Bureaux du cœur in Frankreich: Büros als Schlafplätze für Obdachlose
Büros mit Herz ❤️
In Frankreich öffnen Hunderte Firmen nachts ihre Räume für Wohnungslose. Eine Reportage aus Paris und Nantes.
• Abends, wenn es dunkel wird und alle Angestellten in den Feierabend aufbrechen, betritt Hademou Sylla das Bürogebäude. Er durchquert die weitläufige Lobby, nimmt den Aufzug in den vierten Stock, um in der Mitarbeiterküche Pasta zu kochen und Tee zu trinken. Dann stellt er sich unter die Dusche im Stockwerk darüber, manchmal schaut er noch die Nachrichten auf der Couch im Aufenthaltsraum. Schließlich fährt er hinab in die zweite Etage, um in seinem kleinen Zimmer zu schlafen, neben den gläsernen Konferenzräumen.
Seit einem Monat übernachtet Sylla im schicken Centre des jeunes dirigeants d’entreprise (CJD), einem sozial engagierten Unternehmerverband mit Sitz im 11. Arrondissement von Paris. „Hier habe ich alles, was ich brauche“, sagt der 35-Jährige. Zuvor hatte er keine feste Bleibe. Nachdem er 2022 aus Mauretanien nach Frankreich gekommen war, lebte er auf der Straße oder kam vorübergehend bei Freunden unter.
Der CJD ist Teil des Netzwerks Bureaux du cœur (Büros des Herzens). Unternehmen öffnen abends und am Wochenende ihre Räumlichkeiten für einen Wohnungslosen, entweder wie CJD das gesamte Gebäude oder nur bestimmte Zimmer. Dort übernachtet die Person und verlässt das Büro am Morgen wieder. Sie wird in der Regel für einen Zeitraum von drei Monaten aufgenommen. Hat sie danach keine andere Unterkunft gefunden, kann der Aufenthalt insgesamt auf bis zu sechs Monate verlängert werden.
Syllas Zimmer ist funktional eingerichtet: ein ausklappbares Schlafsofa, ein Nachttisch, ein kleiner Schrank, ein Waschbecken. Vorher befand sich hier ein Lagerraum. An der Wand hängt das Bild eines Hasen in hohem Gras, das Unternehmen wollte es dem Gast etwas wohnlich machen. Hademou Sylla hat an dem Zimmer, das er selbst sauber halten muss, nichts verändert. Nur auf dem Schrank liegen ein paar persönliche Gegenstände.
Er hat eine eigene Schlüsselkarte für das gesamte Gebäude, kann sich darin frei bewegen. Sein Alltag hat sich komplett verändert, seit er an dem Projekt teilnimmt. „Ich muss mir keine Sorgen mehr darüber machen, ob ich einen Schlafplatz finde“, sagt er. Tagsüber jobbt Sylla in einem Restaurant im Vorort, für eine eigene Wohnung reicht das Einkommen aber bislang nicht. In Zukunft möchte er in der Logistik arbeiten, als Kommissionierer.
Ein sozialer Verein, der mit dem Netzwerk Bureaux du cœur kooperiert, unterstützt ihn bei der Anfertigung von Bewerbungsunterlagen, dem Antrag auf eine Sozialwohnung und in anderen bürokratischen Angelegenheiten.
Er ist die erste Person, die der Unternehmerverband CJD in seinem Büro beherbergt. „Wir haben alles vorbereitet“, sagt Marie Nicolas. Sie ist für den Empfang und die Sicherheit im Haus zuständig. Für Syllas Aufenthalt musste sie den Vertrag mit der Gebäudeversicherung anpassen. Dabei und bei anderen Fragen habe das Team von Bureaux du cœur sie tatkräftig unterstützt, sagt Nicolas.
Auch Versicherungen tragen zum Gelingen der Projektinitiative bei, indem sie Verträge, die eigentlich nicht vorsehen, dass Menschen in Bürogebäuden wohnen, erweitern. Ein Beispiel ist Axa. Die Versicherung fügte eine Klausel in die Verträge ein, die Firmen erlaubt, Wohnungslose in ihren Räumen aufzunehmen.
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Ein Fremder im Büro
„Ich war anfangs etwas ängstlich“, sagt Marie Nicolas. Ein Fremder, der jede Nacht zum Schlafen ins Büro kommt: Wie sollte das mit der Alarmanlage funktionieren? Ihre Bedenken seien aber bald verschwunden, als sie Hademou Sylla kennenlernte. Nicolas informierte alle Mitarbeiter, dass Sylla im Büro unterkommt, und organisierte ein gemeinsames Frühstück. Inzwischen ist Syllas Anwesenheit selbstverständlich. Sobald er das Gebäude betritt, wird die Alarmanlage deaktiviert, so kann er sich in den Stockwerken frei bewegen. An einem Computer der Firma kann er E-Mails schreiben oder im Internet surfen.
Die Angestellten des CJD sieht Hademou Sylla selten. Ab und zu gibt es zufällige Begegnungen, wie kürzlich, als einige Mitarbeiter länger als gewöhnlich im Büro blieben. „Sie haben mich zu sich eingeladen, wir saßen fast bis Mitternacht zusammen“, erzählt Sylla. „Ein toller Abend!“
Die Stadt Paris veranstaltet jährlich im Januar die „Nuit de la Solidarité“: Freiwillige wandern eine Nacht lang durch die Straßen, durchkämmen Bahnhöfe und Parkhäuser, um die obdachlosen Menschen in der Stadt zu zählen und Hilfsangebote zu machen. Im Januar 2024 registrierten sie insgesamt 4.277 Personen. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen.
Und in der betronischen Stadt Nantes mit 600.000 Einwohnern weiß man nicht mal ungefähr, wie viele Obdachlose es gibt. Man weiß nur, wie viele davon umkommen: Laut dem Verein Les Morts de la Rue waren es zwischen Januar 2023 und Februar 2024 zwölf Menschen.
Der Gründer des Netzwerks Bureaux du cœur heißt Pierre-Yves Loaëc. Er leitet eine Marketingagentur in Nantes. Er empfängt in einem modern eingerichteten Büro inklusive Großraumküche und Sofas. Begonnen habe alles mit einer alltäglichen Beobachtung, sagt er. „Jeden Abend, wenn ich mein Büro verließ und in mein Auto stieg, sah ich eine Frau, die auf dem Parkplatz schlief.“ Und das, während sein Büro die ganze Nacht leerstand. So kam Loaëc auf die Idee der Bureaux du cœur. 2019 gründete er das Netzwerk, seitdem beherbergt auch seine Firma immer wieder Menschen ohne Zuhause.
Doch anfangs stieß das Projekt auf Skepsis. Auch bei etablierten sozialen Einrichtungen. „Man dachte, als Unternehmer hätten wir mit sozialen Fragen nichts am Hut.“ Zudem gebe es unter Hilfsorganisationen Rivalität – eine neue Initiative bedeute potenziell Konkurrenz um Fördermittel und Aufmerksamkeit. „Mittlerweile ist das Netzwerk aber anerkannt und arbeitet mit ausgewählten sozialen Trägern zusammen.“
Wer in einem Büro der Herzen unterkommen will, muss strenge Kriterien erfüllen: Die Wohnungslosen müssen alleinstehend und erwachsen sein, dürfen nicht unter Alkohol- oder Drogensucht und auch nicht unter schweren gesundheitlichen oder psychischen Problemen leiden. Haustiere sind nicht erlaubt. Zudem muss jede Person an einer begleiteten Eingliederungsmaßnahme teilnehmen, um möglichst schnell auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Eine solche Maßnahme kann eine konkrete Bewerbung, eine Ausbildung oder eine Umschulung sein.
Das schließt also einen großen Teil der Menschen, die auf der Straße leben, aus. „Wir können nicht jeden aufnehmen“, erklärt Loaëc. Nach seinem idealistischen Anfangsimpuls sei diese Einsicht eine Enttäuschung gewesen. Doch viele Obdachlose leiden unter körperlichen oder psychischen Problemen oder unter Suchtkrankheiten – und damit wären die teilnehmenden Unternehmen überfordert.
Der Frau, die Pierre-Yves Loaëc damals zu seinem Engagement inspirierte, begegnet er noch heute manchmal auf der Straße. Sie sei zu fragil, um am Projekt teilzunehmen, und auf dem Arbeitsmarkt kaum zu vermitteln, sagt er. Die Frau ist nach wie vor obdachlos.
Die strengen Teilnahmekriterien seien eine Art Garantie für die Firmen, die ihre Büros öffnen, sagt Loaëc. Bei der Auswahl kooperiert die Initiative mit lokalen Hilfsorganisationen für Wohnungs- und Obdachlose. Die Vereine schlagen geeignete Menschen vor. Pierre-Yves Loaëcs Team vermittelt einen von ihnen dann an ein Unternehmen aus dem Netzwerk.
Alle Parteien unterzeichnen einen Vertrag: Das Unternehmen stellt die Unterkunft, der Teilnehmer sucht während seines Aufenthalts nach einer Arbeitsstelle sowie nach einer langfristigen Bleibe, der Verein hilft dabei. Einmal im Monat tauschen sich alle Akteure aus, um über den Fortschritt zu sprechen.
Man merkt Loaëcs Ausdrucksweise an, dass er im Marketing arbeitet. Das Projekt der Bureaux du cœur wolle seinen Partnerunternehmen „eine möglichst konstruktive und angenehme Erfahrung bieten“, sagt er. Die Personen, die in den Büros übernachten, nennt er „invités“ – Eingeladene.
Lebt seit Wochen in einem Pariser Büro: der 35-jährige Hademou Sylla
Durchbruch im Lockdown
Grundsätzlich gilt: Ein beteiligtes Unternehmen nimmt nicht mehr als eine Person auf. Ein eigenes Zimmer wie im Pariser Gebäude des CJD ist eher die Ausnahme, oft schlafen die Wohnungslosen in Konferenz- oder Aufenthaltsräumen, die am Abend umfunktioniert werden.
Anfangs entwickelte sich das Projekt nur langsam. Als die Coronapandemie ausbrach, blieb ein Gast während des Lockdowns wochenlang allein im Büro. Den Durchbruch brachte ein Artikel im Mai 2020 in »Ouest-France«, Frankreichs auflagenstärkster regionaler Tageszeitung. „Das Echo war vollkommen verrückt“, sagt Loaëc. Bureaux du cœur erhielt Anfragen aus dem ganzen Land – von Firmen und sozialen Vereinen.
So wuchs das Netzwerk rasant: Heute sind 260 Firmen in 29 verschiedenen Städten beteiligt. Die Initiative erhalte noch immer mehr Anfragen, als sie bearbeiten könne, sagt Loaëc. „Wir sind daher von einem rein ehrenamtlichen auf ein Hybridmodell umgestiegen.“ So beschäftigt Bureaux du cœur mittlerweile acht Angestellte, dazu 210 Freiwillige im ganzen Land. Finanziell getragen wird das Projekt durch Förderung verschiedener Stiftungen sowie durch Spenden.
Dass sich so viele Firmen beteiligen, überrascht, zumal sie keinen direkten Nutzen davon haben. „Was wir den Firmen versprechen“, sagt Loaëc, „ist eine Erfahrung von Gemeinschaft.“ In der individualisierten Arbeitswelt, mit flexiblen Arbeitszeiten und Homeoffice, schwinde der soziale Zusammenhalt. Die gemeinsame Aufnahme eines Gasts trage zur Mitarbeiterbindung bei – „viel mehr als Bungeespringen und andere Teambuilding-Events.“
Der Gründer wirkt weniger wie ein eifriger Missionar, sondern eher wie jemand, der gerade ein gut durchdachtes Geschäftsmodell präsentiert.
Doch nicht alles laufe immer rund, räumt er ein. In einem Fall wurde ein Gast nicht ausreichend betreut; die Person lebte völlig abgeschottet und verwahrloste, die Unterkunft vermüllte. Der Vertrag musste aufgelöst werden. „Und einmal ist ein Teilnehmer mit einem Firmenauto abgehauen“, berichtet Loaëc. Aber auch in diesem Fall habe sich das Unternehmen nicht an die vorgegebenen Regeln gehalten: Es habe den Gast zu lange beherbergt und ihm zu viel anvertraut.
Wenn sich alle an die Regeln halten, sagt Loaëc, gebe es keine bösen Überraschungen. Und: „Fast 90 Prozent der Teilnehmer haben hinterher einen Job und eine Unterkunft.“
Bisher haben 600 Menschen ohne Zuhause durch das Programm eine Bleibe gefunden. Bis 2028 soll diese Zahl auf 7.000 steigen, ein ambitioniertes Ziel.
Loaëc will das Netzwerk europaweit ausbauen. In Lissabon, Barcelona und Brüssel gibt es bereits Partnerfirmen. „Als Nächstes kommt ja vielleicht Berlin oder München“, sagt er und fragt lächelnd: „Wie sagt man Bureaux du cœur auf Deutsch?“ ---
Pierre-Yves Loaëc, Gründer der Initiative, in seinem Büro in Nantes.
Ein Wohnungsloser, der unerkannt bleiben möchte, in seiner vorübergehenden Unterkunft