 gegründet. Sie engagiert sich in der Eingliederung von Flüchtlingen. Das Projekt Hoffnungshäuser wurde 2019 mit dem Integrations- preis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.
Merckle hat bereits nach dem Abitur mit Drogenabhängigen in den USA gearbeitet und dort gesehen, welche gravierenden Folgen Gefängnisstrafen auf ihr weiteres Leben haben. Nach seinem Studium der Sozialpädagogik und der Arbeit für Prison Fellowship International schuf er mit dem Verein Seehaus Anfang des Jahrtausends eine Alternative.
Seehaus bietet in zwei Einrichtungen in Leonberg und Leipzig für jeweils etwa 12 bis 18 junge männliche Straftäter „Strafvollzug in einer freien Form“. Der Verein setzt sich zudem für sogenannte Restorative Justice ein. Ziel ist Wiedergutmachung, um Opfer, Täter und Gesellschaft miteinander zu versöhnen.
Hoffnungsträger Stiftung
Stiftungsvermögen (geschätzt): 500.000.000 Euro
Jährliche Ausschüttung an Hoffnungshäuser: 20.000.000 Euro
Jährliches Spendenaufkommen für die Hoffnungshäuser: 10.000.000 Euro
Zahl der Standorte von Hoffnungshäusern in Deutschland: 11
Zahl der Wohnungen: 232
Zahl der Bewohner: 775