Führungskräfte aus dem Tierreich
Mach es wie Echo, die Elefantenkuh
Herausragende Führungskräfte aus dem Tierreich schreiben leider keine Management-Ratgeber. Das ist schade, denn man könnte einiges von ihnen lernen.
• Viele Tierarten leben in Gemeinschaften, die koordiniert werden müssen: Wölfe zum Beispiel in Rudeln, Elefanten in Herden. Oft hat sich in der Evolution das Prinzip Führung und Gefolgschaft durchgesetzt. Es greift, wenn Futter geholt, Streit geschlichtet oder sich fortgepflanzt werden soll.
Aber wer wird Chef? Auf diese Frage gibt es im Tierreich ganz unterschiedliche Antworten. Und manchmal setzt sich sogar der Schlaueste durch. Bei Goldbrassen etwa, wie Wissenschaftler in einem Experiment gezeigt haben. Immer gegen Mittag fütterten sie einen kleinen Schwarm dieser Fische, die eigentlich den Schatten bevorzugen, in einer hell beleuchteten Ecke des Aquariums. Nach etwas Training begannen die Goldbrassen, sich vorausschauend zu verhalten: Sie schwammen frühzeitig aus dem Dunkeln in jene Ecke, in der sie das Futter erwarteten. Dann folgte Schritt zwei des Experiments: Die Wissenschaftler fischten einige der trainierten Goldbrassen heraus und ersetzten sie durch untrainierte. Wurde es nun Mittag, schwammen diese ihren besser informierten Kollegen ins Licht hinterher. Je mehr erfahrene Fische die Führung übernahmen, desto stärker war der Sog auf die Unwissenden. Eine Dynamik, wie man sie mittags auch in manchen Büros beobachten kann.
Überhaupt gibt es mehr Parallelen zwischen tierischer und menschlicher Führung als lange vermutet. So werden in der Fauna Führungspositionen mal aufgrund von Leistung, mal qua Erbfolge, mal auf Basis gewisser Merkmale wie Rang, Alter oder Geschlecht übernommen. Und es gibt auch üble Chefs im Tierreich wie bei den Bärenpavianen in Afrika. Die Alphamännchen führen ihre Gruppen gezielt zu Nahrungsquellen, die sie besonders gut für sich alleine nutzen können: Der Ober-Bärenpavian frisst sich den Bauch voll, die anderen darben. Doch genug von ihm, hier soll es um vorbildliche Führungskräfte gehen.
Immer ans Team denken
Echo, Amboseli-Nationalpark, Kenia
Bei den Elefanten regieren die Frauen. Während die Männchen allein oder in losen Gruppen wie bei einem Junggesellenabschied durch die Gegend ziehen, sorgen die Weibchen dafür, dass der Laden läuft. Sie leben mit ihren Nachkommen in Herden zusammen, angeführt von der erfahrensten Elefantenkuh, der Matriarchin. Eine der erfolgreichsten war Echo, die Grande Dame der Elefanten im Amboseli-Nationalpark im Südwesten Kenias. Wissenschaftler haben sie fast 40 Jahre lang beobachtet. Echo wurde mit etwa 23 früh Matriarchin, war fortan Mutter und Chefin. Sie war für das Wohl ihrer Herde verantwortlich, musste sie zu Futter und Wasser sowie bei Gefahr in Sicherheit bringen. Und schwere Entscheidungen treffen. Sie tat dies geduldig, abwägend und mit einer außergewöhnlichen Weitsicht. 1990 gebar sie einen Sohn, der tagelang nicht Laufen lernte. Wie lange konnte sie warten, ehe es der Herde schaden würde, einige Tage auf neue Nahrungsquellen zu verzichten? Sie hielt die Truppe an Ort und Stelle, bis der Junge es schaffte. 2003 entschied sie anders, ließ ihre tödlich verletzte Tochter zurück, um deren Kalb zu retten.
Erfolg im Tierreich heißt: überleben. Und Echos Erfolge waren beeindruckend. 39 Elefanten gehörten am Ende zu ihrer Herde, etwa viermal so viele wie üblich. Das größte Vermächtnis der Matriarchin zeigte sich erst nach ihrem Tod. Echo starb 2009 mit rund 65 Jahren eines natürlichen Todes während der bis dahin schlimmsten Dürre in der Region. Zuvor hatte sie ihre Herde durch zwei schwere Trockenzeiten geführt. 34 Elefanten überlebten die harte Zeit. Echo hatte ihnen vorgelebt, wie Elefant es macht.
Ohne Kampf zum Ziel
Wolf 21, Yellowstone-Nationalpark, USA
Nach innen sind Wolfsrudel so etwas wie perfekte Familienunternehmen. An der Spitze stehen unangefochten Vater und Mutter, Leitwolf und Leitwölfin. Zu Machtkämpfen kommt es so gut wie nie. Doch nach außen wird der Konkurrenzkampf mit harten Bandagen ausgefochten: Wölfe dulden keine fremden Artgenossen auf ihrem Territorium, Eindringlinge bekämpfen sie bis auf den Tod.
Dass es auch anders geht, zeigte Wolf 21. Er gehörte zu den ersten Raubtieren, die Ende der Neunzigerjahre nach der Wiederansiedlung im Yellowstone-Nationalpark geboren wurden. Im Alter von zwei Jahren war er groß und stark und brach wie alle jungen Wölfe auf, um sein eigenes Rudel aufzubauen. Dabei bewies er Willen zur Macht. Statt sich eine Partnerin zu suchen und bei null anzufangen, übernahm er das mächtigste Rudel im ganzen Park: das Druid-Peak-Rudel. Aber nicht durch Kampf, sondern friedlich. Der Leitwolf des Rudels war getötet worden, kurz bevor Wolf 21 sich der Gruppe anschloss. Die übrigen Wölfe des Rudels akzeptierten ihn, auch das Alphaweibchen. Dank perfektem Timing wurde Wolf 21 der neue Chef.
Fortan erwies er sich als „good guy“, so die Beschreibung von Forschern, die ihn jahrelang beobachteten: ein gütiger Leitwolf, der auf Gewalt verzichtete, wann immer es ging. Gelegentlich musste er trotzdem Angriffe abwehren. Immer gewann er, übte jedoch nie Vergeltung, sondern ließ seine Gegner am Leben. Der Verzicht auf Rache zahlte sich aus: Wolf 21 herrschte ungewöhnlich lange, wurde mit neun Jahren etwa doppelt so alt wie die meisten anderen Wölfe im Park. Er starb nicht im Kampf, sondern wie er gelebt hatte: friedlich.
Dienend führen
Togo, Alaska
Wer Chef werden will, braucht breite Schultern und spitze Ellenbogen, so das Klischee. Mit Hingabe und mit Durchhaltevermögen kann man aber auch nach oben kommen – so wie der Husky Togo. Weil er als Welpe kränkelte und aufmüpfig war, gab sein Besitzer, der Schlittenhundeführer Leonhard Seppala, ihn weg. Doch Togo wollte hartnäckig zu Seppala zurück. Der nahm ihn wieder auf – nicht ahnend, wie wichtig Togo noch werden würde. Der stieg mit der Zeit zum Leithund von Seppalas Gespann auf.
Der Hund an der Spitze empfängt die Kommandos des Schlittenführers, setzt das Tempo und sucht den Weg. Er führt, indem er dient.
Das zeigte sich bei Togo im Winter 1925. Damals grassierte in der Kleinstadt Nome an der Westküste Alaskas die Diphtherie. Quarantäne, geschlossene Schulen, Kinder starben. Dringend musste ein Antiserum beschafft werden, per Schlitten, aus dem mehr als 1.000 Kilometer entfernten Nenana im Landesinneren. Ein Rennen gegen die Zeit, gegen Schnee und Eis und schwere Stürme. Seppala und seine Hunde traten mit 20 anderen Hundeschlittenführern und um die 150 Tieren die mehr als fünftägige Reise an.
Erst in der größten Krise, das weiß man, zeigt sich die wahre Größe eines Anführers. Der zwölfjährige Togo übernahm auf seiner Etappe, dem längsten, gefährlichsten und 420 Kilometer langen Abschnitt der Strecke, die Führungsposition. Und reihte sich danach bescheiden wieder ein ins Kollektiv, während Balto, der Leithund des letzten Gespanns, den Schlitten mit dem rettenden Serum ins Ziel zog. Dienende Führung braucht kein Rampenlicht.
Als Vorbild wirken
Wisdom, Midway-Atoll, Hawaii
Manche Firmen laufen ganz von allein: Die Beschäftigten wissen, was zu tun ist, und tun das auch. Und der Chef? Früher gab es die Position des Frühstücksdirektors, dessen Hauptaufgabe darin bestand, die Firma bei Sektempfängen zu repräsentieren. Viel besser ist es jedoch, wenn die Führung in einer solchen Konstellation als Vorbild fungiert, die alle anderen zu Höchstleistungen anspornt.
Laysan-Albatrosse brauchen keine Anführer. Sie sehen alle gleich aus – weiß gefiederter Körper, schwarz gefiederte Flügel, langer, blassgelber Schnabel – und verhalten sich auch so. Sie fliegen viel durch die Gegend und kommen einmal im Jahr zu ihrer angestammten Brutkolonie. Die größte davon liegt auf dem Midway-Atoll in Hawaii, bis zu zwei Millionen Albatrosse suchen sie alljährlich auf.
Dennoch hat es ein Vogel geschafft, aus dem Kollektiv herauszustechen: das Albatrosweibchen Wisdom. Am 10. Dezember 1956 wurde ihr ein Ring angelegt, seit 2006 wird sie immer noch jährlich auf dem Midway-Atoll beobachtet. Mit ihren 75 Jahren kommt sie jedes Jahr dahin, trifft dort 2024 ihren neuen Partner – nachdem ihr langjähriger Gefährte Akeakamai 2021 verschwunden ist –, brütet ein Ei aus, versorgt das Küken, bis es flügge wird. Sie ist der älteste bekannte Wildvogel der Welt. Schätzungsweise fünf Millionen Kilometer weit ist sie geflogen, hat dabei ungezählte Gefahren überstanden wie Unwetter, Raubtiere, Umweltverschmutzung, obendrein hat sie mindestens 50 Eier gelegt. Wissenschaftler begeistert ihre Langlebigkeit (Albatrosse werden in der Regel um die 50 Jahre alt) und ihre Hingabe gegenüber ihren Küken. Und ihre Artgenossen? Die machen ihr Ding, weil sie wissen, was zu tun ist. Und sehen an Wisdom, zu welcher Meisterschaft man es dabei bringen kann.
Koalitionen bilden
Scarface, Masai-Mara-Nationalreservat, Kenia
Fanfaren los, der König ist da, der Afrikanische Löwe! Groß, stark, ein Alleinherrscher mit mächtiger Mähne. So hat es uns Disney beigebracht. Oder stimmt das etwa gar nicht? Sagen wir so: Es ist komplizierter.
Im Reich der Großkatzen werden männliche Alleinherrscher ebenso überschätzt wie in Unternehmen. Die wahren Chefs in Löwenrudeln, das hat man mittlerweile herausgefunden, sind die Weibchen. Bis zu 20 von ihnen bilden den stabilen Kern eines Rudels, kümmern sich zusammen darum, dass der Nachwuchs groß und stark wird. Die Männchen sind dabei, weil man sie halt irgendwie braucht, vor allem zur Fortpflanzung. Könige? Eher Abteilungsleiter.
Wie wird man aber Leiter der Abteilung Fortpflanzung? Wie kann man sich gegen aggressive Konkurrenten mit langen Krallen und scharfen Zähnen durchsetzen? Das kann man von Scarface lernen, dem berühmten Löwen im Masai-Mara-Nationalreservat in Kenia. Er sah sehr gut aus, mit einer dichten dunkelbraunen Mähne, golden leuchtenden Augen und einer tiefen Narbe im Gesicht, die er sich wohl bei einem Kampf zugezogen hat. Aber an seinem Äußeren lag es nicht, dass er jahrelang eines der führenden Löwenmännchen entlang des Mara-Flusses war, dem einzigen in der Region, der das ganze Jahr über Wasser führt.
Denn allein hätte er es nicht geschafft. An seiner Seite waren seine drei Brüder Hunter, Sikio und Morani, zusammen wurden sie die „vier Musketiere“ getauft. Als hätten sie die relevanten Studien gelesen, die besagen: Rotten sich männliche Löwen mindestens zu dritt zusammen, gewinnen sie schneller und länger Einfluss auf die Löwinnen im Rudel, pflanzen sich mit mehr Weibchen fort und zeugen mehr überlebende Nachkommen.
Für Führungskräfte heißt das: Besser Koalitionen bilden statt Alleingänge starten – und sich mit wirklich Wichtigen im Betrieb gut stellen, dann winkt eine lange Amtszeit. Scarface durfte stolze 14 Jahre alt werden, ehe er 2021 eines natürlichen Todes starb. Und der ist den wenigsten wilden Löwen vergönnt. ---
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