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Ein junger Mann mit dunklen, lockigen Haaren sitzt auf dem Boden eines großen, roten Raumes und arbeitet konzentriert auf einem Laptop. Im Hintergrund sind verschwommene Gestalten von Menschen in einem Auditorium zu erkennen. Der Raum ist mit hellen Lichtern beleuchtet, die eine ruhige Atmosphäre schaffen.
brand eins Container: Bildung # 07

Ein Land im Lernfieber

In Armenien besuchen Tausende Jugendliche in ihrer Freizeit Bildungszentren, um zu verstehen, wie man Websites gestaltet, Roboter baut oder Spiele entwickelt. Das Konzept ist so gut, dass Deutschland es kopiert. Ein Besuch beim Original.


• Das Drehkreuz markiert die Grenze zwischen draußen und drinnen, zwischen dem eigentlichen Armenien und diesem besonderen, schillernden. Es ist Montagnachmittag in Gyumri, einer Stadt, die 1988 von einem Erdbeben zerstört wurde und sich bis heute nicht ganz davon erholt hat. Aber das ist draußen, und jetzt zeigt die Uhr halb vier. Da dürfen die rund 30 Jugendlichen, die im Eingangsbereich schon warten, hinein. Mit Chipkarten, auf denen ihre Namen und Gesichter zu sehen sind, passieren sie das Drehkreuz. Tickets in ein Paralleluniversum.

Einige strömen in den Hörsaal, in dem alles signalrot ist: Wände, Stufen, Sitzsäcke. Dort holen sie sich Notebooks und sitzen bald über den Raum verteilt, still und konzentriert, wie man es aus Bibliotheken kennt. Andere wirken gut gelaunt, als kämen sie hierher, um etwas zu erleben, das in ihrem Alltag nicht vorkommt. Ein paar setzen sich in gläsernen Klassenzimmern an hochmoderne Computer.

Die Schülerinnen und Schüler des Bildungszentrums namens Tumo sind zwischen zwölf und 20 Jahre alt. Den halben Tag haben sie bereits in der regulären Schule verbracht. Jetzt könnten sie Fußball spielen oder Tiktok-Videos gucken, wie es andere in ihrem Alter tun. Doch sie sind hier, freiwillig. In Kursen lernen sie Programmieren, 3D-Animation, Grafikdesign, Computerspiel-Entwicklung oder Filmemachen – Dinge, die ihnen draußen niemand zeigt. Der Unterricht ist für sie kostenlos, landesweit besuchen Tausende regelmäßig die Lernzentren.

Das arme, vielfach geschlagene Armenien hat es geschafft, ein digitales Bildungskonzept zu entwickeln, das inzwischen von viel reicheren Ländern kopiert wird: Hierzulande gibt es bereits Tumo-Zentren in Berlin und Mannheim; auch Paris, Zürich und andere Städte haben eine Lizenz der Software gekauft.

All das ist nur möglich, weil viele Armenier, die das Land verlassen haben, sich ihrer Heimat tief verbunden fühlen. Von überallher schicken sie Geld, Wissen und Kontakte. Nur rund drei Millionen Armenier leben im Land, aber rund acht Millionen auf der Welt verteilt. Sie wollen anderen das ermöglichen, was sie selbst nicht hatten: eine Zukunft in Armenien.

All das ist aber auch nur deshalb möglich, weil die Menschen im Land mitmachen. Die Jugendlichen kommen in die Zentren, weil Bildung hier nicht Pflicht ist, sondern Verheißung. Ein Versprechen für etwas, das draußen selten ist: eine Chance.

Das Bild zeigt eine weitläufige Stadtlandschaft unter einem hellen Himmel. Im Vordergrund befindet sich ein modernes, rotes Gebäude mit flachem Dach und geometrischen Formen. Es steht auf einem Hügel und überblickt die darunterliegende Stadt, die aus vielen kleinen Häusern und Gebäuden besteht. Im Hintergrund erstrecken sich Berge. Die Vegetation ist spärlich, mit einigen Bäumen in Herbstfarben.

Das Zentrum in Gyumri steht gleich neben einer Ruine

Ein junges Mädchen mit langen, braunen Haaren und einem roten T-Shirt lächelt breit vor einer Anordnung von Robotermodellen. Die Modelle sind aus bunten Bausteinen und Kabeln aufgebaut und stehen auf einem weißen Tisch. Im Hintergrund ist ein heller Raum mit weiteren Robotern zu sehen. Das Mädchen scheint stolz und glücklich über ihre Kreationen zu sein.

„Tumo nimmt keine Energie, sondern gibt welche“: Nune Arakelyan, 16, im Robotik-Raum

Nune Arakelyan, 16

„Soll ich einfach erzählen?“, fragt Nune. Sie ist in das Tonstudio des Zentrums in Gyumri gekommen, weil man sich hier in Ruhe unterhalten kann – die Wände sind mit schalldämpfendem Schaumstoff ausgekleidet. Ja bitte, einfach erzählen.

Solange Nune zurückdenken kann, fühlte sie sich angezogen von dem Lernzentrum. Mit elf schlich sie durch den Park um dieses besondere Gebäude, das außen genauso signalrot ist wie innen. „Da will ich rein, habe ich immer gedacht“, sagt sie. „Mit zwölf, als ich endlich alt genug war, habe ich sofort angefangen.“

Der Eintritt in das andere Armenien beeindruckte sie tief. Weil die Organisatoren wissen, dass es vielen so geht, haben sie einen eigentlich bürokratischen Vorgang zum Ritual gemacht: Nune bekam wie alle die Chipkarte ausgestellt. Dazu wurde sie fotografiert, dann durfte sie die Hintergrundfarbe auswählen – Lila, Grün, Himmelblau, alles möglich. „Das war ein wichtiger Moment für mich“, sagt sie, „weil ich sofort das Gefühl hatte, selbst bestimmen zu können.“

Das Tonstudio hat eine Besonderheit: Ein Bewegungsmelder steuert die Lampen, und er ist etwas träge eingestellt. In den Gesprächen geht deshalb immer wieder das Licht aus, und man sitzt einander im Dunkeln gegenüber. Während die meisten Gesprächspartner, die man hier einen nach dem anderen trifft, erst dann anfangen, mit den Armen zu fuchteln, hat Nune sofort eine Idee. Sie setzt sich um, in einen Bürostuhl. Darin dreht sie sich nun rhythmisch hin und her, während sie – bei Licht – erzählt und erzählt und man herauszufinden versucht, warum sie freiwillig so viel Zeit mit dem Lernen verbringt.

Das sei ihr gar nicht das Wichtigste, sagt sie. Robotik, Programmieren, Webdesign, 3D-Animation, das habe sie zwar alles schon gemacht, aber noch mehr gehe es ihr um die Leute. „Ich habe hier Freunde gefunden“, sagt sie. Deshalb sei es nicht anstrengend, auch nach der Schule oder am Wochenende zu kommen. „Tumo nimmt keine Energie, sondern gibt welche.“

Dann erzählt sie von den dunklen Jahren ihres jungen Lebens, und man begreift, dass ihre Leichtigkeit nicht selbstverständlich ist: Irgendwann kam der Tag, an dem Nune aus ihrem Alltag und der Heimat herausgerissen wurde. Als die Bank, bei der ihr Vater angestellt war, strauchelte, ging er nach Russland, um Geld zu verdienen. Viele Armenier tun das, weil es in ihrem Land nicht genug Arbeitsplätze gibt. Selbst Akademiker arbeiten dort auf dem Bau. Nune zog mit ihrer Familie hinterher, drei Jahre lebte sie in Russland. „Als ich zurückkam, sprach ich besser Russisch als Armenisch“, sagt sie. Tumo half ihr, wieder anzukommen. In dieser Welt, die sich von der da draußen nicht krasser unterscheiden könnte.

Ein weiter Blick über eine Stadtlandschaft bei Sonnenuntergang. Mehrstöckige Gebäude dominieren das Bild, mit einer Mischung aus hellen und dunklen Fassaden. Die Atmosphäre ist ruhig und friedlich, mit warmen Farbtönen am Himmel.

Morgenstimmung in Jerevan

Weitläufige Aufnahme einer Stadtlandschaft vor dem Hintergrund eines hohen, schneebedeckten Berges. Die Stadt besteht aus vielen kleinen Häusern mit roten Dächern, die sich über eine Hügellandschaft erstrecken. Im Vordergrund sind Bäume mit herbstlichen Farben zu sehen. Das Ambiente wirkt ruhig und sonnig.

Den erloschenen Vulkan Aragaz sieht man von Gyumri aus

Eine Frau mittleren Alters mit kurzem, grau meliertem Haar steht lächelnd in einem hellen, modernen Raum. Sie trägt eine beigefarbene Strickjacke über einem weißen Hemd, blaue Hosen und schwarze Schuhe. Um ihren Hals hängt eine bunte Kette. Im Hintergrund befindet sich ein großes Bücherregal und moderne Möbel.

Marie Lou Papazian, die mit ihrem Mann Pegor die Tumo-Zentren in Armenien gegründet hat und leitet, in ihrem Büro in Jerevan


„Für uns gibt es nur den einen Weg: gute Bildung.“

Gyumri, gut 100.000 Einwohner, zwei Autostunden nördlich der armenischen Hauptstadt Jerevan gelegen, wurde 1988 von einem Erdbeben fast ausgelöscht. Historische Bilder zeigen eine Landschaft aus Trümmern. Viele machten damals die Sowjetunion verantwortlich, zu der Armenien gehörte: für die fragilen Bauten, die sofort einstürzten, dafür, dass nur wenige Verschüttete gerettet und die Verletzten spät versorgt wurden, dafür, dass Zehntausende starben.

Um zu verstehen, wie die Vergangenheit die Stadt immer noch im Griff hält, geht man am besten noch einmal auf Distanz und nähert sich langsam. Außerhalb Gyumris, ganz im Norden, ragen Skelette aus Beton in den Himmel. Nach der Katastrophe hatten sowjetische Betriebe begonnen, dort Wohnblocks zu errichten – doch nur, bis die UdSSR 1991 zerfiel und Armenien unabhängig wurde. Die Häuser blieben unfertig stehen. Fährt man weiter, sieht man Wohnblocks, die nach dem Erdbeben zwar vollendet wurden; durchschnittliche Familien können es sich jedoch kaum leisten, sie zu heizen. Noch schlimmer ist der bitterkalte armenische Winter für diejenigen, die immer noch in Verschlägen aus Blech wohnen, den sogenannten Domiks.


 

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Aus der Not heraus haben die Menschen gelernt, zu improvisieren. Im Zentrum gab es einst eine Markthalle, einen belebten Treffpunkt, der Händler von weit her anzog. Von dem Gebäude stehen nur noch Mauern, die Verkäufer wichen auf die Gehwege rundherum aus. Sie haben blaue und weiße Plastikplanen über die Gänge gespannt, in denen sie Kaffeebohnen und getrocknete Aprikosen anbieten. An manchen Ständen kann man ganze Schweineköpfe kaufen.

Nachts lässt sich ein bizarres Schauspiel beobachten: In geparkten Autos, oft alte Lada, sitzen Männer, einer am Steuer, einer auf dem Beifahrersitz, aber sie fahren nicht los. Sie treffen sich dort, um sich zu unterhalten. Wegen der Minustemperaturen machen sie ab und zu den Motor an, damit die Heizung läuft.

Und immer wieder Ruinen, als sei die Katastrophe gerade erst passiert. Direkt neben dem schicken Tumo-Zentrum steht ein Gebäude, das kein Dach und keine Fensterscheiben mehr hat. Am Boden liegen leere Limodosen und Pappbecher, während im Raum daneben noch Fetzen einer gemusterten Tapete hängen.

Bis heute wird Armenien in den Nachrichten gewöhnlich im Zusammenhang mit Tragödien erwähnt. 2020 verlor das Land einen Krieg gegen Aserbaidschan um die Region Bergkarabach. Drei Jahre später wurden die dort lebenden Armenier vertrieben. Die Fernsehkameras zeigten Menschen in vollgepackten Autos, die in Kolonnen aus ihrer Heimat flohen, manche hatten Matratzen auf das Dach geschnallt. Das kleine Land ist umgeben von Feinden, Russland hat immer noch großen Einfluss. Und trotzdem: Hier lebt etwas, das größer ist als die Vergangenheit und das man in den Gesprächen mit den Jugendlichen spürt – Lust auf die Zukunft.

Ein moderner Tonraum mit zwei Arbeitsplätzen. An den grauen Wänden befinden sich rote schallisolierende Elemente. Zwei Computer stehen auf Schreibtischen, gegenüber befindet sich ein großer Bildschirm auf einem mobilen Wagen. Rote Heizkörper sind unter dem Bildschirm angebracht. Die Decke ist rot beleuchtet.

Die Lernzentren sind in ganz Armenien modern ausgestattet

Valzhan Mkrtchyan, 20

Der Eintritt in die Tumo-Welt mag für viele aufregend sein, Valzhan versetzte er in Panik. „Ich hatte von Verwandten gehört, dass man hier Robotik lernen kann, und das wollte ich unbedingt“, sagt er. „Aber als ich das erste Mal das Gebäude betrat, war das so beängstigend, dass ich am liebsten weggerannt wäre.“ Er war zwölf und kam von außerhalb Gyumris, „ein kleiner Junge vom Dorf“. Nur wegen der Roboter sei er geblieben.

Während andere nur kurz überwältigt sind und dann hineinfinden in dieses Paralleluniversum, tat Valzhan sich lange schwer. Vor allem damit, dass die Schülerinnen und Schüler selbstständig lernen. Sie wählen Fächer und schaffen mit einer Software die Grundlagen. Das Lernprogramm ist spielerisch aufgebaut, mit großen Zielen und Zwischenetappen. Für die meisten funktioniert das sofort, für Valzhan nicht. „Ich fand mich einfach nicht zurecht“, sagt er.

Bis heute wirkt er zurückhaltend. Auf seinem Stuhl im Tonstudio hockt er so vorsichtig, als vertraute er nicht darauf, dass er trägt. Die Hände presst er zwischen den Knien zusammen, sodass er noch schmaler wirkt. Wenn er spricht, tastet er sich von Satz zu Satz, Blickkontakt sucht er nur vorsichtig. Doch auch wenn man es ihm nicht sofort anmerken mag: Seine Stärke ist, dass er trotzdem immer weitermacht.

Als Valzhan nicht ankam in dieser Welt, passierte das, was in solchen Fällen bei Tumo eben passiert: Die sogenannten Coaches begannen ein Intensivprogramm. Im roten Hörsaal kann man sie bei ihrer Arbeit beobachten. Ab und zu heben Schüler die Hand, und die Trainer, meist in den Zwanzigern, kommen zu Hilfe. Sie kennen die Selbstlern-Software so gut, dass sie zwischen einer Frage zu Grafikdesign hier und einer zu Robotik dort springen können.

Doch sie sind nicht nur fürs Wissen zuständig, sondern auch für das innere Chaos, mit dem Teenager überall auf der Welt zu kämpfen haben – Unsicherheit, Selbstzweifel, manchmal Wut. Und für den Kulturschock, den manche hier erst einmal überwinden müssen.

Valzhan scheiterte wieder und wieder. Nur, dass es dieses Wort nicht gibt bei Tumo – Scheitern. Die Coaches sagen stattdessen: „Mach den Kurs doch noch mal, dann wirst du noch besser.“ Zu Valzhan sagten sie das oft. Sie erklärten, kümmerten sich, stützten ihn, bis er irgendwann Boden unter den Füßen fand.

Heute studiert Valzhan 3D-Animation und kommt trotzdem noch regelmäßig ins Zentrum. „Meine Coaches haben mir die Angst genommen“, sagt er. „Sie sind meine Familie geworden.“

Das Bild zeigt eine Industrieanlage vor dem Hintergrund einer kargen Berglandschaft. Im Vordergrund sind mehrere verfallene Gebäude mit vielen Fenstern zu sehen. Dahinter erstreckt sich ein komplexes Areal aus Fabrikhallen, Rohren und einem hohen Schornstein, der in den blauen Himmel ragt. Die Anlage wirkt verlassen und heruntergekommen, die Berge unterstreichen die trostlose Atmosphäre.

Eine stillgelegte Kupferhütte in Alaverdi im Norden Armeniens

Das ist das Geheimnis dieses Lernkonzepts: Es ist keines. Tumo steht vielmehr für ein Lebensgefühl, zu dem eine unbändige Lust am Lernen gehört. Aber auch:

Mitbestimmung – Ursprünglich hieß die Initiative „Zentrum für kreative Technologien“. Aber das Gebäude, das 2011 in Jerevan als erstes eröffnet wurde, liegt in einem Park, der nach einem wichtigen armenischen Dichter benannt ist: Hovhannes Tumanyan. Die Schüler sagten bald nur noch: „Ich geh ins Tumo“ – und irgendwann wurde ihr Name zum offiziellen.

Gemeinschaft – Viele sagen, sie hätten bei Tumo Freunde gefunden. Dass sie alle unterschiedlich seien, spiele dabei keine Rolle. In einem Gespräch mit drei Jungs, die gemeinsam eine App entwickeln, erlebt man, wie das aussehen kann: Zwei kommen aus bildungsnahen Familien, einer ist der Sohn eines Bauarbeiters und spricht kein Englisch. Die beiden anderen übersetzen für ihn, und es gelingt ihnen, das völlig beiläufig zu tun. Sie lehnen sich zurück und sprechen ihm ins Ohr, als müsse man kurz unter Kumpels etwas klären.

Erfolgserlebnisse – Im Raum für Robotik des Zentrums in Gyumri steht ein grünes Wesen aus Kunststoff, das an einen Vogel erinnert. Mit der Kamera an seinem Kopf erkennt er Farben, auf Befehl pickt er nach Bausteinen und sortiert sie: grüne ins grüne Körbchen, blau zu blau, pink zu pink. Ein banaler Vorgang und doch ein Triumph – ohne die Jugendlichen könnte die Maschine das nicht.

Rock ’n’ Roll – Viele Menschen unterstützen Tumo, darunter Beschäftigte des MIT, der Nasa, von Disney oder Microsoft – und Serj Tankian. Er hat armenische Wurzeln, war als Sänger der Metal-Band „System of a Down“ um die Jahrtausendwende erfolgreich und gründete dann ein eigenes Musiklabel. Zur Eröffnung 2011 trat er im Park vor dem Zentrum in Jerevan auf, anschließend half er, die Tonstudios auszurüsten. An seiner Begeisterung lässt er alle teilhaben: Das Konzept sei „genial“, die Umsetzung „unglaublich“, und er sei stolz, von Anfang an dabei gewesen zu sein, sagte er dem Magazin »Forbes«.

Das Lebensgefühl, das aus all dem entsteht, soll Großes bewirken: Es soll von innen nach außen fließen, damit Armenien aufblüht. Tumo will „lebensverändernde Lernerfahrungen“ ermöglichen und eine „gesamte Generation junger Menschen dabei unterstützen, Fähigkeiten, Werte und Wissen zu gewinnen, die sie brauchen, um exzellente Leistungen zu bringen“. So formuliert die Initiative ihre ambitionierten Ziele.

Können die Jugendlichen diese Erwartungen erfüllen?

Eine junge Frau mit langen, dunklen Haaren steht lächelnd in einem hellen Raum mit modernen, vertikalen Säulen. Sie trägt ein schwarzes Oberteil und eine graue Hose mit Gürtel. Ihr Spiegelbild ist in einer Glasfläche zu sehen.

Karine Asloyan, 23, ist Programmiererin und unterrichtet Spieleentwicklung im Tumo-Zentrum in Jerevan

Ein heller, moderner Raum mit mehreren Personen, die an Computern arbeiten. Die Menschen sitzen an einzelnen Schreibtischen vor Bildschirmen und scheinen konzentriert zu sein. Der Raum ist durch Glaswände unterteilt, was eine offene und kommunikative Atmosphäre schafft. Die vorherrschenden Farben sind Grau und Grün.

Im Lernzentrum in Jerevan gestalten Schüler virtuelle Welten

Karine Asloyan, 23

Das Lernzentrum in der armenischen Hauptstadt Jerevan könnte auch der Campus einer amerikanischen Techfirma sein, mit der Halle im Erdgeschoss, dem Kinosaal und den gläsernen Klassenzimmern im ersten Stock. Wer hier im Unterricht sitzt, hat schon mit der Software im jeweiligen Fach die Grundlagen geschaffen und das nächste Level erreicht.

Karine Asloyan leitet einen Workshop zu Computerspiel-Entwicklung. Die Teilnehmer sitzen zwischen Glasscheiben und knallgrünen Wänden an Rechnern und tüfteln: Sie sollen eine Umgebung so gestalten, dass der Spieler seine Figur intuitiv hindurchsteuern kann. Als Protagonisten konnten die Schüler einen Menschen oder einen Wolf wählen.

Auf den Bildschirmen sieht man Wald, Flüsse und viele Wölfe. Eigentlich können die Tiere rennen, schwimmen und heulen. „Aber die Funktion Heulen mussten wir abschalten“, sagt die Leiterin und lacht. Die Schüler hätten alle zugleich ihre Wölfe heulen lassen. „Das konnte ich mit meiner Stimme nicht übertönen.“

Karine Asloyan war selbst Tumo-Schülerin. Ihr inzwischen verstorbener Vater unterstützte sie dabei. Er war Geschäftsmann und glaubte, dass Programmieren die Zukunft sei. „Er war so begeistert von Tumo“, sagt Asloyan, „manchmal stand er draußen vor dem Klassenzimmer und feuerte mich durch die Fenster an.“ Sie hebt die Fäuste auf halbe Höhe. „Wirklich so, mit dieser Geste.“

Auf einem Foto von ihr aus dem Jahr 2018 sieht man sie am Rechner, und ein besonderer Gast schaut ihr über die Schulter: die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel. Asloyan, damals 17, wirkt wie ein gelangweilter Teenager, den Kopf in die Hand gestützt. „Nein, nein“, sagt sie heute, „das sieht nur so aus. Ich war total aufgeregt, als sie ausgerechnet zu mir kam.“ Sie habe gerade ein Labyrinth aus Maispflanzen virtuell gestaltet. Das schien der Kanzlerin zu gefallen, sie blickte entzückt auf den Bildschirm. „Ich bin schockiert, aber in einem positiven Sinn“, sagte Merkel nach ihrem Rundgang und beschloss: Das brauchen wir auch. Die Initialzündung für die Tumo-Zentren in Deutschland.

Am nächsten Tag sitzt Karine Asloyan in einem Café im Zentrum Jerevans, das in vielen Vierteln europäischer wirkt als Gyumri, hier aber besonders. Studenten und Freiberufler treffen sich zum Coworking, Baristas zeichnen Muster in den Milchschaum. Asloyan ist gerade von der Uni gekommen. Nach ihrem Bachelor in Informatik bereitet sie sich auf ihren Master in Business vor, am Tumo-Zentrum ist sie in Teilzeit angestellt.

Was sie auf ihrem Notebook zeigt, lässt erahnen, was Tumo langfristig in Armenien bewirken könnte. Auf dem Bildschirm lenkt sie ein Auto durch Häuserschluchten – ein Spiel, mit dem Fahrschüler für die theoretische Prüfung üben sollen, sie hat es selbst gestaltet. „Das Stadtbild individualisiere ich noch“, sagt sie. Zunächst soll man Jerevan erkennen, später will sie eine Firma gründen und expandieren. „In der italienischen Version fährt man dann durch Rom.“ Wenn alles klappt, schafft sie so Arbeitsplätze in einer Zukunftsbranche.

In diesen Tagen in Armenien trifft man viele Menschen, die wie Karine Asloyan Zuversicht ausstrahlen, trotz des Leids, das das Land sowohl in seiner langen Geschichte als auch jüngst erfahren hat. Während hier viele das Thema Politik meiden, spricht sie offen darüber. Sie sehe vieles positiv, aber nicht die Lage ihres Landes, sagt sie. „Die Leute, die 2020 in den Krieg mussten, waren meine Mitschüler.“ Um ihre Angst um sie auszuhalten, habe sie jeden Tag in der Bibel gelesen. Armenien ist ein sehr christliches Land. „Meine Freunde schrieben immer nur kurz an ihre Familien, ‚Bin okay‘, mehr nicht.“ Manche schrieben irgendwann nicht mehr.

Eine ältere Frau steht lächelnd an einem Marktstand. Sie trägt eine Wintermütze, einen dunklen Mantel und einen Schal. Ihre Hände sind vor dem Bauch verschränkt. Im Hintergrund sind weitere Personen und verschiedene Waren auf Tischen zu sehen. Die Atmosphäre wirkt belebt und freundlich.

Verkäuferin auf dem Markt in Gyumri

Tumo soll etwas anstoßen, das Armenien über Jahrzehnte bewegen wird. Manchmal muss man sich in diesem aufgeriebenen Land jedoch auch kurzfristig helfen. Nach der Vertreibung der Armenier aus Bergkarabach fanden die Lehrer von dort im Rest des Landes Anstellung. Man richtete Unterkünfte für Jugendliche und ihre Familien ein, unterstützte sie medizinisch und psychologisch. Ein kleiner Sieg. Aber noch gibt es viele Wunden zu versorgen. ---

Wie Tumo entstand

Vor knapp 20 Jahren beschlossen Sam und Sylva Simonian, für Armenien ein neuartiges Lernkonzept zu entwickeln. Ihre Vorfahren stammen aus dem Land, sie selbst leben in den USA und wurden dort erfolgreich mit dem Telekommunikationsunternehmen Inet. Zu den Beratern des digitalen Bildungsprogramms gehören Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Uber, Twitter, Nvidia oder Pixar.

Die Spenden – viele kommen von ausgewanderten Armeniern – ermöglichen es den Jugendlichen, kostenlos teilzunehmen. Damit auch diejenigen aus ländlichen Regionen mitmachen können, hat man dort Schiffscontainer aufgestellt und mit Computern ausgestattet.

Hinter der Software und dem Lernkonzept stehen Marie Lou Papazian und ihr Mann Pegor, die Geschäftsführer. Sie lebten lange in den USA. Dort arbeitete sie als Ingenieurin und bildete sich in Pädagogik fort. 2005 zog sie mit ihrem Mann, Architekt und Computerwissenschaftler, zurück in die armenische Hauptstadt Jerevan. Die Geldgeber – Sam und Sylva Simonian –suchten jemanden, der das Konzept vor Ort entwickeln könnte. Armenier sind gut miteinander vernetzt, so fanden sie die Papazians.

Wie gut das Konzept funktioniert, hat die Organisation 2023 von der amerikanischen Beratungsfirma Dalberg untersuchen lassen, die sich auf philanthropische Initiativen spezialisiert hat. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe hatten die Tumo-Schülerinnen und -Schüler klarere Vorstellungen von ihren Berufswünschen, erzielten an Schulen und Universitäten bessere Ergebnisse, waren weltoffener und engagierten sich öfter sozial, politisch oder für die Umwelt.

Hat man bei Tumo keine Angst, dass all die gut ausgebildeten jungen Menschen abwandern? Etliche Absolventen studieren oder arbeiten bereits in anderen Ländern. Marie Lou Papazian sieht das so: „Selbstverständlich wünschen wir uns, dass sie im Land bleiben.“ Aber was sei die Alternative? Die jungen Menschen mit schlechter Bildung zu halten? „Für uns gibt es nur den einen Weg: gute Bildung.“

Der Lernpfad

— Jugendliche zwischen zwölf und 20 Jahren besuchen die Zentren an ein bis zwei Tagen in der Woche.

— Nach einer vierwöchigen Einführung erarbeiten sie sich Grundlagen in den Fächern ihrer Wahl mithilfe einer Selbstlern-Software. Bei Fragen helfen Coaches. In den umgebauten Schiffscontainern in ländlichen Regionen lernen die Jugendlichen ausschließlich mit der Software, für Workshops werden sie in das nächstgelegene Zentrum gebracht.

— In den Workshops vertiefen die Jugendlichen ihr Wissen. Die Leiter, die selbst Profis auf ihrem Gebiet sind, stehen wie Lehrer vor der Gruppe und unterrichten.

Tumo in Zahlen

Zahl der Zentren in Armenien: 6
Zahl der Zentren außerhalb Armeniens: 10

Zahl der Schülerinnen und Schüler, die das Angebot aktuell nutzen: rund 23.000
Zahl der Alumni: rund 88.000

Betrag, der aktuell in einer Spendenkampagne eingeworben wird, um weitere 16 Zentren und 110 Boxen in Armenien zu errichten, in Millionen Dollar: 60

Die Geschichte

des Landes ist leidvoll. Im Osmanischen Reich lebten viele Armenier, die um 1900 zunehmend unterdrückt wurden. Dabei ging es auch um Religion: Die Menschen im Land sind überwiegend christlich, ihre Nachbarn mehrheitlich muslimisch. 1915 wurden Armenier aus der heutigen Türkei deportiert, bis zu 1,5 Millionen Menschen wurden auf Todesmärsche geschickt. Die Türkei leugnet den Völkermord an den Armeniern bis heute.

1918 wurde die Republik Armenien ausgerufen, die kurz darauf jedoch unter kommunistische Herrschaft fiel. Der Staat gehörte zur Sowjetunion und wurde erst nach deren Zerfall 1991 wieder unabhängig. Anschließend entwickelten sich teils autoritäre, von Korruption geprägte Strukturen. Die sogenannte stille Revolution 2018 brachte Hoffnung: Durch Proteste gelang es der Bevölkerung, den proeuropäischen, demokratisch orientierten Ministerpräsidenten Nikol Pashinjan ins Amt zu heben, das er bis heute innehat.

Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach schwelt schon lange. Im Jahr 2020 kam es zu einem viermonatigen Krieg, den Aserbaidschan gewann. 2023 wurden die in Bergkarabach lebenden Armenier von Aserbaidschan vertrieben.

Berühmte Menschen mit armenischen Wurzeln sind der Chanson-Sänger Charles Aznavour, der frühere Tennisspieler André Agassi und die Kardashians.

Unser Leser

Martin Dünser aus Vorarlberg hat uns auf diese Geschichte aufmerksam gemacht. Er will künftig außerhalb der Stadt Gyumri Safran anbauen, diesen exportieren und im Anbaugebiet eine Tumo-Box finanzieren.

Ein brand eins Container ist ein Ort im Heft, an dem wir Themen von Ausgabe zu Ausgabe weiterentwickeln. Ein offenes, flexibles Format, das nicht wie eine Serie von vornherein fertig konzipiert ist, sondern sich mit Ihren Anregungen und Wünschen entwickelt.

Verantwortlich für diesen Container zum Thema Bildung ist Gabriele Fischer, die sich über Ideen, Anregungen und Kritik freut: [email protected]