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Auf diesem Schwarz-Weiß-Foto sitzen Yasemin Brommer mit ihrem Schüler an einem Tisch und führen ein Gespräch. Die Lehrerin auf der linken Seite trägt eine Brille und hört ihrem Schüler, der ein Hemd mit der Aufschrift "NIRVANA" trägt, aufmerksam zu. Auf dem Tisch zwischen ihnen liegen verschiedene Gegenstände, darunter ein Buch und ein Stift. Im Hintergrund sind ein Fenster und ein Heizkörper zu sehen.

Aula

Aus Kindern sollen mündige Bürgerinnen und Bürger werden, doch in den Klassenzimmern haben sie nur wenig zu melden. Die frühere Piraten-Politikerin Marina Weisband will das mit ihrem Beteiligungskonzept Aula ändern. Was bringt das? Ein Schulbesuch in Hamburg. 


Das Bild zeigt Tobias Schlegelmilch, der in der Tür eines roten Container-Gebäudes am Campus Hafencity steht. Der Mann trägt ein schwarzes Hemd und eine blaue Hose und scheint aus dem Eingang herauszuschauen. Im Hintergrund sitzen Schüler auf einer Treppe.
Yasemin Brommer, eine junge Frau mit langen braunen Haaren und Brille steht vor einem Container-Gebäude des Campus Hafencity und trägt eine Jeansjacke und ein graues Sweatshirt. Sie lächelt in die Kamera.

Treiben die Schuldemokratie voran: Tobias Schlegelmilch und Yasemin Brommer

Anteil der 10- bis 17-Jährigen in Deutschland, die Gleichaltrigen nicht oder nicht sicher zutrauen, sich als Erwachsene für die Demokratie einzusetzen, in Prozent: 46

Demokratie braucht Anstifter

Wenn man sich dem Campus Hafencity* an der Elbe nähert, stechen zuerst die weinroten Kuben ins Auge. Weil das Gebäude der 2021 eröffneten Schule noch nicht fertig ist, ist sie bislang in Containern untergebracht. Es ist Mittagspause, Kinder spielen auf dem Pausenhof Tischtennis und erklimmen das Klettergerüst. Tobias Schlegelmilch kommt gerade aus dem Unterricht, im Kragen seines schwarzen T-Shirts steckt ein Kugelschreiber. Mit den grauen Locken und der Brille erinnert der 51-Jährige an einen Universitätsprofessor.

Schlegelmilch ist Teil der Schulleitung – und einer, der Aula vorantreibt. Als Jugendlicher hat er sich im Saarland in selbst verwalteten Jugendzentren engagiert, diese Erfahrung hat ihn geprägt. Er ist eigentlich promovierter Physiker, ein Quereinsteiger. Nachdem er vor knapp 20 Jahren Lehrer wurde, sei er „auf der Suche nach Beteiligungsmöglichkeiten auf Aula gestoßen“, sagt er. Als der Campus Hafencity geplant wurde, habe die Schulleitung das Konzept aufgegriffen. Schlegelmilch bringt es als einer von 120 sogenannten Botschaftern auch anderen näher: Heute sind zwei Lehrer zu Besuch, die Aula an ihrer Schule einführen möchten.

Die frühere Piraten-Politikerin Marina Weisband hat das Beteiligungskonzept entwickelt. Sie sagt: „Schule ist eine hierarchische Institution. Jede Demokratie darin entsteht trotz und nicht wegen dieses Systems.“ Und deshalb braucht es Menschen an oberer Stelle, die mehr Demokratie wagen wollen.

Das allein reicht aber nicht. In der Demokratie gibt es immer eine kleine Gruppe, die sich besonders engagiert. Hier, in der Hafencity, bildet der sogenannte Mitmischen-Kurs diese Speerspitze. Im Klassenzimmer ist die Luft stickig, Kinderstimmen dringen durch die gekippten Fenster vom Pausenhof herein. Um zwölf Uhr betreten die ersten Schülerinnen und Schüler den Raum, insgesamt kommen an diesem Sommertag zehn. „Das gute Wetter“, sagt Yasemin Brommer, die den Kurs leitet. In Spitzenzeiten seien sie bis zu 40, was zehn Prozent der aktuellen Schülerschaft entspricht (bislang gibt es die Klassen 5 bis 8, im Herbst wächst die Schule um eine Stufe).

Jeden Freitag verbringen die Kursmitglieder eine halbe Stunde ihrer großen Pause unter anderem damit, die Aula-Plattform zu betreuen: Sie entfernen doppelte, unangemessene oder inhaltslose Ideen – wenn etwa mit dem Satz „Likt alle“ zum stumpfen Gefällt-mir-Drücken aufgefordert wird.

Welche Kinder opfern freiwillig einen Teil ihrer Pause? Brommer sagt: „Die Kinder hier sind super into it, machen ganz viel und haben auch schon einiges bewirken können.“ Der Campus Hafencity hat sich Mitbestimmung auf die Fahnen geschrieben – Slogan: eine Schule für Demokratie. Im Mitmischen-Kurs sind die besonders engagierten Schülerinnen und Schüler. Wie die zwölfjährige Martha, die seit der fünften Klasse dabei ist: „Ich fand das spannend, dass man Sachen in der Schule mitentscheiden kann. Das ist cool.“ Aktuell diskutiert ihre Klasse mit Aula über ein Ausflugsziel. Auf dem Tablet scrollt sie durch die Ideenliste. Sie selbst hat das Klimahaus in Bremerhaven vorgeschlagen. Und sich Argumente überlegt: „Mit unseren Deutschlandtickets würde die Fahrt nichts kosten, nur der Eintritt. Das würde mit dem Geld passen.“ Schulgruppen zahlen dort zehn Euro pro Person.

Aber Demokratie heißt auch, Niederlagen zu akzeptieren: Es sieht aus, als würde der „Dialog im Dunkeln“ das Rennen machen, dort wird man von Blinden durch eine dunkle Ausstellung geführt. 17 Likes hat die Idee.

Demokratie braucht Zeit

Um Demokratie zu lernen, reicht es nicht, im Unterricht den Bundestag und das Wahlsystem durchzunehmen. Kinder müssen selbst ausprobieren, wie Diskussionen, Verhandlungen und Kompromisse funktionieren. Allerdings hat die Schuldemokratie mit dem Widerspruch zu kämpfen, dass vieles – etwa die Lehrpläne – nicht verhandelbar ist. Hinzu kommt, dass Mitbestimmung Zeit braucht: Lehrkräfte müssen Wissen vermitteln, Lehrpläne einhalten, ihre Schüler auf Abschlüsse vorbereiten – wo bleibt da Raum für Demokratie?

Marina Weisband sagt: Es sei auch eine Prioritätenfrage, an Schulen Zeit für demokratische Bildung zu schaffen. Der Campus Hafencity hat unter anderem dafür ein Fach etabliert: Methodenlernen und Teambildung. Jede Woche sind zwei Schulstunden dafür vorgesehen, Verantwortung für sich selbst und die Gesellschaft zu üben. Darin geht es laut Tobias Schlegelmilch alle zwei bis drei Wochen um Aula. Obwohl die Ganztagsschule es grundsätzlich ermögliche, der Demokratie mehr Zeit zu geben, reiche diese oft nicht, sagt er.

Auch weil die Bedürfnisse in der Schülerschaft sehr unterschiedlich sind. Der Campus Hafencity liegt wie ein Keil zwischen verschiedenen Welten: Die Hafencity zieht viele Gutsituierte an, die sich die Neubauten mit Elbblick leisten können. Gemessen an den steuerpflichtigen Einkünften leben dort die reichsten zehn Prozent der Stadt. In den angrenzenden Vierteln Rothenburgsort und Veddel wohnen die ärmsten zehn Prozent, der Migrationsanteil liegt dort bei 65 Prozent und mehr. „Ich habe viele Schülerinnen und Schüler mit nicht so guten Startchancen“, sagt Schlegelmilch. „Die brauchen Lernzeit – aber auch Zeit für Diskussionen und Demokratiebildung.“

Demokratie braucht Erfolge

Aus der Forschung ist bekannt: Wer sich ohnmächtig fühlt, hat weniger Vertrauen in die Demokratie – und ist anfälliger für autoritäre Tendenzen. Die Bildungssoziologin Gudrun Quenzel und der Politikwissenschaftler Sebastian Jungkunz fordern mehr Mitbestimmung an Schulen: Dort „eine Kultur aktiver Beteiligung (weiter) zu entwickeln“ sei ein „zentraler Grundstein für die Akzeptanz unserer Demokratie sowie für die Bereitschaft zur politischen Beteiligung.“ Mit Aula will Marina Weisband Schülerinnen und Schülern die Erfahrung vermitteln, dass sie etwas verändern können.

Ein Beispiel dafür am Campus Hafencity sind die Essenszeiten: Ursprünglich gab es für jede Jahrgangsstufe gesonderte Zeiten für die Kantine, um Schlangen zu vermeiden. Dank Aula wurde die Regelung abgeschafft, sodass nun jeder selbst entscheiden kann, wann er essen möchte. Eine andere Errungenschaft, die mehrere Kinder im Mitmischen-Kurs hervorheben, ist der Schulkiosk. Den hatten sich die jetzigen Achtklässler gewünscht. Eigentlich wollten sie Süßes aus den Fenstern der Klassenräume verkaufen, das war aber unter anderem aus Hygienegründen nicht möglich. Den Kiosk führt heute ein Caterer, der auch die Kantine betreibt. Ein klassischer Kompromiss wie in der großen Politik.

Demokratie braucht Fantasie

Wenn man einen demokratischen Raum öffnet, entstehen auch Fragen nach seinen Grenzen. Natürlich versuchen einige Schüler, diese auszureizen. Ein klassischer Wunsch: weniger Schule. Freitags frei, morgens länger schlafen.

Bei Aula werden auch solche Ideen ernst genommen. Marina Weisband illustriert das oft an diesem Beispiel: Wenn Kinder einen Killerroboter wollen, sollte man sie nach Gründen, Finanzierung und Vereinbarkeit mit dem Waffengesetz fragen. Wer sich ernst genommen fühlt, so die Idee, arbeitet konstruktiver mit.

Wie nimmt man also den Wunsch nach weniger Schule ernst? Schlegelmilch sagt: „Ich interpretiere es so, dass die Schülerinnen und Schüler Einfluss nehmen wollen, wie sie ihre Zeit nutzen. Dann kann ich fragen: Was würdest du gerne machen in der freien Zeit, was interessiert dich?“ Diesen Wünschen könnten die Kinder vielleicht in den Projektzeiten nachgehen, in denen sie an selbst gewählten Themen arbeiten. Aber weniger Schule, das kann nicht beschlossen werden – so steht es im Aula-Vertrag. Schulkonzept, Personal und Budget stehen nicht zur Abstimmung. Somit wäre eine Idee wie „Herr Schlegelmilch ist der doofste Mathelehrer der Welt, der soll raus“ nicht möglich, sagt Schlegelmilch. Die Auseinandersetzung mit Grenzen sei eine wichtige Erfahrung für Kinder.

Einschränkungen können aber auch Frust hervorrufen: Eine Evaluation der Aula-Pilotphase an vier Schulen von 2016 bis 2018 zeigte, dass bei den Befragten das Gefühl der Selbstwirksamkeit stieg – aber auch, dass damals ein „zu kleiner Entscheidungsspielraum“ ein Grund für mangelnde Nutzung war. In der Hafencity gebe es „Phasen im Schuljahr, in denen Aula ein sehr großes Thema ist, und solche, in denen es abflaut“, sagt Schlegelmilch. Zudem seien die Kinder noch dabei, zu lernen, nicht ständig neue Ideen zu posten, sondern bestehende weiterzuentwickeln.

Demokratie braucht Debatte

Auf den Spinden kleben Sticker, so unterschiedlich wie die Achtklässler im Raum: Be happy. Südkurve München. Free Palestine. Nach Mathe steht nun eine Aula-Stunde an. Sie soll unter anderem jene einbinden, die sich nicht selbstständig mit Aula beschäftigen. Alle haben ein iPad bekommen und sollen sich auf der Plattform anmelden. Das scheitert beim ein oder anderen: Passwort vergessen. Manche spielen stattdessen auf dem Tablet.

Einer sagt: Er finde das Konzept gut, aber es gebe viele, die sich nicht für Aula interessierten. Zwei meinen, es wirke, als würden vor allem Ideen umgesetzt, die der Mitmischen-Kurs und die Lehrer gut fänden. Für einen anderen tut sich wenig, weil viele Unsinn vorschlügen oder sich keine Gedanken über die Umsetzung machten.

Nach der Stunde bleibt der Eindruck, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Mitbestimmung unterschiedlich wahrnehmen – je nachdem, wie nah sie an der Herzkammer der Macht sitzen: Während die Kinder im Mitmischen-Kurs das Gefühl haben, etwas zu bewegen, sind einige Achtklässler skeptischer. Manchen scheint nicht klar zu sein, dass es überhaupt besonders ist, in der Schule mitbestimmen zu können. Wie in der echten Demokratie, wo einige glauben, ihre Stimme hätte ohnehin kaum Einfluss.

„Die Kinder im Mitmischen-Kurs sehen, dass etwas passiert“, sagt Yasemin Brommer. „Die außerhalb nehmen das nicht immer wahr, für sie könnten wir noch mehr Transparenz schaffen.“ --

*Der Campus Hafencity ist eine Gymnasial- und Stadtteilschule. Letztere ähneln Gesamtschulen: Dort kann man den ersten und mittleren Abschluss sowie teilweise das Abitur nach Klasse 13 machen.

Vertrag: Vor der Einführung erarbeitet jede Schule einen Vertrag, der festlegt, was die Schülerinnen und Schüler mitgestalten können. Dieser wird von der Schulkonferenz – bestehend aus der Schulleitung, Vertretern der Schülerschaft und Eltern – unterschrieben.

Plattform: Im Mittelpunkt von Aula steht eine virtuelle Versammlungshalle, in der die Schüler ihre Ideen posten und diskutieren können.

Didaktische Begleitung: Marina Weisband empfiehlt, die Erfahrungen mit dem Konzept wöchentlich oder monatlich in einer sogenannten Aula-Stunde zu reflektieren. Für die Gestaltung dieser Stunden gibt es Workshops und Online-Lehrmaterialien.

1. Wilde-Ideen-Phase: Schülerinnen und Schüler können auf der Plattform Vorschläge für ihre Klasse oder für die Schule machen und ihre grundsätzliche Zustimmung zu Ideen anderer mit einem Like signalisieren.

2. Diskussion: Wenn genügend Kinder einen Vorschlag gut finden, wird er zusammen mit ähnlichen Ideen gebündelt, diskutiert und ausgearbeitet. Dafür wird auch die Aula-Stunde genutzt.

3. Prüfung der Ideen: Nach der Ausarbeitung prüft die Schulleitung, ob der Vorschlag mit dem Aula-Vertrag vereinbar und umsetzbar ist.

4. Abstimmung: Nun wird in einem festgelegten Zeitraum abgestimmt.

5. Umsetzung: Vorschläge, die eine gewisse Anzahl an Zustimmungen gesammelt haben (am Campus Hafencity: mehr Stimmen dafür als dagegen), werden umgesetzt. Verantwortlich dafür sind die Schülerinnen und Schüler.

steht für „ausdiskutieren und live abstimmen“. Das Konzept wurde 2014 von Marina Weisband initiiert, damals als ein von der Bundeszentrale für politische Bildung finanziertes Projekt des Vereins Politik-Digital. 2022 folgte die Ausgründung als gemeinnützige GmbH mit einer Förderung der Schöpflin-Stiftung, die zu den wichtigsten Geldgebern zählt.

Aula finanziert sich neben Spenden auch durch Abonnements. Schulen haben die folgenden Möglichkeiten, Aula einzuführen:

1. Eigenständig (kostenlos): Die Software und die Materialien sind frei verfügbar, sodass Schulen die Plattform selbstständig einführen und nutzen können. Allerdings erfordert das tiefergehende technische Kenntnisse.

2. Installation, Hosting und Support (einmalig 100 Euro, dann 50 Euro pro Monat): Viele Schulen lassen die Plattform von Aula installieren und hosten. Im ersten Jahr erhalten sie außerdem Unterstützung per E-Mail und Telefon.

3. Begleitung vor Ort (individuell): Aula bietet in begrenztem Umfang auch die Einführung vor Ort an.

Zahl der Beschäftigten bei Aula: 12
Zahl der Schulen, die Aula nutzen: 50

Die Möglichkeiten variieren je nach Bundesland und Schultyp. An allen weiterführenden Schulen gibt es die Schülervertretung, welche die Interessen der Schülerschaft gegenüber der Schulleitung vertritt: etwa in der Schulkonferenz, dem wichtigsten Gremium der Schule, in dem Schülerinnen und Schüler (meist ab einer bestimmten Jahrgangsstufe), Eltern und Lehrkräfte gemeinsam entscheiden.

„Die Schule bringt Leute hervor, die wissen, wie man Erwartungen erfüllt“

Marina Weisband, 37, kennt den demokratischen
Prozess: 2011 wurde sie mit 23 Jahren politische
Geschäftsführerin der Piratenpartei. Nach ihrem Ausstieg aus der Politik gründete die Psychologin im Jahr 2014 Aula, um mehr Mitbestimmung an Schulen zu ermöglichen.

Ein Gespräch über ihren Weg von einer
unpolitischen Schülerin zur Demokratie-Aktivistin.

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