Fuchus große Hoffnung
Schülerfirmen kennt man, aber nirgendwo erregen sie so viel Aufsehen wie in Japan. Eine Kleinstadt will damit ihr demografisches Problem lösen – und stellt nebenbei das Bildungsideal des ganzen Landes infrage.
brand eins Container: Bildung 08
Ein brand eins Container ist ein Ort im Heft, an dem wir Themen von Ausgabe zu Ausgabe weiterentwickeln. Ein offenes, flexibles Format, das nicht wie eine Serie von vornherein fertig konzipiert ist, sondern sich mit Ihren Anregungen und Wünschen entwickelt.
Verantwortlich für diesen Container zum Thema Bildung ist Gabriele Fischer, die sich über Ideen, Anregungen und Kritik freut: [email protected]
• An den meisten Schultagen sitzt Kotone Kubo still an ihrem Platz und hört der Lehrerin zu: Die 14-Jährige macht sich Notizen dazu, wie man die japanischen Schriftzeichen in der korrekten Reihenfolge zu malen hat, wann der Zweite Weltkrieg ausbrach oder wie sich der Satz des Pythagoras herleitet. So sieht Schulunterricht in Japan fast immer aus: Die Lehrerin erklärt an der Tafel, die Schüler hören zu. Und alles dreht sich um die Prüfung am Ende.
Montags aber ist Kotone Kubo nicht die Zuhörerin, sondern diejenige, die spricht: „Wir haben nicht mehr viel Zeit!“, sagt sie an einem Morgen im November zu ihren Klassenkameraden in mahnendem Ton. „Unsere Werbekampagne muss noch durchdacht werden. Und die Budgetplanung ist nicht fertig.“ Um die 20 Gleichaltrige nicken, einige melden sich mit Einschätzungen zu Wort. Die Wortführerin ruft ins Gedächtnis: „Sechs Wochen bleiben uns noch!“
Kotone Kubo, kurze Haare und wie alle anderen in eine dunkelblau-weiße Schuluniform gekleidet, ist Vorsitzende des Schülerunternehmens Links. Und sie ist nervös: Denn wenn die eigens entwickelte Uhr und die Federtasche, die sie binnen der nächsten anderthalb Monate auf den Markt bringen wollen, nicht bald fertig werden, ist sie dafür verantwortlich. „Diese Tage sind sehr stressig.“
Für Japans Schulwelt ist das, was im ersten Stock der Meikyo Gakuen geschieht, einer Mittel- und Oberschule in der 35.000-Einwohner-Stadt Fuchu im Südwesten Japans, geradezu revolutionär. Eigentlich bildet das Land seinen Nachwuchs mit Frontalunterricht aus, eigenständiges Denken steht nicht auf dem Lehrplan. Während es die ersten sechs Jahre oft noch spielerisch zugeht, sind die je drei Jahre Mittel- und Oberschule von Strenge und Pauken geprägt.
Und dies durchaus mit Erfolg: In der internationalen Pisa-Studie – die Schülerkompetenzen in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften vergleicht – belegte Japan jüngst erneut vordere Plätze. Fleiß und Konformität gelten als wichtige Tugenden, Widerworte gegen Lehrkräfte sind daher selten. Dampf lassen Schüler ab, indem sie Gleichaltrige mobben – ein Problem, das das Land seit Jahren beschäftigt.
Weniger diskutiert wird in japanischen Bildungsdebatten der Mangel an kritischem Denken. Koichi Nakano, Politikprofessor der Sophia-Universität in Tokio, sieht darin eine lange Tradition: „Als in den Sechzigerjahren auch in Japan an Schulen und Universitäten für mehr Freiheit protestiert wurde, reagierte die Regierung, indem politisches Engagement an Bildungsinstitutionen unterbunden wurde.“ Studierende im ersten Semester kennen laut Nakano heute oft keine politische Partei. Dafür beherrschen sie mathematische Herleitungen.
Nakano sieht es so: Japans Schulsystem bilde Menschen weniger als eigenständige Staatsbürger aus – eher als produktive Arbeitskräfte, die formbar sind.
Wir freuen uns, dass Ihnen dieser Artikel gefällt.
Er ist Teil unserer Ausgabe Wohnen