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Netto

Sein Vater hat die Netto-Discounter gegründet. Nun nutzt Sebastian Schels das Erbe, um umweltfreundlichere Geschäfte zu bauen.



Ein Mann schiebt einen Einkaufswagen durch einen hell erleuchteten Aktions-Discountmarkt. Regale voller Lebensmittel und Haushaltswaren säumen die Gänge. Im Hintergrund ist das große Aktions-Logo zu sehen. Der Mann wirkt konzentriert beim Einkaufen.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 06/2024.

• Sebastian Schels kommt mit dem Elektrobike. Die Kultmarke. Brompton P-Line, 250 Watt, 4.200 Euro. Er parkt es vor dem Netto-Markt in Lappersdorf bei Regensburg. 1.840 Quadratmeter Verkaufsfläche, 70 Parkplätze. Schels, 43, hat ihn 2019 bauen lassen. Er kennt die Zahlen. Jetzt will er ihn vorzeigen.

Schwarz-Weiß Porträt eines Mannes in einem Lagerraum. Er hat kurze, dunkle Haare und einen kurzen Bart. Er trägt ein schwarzes T-Shirt und eine helle Hose und steht mit verschränkten Armen vor einem Stapel Kartons mit Lebensmitteln. Er wirkt entschlossen und selbstbewusst. Im Hintergrund sind weitere Kartons und Regale zu sehen, was auf eine Lager- oder Verteilungsstätte hindeutet.

Sebastian Schels im Netto-Laden in Lappersdorf

1. Das alte Modell hinterfragen

Schels federt aus dem Sattel, nimmt den Helm ab und richtet den Blick nach rechts. Dort könnte er die Blühwiese mit dem Totholz des Insektenhotels sehen oder die Sandplätze für Bienen, wenn nicht der massive Verkaufswagen der Hähnchenbraterei Ilgner im Weg stünde. Nicht einmal der Steinhügel der Eidechsenburg ist vom Netto-Parkplatz aus zu erkennen. Dabei ist das alles typisch für die Supermärkte, die Schels seit fünf Jahren baut: so insekten- und echsenfreundlich, wie es geht, und auch sonst möglichst umweltverträglich. Viele Materialien sind im Gegensatz zu denen in herkömmlichen Läden schadstoffarm, zum Teil können sie wiederverwendet werden. An ein paar Stellen muss Schels allerdings noch schrauben.

Leider ist von außen auch die Holzkonstruktion des Discount-Marktes nicht zu sehen. Der Pächter wollte eine Rigipsverkleidung. Aber wenn man in der Halle steht und nach oben schaut, fällt der Blick statt auf Stahlträger auf mächtige sogenannte Fischbauchbinder, verleimte Holzelemente, die das Dach tragen. Mit dem Kopf im Nacken sagt Schels, das Holz sei ja von Natur aus okay. Aber der Leim! Der neige zu fiesen Ausdünstungen. Lange habe er suchen müssen, um einen zu finden, der ökologischen Kriterien entspreche. Schels nimmt den Kopf zurück in die Normalposition.

Vor ihm steht jetzt der Regionalleiter der Netto-Märkte. Er ist schon lange dabei und kannte auch Schels Vater. „Ein harter Mann“, sagt der Regionalleiter, „alte Schule. Ein guter Mann.“ Rudolf Schels hatte den Netto-Markt in Lappersdorf 2019 als geschäftsführender Gesellschafter der Ladenbau-Firma Ratisbona kurz vor seinem Tod miteröffnet. Nach seiner Rede nahm er den Regionalleiter zur Seite und fragte: „Wie viel Umsatz pro Woche peilen Sie an?“ – „110.000“, sagte der Regionalleiter. „Machen Sie 140.000 draus“, sagte Rudolf Schels. So ein Typ war der alte Schels. So hat er das Unternehmen mit 4.300 Märkten zum drittgrößten Discounter Deutschlands nach Aldi und Lidl gemacht. „Und wie ist der Umsatz heute?“, fragt Sebastian Schels. „140.000“, sagt der Regionalleiter. Geht doch!

Draußen zieht ein kleines Gewitter vorbei, blöd, wenn man mit dem E-Bike unterwegs ist. Schels ruft seine Assistentin an, sie soll ihn mit dem Auto abholen. An der Tür versammeln sich Menschen, die auf eine Wetterbesserung warten, bevor sie den Markt verlassen. Bei Hühnchen-Ilgner ist tote Hose. Wer will schon im Regen Knochen abnagen? Schels setzt sich in das Café rechts vom Eingang und sagt, dass er mit den Netto-Märkten eigentlich gar nichts mehr zu tun habe. Netto wurde vor vielen Jahren an Edeka verkauft. Summen nennt Schels nicht. Wahrscheinlich ein dreistelliger Millionenbetrag. Das Family Office hat noch 50 Markt-Immobilien im Portfolio.

Schels ist nun derjenige, der die Märkte baut, mit seiner Firma Ratisbona. Mehr als 1.200 Märkte hat er schon auf die Wiese gestellt, fast alle nach der herkömmlichen Bauweise. Ratisbona ist deutscher Marktführer im Handelsmarktbau. Der Name bezieht sich auf den Hauptsitz in Regensburg, auf Latein hieß die Stadt Ratisbona.

Draußen regnet es noch immer auf Blühwiese, Hähnchenbraterei und Eidechsenburg. Schels beginnt, ein Stück Kuchen zu essen, und redet über seinen Vater. Der hat 1971 aus dem Lebensmittelgroßhandel des Großvaters erst Sudi (Superdiscount) und Anfang der Achtzigerjahre Netto Marken-Discount gemacht. Eine Erfolgsgeschichte. So schnell, wie er wachsen wollte, konnte er gar nicht bauen. Deshalb gründete er 1987 eine Firma dafür: Ratisbona Handelsimmobilien.

Die Firma suchte passende Grundstücke, organisierte Baugenehmigungen, stellte die Gebäude auf die grüne Wiese und fand Käufer, die für mindestens 15 Jahre an Netto vermieteten. Als Netto 2005 endgültig an Edeka ging, waren die Discount-Märkte weg, aber Ratisbona blieb in der Familie. Nur dass die Firma dann auch für Edeka, Lidl, Aldi und Rewe baute, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in Spanien und Portugal. Keine schöne Architektur, aber sehr effizientes Business: Parkplatz asphaltieren, Betonfundament gießen, billige Halle draufstellen, abkassieren. Eigentlich konnte nichts schiefgehen: Ratisbona begann nicht mit dem Bau, bevor der Laden nicht verkauft und vermietet war. Eine Art Gelddruckmaschine. 2005 stieg Schels junior ein in das Geschäft mit den Geschäften.

Ein sonniger Gartenbereich mit Kiesboden. In der Mitte steht ein kleines Hügel aus Ästen und Baumstämmen, umgeben von jungen Büschen und Sträuchern. Ein Schild mit Text ist an einem Holzpfosten befestigt. Im Hintergrund sind Bäume und ein Gebäude zu sehen.

Erste Schritte: ein Refugium für Insekten aus Totholz vor dem Laden in Lappersdorf

2. Sinn suchen

Aber dann kam das Jahr 2019. „Mein Schicksalsjahr“, sagt Schels. Der Kuchen schmeckt nicht, er lässt ihn stehen. Seine kleine Tochter wurde schwer krank, seine Frau bekam Krebs, im Oktober starb der Vater. Und Schels stand da mit Ratisbona, einem Millionenerbe, jeder Menge Baustellen und der Frage, was das ganze Geld nützt, wenn das Glück zerbricht. „Was willst du denn mit deinem Leben noch machen, wenn du so viel Geld hast, dass du nie wieder arbeiten musst?“, fragt er. „Erben macht nicht glücklich. Eine erfüllende Arbeit macht glücklich.“

Unterdessen sind Tochter und Frau wieder gesund, aber Schels ist ein anderer Mensch. Ein paar Jahre lang suchte er den Sinn des Lebens, fast hätte er die Ratisbona-Sache aufgegeben, weil herkömmliche Supermärkte auf der grünen Wiese so umweltschädlich sind.

Aber dann entdeckte er Michael Braungart und dessen Konzept Cradle to Cradle (C2C), von der Wiege zur Wiege. Das bedeutet, Dinge herzustellen, die idealerweise nach Gebrauch zu hundert Prozent recycelt oder ohne Qualitätsverlust immer wieder zu neuen Gütern verarbeitet werden können. Die perfekte Kreislaufwirtschaft, zumindest in der Theorie (siehe den Artikel „Cradle to Cradle – Die Kirschbaum-Ökonomie“ in brand eins 10/2018). Dafür will Sebastian Schels mit seinen Supermärkten nun auf ein Praxis-Beispiel zusteuern.

3. Neu anfangen

Den ersten Markt nach dem C2C-Konzept baut Schels gerade in Haimhausen bei München. Alles aus Holz, wiederverwertbarer Naturkautschukboden, Fenster statt künstlichem Licht, Seegras- oder Zellulosedämmung aus Papierschnipseln statt Styropor (das gesondert entsorgt werden muss), Wärmepumpen, die die Abwärme aus den Kühltruhen nutzen, Solarpanels auf dem Dach, Bäume auf dem Parkplatz und den Wiesen dahinter. Nach 15 Jahren, wenn der Supermarkt durch ist, soll man ihn demontieren und aus einem Teil der Materialien einen neuen bauen können. Idealerweise soll dabei kein Abfall entstehen.

Als Schels anfing, sich mit dem umweltverträglicheren Bauen zu beschäftigen, stellte sich heraus, dass es einen attraktiven Nebeneffekt hat. Es ist seiner Rechnung gemäß rund sieben Prozent billiger. Ein klassischer Supermarkt ist 1.500 bis 2.500 Quadratmeter groß und steht auf einem dreimal so großen Grundstück. Das Gebäude kostet durchschnittlich 1.300 Euro pro Quadratmeter, die Außenanlagen 100 Euro pro Quadratmeter. Macht zusammen 2,25 Millionen Euro (ohne Einrichtung und Ware). Sieben Prozent Ersparnis bedeuten mindestens 158.000 Euro weniger Baukosten.

Mehr als 40 Supermärkte in Holzbauweise nach dem Vorbild in Lappersdorf hat Ratisbona nach eigenen Angaben schon gebaut oder umgebaut. Jeder spare 55 Prozent CO2 beim Bau und rund 60 Prozent im Betrieb gegenüber herkömmlichen Supermärkten. Auch die Recycling-Quote sei besser: 58 Prozent statt 30 bis 40 Prozent bei herkömmlicher Bauweise. Der C2C-Markt in Haimhausen ist Schels zufolge noch einen Schritt weiter, 80 Prozent weniger CO2, voraussichtlich 97 Prozent Recycling-Quote. Nahezu alles soll wiederverwendet werden. Drei weitere C2C-Objekte seien in der Vorplanung.

Felix Jansen von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen hält den neuen Ansatz von Ratisbona für gut, wenn er „als Teil eines ganzheitlichen Nachhaltigkeitsansatzes“ verstanden wird. „Die Immobilienbranche hatte bis vor Kurzem eine ziemliche Verharrungskraft, was Nachhaltigkeit betrifft“, sagt Jansen. „Aber jetzt bewegt sich was auf vielen Ebenen.“

Hat ein wenig gedauert, bis Schels realisierte, dass traditionelle Supermärkte der Umwelt schaden. Aber jetzt, da er es gecheckt hat, baut er Supermärkte, deren Fassaden Feinstaub aus der Luft filtern, deren Parkplätze wasserdurchlässig sind und deren Solardächer Strom erzeugen.

Schels selbst hat seinen getunten BMW (500 PS) verkauft und radelt jetzt mit Akku und Helm durch Regensburg. Auf Überlandreisen klappt er das Fahrrad zusammen und verstaut es im Zug hinter dem Sitz. Und wenn es regnet, ruft er seine Assistentin an.

Die trifft gerade mit dem Dienst-Tesla auf dem Netto-Parkplatz ein. Leider zu spät, das Gewitter ist vorbei, die Sonne scheint, bei Hähnchen-Ilgner stehen sie wieder Schlange. Schels setzt seinen Helm auf, schwingt sich aufs Rad und fährt durch die Altstadt von Regensburg zurück zur Firmenzentrale.

An Ostern war er über Bekannte zu einem Frühstück ins Weiße Haus eingeladen. Er wollte die Gelegenheit nutzen und dem US-Präsidenten oder der First Lady von Ratisbona, Lappersdorf und Cradle to Cradle erzählen. Leider kam er nicht dazu. Der Small Talk ging in eine andere Richtung. Aber das nächste Mal wird er sich nicht ablenken lassen. Sein Elevator-Pitch für die umweltfreundlicheren Läden ist jetzt auch auf Englisch so sattelfest, dass er ihn jederzeit recyceln kann. Joe Biden, wait for it! ---

Supermärkte in Deutschland

Zahl der Supermärkte in Deutschland: 12.159
Verkaufsfläche der Supermärkte in Quadratmetern: 16.400.000
Durchschnittlicher Filialumsatz pro Jahr in Euro: 5.420.000
Durchschnittliche Kundenzahl pro Filiale und Jahr: 490.000
Durchschnittlicher Einkaufswert pro Besuch in Euro: 13

Ratisbona Handelsimmobilien

Sebastian Schels ist geschäftsführender Gesellschafter des Projektentwicklungsunternehmens mit Hauptsitz im bayerischen Regensburg. Die Firma hat 130 Mitarbeiter und Niederlassungen in Erfurt, Düsseldorf, Valencia / Spanien sowie Cascais/Portugal. Seit der Gründung 1987 hat Ratisbona mehr als 1.200 Super- und Baumärkte aufgestellt. Jährlich kommen zurzeit 15 bis 20 neue Märkte dazu. Der Umsatz beträgt im Schnitt 100 Millionen Euro pro Jahr. Zum Gewinn macht Ratisbona keine Angaben.