Hadra
Die Attacke
Im Mai greifen Cyberkriminelle einen Großhändler für Gartenzäune an, mitten in der Hochsaison. Das Management muss schnell handeln, Sicherheitsexperten vertrauen, Mitarbeiter beruhigen. Und viel Geld für die Rettung der Daten ausgeben. Eine Bewährungsprobe.
Dienstag, 6.5.2025, 17:56 Uhr
Norbert Riewesell will an diesem Dienstagabend noch schnell ein Angebot schreiben, da merkt er: Der Server ist nicht erreichbar. Vermutlich eine Wartung, denkt der 48-Jährige. Er arbeitet in leitender Funktion im Großkundenvertrieb der Hanseatische Drahthandel GmbH, kurz: Hadra. Rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat das Unternehmen. Es verkauft Gartenzäune und Tore, hat sieben Standorte. Die Zentrale, eine funktionale, grau-blaue Halle im norddeutschen Industriegebiet, liegt umringt von Feldern in Winsen an der Luhe, südöstlich von Hamburg.
Riewesell macht Feierabend und packt seine Sachen. Weil er ein netter Kerl ist, ruft er kurz beim IT-Leiter Jamal Fahel an, der jetzt, kurz nach 18 Uhr, schon zu Hause ist. „Ich wollte dir nur sagen, dass die Server down sind. Nicht dass du morgen früh Stress bekommst.“ Fahel stutzt. Zwar legt er Serverwartungen gern in die Randzeiten, doch nicht an diesem Abend. Es muss also irgendein anderes Problem geben.
Fahel ruft den IT-Dienstleister an. Sehr schnell merken die beiden, dass Hadra angegriffen wird. Später wird sich herausstellen, seit etwa 16 Uhr. Hacker sind dabei, die Zugänge ins System zu zerstören. Die Spuren führen in die USA, das erfahren die Forensiker später aus der Nachricht, die die Erpresser auf einer der Festplatten hinterlassen haben.
In den kommenden Minuten kappt Fahel mit der Hilfe des externen Fachmanns in aller Eile sämtliche Verbindungen ins Rechenzentrum. Um 19 Uhr haben die beiden den Angriff vorerst gestoppt und damit Schlimmeres verhindert. Doch alle Systeme sind jetzt offline, und das heißt: Nichts geht mehr. Buchhaltung, Logistik, Verwaltung – alles läuft normalerweise komplett digital.
DIENSTAG, 6.5.2025, 20 – 23 UHR
Als Nächstes ruft Fahel den Geschäftsführer Torsten Kühn, den Prokuristen Karsten Müller sowie Patrick Angres, den kaufmännischen Leiter, an. Kühn und Fahel informieren daraufhin die anderen Standortleiter. IT-Chef Fahel macht für den folgenden Morgen einen Termin mit dem Spezialisten für Cyberangriffe aus, den der IT-Dienstleister ihm empfohlen hat.
„Es hat uns viel, viel Zeit erspart, nicht erst im Hinterzimmer darüber diskutieren zu müssen, ob wir dafür Geld ausgeben werden“, sagt Angres rückblickend. Geschäftsführer Kühn wusste, das wird teuer. Denn Hadra war nicht gegen solche Angriffe versichert. Am Ende wird die Abwehr einige Hunderttausend Euro kosten, viel Geld für ein Unternehmen mit 115 Millionen Euro Jahresumsatz. Aber Kühns Instinkt sagte ihm: „Wir machen das jetzt. Wir müssen so schnell wie möglich wieder online sein.“ Jeder Tag ohne Umsatz kostet deutlich mehr als das Honorar des Expertenteams.
Der Zeitpunkt für den Angriff? Mehr als ungünstig. „Der Mai ist für uns einer der geschäftskritischsten Monate“, sagt Angres. „Wenn die Leute in den Garten wollen, ist bei uns Hauptsaison.“
Das Unternehmen verkauft alles, was man braucht, um Grundstücke einzufrieden, Stabmattenzäune und Schiebetore etwa, an Händler, Baumärkte und große Zaunbauer. Genau in der Zeit, in der Hadra eigentlich den höchsten Umsatz des Jahres machen sollte, werden aus den Verkäufern Krisenmanager. „Es bringt nichts, sich in solch einer Situation vorzumachen, dass es noch so etwas wie ein Tagesgeschäft gibt“, sagt Angres, der mit seiner rasierten Glatze und den breiten Schultern eine Respekt einflößende Erscheinung ist. Unter den aufgekrempelten Hemdsärmeln sieht man Tätowierungen. Der 40-jährige Betriebswirt sieht aus wie einer, der zupacken kann. Geschäftsführer Kühn, die anderen Prokuristen und er, sagt er, hätten zusammengehalten, als es darauf ankam.
Schnell und ohne Umschweife Profis an Bord zu holen war eine der wichtigsten Entscheidungen. „Sobald man sich ein Bild der Lage gemacht hat, geht es darum, Prioritäten zu setzen“, sagt Attila von Unruh, der mit seiner gemeinnützigen Beratungsfirma Team U Restart Führungskräfte in Krisen unterstützt und Fälle wie den von Hadra kennt. Die vielleicht wichtigste Fähigkeit sei es, rechtzeitig zu erkennen, wenn man Hilfe braucht. Gerade kleine Unternehmen und Mittelständler versuchten in Krisen oft, die Probleme allein zu lösen. „Gute Führung heißt aber, zu akzeptieren, dass in solch einer Ausnahmesituation andere mehr über ein Thema wissen als man selbst“, sagt der Berater.
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