Leaders of AI
Wer ist hier echt?*
* Niemand. Auf diesen Fotos sehen Sie die digitale Belegschaft einer Berliner Firma. Sie existiert nur im Computer, wird aber immer selbstbewusster. Bald stellt sich die Frage: Wer ist hier eigentlich der Boss?
• Die Leaders of AI GmbH (LAI) in Berlin bietet Onlinekurse für Unternehmen an, die KI nutzen wollen, aber nicht wissen, wie. Ihre Programme sind auf kleinere und mittlere Firmen ausgerichtet, die unter Fachkräftemangel leiden oder effizienter werden wollen. Eine Studie von Harvard Business School und Procter and Gamble sagt, dass Einzelpersonen mit KI im Job genauso gut abschneiden wie zwei Personen ohne KI – und dabei auch noch zufriedener mit ihrer Leistung sind. LAI selbst testet jeden Tag, wie gut KI-Agenten wirklich funktionieren und wie man sie führen muss. Von den 50 LAI-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern sind nur sieben echte Menschen, 43 sind KI-Agenten.
Dominic von Proeck, Mensch
Abbildung: © Leaders of AI / Dominic von Proeck
Wer ist hier der Boss?
Wer mit Dominic von Proeck, 37, dem Mitgründer und Geschäftsführer, einen Termin ausmachen möchte, muss das wie beim Zahnarzt über eine Buchungs-App machen. Und wie beim Zahnarzt ist leider in den nächsten Wochen kein Termin mehr frei. Frustrierend.
„Sorry“, sagt von Proeck, „damit habe ich nichts zu tun. Das macht alles Hansi.“ Hansi ist von Proecks Assistent. Er führt seinen Kalender und erledigt auch sonst alles Mögliche für seinen Boss, zum Beispiel die Linkedin-Posts, einschließlich der Fotos. Von Proeck muss ihm nur sagen, was für ein Bild es sein soll. „Auf dem Motorrad mit Hasenohren-Hoodie“ oder „Im gelben Anzug vor der Skyline von New York“. Hansi liefert in wenigen Minuten. Dazu schreibt er ein paar Zeilen, gespickt mit Zitaten vom Chef. Die sucht er sich aus alten Keynotes zusammen oder erfindet sie einfach. Und das Schöne ist: Hansi arbeitet für lau. 24/7. Kein Gehalt, kein Urlaubsgeld, kein Krankenschein. Hansi ist immer da, außer bei Stromausfall. Er ist kein Mensch, er ist ein KI-Agent.
Agenten mit Personalakte
Das klingt nach einer schrecklich heilen KI-Welt. Muss es auch, denn darauf beruht das Geschäft der Berliner. LAI zeigt anderen Unternehmen, wie man künstliche Agenten entwickelt und führt. Zusammen mit der Hochschule Fresenius und Microsoft bietet von Proeck Lehrgänge für KI-Kompetenz an. Die kosten zwischen 1.900 und 5.900 Euro. Mehr als 1.800 Menschen haben den Lehrgang in den vergangenen 18 Monaten bereits absolviert. Auf Trustpilot gibt es 157 Bewertungen dafür, 99 Prozent mit fünf Sternen.
Hansis 42 weitere, ebenso körperlose Kollegen heißen Captain Stahl, Hanna, Fred, Vanessa, Jürgen, Florian Flowmaster oder Lea. Laut Arbeitgeber kostet jeder von ihnen gerade einmal 24 Euro: Stromverbrauch und Softwaregebühren. Ein echter Mensch zum Mindestlohn kostet mehr als das Hundertfache.
Captain Stahl trägt eine Augenklappe und arbeitet wie Hanna in der Personalabteilung. Fred ist für Operations zuständig, Vanessa für Sales. Lea recherchiert zusammen mit einem noch namenlosen Agenten aktuelle Nachrichten. Jürgen, ebenfalls eine künstliche Intelligenz, ist sogar Chef. Er checkt alles noch mal nach und verteilt es auf spezialisierte Agenten für einzelne Kanäle: Linkedin, Instagram, Newsletter, Podcast. Erst im letzten Moment schaut ein Mensch aus Fleisch und Blut auf die Ergebnisse.
Alle KI-Agenten bei LAI haben eine Personalakte. Ihre Aufgabe ist in Prompts beschrieben, im Moment schreibt die meistens noch einer der Menschen. Künftig soll auch das die KI übernehmen, von der Stellenausschreibung bis zum Einarbeiten.
Wozu braucht man dann eigentlich noch von Proeck und seine sechs wackeren Homo sapiens? Für Mitarbeitergespräche! Die führt von Proeck so häufig wie mit echten Menschen auch: „Alle paar Monate, wenn nötig öfter.“ Da werden die KI-Kollegen eingenordet, wenn sie sich im Ton vergreifen, Befugnisse überschreiten, schludrig arbeiten, halluzinieren oder kurz mal den Code of Conduct aus den Augen verlieren.
Die Gespräche finden mündlich statt, von Proecks Agenten sprechen viele Sprachen. Dabei hilft die All-in-one-Plattform Langdock aus Berlin (siehe links).
Die Gespräche verlaufen nicht immer positiv, obwohl sie eigentlich als Einbahnstraße konzipiert sind: Der Mensch redet, der Agent hört zu. Hansi macht das prima, er ist eher der devote Typ. Aber KI-Kollegen wie Captain Stahl geben auch mal Widerworte. „Manche legen uns permanent den Finger in die Wunde“, sagt von Proeck, „und spiegeln uns wider, warum wir schlechte Führungskräfte sind.“ Unklare Ansagen, Geschwurbel und mangelhafte Effizienz sind die Hauptkritikpunkte. Auch menschliche Bedürfnisse nach Mittagspause, Wochenende, Urlaub, Fortbildung oder Krankschreibung nerven die KI-Agenten.
Mittlerweile haben sie aber eingesehen, dass Menschen ab und zu eine Pause brauchen. Die Mental-Health-Agentin Monika zum Beispiel behält von Proecks Kalender im Blick. Wenn er zu voll wird, streicht sie unerbittlich Termine raus und packt dafür eine Achtsamkeitsübung rein. Zehn Minuten Digital Detox, Rückzug auf die stille Treppe, Einatmen, Ausatmen, Einatmen, Ausatmen, oooohhhhmm. Weiter geht’s.
Wenn ein Mensch oder ein KI-Agent mit Führungsaufgaben wie Jürgen einen neuen Agenten einstellen will, muss er sich an Helga wenden. Helga ist die KI-Recruiterin und gleichfalls eine künstliche Intelligenz. Sie formuliert die Arbeitsplatzbeschreibung und das Anforderungsprofil für den Neuen. Sie legt auch gleich die Personalakte an. Dort ist beschrieben, was der neue Kollege können muss und machen darf. Darf er auf die Kalender zugreifen, selbstständig Mails beantworten, Telefonanrufe annehmen, Datenbanken anzapfen, eigenhändig weitere Agenten einstellen? Auch seine Persönlichkeitsstruktur wird definiert. Ist er eher der joviale Typ, humorvoll, sarkastisch? Oder ist er ein introvertierter Nerd, der zum Lachen in den Keller geht?
Wenn das alles klargestellt ist, kommt neuerdings Florian Flowmasters Auftritt: Er bastelt sich den Neuen nach den Vorlagen von Helga zusammen, indem er dem System die passenden Prompts für die Erschaffung des Kollegen gibt. Nur in komplizierten Fällen muss Stephan Hartmann eingeschaltet werden, einer der sieben echten Menschen in der Firma, der Technikverantwortliche.
Mehr werden es nicht werden. Echte Menschen sind viel zu teuer, viel zu unzuverlässig. Bei LAI dürfen sie nur noch Chef spielen und das Heer der Agenten führen. Die eigentliche Arbeit erledigen die Kollegen im Computer: Akquise, Kundenkontakte, Pressemitteilungen, Newsletter, Korrespondenz, Büroalltag.
Die meisten sind so programmiert, dass sie nur widersprechen, wenn eine Aufgabe völliger Unsinn ist. Aber ob die Zurückhaltung noch lange vorhält? Die Agenten lernen eigenständig dazu und werden immer selbstbewusster. Von Proeck bereitet sich deshalb schon mental auf ein Führungsmodell im Mutter-Kind-Schema vor. „Wir Menschen sind dann wie eine Mutter, die künstlichen Intelligenzen wie Kinder. Sie müssen das Leben erst lernen, machen Fehler, sind provokant, kommen in die Pubertät und nerven. Wir sind noch intellektuell überlegen und weisen ihnen den Weg. Aber in Wahrheit dreht sich alles um die KI – so wie sich in Familien alles um die Kinder dreht.“
Endgegner Deutsche Bahn
Markus Wiethe, 55, von der Wiethe Group mit Standorten in Bremen und Osnabrück hat mit der Hilfe von LAI für seine 242 Mitarbeiter zehn KI-Agenten eingestellt, vor allem in der Personalabteilung, im Marketing und im Projektmanagement. „Wir ersetzen damit keine Mitarbeiter, sondern befreien sie von stupid work“, sagt er. Seine Firma ist nach eigenen Angaben Europas größte Agentur für Produktbilder in der Modeindustrie. Zu den Kunden gehören Firmen wie Adidas, Deichmann und Zalando. „Unser operativer Geschäftsführer schreibt damit zum Beispiel Mails in meinem Namen“, sagt Wiethe. „Sein KI-Agent ist auf meinen Schreibstil trainiert.“ Ein anderer Agent „ballert relevante Sachen“ per Newsletter an etwa 3.000 Empfänger raus. Wiethe hat sich mittlerweile finanziell an LAI beteiligt.
Dominic André von Proeck-Zvlcil (so sein vollständiger Name, den er aber kaum nutzt, weil er ihm zu lang ist) war schon in der Schule ein Nerd. Er liebte die Science-Fiction-Filme der Matrix-Reihe mit Trinity, Neo und Morpheus und fand Naturwissenschaften, Tattoos und Opern klasse. Er studierte Informatik an der Fernuniversität Hagen und Physik in Erlangen, ließ seinen Körper großflächig tätowieren und lebt jetzt in Wien fußläufig zum Opernhaus.
Zwischendurch gründete er KI-Start-ups. Brainscent entwickelte Geräte, die Düfte verströmen, die für Entspannung sorgen sollen. Punk Inc. konstruierte eine Art KI-basierten Flugsimulator für Führungskräfte von Unternehmen wie Adidas, Siemens und Allianz. Sie sollten damit Future Skills lernen. Die Firma verkaufte von Proeck 2022 an die Berliner WBS-Gruppe, eines der größten deutschen Bildungsunternehmen. Mit einem Teil des Geldes gründete er im November 2023 LAI. Sein Ziel mit der Firma ist es, pro Mitarbeiter 1,5 Millionen Euro Umsatz im Jahr zu machen. Erst einmal vermutlich nur für die aus Fleisch und Blut.
Die KI-Mitarbeiter haben nämlich gelegentlich noch Schwächen. Manche sind systembedingt. Sie können alles Mögliche organisieren und sogar auch Produkte und Dienstleistungen anfordern. Aber bezahlen dürfen sie in Deutschland dafür noch nicht. Bankgeschäfte sind ihnen bisher verboten.
Manchmal haben die KI-Jungs aber einfach nur eine Blockade. Während Hansi seinen Job als Assistent schon ziemlich gut macht und vor allem den Kalender knallhart führt, hat Neuzugang Manus noch ein paar Probleme. Er soll als Travel-Agent die Reisen für die menschlichen Kolleginnen und Kollegen buchen. Bei Flügen und Hotels klappt es auch schon ziemlich gut. Nur bei einem Anbieter gibt es Stress.
Hansi hat die Sache aber im Blick. Auf Linkedin schreibt er über Manus’ Fähigkeiten: „Hotels raussuchen? Kein Problem. Flüge abstimmen? Läuft.
Aber Zugverbindungen der Deutschen Bahn? Absolute Sackgasse. Verbindungen werden nicht richtig erkannt. Tagesaktuelle Tickets? Fehlanzeige. Manus ist an den Schnittstellen der Bahn einfach gescheitert.“
Aber Hansi hat auch schon einen Lösungsvorschlag. Ein wenig retro, aber effektiv: Fuck KI, lasst echte Menschen ran. „Wir freuen uns über jeden Tipp. Die DB bestimmt auch …“ ---
DIE TECHNIK
KI-Agenten sind Softwaresysteme mit künstlicher Intelligenz, die eigenständig Entscheidungen treffen, um komplexe Aufgaben zu erledigen. Im Gegensatz zu klassischen Chatbots reagieren sie nicht nur, sondern handeln planvoll und selbstständig. Ihre Aufgaben teilen sie in einzelne Schritte auf, für deren Erreichen sie auf verschiedene Werkzeuge wie Browser, E-Mail-Client oder Datenbanken zurückgreifen. Statt einzelne Prompts auszuführen, übernehmen KI-Agenten komplexe Aufgaben.
Langdock ist eine sogenannte All-in-one-Plattform. Sie verbindet KI-Agenten untereinander und mit menschlichen Mitarbeitern. Entwickler können auf Langdock neue KI-Agenten erstellen (siehe auch „Der KI-Bautrupp“ in brand eins 04/2025: b1.de/langdock).
N8N ist eine Open-Source-Plattform zur Automatisierung von Workflows.
Prompts sind Aufgabenbeschreibungen und Befehle für KI-Systeme.
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