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Yaël Meier

Eine junge Frau aus der Schweiz erklärt der Wirtschaft, wie man die Besten aus der Gen Z findet und zu Höchstleistungen führt. Die Chefs lieben sie dafür, das Internet nicht.



Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 10/2025.

Yaël Meier in ihrer Firma ZEAM.
Sie sitzt auf einer Stufe oder Bank und blickt zur Seite. Sie trägt Sneaker, Jeans und eine weiße Bluse.
Das Bild ist schwarz-weiss.

• Frühreife Kinder können es weit bringen, aber auch ganz schön nerven. Yaël Meier zum Beispiel. Mit sechs Jahren überspringt sie die erste Klasse: hochbegabt. Mit sieben verkauft sie Kaffee und Kuchen am Fähranleger in ihrem Dorf am Vierwaldstätter See. Mit 14 hat sie die Hauptrolle im Spielfilm „Upload“. Es geht um Sexting. Mit 17 macht sie Abitur. Mit 19 schreibt sie für »Blick«, die größte Schweizer Boulevardzeitung. Kurz darauf gründet sie eine Agentur. Mit 20 wird sie schwanger. Mit 22 wieder. Da ist sie bereits die meistgefragte Keynote-Speakerin der Schweiz, kassiert bis zu 15.000 Franken (rund 16.000 Euro) pro Auftritt.

Jetzt ist sie 25, ein drittes Mal schwanger – und hat so viele Hater wie sonst kaum jemand in der Schweiz. Und das nur, weil sie die verrückte Idee hatte, sich selbst zur hauptberuflichen Sprecherin der Generation Z (geboren zwischen 1995 und 2010) zu erklären, damit erfolgreich ist (ihre Agentur Zeam hat heute 32 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) und auch noch gut aussieht, was ihr immer wieder vorgeworfen wird.

Eine kleine Auswahl an Kommentaren aus einem Schweizer Subreddit im Internetforum Reddit:

„Sie ist Möchtegernschauspielerin aus reichem Elternhaus, der Vater ihres Mannes/Partners ist Chefredaktor beim »Blick«, der immer wieder wohlwollend berichtet.“ (Nur das mit dem Chefredakteur stimmt.)

„Consultants sind scho immer abschaum gsie, die isch eifach next level.“ (Auf Hochdeutsch: Consultants waren schon immer Abschaum, sie ist einfach next level.)

„Nepo dogshit.“ (Ein Nepo-Baby ist in der Jugendsprache eine Person, die nur wegen ihrer Eltern Erfolg hat.)

„Bin kein Fan vo Bashing aber die ganz Firma git mir seltsami Vibes … Ich frög mich ehrlich, wer die Services in Aspruch nimmt und zahlt …“

(Auf Hochdeutsch: Ich bin kein Fan von Bashing, aber die ganze Firma gibt mir seltsame Vibes. Ich frage mich ehrlich, wer die Services in Anspruch nimmt und zahlt.)

„Tja“, sagt Meier, „Porsche, Zalando, Post Finance, Cupra, Migros, Vodafone, Warner Brothers, um nur ein paar zu nennen.“ Sie hat kein Problem mit Namedropping. „Als junge Frau in der Wirtschaft kann ich mir Bescheidenheit nicht leisten.“

Außerdem besetzt sie eine Marktlücke als Gen-Z-Evangelistin. Die meisten Unternehmensberater sind so alt wie ihre Kunden, also ziemlich alt im Vergleich zu Meier. Sie reden zwar klug daher, haben aber in Wirklichkeit auch nicht mehr Ahnung als ihre Auftraggeber, wie die Gen-Z tickt. Was wollen die Jungen? Was kaufen sie? Wo findet man sie? Wie kriegt man sie? Und wenn man sie hat, wie kriegt man sie zum Arbeiten?

Schön, dass Meier auf all das Antworten hat. Start-ups muss sie nichts erzählen, die sind von allein jung genug. Aber zum Beispiel die Stadtsparkasse Düsseldorf oder der Schweizer Schuhhändler Dosenbach können eine Frischzellenkur gut gebrauchen. „In welchem Aufsichtsrat sitzt denn eine Zwanzigjährige?“, fragt Yaël Meier. „Welcher CEO holt den Praktikanten in die Vorstandssitzung?“ Na bitte!

Bei Volvo war sie mal hochschwanger als Stargast eingeladen. Lauter wichtige Leute. Meier fragte von der Bühne herab: „Wissen Sie noch, was Sie am 11. September 2001 gemacht haben?“ Natürlich! Das war der Tag, als die Flugzeuge ins World Trade Center krachten, der Tag, der die Welt veränderte. „Die Gen Z erinnert sich nicht daran“, sagte Meier kühl, „die meisten von uns haben damals noch gar nicht gelebt.“ Da sah man ein paar erstaunte Gesichter im Publikum. „Ach ja, stimmt!“ Hätte man auch selbst mal drauf kommen können.

Plötzlich sind diese Zwanzigjährigen erwachsen und eine relevante Zielgruppe. Und in vielen Punkten ticken sie ganz anders als die Millennials oder die Generation X. „Die Gen Z findet Sprüche problematisch, die früher am Arbeitsplatz vielleicht alltäglich waren, heute aber nicht mehr in Ordnung sind“, sagt Meier. „Was aber auch schwierig ist: Wenn ältere Menschen verdruckst herumreden, weil sie nicht wissen, was man noch sagen darf.“

Ein Mitarbeiter von Yaël Meier und Jo Dietrich in ihrer Firma ZEAM.
Das Bild ist schwarz-weiß. Der Mitarbeiter trägt ein Käppi und schaut zur Seite.

Durchschnittsalter 21 Jahre – die Firma Zeam

Das Bild ist eine Nahaufnahme. Zu sehen sind im Anschnitt ein Apple Laptop, das eine bunte Oberfläche hat, ein weißer Hopfhörer und ein Stück Kuchen auf einer Serviette.

Kein Bock auf Massenabfertigung

Meier postet Bilder von sich im Bikini oder in New York mit String über dem Bund und zu Hause in Vitznau am Vierwaldstätter See mit Babybauch. Sie hat 68.000 Follower auf Instagram, 172.000 auf Linkedin, 210.000 auf Tiktok.

Die Gen Z tickt anders, das ist das Mantra. Firmenstände auf Jobmessen? „Funktioniert überhaupt nicht gut“, sagt Jo Dietrich, 28, der berufliche und private Partner von Yaël Meier. Altbacken, Massenabfertigung. Die Agentur Zeam, bei der Dietrich als Co-Founder fungiert, hat für Porsche eine ganz andere Kampagne für Social Media aufgelegt. Samt Einladung ins Produktionszentrum für MINT-Studis mit Top-Noten. Intime Einblicke ins Unternehmen, personalisierte Gespräche, leckere Häppchen, Wertschätzung als Vorschuss. Und immerhin Dietrich ist mit seiner Kampagne zufrieden: alle begeistert, zig geile Typen eingestellt. Mal sehen, ob die helfen können, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Porsche geht’s gerade gar nicht gut.

Die Performance der neuen Gen-Z-Mitarbeiter hängt auch davon ab, ob man in den Unternehmen verstanden hat, wie man mit ihnen umgehen muss. Bossgehabe kommt bei den Jungen gar nicht gut an. Im Gegensatz zu den rund 20 Millionen Boomern und fast 17 Millionen Millennials zählt die Gen Z gerade mal zwölf Millionen Menschen. Zehntausende von Ausbildungsplätzen, vor allem im Handwerk und im Gesundheitswesen, sind unbesetzt. Auch in der IT-Branche herrscht trotz schwächelnder Konjunktur nach wie vor Personalmangel.

Einstellungskriterium: super unique

Von ihren Chefs erwartet ihre Generation eigentlich nur drei Dinge, sagt Yaël Meier: erstens Türen öffnen und Tipps geben. Zweitens Verantwortung übertragen und dafür bezahlen. Drittens Platz machen und abgeben.

Das klingt gut, aber nicht jeder kriegt es hin. Meier selbst stellt nur Leute ein, die jung und gleichzeitig Führungspersönlichkeiten sind. Jung, weil die Competition um High Potentials (in der Gen Z redet man gern mit Anglizismen) bei den Ende-20-Jährigen massiv ist, bei den gerade mal Volljährigen dagegen noch nicht. Da kann man noch richtige Schnäppchen machen. Ähnlich wie etwa bei Sporttalenten. Kleine Lamine Yamals, das Wunderkind vom FC Barcelona, gibt es nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern auch in der Wirtschaft. Man muss sie nur finden und fördern. Das Durchschnittsalter der 32 Zeam-Mitarbeiter ist 21 Jahre. Jo Dietrich ist mit 28 der älteste. Der jüngste ist gerade mal 17. Wenn man nur Leute aus der eigenen Altersgruppe einstellt, verjüngt sich der Betrieb nie.

Das mit der Führungspersönlichkeit ist komplizierter. Niemand kann erwarten, dass ein Minderjähriger Führungserfahrung in großen Teams hat. Aber er kann sich selbst schon zum Erfolg geführt haben. Als Model, Youtuber, Influencer, Nachwuchspolitiker, Sportler. „Danach suchen wir“, sagt Meier, „Schulabschlüsse und Studium sind nicht so wichtig.“ Sie fragt lieber nach Skills als nach Zeugnissen. Was ist das Alleinstellungsmerkmal der Bewerberin? Was können wir von ihr lernen (statt: Was kann sie von uns lernen?)?

Alex de Jesus Afonso, 25, zum Beispiel ist Production Lead und seit drei Jahren fürs Bewegtbild bei Zeam verantwortlich. Sein Benefit bei der Einstellung war nicht, dass er so gut Videos schneiden konnte, das können viele. Sondern dass er unter dem Benutzernamen verfluecht auf Rednote, dem chinesischen Tiktok, mit seinem 600er-Zoom-Objektiv und Fotos von Murmeltier, Steinbock und Gämse rund 160.000 Follower hat. „Wir alle bei Zeam haben eine Geschichte, die super unique ist“, sagt er. „Alles muss crazy sein. Und weil wir so jung sind und vieles zum ersten Mal machen, gibt’s natürlich Fehler.“ Meier findet das okay. „Früher war es so: Man musste sich bewähren, dann hat man Verantwortung gekriegt. Da macht die Gen Z nicht mit. Die will sofort Verantwortung und sich dabei bewähren. Das ist ein Paradigmenwechsel. Wer das als Unternehmer nicht schnallt, hat den Anschluss verloren.“ Damit das nicht passiert, teilt sie ihre Erkenntnisse über ihre Generation mit den Alten. Gegen Geld.

Michèl Kessler, 27, ist auch ziemlich unique und in der Schweiz mit seinem queeren Podcast „Seid ihr Brüder?“ bekannt. Bei Zeam ist er der Zweitälteste und als Head of Creative der Chef von 20 Youngstern. Sein Führungsmodell: „Null Prozent Mikromanagement, 100 Prozent Mentoring. Das brauchen die.“

Es gibt eigentlich nur zwei Ausnahmen von der allgemeinen Craziness: Co-Gründer Jo Dietrich und Michèle Hofmann, 25, Operation und Finance Managerin.

Dietrich hat ganz spießig International Management in Lissabon und London studiert, bevor er Meier bei einem Filmfestival traf und mit ihr sowohl Zeam als auch eine Familie gründete. Meier hat nichts studiert. „Ich denke in klaren Bahnen“, sagt er. „Yaël nicht, die bricht aus jeder Bahn aus und denkt komplett anders als andere Menschen.“

Hofmann sagt: „Ich bin trotz meines Alters der Boomer hier. Ich liebe Buchhaltung. Immer wenn ich auf einen Trend aufspringe, ist er schon längst vorbei.“ Sie hat gerade erst den Tiktok-Trend „Jet2Holidays“ entdeckt, bei dem Urlaubserlebnisse grandios schiefgehen, eindeutig zu spät und ein klarer Fail. Aber das ist das Berufsrisiko im Gen-Z-Business. Trial and Error. Fehler sind erlaubt.

Ein Mitarbeiter von Yaël Meier und Jo Dietrich in ihrer Firma ZEAM. Der Mann telefoniert. Die Räumlichkeit ist lichtdurchflutet, mit vielen Fenstern.

Mitarbeiter und Mitarbeiterin bei Zeam

Eine Mitarbeiterin von Yaël Meier und Jo Dietrich in ihrer Firma ZEAM. 
Sie ist von hinten zu sehen, trägt ein schwarzen Trägertop und schaut in ihr Handy.
Yaël Meier und Jo Dietrich sitzen zusammen auf einer Stufe oder Bank. Jo Dietrich schaut Yaël Meier an, sie blickt in die Kamera.

Beruflich und privat ein Paar: Yaël Meier (rechts) und Jo Dietrich (links)

Was war DAS Jugendwort in deiner Zeit?

Gelegentlich organisiert Yaël Meier sogenannte Reverse-Mentoring-Projekte für ihre Kundschaft. Eine Art firmeninternes Speeddating, bei dem sich die alten und jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter treffen und in Zweiergruppen miteinander reden. Klingt nicht nach Rocket Science, ist aber anscheinend nötig. Denn die Generationen sprechen oft nicht viel miteinander. Die Alten denken, dass die Jungen zwar frech und selbstbewusst, aber nicht belastbar sind. Die Jungen denken, dass die Alten entweder Besserwisser oder ausgebrannte Idioten sind. Beide Seiten sind überrascht, wenn sie merken, dass sie von den anderen wenig Ahnung haben.

Zeam hat dafür ein Kartendeck mit Fragen entwickelt, damit die Speeddating-Pärchen sich nicht allzu lange anschweigen. Die Alten könnten zum Beispiel die Innovate-Karte ziehen: „Stell dir vor, du wärst CEO unseres Unternehmens: Welche Veränderungen würdest du anstoßen, um das Unternehmen attraktiv für kommende Generationen zu machen?“ So kriegt man von der Praktikantin bestenfalls eine gratis Zukunftsstrategie, im schlechtesten Fall: gar nichts.

Die Jungen könnten mit einer Breaking-the-ice-Karte kontern: „Was war DAS Jugendwort in deiner Zeit?“ Ähm, was war das noch mal? Ist lange her! Knorke? Checker? Bock haben? So lustig und analog stellt sich Zeam eine fruchtbare Gesprächskultur vor. Bisschen retro, scheint jedoch zum Beispiel bei Procter and Gamble oder bei der Düsseldorfer Stadtsparkasse anzukommen. Nach eigener Aussage zumindest.

Auch Tina Müller, 57, hat schon mit den Zeam-Karten gespielt. Sie ist 2014 mit dem Slogan „Umparken im Kopf“ als Marketingchefin von Opel berühmt geworden und damit, dass sie 2017 als Vorsitzende der Geschäftsführung der Parfümkette Douglas die Digitalisierung vorangetrieben hat. Seit 2023 ist sie die Chefin der knapp 105 Jahre alten anthroposophischen Naturkosmetikfirma Weleda. Der Laden muss dringend verjüngt werden. Damit nicht langfristig die Beschäftigten, die Kunden und die Gewinne wegsterben. Die Hoffnung ruht auf der Gen Z.

Ähnlich geht es auch anderen Unternehmen, die sich von Meiers Firma Rettung versprechen. Die Schweizer Sportswear-Marke Jet Set zum Beispiel, an die sich ältere Menschen vielleicht noch erinnern. Oder das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Es ließ Zeam vergangenes Jahr 881 junge Angestellte für 44.000 Schweizer Franken (47.000 Euro) Fragen stellen wie: „Hast du das Gefühl, dass du bereits aufgrund deines Alters nicht ernst genommen wurdest?“ Danach gab’s Experteninterviews mit Führungskräften, eine sogenannte LoveJob-Analyse, ein paar Workshops, zwei Reden vor dem Kaderpersonal – und jede Menge Spott und Häme in der Presse. 44.000 Fränkli Steuergelder für – was eigentlich? LoveJobs im Krieg? Reden vor müden Majoren? Sind jetzt alle verrückt geworden?

Aber Shitstorms ist Yaël Meier gewohnt. „Ich bin für viele eine einzige Provokation“, sagt sie. Eloquent, jung, weiblich, gut aussehend, Digital Native, Mutter, erfolgreich. Alle Zutaten für Neid und Missgunst. Demnächst will Zeam eine Deutschlandfiliale in München eröffnen, der Hauptstadt von Söder, Lederhose und Laptop. Genau das Ding für die Gen Z.

Joke! ---


Fünf Generationen

1. Die Babyboomer sind heute etwa 61 bis 79 Jahre alt. Es gibt rund 20,3 Millionen von ihnen in Deutschland, das schließt die Nachkriegsgeneration (ab 1945) mit ein.

2. Die Generation X/Golf ist 45 bis 60 Jahre alt (rund 16,6 Millionen).

3. Die Generation Y/Millennials ist 30 bis 44 Jahre alt (rund 16,3 Millionen).

4.Die Generation Z ist 15 bis 29 Jahre alt (rund 12,3 Millionen).

5. Die Generation Alpha ist 0 bis 14 Jahre alt (rund 11,6 Millionen).

Durchschnittsalter der Unternehmensberaterinnen und -berater in Deutschland und in der Schweiz, in Jahren: 41

Durchschnittsalter der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Zeam, in Jahren: 21

Das geht auch

Leonie Neumann, 32, hilft Unternehmen mit ihrem Start-up Zeitzubi, attraktiver für junge Menschen zu werden und dabei auch noch Gutes zu tun. Die Idee: Firmen ermöglichen ihren Auszubildenden oder dual Studierenden, sich während der Arbeitszeit für eine bestimmte Anzahl von Stunden im Monat ehrenamtlich zu engagieren (vom Sportverein über die Flüchtlingshilfe bis hin zum Naturschutz). Neumann bringt über ihre Plattform Unternehmen mit Organisationen zusammen, die Ehrenamtliche suchen. Bislang gibt es Zeitzubi nur in Berlin.