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Cradle to Cradle

„Cradle to Cradle“ verspricht einen ewigen Kreislauf ohne Abfälle, in dem alles aufs Neue verwertet wird. Wie realistisch ist das? Ein Realitäts-Check.





• Ein Kirschbaum wirkt verschwenderisch. Über und über ist er im Frühjahr bedeckt von Blüten, erfreut Menschen mit seiner Schönheit, versorgt Vögel und Insekten mit Früchten. Auch Boden, Kleinstlebewesen und Pflanzen profitieren, wenn er seine Blätter zur Erde fallen lässt. Und doch verschwendet er nichts. Ein Kirschbaum beschenkt alle mit seinem unermüdlichen Schaffen. Der Baum ist eingebunden in einen immerwährenden Kreislauf. Und deshalb ein Sinnbild, das einem begegnet, wenn man sich auf die Suche nach der Bedeutung des Begriffs „Cradle to Cradle“ macht.

Es ist ein Slogan, der Konsumenten seit einigen Jahren immer mal wieder begegnet, wenn sie eine Hose von C&A, ein T-Shirt von Trigema, ein Shampoo von Aveda, ein Reinigungsmittel von Ecover oder einen Stift von Stabilo kaufen. Doch warum tragen bislang nur wenige Produkte diese Bezeichnung? Immerhin ist der Begriff seit Jahren bekannt und verspricht viel Gutes.

Cradle to Cradle bedeutet übersetzt „von der Wiege zur Wiege“ und ist das Gegenbild zu „Cradle to Grave“ – von der „Wiege bis zur Bahre“. Mit dieser Phrase ist der Weg eines Produktes zur Deponie gemeint. Sie steht für Überproduktion und Wegwerfmentalität, kurz: für die Zerstörung des Planeten. Die Idee von Cradle to Cradle, auch C2C genannt, ist, mit all dem Schluss zu machen: Nach dem Vorbild eines Kirschbaums sollen Menschen in Zyklen produzieren und alte Waren in ein neue verwandeln.

Die Anhänger dieses Konzeptes wollen mehr, als den Verbrauch von Ressourcen minimieren oder effizienter produzieren – was viele mit dem Stichwort Nachhaltigkeit bezeichnen. Sie wollen ein neues Denken. Alles soll neu erfunden werden. Verpackungen, Kleidung, Autos, Gebäude. Dinge sollen so konstruiert sein, dass sie vollständig in neue Produkte übergehen können, wenn sie einmal überflüssig sein sollten.

Das Konzept erlangte im Jahr 2002 dank eines Buches erstmals größere Aufmerksamkeit. Der US-amerikanische Architekt William McDonough und der deutsche Chemiker Michael Braungart hatten in Cradle to Cradle Prinzipien einer solchen Kreislaufwirtschaft zusammengeführt, die seit Jahrzehnten erörtert und erprobt werden. Braungart, einst Greenpeace-Aktivist, ist heute Professor an der Leuphana Universität in Lüneburg und Vorsitzender der EPEA Internationale Umweltforschung, eine Hamburger Firma, die sich The Cradle of Cradle to Cradle nennt. Das Unternehmen wendet Braun- garts Vision auf Produkte, Prozesse und Dienstleistungen an. Er selbst hält Rechte an der Marke und hat diese an das Cradle to Cradle Products Innovation Institute in San Francisco übertragen. Dieses prüft und zertifiziert, ob Produkte dem Denken in Materialkreisläufen entsprechen.

In Deutschland verbreitet außerdem der Verein Cradle to Cradle seine Vision – die Vorsitzende ist Monika Griefhahn, Braungarts Ehefrau. Jahr für Jahr richtet der Verein einen Kongress aus, mit einer steigenden Zahl an Referenten und Teilnehmern.

Michael Braungart begeistert, und er polarisiert. Schließlich verlangt er nicht weniger, als einen Bruch mit dem traditionellen Denken über Rohstoffe, Herstellungsprozesse und Produkte: Vom Prinzip „nehmen, konsumieren, entsorgen“ zum Prinzip „nehmen, konsumieren, nehmen, konsumieren“.


Von der Wiege zur Wiege – statt ab ins Grab. Die Metapher ist schön, die Wirklichkeit leider komplex.

Braungart unterscheidet zwei mögliche Kreisläufe: einen biologischen und einen technischen. Im biologischen Kreislauf, so die Theorie, sollen nur Materialien zum Einsatz kommen, die kompostierbar sind, aus denen also wieder neue Biomasse entsteht. Im technischen Kreislauf sollen etwa Metalle oder Kunststoffe so eingesetzt werden, dass sie zu anderen Produkten verarbeitet werden können und nicht auf einer Deponie enden. Das kann ein Bürostuhl sein, ein Bauprodukt, aber auch ein Ofen.

In diesen zwei Kreisläufen könnten wir geradezu verschwenderisch produzieren und konsumieren, sagt Braungart, ohne uns oder der Umwelt zu schaden.

Manche sehen in Cradle to Cradle aber nicht nur ökologische Vorteile, sondern auch ein lohnendes Geschäft. Unternehmensberater von Accenture etwa haben errechnet, dass eine weltweite Kreislaufökonomie über alle Branchen hinweg bis zum Jahr 2030 ein Umsatzvolumen von 4,5 Billionen Euro erzielen könnte. Der Unternehmensberatung McKinsey zufolge brächte sie allein Europa einen gesamtwirtschaftlichen Nettonutzen von 1,8 Billionen Euro ein. Doch der Weg dorthin ist noch weit.

Denn wer nach Produkten sucht, die der Cradle-to-Cradle-Idee entsprechen, stellt fest: Es gibt nur Prototypen und Produktionen in kleiner Stückzahl. Rund 2000 Erzeugnisse dürfen derzeit das C2C-Label tragen. Darunter ein Verpackungsmaterial, ein Shampoo, eine Bassgitarre, ein Handtuch und ein Badreiniger. Die Produkte erreichen verschiedene Zertifizierungsgrade: Basic, Bronze, Silber, Gold und Platin. Je höher sie eingestuft werden, desto eher erfüllen sie das Ideal, vollends in einen Kreislauf aus Rohstoff und Produkt eingebunden zu sein.

In einer Branche scheint der C2C-Gedanke besonders vielversprechend: auf dem Bau. Ein Gebäude, das als beispielhaft gilt, steht in Hamburg-Wilhelmsburg.

Die Fassade aus Lärchenholz ist grauer geworden, vom Wetter gegerbt, modern sieht der „Woodcube“ aber noch immer aus. 2013 wurde das fünfgeschossige, würfelförmige Mehrfamilienhaus zur Internationalen Bauausstellung eingeweiht – und erfüllte als erstes urbanes Gebäude dieser Größenordnung in Deutschland die C2C-Grundanforderungen. Ein Großteil der Baumaterialien ist wiederverwendbar, könnte späteren Neubauten also als Rohstoff dienen. Böden, Decken, Wände und tragende Konstruktionen sind aus Holz, das innenliegende Treppenhaus ist allerdings aus Stahlbeton. Aus Brandschutzgründen. Das Bausystem erhielt das Zertifikat Gold.

Auch die kürzlich eröffnete Zentrale der RAG in Essen, der Hauptsitz der Bautechnikfirma Schüco in Bielefeld oder das noch im Bau befindliche Bürogebäude „The Cradle“ in Düsseldorf sind als Rohstoffdepots konzipiert. Sie sind energetisch autark und sollen der Natur zurückgeben, was sie ihr genommen haben. Eine Versiegelung des Bodens etwa wird durch eine Begrünung der Dachfläche ausgeglichen.

Es gibt aber noch kein Produkt, das den Standard Platin erreicht, also alle Kriterien des C2C-Prinzips erfüllt, und auch keine Produkte für den Massenmarkt. Woran liegt das?

Einer, der sich mit dieser Frage auseinandersetzt, ist Stefan Schaltegger. Der Professor für Betriebswirtschaftslehre gehört zu den am häufigsten international zitierten Forschern für Nachhaltigkeitsmanagement und leitet das Centre for Sustainability Management an der Leuphana Universität in Lüneburg. Schaltegger sagt: „Der C2C-Ansatz stößt auf äußerst positive Resonanz, weil er griffig, verheißungsvoll und moralisch entlastend ist.“ Wir müssen uns ja nicht einschränken. „Cradle to Cradle macht auf eine positive Art Lust auf bedenkenlose Verschwendung.“

In der Realität ist das noch lange nicht möglich. Einer der Gründe dafür: Wenn Unternehmen ein C2C-Produkt entwickeln wollen, müssen sie meist in Materialforschung investieren, um Stoffe zu finden, die die Anforderungen der Kunden erfüllen und in einen Verwertungskreislauf eingebunden werden können. Wer in diese Entwicklung investiert, möchte sie später auch bezahlt bekommen. Deshalb geben Unternehmen ihr teuer entwickeltes Wissen nicht einfach weiter. So kann es anderen auch nicht helfen, ebenfalls im Kreis zu wirtschaften.

Schaltegger hat aber auch grundsätzliche Bedenken: „Wo immer etwas in hoher Stückzahl gefertigt werden soll, stößt C2C an Grenzen.“ Man denke an kompostierbare Produkte im biologischen Kreislauf. Es käme zu einer Überdüngung, wenn alles kompostierbar wäre und der Natur überlassen würde. Und schließlich: Die große Menge an Biomasse, die für die Produktion benötigt würde, wäre beim heutigen Stand der Technik nur aus pflanzlichen Monokulturen zu beziehen – und diese wiederum schaden der Umwelt. „Nicht alles, was bei Cradle to Cradle in kleiner Stückzahl der Umwelt guttut, täte das auch in großer Menge“, sagt Schaltegger.

Zudem ließe sich mit dauerhaft zirkulierenden Produkten der Bedarf einer stetig wachsenden Bevölkerung nicht befriedigen.

„Cradle to Cradle kann das Schließen von Kreisläufen anregen und damit vielfach die Umwelt schonen“, sagt Stefan Schaltegger. „Es ist ein innovativer und wichtiger Ansatz. Solange die Menschheit wächst, brauchen wir aber umfassendere und leider auch komplexere Lösungen.“

Andere Wissenschaftler kommen zu ähnlichen Erkenntnissen. Marten Toxopeus, Professor an der Universität von Twente und Spezialist für Lebenszyklen von Gütern, zeigt beispielsweise in einer Fallstudie: Cradle-to-Cradle-Zertifikate legen sehr viel Wert auf die Wiederverwertung von Materialien, ganz im Sinne der Theorie. Andere Kriterien – wie der Umgang mit Wasser und Energie oder die Arbeitsbedingungen –, werden nicht in gleichem Maße gewichtet. Die Probleme, die durch eine wachsende Konsumgesellschaft entstehen, lassen sich also mit C2C allein nicht lösen, so sein Fazit.

In einer Studie unter der Leitung von Matthias Finkbeiner, Professor für Sustainable Engineering an der Technischen Universität Berlin, kamen Wissenschaftler sogar zu dem Urteil: „Das Cradle-to-Cradle-Produkt-Programm stellt nicht sicher, dass zertifizierte Produkte tatsächlich umweltfreundlich sind.“ In einer weiteren Untersuchung räumen sie immerhin ein, dass die Kirschbaum-Ökonomie gutes Marketing sei. Sie könne helfen, Produzenten und Konsumenten auf Prinzipien einer nachhaltigen Wirtschaft aufmerksam zu machen – und so einen wichtigen Beitrag leisten für einen besonnenen Umgang mit Ressourcen.

Und tatsächlich: Braungarts Wiegen-Metapher dient heute oft als Synonym für Kreislaufwirtschaft an sich. Und die hat, ganz gleich unter welchem Namen, eine Zukunft. Im Januar 2018 etwa hat die Europäische Kommission ein „Circular Economy Package“ verabschiedet, ein Bündel an Maßnahmen, um das Zirkularprinzip in der Wirtschaft zu verankern. Darin ist beispielsweise enthalten, dass bis 2030 alle Plastikverpackungen recycelbar sein sollen.

Doch die Prinzipien finden auch ohne Politik und Zertifikate zu den Menschen. Ein Beispiel dafür sind die beiden jungen Nürnbergerinnen Anna Souvignier und Sophie Zepnik. Sie studierten Nachhaltigkeitsmanagement in Schweden und stellten fest, dass es sogar dort, wo man es erwarten könnte, oft nicht um Nachhaltigkeit geht: in der Welt der Yoga-Enthusiasten.

Lange suchten sie nach Yogamatten, die vollständig recycelbar sind. Doch sie fanden nur welche aus neuem Kunststoff – oder aus Kork und Kautschuk. Naturmaterialien, aber nicht umweltschonend. „Dafür müssen Wälder gerodet werden, und das Material ist anschließend nur bedingt recycelbar“, sagt Zepnik.

Daraufhin entwickelten die beiden Frauen in Zusammenarbeit mit Josephs, einem Innovation Lab der Fraunhofer-Gesellschaft, eine Matte, die aus Schaumstoffresten produziert wird. Die fallen zum Beispiel bei der Auto- oder der Möbelproduktion als Schnittreste an. Außerdem haben sie ein Rückgabesystem entwickelt: Wer seine Matte nicht mehr mag, kann sie zurückschicken, erhält ein Versandetikett und 15 Prozent Rabatt für eine neue Matte. Souvignier und Zepnik sammeln die alten Matten, um sie in neue zu verwandeln.

Gern würden die Frauen, die ihre Nürnberger Firma Hej hej genannt haben (Schwedisch für „hallo“), ihr Produkt mit dem Label Cradle to Cradle versehen. Doch die Zertifizierung können sie sich derzeit nicht leisten – für ein neues Produkt liegen die Kosten bei etwa 1300 Euro. Von den 129 Euro, die sie pro Matte verdienen, bleibt für sie nicht einmal genug übrig, um mit Händlern zusammenzuarbeiten. Ein Euro pro Matte soll außerdem an das Projekt Earthchild gehen, bei dem Kinder in Afrika Yoga kennenlernen können. „Nachhaltigkeit bedeutet für uns nicht nur, an die Verwertung des Materials zu denken“, sagt Zepnik.

Bislang muss der Vertrieb noch in Eigenregie und online funktionieren. Die erste Charge von 300 Exemplaren ist verkauft, die zweite steht bald zur Auslieferung bereit. Denn: „Wir möchten die Produktionsreste in ihrem neuen Produktleben begrüßen.“ Ein Problem haben Anna Souvignier und Sophie Zepnik allerdings noch nicht gelöst: Damit ihre Matten auch genutzt werden können, müssen sie von einer hygienischen Schicht überzogen sein. Dafür verwenden die Gründerinnen bislang eine Substanz, die eigens dafür hergestellt werden muss.

So erschaffen die zwei Frauen mit ihren Matten einen kleinen Kreislauf, in dem fast nie etwas verloren geht. Beinahe wie im Leben des Kirschbaums. Eben nur fast, sagen die einen. Immerhin, sagen die anderen. ---

Cradle to Cradle
Michael Braungart, William McDonough