Eine italienische Attraktion
Bruno Ferrin, ein armer Mann, hält sich in den ersten Nachkriegsjahrzehnten im damals noch rückständigen Venetien mit verschiedenen Jobs über Wasser. Dann beginnt er, eigenhändig einen Freizeitpark zu bauen.
Der Gründer und, oben drüber, eines seiner größten Werke, das sogenannte Todesrad
• Er kommt in Minischritten den Hang herunter, in der einen Hand einen aus einem Pappel-Ast geschnitzten Gehstock, in der anderen einen rostigen Eimer. Bruno Ferrin wirkt in sich versunken, so, als nehme er das Gelächter und Gekreische um ihn herum nicht wahr. Am Tiergehege macht er halt, gibt den Hühnern, Gänsen und dem Pfau zu fressen, spritzt den Boden mit einem Wasserschlauch ab.
Es ist Freitag, 2. Juni. Festa della Repubblica, ein Feiertag in Italien. Der Himmel strahlt, die Vögel zwitschern, die Blätter an den Bäumen schaukeln im lauen Wind wie ein Wackeldackel auf dem Armaturenbrett. Der kleine alte Mann befindet sich in einem Freizeitpark, der in einem Wald gelegen ist, 50 Kilometer nördlich von Venedig. Um ihn herum vergnügen sich Menschen jeden Alters auf Rutschen, Achterbahnen und Karussells. Eine rund 40 Jahre alte Italienerin mit großer Sonnenbrille und grellrot geschminkten Lippen bleibt vor dem Tiergehege stehen und starrt. „Das ist er“, spricht die Frau nach einer Weile vor sich hin. Wendet sich ihrem Mann und ihren zwei Kindern zu, die ein paar Meter entfernt bei der Bobbahn stehen. Ruft mit rauchiger Stimme: „Kommt schnell her. Der Opa, der das alles aufgebaut hat, er ist hier.“ Plötzlich nähern sich von allen Seiten Leute dem Tiergehege und schauen durch den Drahtzaun. Es ist eine Szene wie im Zoo, nur dass sich keiner für die Tiere interessiert. Die Aufmerksamkeit gilt allein Bruno Ferrin.
Im Vergnügungspark Ai Pioppi leben mehrere Tiere, das Vogelhaus hat Bruno Ferrin selbstverständlich selbst gebaut; in seiner Osteria hängt ein Bild mit alten Fotos. Eines davon zeigt ihn mit seiner Frau, seinen Töchtern und einem weiteren Kind – am Tag, als alles begann (unten)
Die Frau mit der rauchigen Stimme nimmt die Sonnenbrille ab, es scheint, als wolle sie eine unverfälschte Sicht auf ihre Entdeckung bekommen. „Wie lange hat es gedauert, diesen Park zu errichten?“, fragt sie.
Ferrin hebt seinen Blick, schaut sie direkt an, antwortet: „1969 habe ich angefangen. Aber fertig bin ich noch immer nicht.“
„Haben Sie das wirklich alles mit den eigenen Händen gebaut?“
„Ein bisschen Köpfchen gehört auch dazu.“
„Darf ich fragen, wie alt Sie sind?“
„86, wenn ich mich nicht verrechnet habe.“
Ein Raunen geht durch die Menge. Ein Jugendlicher in kurzer Jeanshose fragt: „Ist es nicht viel zu anstrengend, in diesem Alter noch so hart zu arbeiten?“
„Niemand zwingt mich dazu, mein Lieber. Jeden Morgen nach dem Aufstehen frage ich mich, was ich heute tun möchte: Vögel beobachten oder arbeiten. Und dann gewinnt immer die Arbeit.“
„Kompliment“, „grandios“, „bewundernswert“ rufen die Leute. Eine junge Frau, deren Arme mit Tattoos übersät sind, will wissen: „Welches der Spielgeräte ist Ihr Lieblingsstück?“
Ferrin schüttelt den Kopf. „Signora, was würden Sie antworten, wenn jemand Sie fragt, welches Ihrer Kinder Ihr liebstes ist.“ Er greift nach dem Gehstock und dem rostigen Eimer, wünscht allen einen vergnüglichen Tag, tritt aus dem Gehege und setzt seine Vormittagsrunde fort.
Ai Pioppi – bei den Pappeln – heißt der Park im Nordosten Italiens. Er ist voller Attraktionen. Die größte aber ist der Mann, der sie konstruiert hat: Bruno Ferrin.
Er hat mit zehn die Schule geschmissen und danach nie wieder eine Bildungsstätte besucht. Er hat seinem Schicksal getrotzt und ist Unternehmer geworden.
An Werktagen ist der Vergnügungspark geschlossen, dann wirkt er wie ein seit vielen Jahren verlassener Ort. Besetzt mit puristischen Stahlskulpturen, von denen zunehmend die Farbe abblättert. Spielgeräte aus einer anderen Zeit. Teilweise sind sie von Baumwipfeln umrankt, sodass man denken könnte, die Natur erobere sich den einst von Menschen in Beschlag genommenen Raum zurück.
An den Wochenenden jedoch erwacht der Park zum Leben, bis zu 1500 Menschen am Tag strömen dorthin, und wenn man dabei zuschaut, wie sie sich vergnügen, wenn man allmählich begreift, welche Sehnsüchte der Park erfüllt, dann erschließt sich einem der Zauber dieses Ortes.
Die italienische Presse nannte ihn lange „Gardaland der Armen“– denn anders als beim am Gardasee gelegenen, größten und teuersten Vergnügungspark Italiens ist der Eintritt kostenlos. Die Besucher zahlen nur für Speisen und Getränke, die Bruno Ferrin in seiner Osteria für vergleichsweise wenig Geld anbietet.
Neuerdings wird Ai Pioppi dafür gepriesen, dass die Karussells aus Altmetall bestehen und keinerlei Strom benötigen. Die Medien nennen ihn jetzt häufig „Öko-Park“. Ferrin sagt: „Ich kann nicht behaupten, dass das meine Absicht war. Ich habe immer einfach gemacht, was ich für gut hielt.“
Zwischen April und Oktober kommen mehr als 50.000 Besucher hier her, bescheren Ferrin einen Umsatz zwischen einer halben und einer Million Euro. An Sonn- und Feiertagen ist der Andrang am größten, dann sind bis zu 40 Aushilfskräfte in der Osteria und an den Spielgeräten im Einsatz. Zwischen November und März beschäftigt sich Ferrin mit der Wartung der Geräte und baut jedes Jahr ein neues. Für die größten investiert er bis zu 50.000 Euro. „Nach Abzug aller Kosten und Steuern bleibt vom Umsatz nicht viel übrig, aber wir können davon leben“, sagt Ferrin.
Er trippelt durch den Wald, um der Reihe nach alle 45 Spielgeräte auf der 30.000 Quadratmeter großen Fläche zu inspizieren, und dabei scheint er mit jeder einzelnen Falte seines Gesicht zu lächeln. Er schaut den Kindern zu, die mit einem Metallschlitten über eine Rollenbahn gleiten, wie man sie in Betrieben zur Beförderung von Schwerlasten einsetzt. Er passiert eine 60 Meter lange dreispurige Rutsche, die Jugendliche im Wettbewerb miteinander auf einem Stück Teppich heruntersausen.
Manchmal entdeckt er, dass sich bei einem Spielgerät eine Schweißnaht gelöst hat. Er geht dann seelenruhig in seine Werkstatt, kramt das nötige Werkzeug zusammen, kommt zurück und beginnt mit der Reparatur. Was man dann sieht, ist ein skulptural über die Strebe gebeugter Greis, der mit der rechten Hand das Schweißgerät betätigt, während er in der linken einen Schild hält, der sein Gesicht vor dem gleißenden Licht der Flamme schützt.
Beim Schweißen in seiner Werkstatt ist Bruno Ferrin in seinem Element. Im Winter ist er fast immer dort zu finden
Stahlskulpturen mitten im Wald: Ai Pioppi hat mit herkömmlichen Freizeitparks wenig gemein
Eine anfassbare, verständliche Welt
Bei seinem Gang durch den Park bleibt Bruno Ferrin dann und wann stehen und schaut eine halbe Minute regungslos in die Ferne, den rechten Arm angewinkelt, in der Hand den Gehstock haltend. Von hinten betrachtet, erinnert er an den Wanderer über dem Nebelmeer, das berühmte Gemälde von Caspar David Friedrich – nur dass Bruno Ferrin auf keinem Felsen steht und keinen vornehmen Gehrock trägt, sondern einen Blaumann. Wie jeden Tag. Auf Brusthöhe ist in Gelb der Schriftzug „Bruno Ai Pioppi“ eingenäht. Der Blaumann, das erfährt man, wenn man ein paar Tage mit ihm verbringt, ist für ihn viel mehr als Arbeitskleidung. Er ist ein Statussymbol.
Auf einer Anhöhe zieht ein junger Mann in pinkem Muscle-Shirt an einem herabhängenden Seil. Das Seil läuft oben, in drei oder vier Metern Höhe, über eine Rolle nach schräg unten zu einem großen Metallrad, das durch wiederholtes Ziehen und Zurückschwingen des Seils immer größere Ausschläge vollzieht. So bewirkt das Rad, dass der junge Mann irgendwann vom Rückschwung in die Höhe gezogen wird. Ferrin grinst. Kräfte und Gegenkräfte, die ohne elektrischen Antrieb Bewegungen auslösen – auf diesem Prinzip beruhen fast alle seine Spielgeräte. Oft kommen Physiklehrer mit ihren Klassen her, um der kinetischen Energie auf den Grund zu gehen. Aber auch viele der Besucher, die aus purem Vergnügen anreisen, sinnieren plötzlich lautstark über die Wirkungsweise von Flaschenzügen, Fahrradkurbeln, Schwer- und Zentrifugalkraft. Das ist eine der Sehnsüchte, die Ai Pioppi bedient: eine Welt, deren Mechanismen verständlich sind.
Der junge Mann im Muscle-Shirt kreischt wie ein Kind, als er wieder und wieder mit dem Seil in die Luft gezogen wird. „Genau wie wir früher“, sagt Bruno Ferrin und beginnt zu erzählen.
1937 geboren, wächst er in einem Dorf bei Treviso auf, keine 30 Kilometer von Ai Pioppi entfernt. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater Bäcker. Armut und die Angst vor Bombenangriffen prägen Bruno Ferrins Kindheit. Der Vater gerät im Krieg in russische Gefangenschaft – Italien kämpft damals (bis zum Wechsel ins Lager der Alliierten im Herbst 1943) noch an der Seite von Nazi-Deutschland. Wie durch ein Wunder kommt er vor Kriegsende unversehrt zurück, muss sich aber in einer abgelegenen Hütte vor den Deutschen verstecken, die als Besatzer Angst und Schrecken im Land verbreiten.
„Es ging bei uns zu Hause immer nur darum, die Familie durchzubringen“, sagt Bruno Ferrin. In der Schule habe er sich vor Hunger kaum konzentrieren können. Mit zehn, der Krieg ist inzwischen vorbei, hört er mit der Schule auf, arbeitet von da an bei den Bauern der Gegend mit und ab Ende der Vierzigerjahre in der Osteria, deren Pacht seine Eltern von den Großeltern übernehmen. „Ich hatte eine kurze Kindheit“, sagt Ferrin, „aber trotz allem auch viel Spaß.“ Sonntags vor der Messe helfen er, sein Bruder und ein paar Freunde aus dem Dorf dem Priester beim Glockenläuten. Zusammen ziehen sie am Seil, um das Trumm in Bewegung zu setzen. „Wir zogen und zogen, und wenn der Rückschwung groß genug war, ließen wir uns vom Seil mitziehen, viele Meter hoch.“
Getöse an einem Karussell namens Giro della Morte – Todesrad – reißt Ferrin aus seinen Erinnerungen. „Vai, vai“, ruft die Menschenmenge, während zwei Männer mit aller Kraft in die Pedale treten. Sie sitzen jeder auf einem Fahrradsattel in einer Kabine aus Metallstreben und Maschendrahtzaun. Die Kabinen wiederum stehen auf einem Schubkarren-Rad und sind jeweils an ein bis zu den Baumwipfeln reichendes Looping-Karussell fixiert. Dank der Pedalkraft katapultieren sich die beiden Männer immer weiter das große vertikale Rund hinauf, bis sie zurückpendeln und neuen Anlauf nehmen. Gerade steht einer von ihnen kurz vor dem Überschlag, keuchend, hysterisch lachend und angefeuert von wildfremden Leuten.
Im ganzen Park spürt man diese kindliche Freude und ein argloses Gemeinschaftsgefühl. „In meine Spielgeräte steigt man nicht ein und lässt sich treiben. Die Leute werden auf die Probe gestellt. Das verbindet“, sagt Bruno Ferrin. Dann kehrt er in die Fünfzigerjahre zurück, er will die Vorgeschichte von Ai Pioppi erzählen.
Einen wirtschaftlichen Aufschwung wie im Nordwesten Italiens gibt es in Venetien damals nicht. Viele Familien leben von kirchlichen Almosen oder wandern in die Vereinigten Staaten oder nach Südamerika aus. Ferrin geht mit 17 zur Marine. Der militärische Drill macht ihm zu schaffen, trotzdem bleibt er fünf lange Jahre. „Dann ging es einfach nicht mehr.“ Er hilft in der Bar, die sein Vater mitten in Treviso aufmachte, nachdem die Osteria auf dem Land pleitegegangen war. Die Bar wirft jedoch auch nicht genug ab.
1961 heiratet Ferrin Marisa Zaghis, die Schwester eines ehemaligen Marine-Kameraden, und eröffnet mit ihr einen Lebensmittelladen. Auch der läuft nicht. Ferrins Frau wird schwanger, „da war der Druck natürlich groß“. Er beschließt, nach Brasilien auszuwandern, dort, so hat er gehört, haben viele Leute aus Venetien ihr Glück gefunden. Von seinen Ersparnissen kauft er ein Flugticket nach São Paulo, „Marisa sollte nachkommen, sobald ich Arbeit habe“. Drei Monate treibt er sich in dem fremden Land herum, fragt überall nach, in der Gastronomie, bei Händlern, aber vergeblich. Seine Frau sagt ihm am Telefon, dass er nach Hause kommen soll. Und so kehrt Ferrin Ende 1963 zurück – blank, arbeitslos, kurz davor, Vater zu werden. Aber keineswegs entmutigt.
Er ist damals 26 Jahre alt, sucht weiter nach einer Beschäftigung und hat wenig später endlich Glück: Er wird Vertreter für Mehl und Hefe, versorgt zahlreiche Bäcker – und das funktioniert. „Das Einkommen reichte für den Lebensunterhalt der Familie.“
Einige Jahre später, im Frühjahr 1969, fragt Bruno Ferrin seine Frau, was sie davon hält, gemeinsam ein kleines Ausflugslokal zu betreiben. Sie haben inzwischen zwei Töchter, 5 und 3 Jahre alt. Ferrin ist immer noch Vertreter, zwischen 4 Uhr morgens und 12 Uhr mittags beliefert er die Bäcker, nachmittags hat er frei. Da könnte man sich doch gut noch etwas dazuverdienen, denkt er. Er mietet von einem Bauern ein kleines Waldgrundstück und baut darauf eine Baracke aus Blech. Er stellt ein paar Tische und Bänke auf, kauft für die Eröffnung Wein und Brot, sechs Kilo Bratwürstchen und eine Soppressa, wie die Salami aus der Region heißt. Am ersten Tag ist nach wenigen Stunden alles aufgegessen. „Was für eine Euphorie bei Marisa und mir!“
Ferrin weist mit dem Gehstock in Richtung Eingang, wo hinter seiner Werkstatt ein Haus mit überdachtem Garten steht. Sagt: „Wenn wir jetzt nicht zum Mittagessen gehen, kommen wir zu spät, und Marisa lässt sich scheiden.“ Es ist halb eins, an den Spielgeräten sind plötzlich kaum noch Menschen zu sehen. Die Erklärung gibt es bei der Ankunft am Haus: Alle sind hier. Was für ein Trubel! 1500 Leute beim Essen. Gruppenweise sitzen sie an langen Tischen im Garten, vor ihnen Rippchen oder Hähnchenschenkel mit Polenta und reichlich Wein. Kinder spielen Fangen, die Großeltern machen ein Nickerchen oder erzählen Geschichten, jugendliche Paare schauen sich verliebt in die Augen. Die Szene erinnert an die Zeit, als sich in Italien ganze Nachbarschaften zum Essen, Trinken und Plaudern auf der Piazza trafen.
In der Küche herrscht Hochbetrieb, Ferrins Töchter Roberta und Franca, heute 59 und 57 Jahre alt, haben hier das Kommando, mit rund zehn Hilfskräften bereiten sie die Speisen zu. Beide Frauen arbeiten täglich im Park, sie backen für das Wochenende Hunderte Muffins und kaufen bei einem befreundeten Metzger Hunderte Kilo Fleisch, das sie dann vorgaren. Draußen an der Kasse sitzt Francesco, Ferrins Enkel und designierter Nachfolger. Er habe schon Pläne, wie man den Betrieb verbessern könne, sagt er.
Wie hat Bruno Ferrin bloß ohne Schulabschluss und Ausbildung aus dem kleinen Ausflugslokal einen Vergnügungspark geschaffen, der aus riesigen Metallkonstruktionen besteht und gekonnt physikalische Gesetze anwendet?
Er setzt sich in einem kleinen Raum neben der Küche an einen gedeckten Tisch. Neben ihm Marisa, eine herzliche Frau mit frisch frisierten grauen Haaren. Beim Essen erzählt Bruno Ferrin von seinem Schlüsselerlebnis Anfang der Siebzigerjahre. Damals kommen immer mehr Familien in das Ausflugslokal, Ferrin, 36, Jahre alt, will es darum erweitern und kauft dem Besitzer des Waldgrundstücks eine deutlich größere Fläche ab. Zudem beschließt er, für die Kinder unter den Gästen eine Schaukel zu bauen. Von einem Schmied in der Nähe will er sich Ösen für die Aufhängung besorgen, doch der hat keine Zeit, deutet aber in eine Ecke, wo Schrott herumliegt. Wenn er wolle, könne Ferrin die Ösen selbst anfertigen und dafür sein Werkzeug benutzen. Der nimmt dankend an, macht sich nach kurzer Anleitung daran, Eisenstangen zu erhitzen und sie in Form zu hämmern, am Anfang etwas zu heftig, sodass die ein oder andere Stange durchbricht, doch schließlich verlässt er nach einer guten Stunde die Schmiede mit den gewünschten Ösen. „Das war ein großartiges Gefühl. Man kann alles lernen, wenn man will, dachte ich.“
Seit 1961 mit Ferrin verheiratet: Marisa Zaghis
Ferrins Geschäftspartner und Freund: der Metallbauer Angelo Zecchel
Nie vor Mitternacht zu Hause
Wenig später geht er zu einer Metallbau-Werkstatt und trifft dort auf Angelo Zecchel, der ihm gegen Geld hilft, eine kleine Rutsche zu bauen. Ferrin lässt sich beibringen, wie man schweißt und verschiedene Sorten Metall verarbeitet. Dann richtet er auf seinem Waldgrundstück eine Werkstatt ein und macht sich daran, eine größere Rutsche zu bauen, eine Wippe und ein Trampolin, für dessen Oberfläche er alte hochelastische Gummiseile zu einem Quadrat verknotet. Das Geschäft läuft so gut, dass er 1980 seinen Vertreter-Job drangibt. Vier Jahre später reißt er die Baracke ab und mauert ein Häuschen mit Küche. Anfang der Neunzigerjahre nimmt er die dreispurige Rutsche in Angriff. Es gibt ein Foto, auf dem sieht man ihn im Unterhemd, mit Hosenträgern, Oberarm-Tattoo und Schaufel vor dem 60 Meter langen Stahlgerüst, das als Sockel der drei Bahnen dient. „Das war monatelang harte Arbeit“, sagt er, „eine wunderbare Zeit.“ – „Er ist nie vor Mitternacht nach Hause gekommen“, ergänzt seine Frau.
Längst zeigt sich, dass dank der Spielgeräte auch Gäste von weit her kommen. Das ermuntert Ferrin, immer mehr und immer größere Geräte zu bauen. Manche seiner Ideen sind so komplex, dass er Hilfe in Anspruch nehmen muss. Das Todesrad zum Beispiel, seine große Neuheit im Jahr 1997. Ein technischer Zeichner macht ihm einen Entwurf und berechnet die Maße der Einzelteile, ein Ingenieur prüft die Funktionsfähigkeit, und Metallbauer Zecchel fertigt in seiner Werkstatt die großen Teile an.
2004 beschließt Bruno Ferrin, damals 67 Jahre alt, einen Umbau. Er nimmt einen Kredit auf und investiert eine Million Euro in ein Restaurant mit Profi-Küche und 1300 Außenplätzen. Auch im Ausland spricht sich herum, dass es in Venetien einen skurrilen Vergnügungspark gibt, den ein Mann eigenhändig gebaut hat. Seitdem machen zahlreiche deutsche Camper sowie amerikanische und britische Venedig-Touristen einen Abstecher zu Ai Pioppi. Bis heute denkt sich Ferrin immer neue Spiele aus. „Sonst wird es ja irgendwann langweilig“, sagt er, trinkt seinen Wein aus und zieht sich mit seiner Frau zu einem Mittagsschläfchen zurück.
Die Spielgeräte sind aus recyceltem Material gebaut und werden ohne Strom betrieben. Die Presse spricht daher vom „Öko-Park“
Arbeitskult und Freiheitsdrang
„Bruno Ferrin ist der Prototyp eines Aufsteigers aus Venetien“, sagt Roberto Scandiuzzi. Er ist der Ingenieur, der vor dem Bau der großen Karussells die Entwürfe checkt und mehrmals im Jahr einen Rundgang durch den Park macht, um als eine Art TÜV die Sicherheit der Spielgeräte zu prüfen. Heute ist er nur auf einen Espresso hier. „Zwischen den Sechziger- und Achtzigerjahren“, sagt Scandiuzzi, „stieg Venetien von einer der ärmsten Regionen Italiens zu einer der reichsten auf. Die Basis dieses Aufstiegs war keine Großindustrie wie in der Lombardei oder im Piemont, sondern Zehntausende Kleinbetriebe: Metallbauer, Holzverarbeiter, Textilfirmen mit 10, 20 Mitarbeitern.“
Den Unternehmern aus Venetien sage man wegen des wundersamen Aufschwungs bis heute ein besonderes Arbeitsethos nach, sie hätten nichts anderes als Maloche im Sinn. „Aber das ist nur die halbe Wahrheit“, sagt Scandiuzzi. „Es geht den Menschen nicht darum, mit irgendeiner Arbeit gutes Geld zu verdienen und ein Vermögen aufzubauen. Sie möchten tun und lassen können, was sie wollen. Sich amüsieren. Die Unternehmer scharen in den Betrieben ihre Familie, ihre Nachbarn und Freunde um sich, und wenn die Arbeit alle ernähren kann, sind sie glücklich.“ Scandiuzzi kippt den Espresso runter. „Bruno Ferrin hat einen eigenen Betrieb, er liebt seine Arbeit und wird vermutlich bis zu seinem Tod nicht von ihr lassen. Das ist der Traum vieler Menschen hier.“
Dann ist der kleine alte Mann plötzlich zurück. Im Blaumann geht er nach seinem Mittagsschläfchen von Tisch zu Tisch, hält ein Schwätzchen, fragt, wenn er mal wieder Komplimente erhält, was die Gäste an dem Park eigentlich so schätzen.
„Hier lacht man so viel“, sagt an einem Tisch eine rundliche Frau um die 50.
„Warum lacht man so viel?“, fragt Bruno Ferrin.
„Vielleicht, weil man Sachen macht, die man sonst nicht macht. Lustige Sachen“, erwidert die Frau.
„Warum machen Sie sonst keine lustigen Sachen?“
„Ich weiß nicht. Es ergibt sich nicht.“
Stille.
„Ich glaube, dieser Park erinnert uns an unsere Kindheit“, mischt sich ein grauhaariger Mann mit Nickelbrille ein. „Und dann denkt man über das ganze Leben nach, darüber, was eigentlich Glück ist.“
„Bravo“, sagt Bruno Ferrin, klopft dem Mann auf die Schulter und geht zum nächsten Tisch.
Ist es nicht vor allem er, der die Besucher von Ai Pioppi nachdenklich macht? Dieser 86 Jahre alte Mann, der seit 54 Jahren an diesem Park baut und nicht damit aufhören will. Wie denkt er selbst über seinen Werdegang?
„Hätte ich in Brasilien Arbeit gefunden“, sagt Bruno Ferrin, „wäre alles anders gekommen. Wäre ich Kaffeevertreter geworden, auch, denn dann hätte ich nachmittags nicht frei gehabt und wäre nicht auf die Idee gekommen, mir einen Zweitjob zu suchen. Dass es den Park gibt, liegt also nur daran, dass ich vorher Hefe und Mehl verkauft habe.“
Bruno Ferrin lächelt. „So ist das Leben“, sagt er, „eine Kette von Zufällen.“ In sein zufriedenes Gesicht mischt sich zum ersten Mal ein Hauch von Ironie. Dann zieht er weiter. --
Die Ökonomie hinter dem Park
Zahl der Besucher pro Jahr: mehr als 50.000
Eintritt: 0 Euro
Preis für ein Glas Wein: 1,50 Euro
Preis für eine Portion Rippchen mit Polenta: 8 Euro
Preis für eine Portion Pommes frites: 3 Euro
Preis für einen hausgemachten Muffin: 2 Euro
Preis für einen Espresso: 1 Euro
Geschätzter durchschnittlicher Verzehrbon pro Besucher: 15 Euro
Umsatz pro Jahr: zwischen 500.000 und 1 Million Euro
Geschätzte Ausgaben für Aushilfskräfte: 250.000 Euro
Kosten für den Bau eines Spielgeräts: bis zu 50.000 Euro
Geschätzte Kosten für Bau und Wartung der Geräte pro Jahr: 100.000 Euro
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