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Mariana Weisband im Interview

Marina Weisband, 37, kennt den demokratischen
Prozess: 2011 wurde sie mit 23 Jahren politische
Geschäftsführerin der Piratenpartei. Nach ihrem Ausstieg aus der Politik gründete die Psychologin im Jahr 2014 Aula, um mehr Mitbestimmung an Schulen zu ermöglichen.

Ein Gespräch über ihren Weg von einer
unpolitischen Schülerin zur Demokratie-Aktivistin.



Eine Schwarz-Weiß-Fotografie von Marina Weisband mit langen Haaren, die lächelt und nach links schaut. Sie trägt ein Kleid. Der Hintergrund ist eine schlichte graue Wand, die mit dem Kleid der Frau kontrastiert und sie als Hauptmotiv des Bildes hervorhebt.
Foto: © Markus C. Hurek

brand eins: Frau Weisband, wie demokratisch ging es in Ihrer Schulzeit zu?

Marina Weisband: Ich fand meine Schulzeit extrem fremdgesteuert. Ich musste um acht Uhr in der Schule sein, als mein Körper eigentlich schlief. Dann musste ich neugierig auf Mathe sein, dann auf Deutsch. Dann hatte ich 20 Minuten Pause, wo ich Hunger zu haben hatte, und dann musste ich eine Prüfung ablegen. Das heißt: Alles, was ich auswendig gelernt hatte, auskotzen – davon hing meine Zukunft ab.

Sie haben sich selbst als unpolitische Schülerin beschrieben.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mein Umfeld mitgestalten kann. Das wurde sicherlich dadurch verstärkt, dass ich in der Ukraine geboren bin und am Anfang meiner Schulzeit kein Deutsch sprach.

Was hat Sie politisiert?

Meine erste Wahl. Damals dachte ich: Wenn der Staat mir so sehr vertraut, dass ich das Parlament mitbestimmen darf – dann muss ich mich auch als würdig erweisen und mich einbringen. Heute weiß ich aber, dass Wahlen nicht ausreichen für eine gesunde Demokratie.

Wieso nicht?

Wir verlassen uns zu sehr darauf, dass Demokratie ist, alle vier Jahre zu wählen. Dazwischen haben wir eine Kundenanspruchshaltung entwickelt, die sich in dem Satz ausdrückt: „Die Regierung liefert nicht“ – als hätten wir etwas bestellt. Wir verhalten uns in unserem politischen System nicht wie Verantwortliche, sondern wie Kunden.

Welche Rolle kann Schule bei der demokratischen Bildung spielen?

Schule hat den zentralen Rang, weil alle anderen Angebote wie Jugendzentren mehr oder weniger freiwillig sind. Das Problem ist: Der Schule kommt bei fast allem eine zentrale Rolle zu. Und wir geben ihr bislang nicht die Ressourcen dafür. Wir prüfen zu viel. Wir haben ein eng gestopftes Curriculum. Es bleibt keine Zeit für Persönlichkeitsbildung oder tiefere Diskussionen. Wir wollen zwar, dass die Schule mündige Bürgerinnen und Bürger hervorbringt – aber sie bringt, verknappt gesagt, Leute hervor, die wissen, wie man Erwartungen erfüllt.

Sie sagen, Schulen erziehen Kinder zu Konsumenten der Demokratie statt zu Gestaltern. Inwiefern ist das ein Problem?

Die Rolle, die wir in der Gesellschaft annehmen, erschließt sich aus unseren täglichen Erfahrungen. Viele Schülerinnen und Schüler erleben Tag für Tag, dass sie ihre Umwelt nicht gestalten können. Und wenn man sich lange in einer Umgebung ohne Gestaltungsmöglichkeiten befindet, entwickelt man auch später – wenn man Einfluss nehmen könnte – keine Motivation mehr, sich einzubringen. Ich möchte, dass junge Menschen regelmäßig die Erfahrung machen, dass sie ihre Umwelt verändern können.

Das ist die Idee hinter Aula. Welche Hindernisse gibt es, wenn Sie das Konzept an Schulen einführen wollen?

Das häufigste Argument ist die fehlende Zeit. Lehrkräfte haben viel zu viel zu tun. Wir haben Aula deshalb möglichst ressourcenschonend geplant: Um die Moderation auf der Plattform etwa kümmern sich die Schülerinnen und Schüler selbst. Trotzdem braucht demokratische Bildung Zeit. Das heißt, es ist auch eine Prioritätenfrage.

Warum eine digitale Lösung – hängen Jugendliche nicht genug am Handy?

Das stimmt. Die Frage ist: Möchte man die Schülerinnen und Schüler damit zu Hause allein lassen – oder sollte man ihnen nicht lieber als pädagogische Fachkraft helfen, zu verstehen, dass die Digitalisierung ein mächtiges Werkzeug sein kann, auch für die Demokratie?

Empfinden manche Lehrkräfte mehr Mitbestimmung als Machtverlust?

Dazu fällt mir ein Zitat ein: „Aber dann könnten die ja irgendwas beschließen, was wir nicht wollen.“ Schule ist eine hierarchische Institution. Jede Demokratie darin entsteht trotz und nicht wegen dieses Systems. Diese Vorstellung von Schule ist extrem verankert in den Köpfen der Lehrkräfte. Da müssen wir viel Überzeugungsarbeit leisten. Nicht, weil sie herrschsüchtig sind – wahrscheinlich haben sie ein Bedürfnis danach, Autorität zu wahren, weil sie überzeugt sind, nur so könnten sie ihren Job gut machen.

Aula finanziert sich vor allem durch Spenden und durch Fördermittel. Wie schwierig ist es, Jahr für Jahr die Gelder zu sichern?

Die ersten Jahre habe ich mich jeden Oktober arbeitssuchend gemeldet, um auf Nummer sicher zu gehen, falls doch nicht genug Gelder zusammenkommen. Inzwischen ist es leichter geworden, weil wir bekannter sind und ein Netzwerk an Partnern aufgebaut haben. --

Mehr Demokratie wagen

Aus Kindern sollen mündige Bürgerinnen und Bürger werden, doch in den Klassenzimmern haben sie nur wenig zu melden. Die frühere Piraten-Politikerin Marina Weisband will das mit ihrem Beteiligungskonzept Aula ändern. Was bringt das? Ein Schulbesuch in Hamburg. 

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