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Kühlende Kleidung

Die Erderwärmung hat auch Auswirkungen, von denen bisher wenig die Rede ist: Sie macht neue Produkte zu Luxusgütern, kühlende Kleidung zum Beispiel.



Nahaufnahme eines schwarzen, gesteppten Stoffes. Das Material wirkt leicht und strukturiert, mit feinen Linien, die ein Karomuster bilden. Der Stoff könnte Teil einer Jacke oder Weste sein.
Der Stoff aus dem die Kühlkleidung, wie die Weste, besteht.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 10/2023.

Eine schwarze, gesteppte Weste hängt an einem Stativ vor blauem Hintergrund. Die Weste hat einen Reißverschluss und ein kleines Logo auf der Brust. Das Bild scheint für Werbezwecke aufgenommen worden zu sein.
Ein Fenster wird von hellen, strukturierten Vorhängen verdeckt. Das Licht scheint durch den Stoff und erhellt ihn. Im unteren Bildrand ist ein Teil eines Stuhls zu sehen.

Weste und kühlender, lichtdurchlässiger Vorhang

• In Ländern, in denen es im Sommer 40, 45, ja sogar 50 Grad Celsius heiß werden kann, weiß es jeder: Schwitzen ist anstrengend und beansprucht Herz und Kreislauf. Wer bei 26 Grad Sport mache, sagt Gabriele Renner, benötige bis zu 60 Prozent seiner Energie zum Kühlen des Körpers. Die 57-jährige Ulmerin weiß das, weil sie Pharmazie studiert hat, und betont es, weil sie Kühlkleidung verkauft. Gemeinsam mit ihrer Schwester Sabine Stein, 55, entwickelt sie Hosen, Westen, Kopfbedeckungen und Halstücher, die den Körper kühlen. So soll man auch bei Hitze fit und leistungsfähig bleiben.

Renner sitzt in einem Besprechungsraum. An den Wänden hängen Bilder von Frauen mit rosa Perücken, die sich mit Wasserpistolen bespritzen, draußen gibt es eine Terrasse, dahinter liegt ein Park. Pervormance International hat den Firmensitz auf dem Ulmer Kienlesberg, in einem ehemaligen Krankenhaus. Die Marke der Kühlkleidung heißt: E-Cooline.

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Das Bild zeigt das Logo eines Unternehmens namens „Business Bike“, bei dem es sich um einen Fahrradverleihdienst handelt. Das Logo besteht aus den Worten „BUSINESS BIKE“ in blauer Schrift, wobei ein stilisiertes rotes „B“ in das Design integriert ist. Das Logo ist vor einem weißen Hintergrund platziert, wodurch es für die Nutzer gut sichtbar und leicht zu erkennen ist.

Auf dem Tisch liegt eine schwarze Weste, die Renner unter den Wasserhahn gehalten und abgetrocknet hat. Ein spezielles Vlies, auf Brusthöhe eingenäht, hat etwa einen Liter Wasser aufgesogen. Wenn man die Weste anzieht, verdunstet es nur langsam. Bis zu 22 Stunden kann das dauern. Die Verdunstung entzieht dem Körper Energie und kühlt ihn so.

„Im Prinzip funktioniert unsere Technologie ähnlich wie ein nasses T-Shirt, das Sie überziehen. Bloß: Sie werden nicht nass“, sagt Renner. Das Vlies speichert die Wassermoleküle. Weil es aus vielen kleine Ästen und Brücken besteht, ist die Speicheroberfläche sehr groß. Wenn man die Weste trägt, fühlt sie sich leicht feucht an, das T-Shirt darunter bleibt aber trocken.

Renner wirbt damit, dass die Leistungsfähigkeit von Sportlerinnen und Sportlern bei Hitze durch eine solche Kühlung um bis zu zehn Prozent gesteigert werden konnte. Dabei beruft sie sich auf Untersuchungen der Universitäten Münster und Dortmund, die das Unternehmen finanziert hat.

Der Geher Christopher Linke benutzt die Kühlkleidung seit der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha, der Hauptstadt von Katar. 2019 herrschten dort auch nachts noch Temperaturen von mehr als 30 Grad Celsius. Dazu kam eine hohe Luftfeuchtigkeit, Athletinnen und Athleten kollabierten, obwohl die Wettkämpfe nur in der Nacht stattfanden. „Es war wirklich heftig“, sagt Linke.

Er ließ sich anschließend von E-Cooline ein Halstuch schneidern, das neben dem Vlies über kleine Taschen verfügt, in die der Athlet zerstoßenes Eis stopft. Das Eis braucht er ab etwa 25 Grad, weil sein Körper unter Hochleistung so viel Hitze produziert, dass die Verdunstungskälte durch Wasser nicht ausreicht. Alle vier Kilometer wechselt Linke das Tuch aus. „Ich verliere durch das Anziehen ein paar Sekunden. Doch wenn ich überhitzen würde, wäre der Zeitverlust sehr viel größer“, sagt er. „Das ist es mir wert.“

Linke ist Extremsportler, doch ist die Kühlkleidung auch etwas für die breite Bevölkerung? Eher nicht, meint Andreas Matzarakis. Er leitet das Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung beim Deutschen Wetterdienst* und beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Hitze auf die menschliche Gesundheit. „Nur für bestimmte Leute sind Kühlwesten eine gute Sache“, sagt er. Wer bei hohen Temperaturen Leistung bringen müsse, könnte die Weste als Anpassungsstrategie an den Klimawandel nutzen. Straßenbauer und Dachdecker zum Beispiel. Oder Menschen bei der Weinlese in Frankreich. Die Berufsgenossenschaft Bau unterstützt Unternehmen seit einigen Jahren beim Kauf von Kühlwesten.

Ein Wundermittel sei die Kühlkleidung jedoch nicht. Und auch für ältere Menschen sei die kühlende Kleidung seiner Meinung nach nicht geeignet. Aufgrund von Medikamenteneinnahme und eines belasteten Organismus könnten sie sich nicht mehr so gut an veränderte Temperaturen anpassen – der Kühleffekt könnte den Körper zusätzlich belasten.

Auch wenn die Zahl der heißen Tage pro Jahr steigt, war die Kühlweste lange kein richtiger Verkaufsschlager. „Es ist gar nicht so einfach, die Leute von ihrem Nutzen zu überzeugen“, sagt Gabriele Renner.

Es gebe zwei Gründe, die Kunden davon abhielten, ihre Westen zu kaufen. Erstens, der Schwimmbad-Effekt: In den ersten Minuten spürt man deutlich, dass die Weste kühlt. Doch der Körper gewöhnt sich daran, und nach einer halben Stunde spürt man den Effekt nicht mehr – obwohl die Weste weiter ihre Arbeit mache, so Renner.

Zweitens, der Ich-weiß-nicht-wie-es-ohne-Weste-wäre-Effekt: „Eigentlich kaufen sich Kunden unser Produkt nur, wenn es nicht anders geht“, sagt Renner, und erzählt von einer Freundin, die beim Motorradfahren in den USA wegen der starken Hitze zusammengebrochen sei. Jetzt fahre sie bei hohen Temperaturen immer mit Kühlweste.

Der Preis könnte ebenfalls eine Rolle spielen, knapp 190 Euro für die günstigste Weste ist nicht wenig. Hinzu kommt das Gewicht. Neben dem Eigenwicht der Weste trägt man knapp einen Liter Wasser durch die Gegend. Ob sie modisch passt, muss jeder selbst entscheiden.

Erfolg hat die Firma dort, wo Menschen bei großer Hitze arbeiten. Die meisten Westen verkauft sie an Industrieunternehmen: Stahlwerke, Anlagenbauer, Automobil- und Flugzeughersteller. Daneben gehören die Deutsche Post, die japanische Marine, Straßenmeistereien, das Ulmer Krematorium und Feuerwehrleute zu den Kunden. Und Menschen, die unter Multipler Sklerose leiden, denn hohe Temperaturen können die Symptome der Nervenkrankheit verstärken.

Begonnen hat das Projekt der Schwestern im Jahr 2010. Sie glaubten an eine Idee, mit der ein Schweizer Wissenschaftler ein paar Jahre zuvor auf sie zugekommen sei, so Renner. Der Mann hatte einen Vorgänger des aktuellen Vlieses entwickelt und wollte testen, ob sich damit ein Produkt entwickeln lässt, das die gelhaltigen Kältekompressen vom Markt drängt.

Renner, die damals eine Beratungsfirma führte, habe ihm davon abgeraten, der Stoff sei zu teuer, um wettbewerbsfähig zu sein. Gemeinsam seien sie auf die Kühlkleidungs-Idee gekommen. Der Wissenschaftler habe Investoren ins Boot geholt und seine Weste auf den Markt gebracht. Doch: Das Vlies sei dick gewesen, die Weste habe mitsamt Wasser drei Kilogramm gewogen, und niemand habe sie kaufen wollen. Die Investoren seien abgesprungen.

Die beiden Frauen übernahmen die Idee dennoch, erzählen sie. Sie verbesserten das Vlies, suchten den perfekten Mesh-Stoff, einen aus vielen kleinen Maschen gewebten Stoff. Nach zwei Jahren Entwicklung hatten sie das Gewicht der Weste so weit reduziert, dass sie mit ihrem Produkt zufrieden waren. Es sah zwar noch etwas klobig aus, aber funktionierte.

Die Schwestern klapperten Betriebe ab und stellten ihre Westen vor. Manchmal verkauften sie ein paar Dutzend, manchmal keine. „Wir kamen nicht so richtig aus unserer Nische heraus“, sagt Renner. Sie merkten: Um ein Produkt zu verkaufen, das neu auf dem Markt ist, braucht es einen langen Atem.

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Eine Frau mit blonden Haaren und freundlichem Gesicht lächelt in die Kamera. Sie trägt ein bunt gemustertes Oberteil und eine Perlenkette. Im Hintergrund befindet sich eine grüne Hecke und gelbe Blumen.
Ein Mann in einem dunklen Anzug steht lächelnd in einem Feld voller gelber Blumen. Er scheint die Natur zu genießen und wirkt entspannt.

Zwei Schwestern mit einer Mission: Gabriele Renner und Sabine Stein (von links)

Renner und Stein investierten in Marketing, professionalisierten den Vertrieb und boten ihre Produkte auf Marktplätzen im Internet an. 2018 zog das Wachstum plötzlich an, heute ist es ordentlich. Etwa 250.000 Produkte habe man bisher verkauft, sagt Renner, der jährliche Umsatz sei nun siebenstellig. Die Firma hat zehn Mitarbeiter.

Es gibt auch Konkurrenz. Zuletzt brachte ein Arbeitskleidungs-Gigant eine eigene Kühlweste auf den Markt. Sie kostet nur etwa ein Viertel des Preises der Weste von E-Cooline. Renner kaufte ein Exemplar und fand, dass es keinen Grund gebe, nervös zu werden. Die Weste sei klatschnass geworden – und im Onlineshop schon nicht mehr erhältlich.

Andere Unternehmen wie Culya konzentrieren sich auf Freizeitaktivitäten wie Sport oder Strandurlaube und verkaufen ab knapp 13 Euro kühlende Tücher, die als Schal, Kopfbedeckung, Poncho, Strandtuch oder Armband verwendet werden können. Die in Zypern ansässige Firma hatte testweise auch einen Kühl-Hoodie im Angebot, das Kundenfeedback dazu werde gerade noch ausgewertet.

Die japanische Firma Kuchofuku verkauft Jacken mit Ventilatoren im Rückenbereich. Möglicher Nachteil: Heiße Luft, die in die Jacke geblasen wird, wird nicht gekühlt, außerdem könnten Staub und Dreck durch die Lüftung angezogen werden.

Die Produkte von E-Cooline werden in Slowenien zusammengenäht. Das Vlies stellt BASF in Deutschland her, es besteht zu 90 Prozent aus recyceltem Polyester. Künftig will das Unternehmen selbst produzieren, Renner baut gerade eine Vlies-Produktion in Neu-Ulm auf**. Werde sie regelmäßig genutzt, halte eine Weste zwei bis fünf Jahre lang, sagt sie. „Dann ist das Material irgendwann ermüdet und speichert das Wasser nicht mehr.“

Die Hitzewellen der vergangenen Jahre haben ihrer Firma genutzt. Renner: „Der Klimawandel hat das Bewusstsein für die Gefahren von Hitze geschärft.“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schätzen, dass zwischen 2018 und 2020 knapp 19.000 Menschen in Deutschland am Hitzetod gestorben sind.

In bestimmten Situationen kommt die Weste allerdings an ihre Grenzen. Zum Beispiel, wenn die Luftfeuchtigkeit so hoch ist, dass die Luft kein Wasser mehr aufnehmen kann. Dann verdunsten die im Vlies gespeicherten Wassermoleküle nicht. Das haben die Fußballer der Schweizer Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft im Jahr 2014 in Brasiliens Hauptstadt erlebt, erzählt Renner. Die Luftfeuchtigkeit in Brasilia betrug damals bis zu 94 Prozent.

Auch Schwitzen funktioniert unter solchen Bedingungen kaum noch. Der Körper schüttet zwar Schweiß aus, doch der kühlt nicht, weil er nicht verdunstet. Als sogenannte Kühlgrenztemperatur wird die niedrigste Temperatur bezeichnet, die ein Körper durch Verdunstungskühlung erreichen kann. Sie ist von der Luftfeuchtigkeit abhängig. Lebensbedrohlich wird es ab etwa 31 Grad Kühlgrenztemperatur. Bei 30 Grad Celsius und 50 Prozent relativer Luftfeuchte – für Deutschland realistische Werte – liegt die Kühlgrenztemperatur bei rund 22 Grad.

Hitzewellen mit hoher Luftfeuchtigkeit nehmen zu (zum Beispiel, weil Meere aufheizen und die darüber liegende warme Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann), ganze Regionen könnten Forschern zufolge daher unbewohnbar werden, wenn die Kühlgrenztemperatur überschritten wird.

Die Schweizer reagierten damals auf die feuchte Hitze, so Renner, indem sie die Kühlwesten in Eisboxen legten. Innerhalb von 20 Minuten kühlten diese so stark herunter, dass die Fußballer sich vor Beginn der ersten Halbzeit gekühlt einspielen konnten. Danach kamen die Westen bis zur Halbzeitpause wieder in die Box.

Nun glaubten die Fußballer, die an Eisspray und Eistonnen gewöhnt waren, plötzlich an die Kühlwirkung der Westen, obwohl diese ja normalerweise durch Verdunstung funktionieren – und nicht durch Eiskühlung.

Gabriele Renner zuckt mit den Schultern. Es sei eben manchmal schwierig, gegen feste Überzeugungen anzukommen. ---


Ein Mann mit Helm fährt mit dem Fahrrad auf einer Straße in der Stadt, im Hintergrund ist ein hohes Gebäude zu sehen.

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*Der außerplanmäßige Professor leitete das Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung bis März 2024 in Freiburg.

**Update: Heute laufen rund sechs Meter Vlies in Neu-Ulm pro Minute vom Band. Mehr als 150.000 Kühlwesten wurden bisher daraus genäht.