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Körper-Sinne

Über das Vermessen körperlicher und geistiger Beweglichkeit.



Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 08/2021.

Bewegen wir uns genug?

Wir werden eher bewegt. Seit knapp 70 Jahren sind wir mehr und mehr mit dem Auto unterwegs. Berufspendler legen heute im Durchschnitt 17 Kilometer damit zurück, und auch auf den meisten Strecken in den Städten unter zehn Kilometern ist der Pkw die erste Wahl. Während wir früher bei der Jagd nach Nahrung oft mehr Kalorien verbraucht als erlegt haben, lassen wir uns heute zur Jagd im Supermarkt tragen, mit dem SUV. Alternativ wird uns das von anderen Gejagte direkt an den Kühlschrank geliefert. Und auch die Bewegung in der Freizeit nimmt in Pandemie-Zeiten ab. Kurzum: Die Welt ist eine Matt-Scheibe geworden – und der Körper wird rund.

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Wie sieht die Diagnose des Corona-Körpers 2021 genau aus?

Das Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin an der Technischen Universität München hat in einer Umfrage im April zutage gebracht, was knapp 40 Prozent der Befragten bereits fühlten: Frauen haben im Lockdown um die 5,1 Kilo zugenommen, Männer im Schnitt 5,9 Kilo. Besonders betroffen: die Altersgruppe der 30- bis 44-Jährigen, wo der Hemdknopf bei der Videokonferenz genau unterhalb der Tischplatte spannt. Hauptgrund: Insgesamt hatte sich gut die Hälfte weniger bewegt und ein Drittel im Heimbüro auch falsch gegessen und zu viel Zuckerhaltiges getrunken (siehe auch „Körper in Zahlen“).

Eine Studie unter anderem von der University of California San Diego mit knapp 50.000 Patientinnen und Patienten ergab, dass das nicht die beste Reaktion auf den Covid-Stress war: Regelmäßige Bewegung verhindert schwere Verläufe bei Covid-19. Adipositas gilt als Verstärker, da Übergewicht das Immunsystem schwächt und somit das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs steigt.

Was braucht der Körper?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt: Mindestens 150 Minuten moderate Bewegung – wir reden nicht von Sport – pro Woche, also 30 Minuten pro Arbeitstag. Weniger als die Hälfte der Kinder hierzulande im Alter bis zu sechs Jahren schafft das – genau wie die Menschen zwischen 18 und 64 Jahren. Die 7- bis 17-Jährigen haben einen noch ausgeprägteren Sofa-Magnetismus entwickelt, der mit der digitalen Verführung und dem SUV-Bringdienst einhergeht: nur 12 bis 27 Prozent der Teenies schaffen diese 30 Minuten am Tag. Der Gleichgewichtssinn – früher durch Radfahren und Schwimmen geschult – ist so schwach wie noch nie.

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Nochmals: Die WHO redet nicht von Sport, sondern von Gartenarbeit, Tanzen und davon, zur Schule beziehungsweise Arbeit zu radeln. Bewegungsmangel ist der stärkste, von uns selbst beeinflussbare Risikofaktor für Krankheiten und vorzeitigen Tod, kurz: Bewegung ist das einzig belegte Anti-Aging-Mittel.

Vor der Pandemie haben Sportvereine junge und alte Menschen bewegt – wird das wiederkommen?

Erst einmal ist das Vereinsleben zum Erliegen gekommen – und zeigte genau da seine Systemrelevanz. Training zu Hause mit Online-Anleitung, Joggen oder sportives Radeln in- und outdoor haben zwar zugenommen, aber eben nur in bestimmten Kreisen. Wir haben bei der Infrastruktur für Breiten- und Schulsport schlicht unterinvestiert. Nicht mal mehr 40 Prozent der Grundschülerinnen und Grundschüler sind noch sichere Schwimmer und tragen eines der wichtigsten Statussymbole früherer Generationen: das Freischwimmer-Abzeichen an der Badebekleidung.

Gibt es nicht auch gleichzeitig einen ausgeprägten Körper-Kult?

Ja, wir leben in einer Zeit des Bodybuilding 2.0. Wie auch auf anderen Baustellen gilt: Es gibt immer etwas zu tun. Der Körper wird besonders in Krisen zum einzigen noch kontrollierbaren Objekt. Krafttraining ist zudem für die tägliche Instagram-Story zentral, das wird sich auch nach der Pandemie nicht ändern.

Vor Corona waren 11,7 Millionen Menschen in Deutschland in knapp 10.000 Fitness-Clubs aktiv. Im Jahr 2020 ist die Zahl der Studios wie der Fitnesscenter-Mitglieder zurückgegangen. Gleichzeitig haben Schönheitsoperationen – interessanterweise wegen Videokonferenzen – vor allem bei Männern zugenommen. Selbst Narzissten hatten sich vorher niemals so oft und intensiv selbst beobachtet. Vor Corona war der weltweite OP-Gewinner noch der „Brazilian Butt Lift“, die Vergrößerung und Anhebung des Gesäßes mit einem Plus von 80 Prozent innerhalb von sechs Jahren. Jetzt boomen die OPs im Gesicht, vom Lifting bis zur Lidstraffung. Und Sportswear für Nichtsportler ist der Boom-Markt des 21. Jahrhunderts.

Wohin wird das führen?

Der Körper wird Konsum- und Investitionsobjekt: Body Enhancement! Gesundheit ist im Silicon Valley längst aufregender als selbstfahrende Autos. Ob Vorsorge auf Basis von sogenannter künstlicher Intelligenz, Medizin- oder Neurotechnologie oder Prothetik: Das sind heute Eingriffe, die zum Teil nicht mehr Krankheiten therapieren, sondern gegebene Körperfunktionen übertreffen sollen (siehe auch „Zwei Elefanten pro Schicht“). Der Körper wird immer mehr zum Schauplatz mechanischer, chirurgischer oder genetischer Optimierung. Längst geht es auch um Gehirn-Maschine-Schnittstellen, um den Geist zu erweitern.

Selbstoptimierung bleibt Mega-Trend?

Definitiv. Quantified Self, 2007 von dem Magazin »Wired« als Bewegung gestartet, ist schnell in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Digitalisierung, Sensorik und Apps haben die Selbstoptimierung einfach gemacht, befeuert wird sie durch unser aller Neugier auf uns selbst. Doch die verheißungsvolle Vermessung des Selbst kann unmerklich zu einem Kontrollregime werden. Durch uns selbst und durch Dritte.

Denken Sie an die Krankenkassen?

Nicht nur. Daten unserer Körperfunktionen sind das Persönlichste, was wir haben, und sie ermöglichen aufgrund von statistischen Methoden über Big- und Smart- Data-Analysen auch Prognosen. Das chinesische Social-Scoring-System liefert schon erste Befunde, was das bedeuten kann: Ungesundes Verhalten führt zu staatlichen Sanktionen. Und Solidargemeinschaften von Versicherten neigen auch in demokratischen Gesellschaften angesichts solcher Daten zur Entsolidarisierung: Sollen Raucher, Alkohol- und Drogenkonsumentinnen, Fleischesser, Bewegungsvermeiderinnen die gleichen Freiheiten haben wie Marathonläufer?

Auf der anderen Seite gibt es mit der Orthorexie ein Leiden, das durch die zwanghafte Konzentration auf gesunde oder für gesund gehaltene Nahrungsmittel entsteht. Die britische Philosophin Heather Widdows beschreibt in ihrem Buch „Perfect Me“ den Wechsel des Schönheitsideals: von der Ästhetik zur Ethik. Das Aussehen definiert die Persönlichkeit. Sich gehen zu lassen, sich der Selbstoptimierung zur vermeintlich besten Version seiner selbst zu verweigern, wird zum Laster. Die Herausforderung besteht darin, mit der Vermessbarkeit unseres Körpers sozial umzugehen.

Wir bewegen uns zu wenig, Depressionen nehmen zu. Gibt es einen Zusammenhang?

Geistige Beweglichkeit, also das Abstandnehmen von sich, den eigenen Durchhalteparolen und Verzweiflungen, funktioniert über die Annäherung an den Körper. Bewegung ist in der Vorsorge und auch in der Therapie ein stabilisierender Faktor. Ausdauersport ersetzt keine Psychotherapie und keine Medikamente, aber er kann hilfreich sein. Das Problem: Depressive gehen nicht gern raus, vor allem nicht in Fitness-Clubs.

Der Däne Sören Kierkegaard hat das 1849 in seinem religionsphilosophischen Text „Die Krankheit zum Tode“ so beschrieben: Die Krankheit zum Tode ist die Verzweiflung des Menschen; die Verzweiflung, nicht man selbst sein zu wollen, oder die Verzweiflung, man selbst sein zu wollen. Ständig.

Meditation, Yoga, Spazierengehen, Gartenarbeit, Schwimmen und Radfahren helfen. Tanzen schadet nie. Auch in Küchen. Jeder braucht seinen individuellen Körper-Sinn, der einem bewegende Freude bereitet. ---

Stephan A. Jansen, ist Stiftungsprofessor für Urban Innovation – Mobility, Health, Digitization an der Universität der Künste Berlin sowie Koordinator des Digital Urban Center for Aging & Health in Berlin.


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Das Bild ist ein Screenshot der Benutzeroberfläche einer Website für Fahrradverleih, auf der verschiedene Fahrradtypen und Preise zu sehen sind. Die Benutzeroberfläche enthält ein schwarzes Feld mit der Aufschrift „E-Bike“ und ein weiteres schwarzes Feld mit der Aufschrift „E-MTB“. Außerdem sind Symbole zu sehen, die verschiedene Fahrradtypen darstellen, wie beispielsweise ein Mountainbike, ein Fairyr und ein monatliches Bruteinckmen. Die Oberfläche enthält einen Schieberegler für den Mietpreis sowie ein rotes Banner, auf dem der Mietpreis und ein prozentualer Rabatt angezeigt werden. Die Texte „Monatliche Kosten“ und „Gesamtersparnis“ sind zu sehen, was darauf hinweist, dass der Schwerpunkt der Website auf dem Fahrradverleih und den jeweiligen Preisen liegt.

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